Titel: Chlorkalk als Desinfectionsmittel für Aborte, Senkgruben etc.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 12 (S. 423–424)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi05_12

Chlorkalk als Desinfectionsmittel für Aborte, Senkgruben etc.

Albert Eckstein, technischer Chemiker in Wien, empfiehlt als das zweckmäßigste Mittel zur Desinfection von Aborten, Senkgruben etc. den Chlorkalk. Derselbe zersetzt schnell alle Wasserstoffverbindungen, wie Ammoniak, Schwefelwasserstoff, Schwefelwasserstoff-Ammoniak, Phosphorwasserstoff etc., und diese sind es gerade, welche Miasmen erzeugen. Er wirkt einmal rasch durch schnelle Abgabe von Sauerstoff und ein zweitesmal durch Ausscheiden von Chlor, welches ja bekanntlich zu den energischsten Zerstörungsmitteln der organischen Stoffe gehört. Gleichzeitig ist der Chlorkalk ein Präparat, welches zu jeder Zeit, in jeder beliebigen Quantität und zu verhältnißmäßig billigen Preisen aus dem Handel zu beziehen ist. Wenn nun derselbe trotz aller dieser Vorzüge dennoch in der großen Praxis zur Desinfection nicht Anwendung findet, so liegt die Ursache nur in einem demselben anhaftenden Uebelstande, daß er nämlich durch seine rasche und energische Zersetzung in den Aborten gleichzeitig die Respirationsorgane der Hausbewohner belästigt. Dieser Uebelstand läßt sich vermeiden durch Anwendung einer Umhüllung, welche von dem Chlorkalk nur sehr langsam zerstört wird, und welche vermöge ihrer Beschaffenheit durch osmotische Wirkung (durch Exosmose und Endosmose) die Inhalation des Chlors mildert und die Hausbewohner in keiner Weise belästigt. Diese Umhüllung besteht aus einem Sacke von vegetabilischem Pergamente (aus mit Schwefelsäure behandeltem ungeleimtem Papiere), in welchen der Chlorkalk eingebunden wird. Ein solcher gefüllter Sack bleibt, in den Abort |424| geworfen, an einer und derselben Stelle liegen, wird von den Waschwässern der Haushaltungen nicht weggeschwemmt und wirkt local, da er immerfort in Berührung mit Flüssigkeit ist.

Eckstein hat zwei Jahre lang in seinem Hause in Wien, dessen Aborte täglich mindestens von hundert Personen benutzt werden, Versuche mit einer großen Zahl verschiedener Desinfectionsmittel angestellt, deren Resultate folgende sind:

  • 1) 2 Pfd. Eisenvitriol in Wasser aufgelöst und in die Aborte gegossen, erzeugten durch einige Stunden einen Geruch von sich entwickelndem Schwefelwasserstoffgas. Nach 2 bis 3 Stunden war jeder üble Geruch verschwunden und nach 12 Stunden hatte die Desinfection ihre Wirkung verloren.
  • 2) Eine Lösung von Kupfervitriol verhielt sich ebenso
  • 3) 2 Pfd. Eisenvitriol in Krystallen übten ihre desinficirende Wirkung durch volle 2 Tage; ebenso Kupfervitriol in Krystallen.
  • 4) Eine Mischung aus Eisen- und Kupfervitriol und phenylsaurem Kalk als trockene Substanz und im Gewichte von 2 Pfd. zur Desinfection verwendet, übte ihre Wirkung nur durch 2 Tage.
  • 5) Schweflige säure als Flüssigkeit verwendet, übte schnell ihre Wirkung, jedoch nur durch 1 Tag und belästigte durch 1 ganze Stunde die Respirationsorgane.
  • 6) 2 Loth rohe Carbolsäure verbreiteten durch 2 Tage einen sehr unangenehmen Theergeruch im ganzen Hause, so daß man die eigentliche Wirkung nicht gut wahrnehmen konnte, da ein übler Geruch den anderen deckte.
  • 7) 2 Pfd. Eisenvitriol in Krystallen in einen Pergamentsack gebunden und in die Aborte gebracht, übten ihre Wirkung erst nach 2 Stunden, ohne in auffallender Weise Schwefelwasserstoffgas zu entwickeln; die desinficirende Wirkung dauerte durch volle 3 Tage; der Pergamentsack, herausgenommen, enthielt nur ein trübes, fast geruchloses Wasser.
  • 8) 2 Pfd. bester aus dem Handel bezogener Chlorkalk in einen Pergamentsack gehüllt und in den Abort gebracht, begannen ihre desinficirende Wirkung erst nach 2 Stunden, ohne die Respirations- oder Geruchsorgane im Mindesten zu belästigen, und übten ihre Wirkung Durch volle 9 Tage.
  • 9) 4 Loth rohes übermangansaures Natron, für sich allein in flüssigem Zustande angewendet, desinficirten fast augenblicklich und wirkten nur durch 1 Tag; dasselbe Präparat in einem Pergamentsacke angewendet wirkte durch 2 Tage.

Darnach desinficirte Chlorkalk, in einen Pergamentsack eingebunden, am längsten und kräftigsten. (Wochenschrift des nieder-österreichischen Gewerbevereines, 1872, Nr. 47.)

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