Titel: Ueber die Einwirkung des Leuchtgases auf die Baumvegetation.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 15 (S. 335–336)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi04_15

Ueber die Einwirkung des Leuchtgases auf die Baumvegetation.

In diesem Betreff sind in Berlin neuerdings auf Anordnung der Communalbehörden Versuche angestellt worden. Im botanischen Garten wurden drei lebenskräftige Bäume von 3 1/2 bis 5 1/2 Zoll Stammdurchmesser, ein Ahorn und zwei Linden ausgewählt und jedem dieser Bäume ließ man durch eine 2 1/2 Fuß unter dem Boden liegende dünne Röhre, die 3 bis 4 Fuß vor dem betreffenden Baume gabelförmig endete, dem Ahorn und der einen Linde 100 Kubikfuß, der anderen Linde 50 Kubikfuß Gas täglich zuströmen. Die Versuche begannen am 7. Juli 1870, und nachdem schon Ende August einige benachbarte Sträucher zu welken angefangen hatten, verloren Ahorn und Linde schon von Anfang September an ihre Blätter und waren Ende September ganz entlaubt (die zweite Linde etwas später), zu einer Zeit als ringsherum die übrigen Bäume noch nicht begonnen hatten sich herbstlich zu färben. Bei einer Untersuchung der Wurzeln ergab sich, daß alle feinen Saugwurzeln todt waren und die älteren Wurzelstücke zeigten eine von der Mitte ausgehende Erkrankung, ein Beweis daß das Gas auf die fortwachsende Wurzelspitze, nicht auf die Rinde der älteren Wurzelstücke zunächst eingewirkt hatte. – Am 7. Januar, also nach einem halben Jahr ununterbrochener Gaseinwirkung, ließ man diese bei dem Ahorn und der ersten Linde aufhören, bei der zweiten noch ein zweites halbes Jahr fortgehen. Trotzdem verrieth der Ahorn und einzelne benachbarte Sträucher im Frühjahr kein Lebenszeichen mehr, die Linden waren krank und starben im Sommer ebenfalls ab, und selbst ein 12 bis 14 Fuß von der Ausströmungsstelle entfernter vollkommen gesunder canadischer Chicotbaum und eine neunzöllige Rüster starben ab, obgleich bei ihnen nur eine Vergiftung nur eines Theiles ihrer Wurzelspitzen stattgefunden haben konnte, die aber genügt hatte, sie zu tödten. – Weitere Versuche wurden auf einem Grundstücke in der Köpnickerstraße angestellt, wo auf zwei getrennten Feldern je zwölf verschiedene Baumsorten gepflanzt wurden; das eine Feld sollte zu den Versuchen, das andere als Bergleichsfeld dienen. Die Bäume stehen in vier je 4 Fuß von einander entfernten Längsreihen, unter, deren jeder eine 3/4 zöllige Gasröhre mit |336| circa einen Zoll von einander entfernten Löchern herläuft, und zwei von den 24 Fuß langen Reihen erhielten täglich je 25 Kubikfuß, die beiden anderen je 12 1/2 Kubikfuß Gas, also bedeutend geringere und viel gleichmäßiger vertheilte Gasmengen als im botanischen Garten; auch wurde in allen vier Reihen an einer Strecke der Boden mit Lehm und Kies gestampft, um ein Entweichen des Gases zu erschweren. Diese Versuche haben erst Anfang September vorigen Jahres, nachdem die Bäume 1 1/2 Jahr gestanden haben, begonnen und sind noch nicht abgeschlossen. Auf den mit Lehm und Kies bedeckten Stellen zeigten die Bäume schon nach einer Woche die Spuren der Erkrankung, und nach zwei Wochen waren in den Reihen wo die stärkere Gasmenge einwirkte, die meisten Bäume schon entblättert; in den anderen Reihen und noch mehr da, wo der Boden nicht gestampft war, traten dieselben Erscheinungen später ein, so daß nach Verlauf eines Monates das Versuchsfeld in seiner ganzen Ausdehnung ein höchst trauriges Bild der Verwüstung darbot, während noch sämmtliche Bäume auf dem Vergleichsfelde in üppigem grünem Blätterschmuck standen. – Es ergab sich somit aus diesen Versuchen, daß selbst die geringe Menge Leuchtgas von 25 Kubikfuß täglich auf eine Quadratruthe (144 Quadratfuß) und bei 4 Fuß Tiefe auf 576 Kubikfuß Boden vertheilt, die mit dem Gase in Berührung kommenden Wurzelspitzen der Bäume jeder Art in kurzer Zeit tödtet, und daß dieses um so früher geschieht, je fester die Bodenoberfläche ist. Weitere Versuche, namentlich auch mit noch kleineren Gasmengen, werden zeigen, welches dasjenige niedrige Quantum Leuchtgas sey, welchem die Wurzeln der Bäume längere Zeit ausgesetzt seyn können, ohne wesentlich zu leiden, und ebenso ob und unter welchen Umständen ein Baum im Stande seyn dürfte, sich wieder von einer solchen Vergiftung gänzlich zu erholen. (Communalblatt von Berlin, 25. Februar 1872, S. 87.)

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