Titel: Ueber Mehlexplosionen in Mühlen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 1 (S. 417–419)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi05_1

Ueber Mehlexplosionen in Mühlen.

Der Verein zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen hat (dessen Verhandlungen von 1871, S. 264) die silberne Denkmünze und 250 Thlr. für den Nachweis der Ursachen der in Mühlen vorkommenden Selbstentzündungen und der dadurch herbeigeführten Brände ausgesetzt, welcher Preis durch den Verband deutscher Müller und Mühleninteressenten um 100 Thlr. erhöht ist.

Die in Rede stehenden Explosionen werden wesentlich auf zweierlei Weise zu erklären versucht. Einige sehen darin das rasche Abbrennen des fein vertheilten Mehles, Andere die Entzündung eines Gemisches von Luft mit Gasen, welche bei der Zersetzung des Mehles gebildet sind.

Bei der Fäulniß von Pflanzenstoffen unter Abschluß der Luft entweichen etwa gleiche Raumtheile Kohlensäure und Sumpfgas. Mit Luft gemischt und durch einen Funken entzündet, explodirt das Sumpfgas bekanntlich mit großer Heftigkeit. Schlägt sich nun in Ventilationsröhren u. dergl., in welchen sich noch Mehl vorfindet, Schweiß nieder, so wird dadurch Kleister gebildet, der bald in Fäulniß übergehen, Sumpfgas bilden und so die Veranlassung von Explosionen und Mühlenbränden werden soll.

Weniger wahrscheinlich ist die Angabe von Hoppe (Wiebe: Mahlmühlen, S. 256), daß durch die Feuchtigkeit der Kleber der Kleie in weinige Gährung übergeht und die gebildeten Alkoholdämpfe mit der Luft ein explosives Gemisch geben.

Wiebe (Mahlmühlen, S. 255) theilt mit, daß die sogenannte Walzmühle zu Stettin mehrfach von Explosionen heimgesucht sey, und zwar stets beim Ausmahlen der Kleie. Als die Mühle zum erstenmal abbrannte, war vorher eine heftige Explosion gehört. Die Mühle wurde wieder aufgebaut, aber nach' wenigen Jahren trat abermals eine Explosion ein, und zwar in dem Canale hinter dem Exhaustor, welcher den Mehlstaub in's Freie führte. Dieser Canal wurde nun zum Dache hinausgeführt; nach kurzer Zeit trat wieder eine Entzündung ein, und die Mühle brannte nieder. – Eiksen hat gefunden, daß Mehl und Kleie innig gemengt bei 450° C. ein Gas erzeugen, welches mit 9 Volum. Luft gemischt, sich durch einen Funken entzünden läßt und explodirt. Wiebe ist nun der Ansicht, daß die Zapfen des Exhaustors, wenn sie trocken laufen, eine solche Temperatur erlangen könnten, um aus dem Mahlgute dieses Gas zu erzeugen. Die Steine, welche gerade beim Kleiemahlen recht dicht gestellt sind, geben Funken, die durch den Luftstrom hinter den Exhaustor gelangen und das Gas entzünden.

Nach Prejava (Stenogr. Berichte der 3. Versammlung deutscher Müller, Leipzig, S. 74) bildet sich „Ende Mai oder im Juni in den Leitungsrohren Kleister, der |418| sofort in Gährung übergeht und an den Wandungen ein pilzartiges Gewächs (?) erzeugt. Trocknet nun dieser Kleister ein, und die Gänge gehen leer, so entwickeln die Gänge Wärme und die Leitungsröhren schwellen auf. Das Rohr in der Nähe des Steines fängt an zu schwellen, die Luft die hineingeblasen wird, führt den Rauch fort, dieser sammelt sich in todten Ecken und wenn eine gewisse Quantität beisammen ist, so entzündet sich dieser.“ Wodurch sich die Gase entzünden sollen, ist nicht angegeben.

Durch Verbrennung von Holz, Mehl u.s.w. entstehen Kohlensäure und Wasserdampf, welche bei der hohen Temperatur einen viel größeren Raum einnehmen als die Bestandtheile vor der Verbrennung. Kommt nun Holzstaub mit Luft gemischt einer Flamme zu nahe, so daß einige Staubtheilchen verbrennen, so genügt die dabei freiwerdende Wärme, um auch die nächsten Holztheilchen zu entzünden, die Verbrennung pflanzt sich fast augenblicklich durch die ganze Masse fort, ergreift selbst Breter, Balken, und die Verbrennungsgase bewirken durch ihre rasche Ausdehnung eine Explosion. So gab eine dichte Wolke von Holzmehl, welche ein Zimmer in dem Rathhause der Stadt Friedet (Mühle. Bd. VII S. 15) erfüllte und sich an einer Kerze entzündete, zu einer Explosion Veranlassung, bei welcher fünf Personen schwer verletzt wurden.

Daß sich auch Mehl mit Luft gemischt an einer offenen Flamme entzündet und verpufft, ist in neuerer Zeit vielfach beobachtet worden. So entstand in der Ofen-Pesther Dampfmühle (Stenogr. Berichte der 3. Versammlung deutscher Müller, S. 53) dadurch eine Explosion, welche Fenster und Dach beschädigte, daß während dem Mischen von sehr feinen Mehlsorten von einem Arbeiter die Mischkammer geöffnet wurde und der herumwirbelnde dichte Mehlstaub sich an einer Flamme entzündete. Andere Beispiele von Brennbarkeit des Mehles werden von Fink und Krämer (a. a. O. S. 54 und 55) mitgetheilt.

Die sogenannten Mehlexplosionen sind demnach in folgender Weise zu erklären. Geht ein Gang leer vergl. a. a. O. S. 54) oder sind die Steine dicht gestellt, so gibt es bekanntlich Funken. Diese entzünden eine geringe Menge des Mahlgutes, welches von Mehl und Kleientheilchen eingeschlossen langsam fortglimmt und so durch den Elevator befördert werden kann, ohne diesen zu beschädigen. In den Beutelkasten oder Exhaustorcanal gelangt, wird durch die Bewegung der Luftzutritt und damit die Verbrennung ungemein begünstigt, die Entzündung pflanzt sich fast augenblicklich durch den ganzen Raum fort, und die Explosion erfolgt.

Auch die in der Zeitschrift „Mühle“ (Bd. VIII. S. 9) beschriebene Explosion ist auf dieselbe Ursache zurückzuführen. Trotzdem der Elevatorkasten vollständig in Ordnung befunden wurde, wird das Feuer dennoch in der angegebenen Weise in den Beutelkasten gelangt seyn. Die Annahme, daß durch die fortgesetzten Schwingungen und Berührung des Mehles mit der atmosphärischen Luft bei 30° C. eine Verbindung des Wasserstoffes des Kohlehydrates (Mehl) mit dem Sauerstoff der Luft stattfinden, und die dabei entstandene Temperatur hinreichen soll, die Explosion zu bewirken, ist völlig undenkbar.

Ebensowenig Glauben wird die Mittheilung verdienen (Glaser, Löschung von Feuersbrünsten, Dessau 1783), daß geröstete Kleie, einer Kuh zur Zertheilung eines Knotens an den Hals gebunden, sich von selbst entzündet und den Stall in Brand gesetzt hat.

Selbst beim Lagern großer Mehlvorräthe ist zwar Erwärmung aber noch nie eine Selbstentzündung zuverlässig beobachtet Nachschrift. Seit Juli d. J. sind wieder zwei Mehlexplosionen beobachtet worden. Claus in Lettin theilt in der Zeitschrift „Mühle“ (1872, S. 124) mit, daß dadurch eine heftige Explosion entstanden ist, daß der durch einen Fall aufgewirbelte Mehlstaub sich an einer Solaröllampe ohne Cylinder entzündet hat. Der Gebrauch offener tragbarer Lichter in Mühlen ist demnach möglichst zu beschränken, bei Reinigungsmaschinen u. dergl. (Mühle, Bd. VIII S. 25) aber durchaus nicht zu gestatten.

Am 9. Juli ist eine große Mahlmühle bei Glasgow durch eine Mehlexplosion zerstört worden. Nach dem Berichte der Sachverständigen (polytechn. Journal Bd. CCV S. 485, erstes Septemberheft 1872) war die erste Veranlassung das zufällige Aufhören der Speisung eines Mahlganges, die Steine gaben Funken, der Mehlstaub in dem Exhaustor wurde entzündet, der Exhaustorkasten zertrümmert, die Flamme |419| verbreitete sich durch die ganze Mühle und es erfolgte die zweite Explosion, welche die Mühle in Trümmer legte. F. F. (Hannoversches Wochenblatt für Handel und Gewerbe, 1872, Nr. 48.)

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