Titel: Ueber Harzöl und die Verwendung desselben.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 14 (S. 246–247)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi03_14

Ueber Harzöl und die Verwendung desselben.

Das Harzöl ist ein Product der trockenen Destillation von Harz, und zwar vorzugsweise des amerikanischen Harzes. Der bei dieser Destillation benutzte Apparat besteht im Wesentlichen aus einem eisernen Kessel, einem Helm, einer Kühlvorrichtung und einer Vorlage.

Das Harz wird in den Kessel gebracht, das Füll- oder Mannloch verschraubt und verkittet, und sodann langsam angefeuert. Es beginnt nun ein leichtes Harzöl (rohes |247| Pinolin) mit Wasser überzugehen, welches für sich in Glasflaschen gesammelt wird. Sobald eine Stockung in der Destillation eintritt, wird die Vorlage gewechselt, und das Feuer verstärkt, wornach rohes schweres Harzöl überdestillirt, welches in Fässern gesammelt wird; der zuletzt im Kessel verbleibende schwarze Rückstand ist Schmiedepech.

Das Pinolin wird rectificirt, das mit demselben übergegangene essigsaure Wasser mit Kalkhydrat gesättigt, filtrirt und zur Trockne eingedampft, und der so bereitete essigsaure Kalk von Essigsäurefabriken verwendet.

Das Harzöl nimmt beim Lagern in den Fässern eine dunkel veilchenblaue Färbung an, und heißt nun „blaues Harzöl“. Dieses rohe Harzöl wird einen Tag lang mit Wasser gekocht, wobei das verdampfte Wasser stets ersetzt werden muß; am nächsten Tage wird das Wasser abgezogen, das zurückbleibende Harzöl mit Aetznatronlauge von 36° Baumé verseift, und diese beinahe feste Masse sodann im Apparate so lange abdestillirt, als noch Harzöl übergeht; das erhaltene Product ist einfach rectificirtes Harzöl oder „Côdöl secunda,“ welches in eisernen Gefäßen über einer dünnen Lage Gyps aufbewahrt wird, wodurch man nach wenigen Wochen wasserfreies klares Côdöl erhält. Durch eine Wiederholung der ganzen Operation wird zwei Mal rectificirtes Harzöl oder „Côdöl prima erhalten. Die Rückstände von beiden Operationen werden unter das Schmiedepech geschmolzen.

Die verschiedenen Harzölsorten finden eine ausgedehnte Anwendung:

1) Zur Verfälschung des Fischthranes: hierzu werden große Quantitäten verwendet. Die Consistenz des Fälschungsmittels ist der des Thranes ziemlich gleich, und der meist sehr starke Thrangeruch verdeckt den Geruch des Harzöles. Bei größerer Beimischung des letzteren wird jedoch der Harzgeruch wahrnehmbar, und die Fälschung durch das stärkere Opalisiren kenntlich.

2) Zur Fabrication der verschiedenen Wagenfettsorten, welche als blaues englisches Patent-Wagenfett, englisches Patent-Palmölwagenfett, endlich als gelbes, braunes, grünes und schwarzes Wagenfett in den Handel kommen und sämmtlich aus einer Mischung von Kalkhydrat mit rohem schweren Harzöle bestehen. Das blaue Wagenfett zeigt die dem blauen Harzöle eigenthümliche Farbe; das gelbe (grüne?) Wagenfett wird aus dem blauen erzeugt, indem man dieses mit einer Auflösung von Curcumafarbstoff in Aetznatronlauge von 25° Baumé färbt; 2 Proc. mit rohem Harzöl verriebener Kienruß zum blauen Wagenfett gethan, gibt schwarzes etc.

3) Zur Erzeugung der verschiedenen Sorten von Brauerpech. Da das gewöhnliche Harz allein viel zu spröde ist und von den Fässern abspringen würde, so werden demselben je nach seiner Beschaffenheit 10 bis 15 Proc. rectificirtes Harzöl prima zugesetzt, welches vorher mit einer entsprechenden Menge feinsten Goldockers zu sehr feiner Farbe gerieben wurde. Je nach Qualität und Farbe wird entweder rothtransparentes oder rothbraunes amerikanisches Harz verwendet, zu einigen Sorten auch Côdöl secunda anstatt prima genommen, und Englischroth, feiner Oelruß, etwas Bienenwachs und mitunter auch Rüböl beigemischt.

Es soll durch Vorstehendes aber nicht gesagt werden, daß man nicht Wagenfett oder Brauerpech auch ohne Harzöl erzeugen könne.

4) Zur Darstellung von Schuhmacherpech, welches aus einer Mischung von amerikanischem Harze, ca. 15 Proc. rectificirtem Harzöle (Côdöl secunda) und 5 bis 6 Proc. Regenwasser besteht.

5) Zur Verfertigung des Bürstenpeches.

6) Zur Erzeugung des Fackelpeches.

7) Zur Fabrication des Flaschenlackes, welcher aus rothtransparentem oder rothbraunem transparenten Harze, ca. 10 Proc. Talg, 3 bis 5 Proc. rectificirtem Harzöle und einer Farbe, z.B. Chromgelb, Bremerblau, Ultramarin, Zinnober, Kienruß, Chromgrün, Kreide, Umbra und für Goldlack Goldstreusand, dargestellt wird.

8) Zur Bereitung von Maschinenöl. Diese Verwendung ist jedoch sehr unwesentlich und auch durch die Benutzung neuerer, besserer Producte bereits verdrängt. (Ackermann's Gewerbezeitung.)

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