Titel: Ueber Glasspinnerei; von Prof. Herrmann.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 4 (S. 241–243)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi03_4
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Ueber Glasspinnerei; von Prof. Herrmann.

Das österreichische Handelsministerium richtet gegenwärtig einen Lehrcursus für Glasspinnerei in den böhmischen Glasbezirken ein. Dieß gibt dem „Ungarischen Actionär“ Veranlassung zu einer Mittheilung über Glasspinnerei, deren Daten vom Prof. Herrmann, Sectionsrath im österreichischen Handelsministerium, herrühren. Wir entnehmen daraus Folgendes:

Die neuesten Fortschritte in der Glasspinnerei sind dem Wiener Fabrikanten Brunfaut, der schon in den 50er Jahren seine Kunstfertigkeit im Spinnen auch in Pest producirte, zu verdanken.43) Er gelangte nach vielen Versuchen zu einer Composition, welche jederzeit gelocktes oder gekraustes Glasgespinnst erzeugt. Die gekrausten Glasfäden übertreffen an Dünne nicht nur die feinste Baumwolle, sondern sogar die einfachen Coconfäden. Dabei erscheinen sie nahezu so weich und elastisch, wie Seidencharpie. Die durcheinander gewirkten Wollflocken werden in neuester Zeit als Gichtwolle mit vorzüglichem Erfolge benutzt. Auch fanden Chemiker und Apotheker dieselben besonders zu Filtern sehr geeignet. Die glatten Glasfäden dienen gegenwärtig vorzüglich zu Geflechten, welche dann weiter zu Polstern, Lampentellern, Teppichen, Decken, Shawls, Halstüchern, Cravatten, Manschetten, Kragen, Kleidergarnituren etc. verarbeitet werden. Die glatten Glasfäden, deren Farben sehr gut decken, lassen sich auch zum Einweben von Figuren in Brokate und andere schwere Seiden- oder Sammetstoffe verwenden. Das Glasgespinnst wird als Material für Putzwaaren und für Kleidungsstoffe, Tapeten, Mödelüberzüge, Posamentirwaaren und Stick-, sowie Strickarbeiten, für Spitzen, Vorhänge, Teppiche etc. einen hervorragenden Platz einnehmen. Sein Glanz, seine Weiße, die prachtvollen, zarten Metallfarben machen es zum herrlichsten Stoffe für Kopf-, Hals-, Hand- und Kleideraufputz. In der Weichheit erreicht das Glasgespinnst nahezu die Seide, im Anfühlen die feinste Wolle oder Baumwolle. Mechanischem Drucke, Stoße, Zuge und Reibungen gegenüber ist es außerordentlich dauerhaft, und es wird auch weder durch Licht und Wärme, noch durch Feuchtigkeit, noch endlich durch Säure angegriffen. Fettflecken und ähnliche Verunreinigungen der Oberfläche lassen sich durch Waschen in gewöhnlichem Wasser (?) leicht entfernen. Das Glasgespinnst ist ferner unentzündlich und unverbrennlich, wodurch es bei der Verwendung als Stoff zu Oberkleidern für Frauen besonderen Werth erhält. Glasstoffe halten ungemein warm, wärmer als Baumwolle oder Schafwolle. Dabei sind sie von höchst geringem Gewichte. Als Stoff zu Schleiern ist das Glasgespinnst sehr geeignet, indem es die feinen Staubtheilchen, welche stets in der Luft herum schweben, von den Athmungsorganen abhält. Aber jetzt ist erst der Anfang gemacht. Noch hängt die Erzeugung des Gespinnstes von der Zusammensetzung des Glases ab, welche das Geheimniß eines einzigen Mannes der Welt ist. Noch ist bei dem Spinnen die Geschicklichkeit des Spinners die Hauptsache, so daß das Gespinnst noch in die Classe der Raritäten gehört. Doch muß sich die gehörige Organisation finden lassen, durch welche die Glasspinnerei zu einem volkswirthschaftlich bedeutenden Industriezweige heranwächst. Was die Technik betrifft, so ist zu erwähnen, daß ein Rad bei einem Umfange von 5 Ellen in der Minute 3000 Ellen spinnt. Die Arbeit des Spinnens ist sehr anstrengend, erfordert ununterbrochene Aufmerksamkeit und ermüdet besonders die Augen. Das Loth Glasgespinnst wird zum Preise von 2 fl. ö. W. berechnet. Die Glasgespinnst-Erzeugnisse haben folgende Preise:

Beduinquasten 1 fl. – kr. bis 1 fl. 50 kr.
Adlerfedern – fl. 80 kr. 3 fl. – kr.
Straußenfedern 1 fl. – kr. 6 fl. – kr.
Bouquets 1 fl. 70 kr.
Manschetten 2 fl. 50 kr.
Damencravatten 1 fl. 50 kr.
Kragen 1 fl. – kr. bis 5 fl. – kr.
Herren-Ballcravatten 2 fl. – kr. 3 fl. – kr.
Uhrketten – fl. 50 kr. 2 fl. – kr.
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Coiffures 3 fl. – kr. bis 10 fl. – kr.
Kleidergarnituren – fl. 80 kr. pro Elle
Damenjäckchen – fl. 25 bis 40 kr.
Damenhüte, ganz aus Glas 10 fl. – kr. bis 30 fl – kr.

(Deutsche Industriezeitung, 1873, Nr. 31.)

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Man s. die bezüglichen Mittheilungen im polytechn. Journal, 1868, Bd. CXC S. 432 und 493.

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