Titel: Ueber die Anwendung des Schwefelkohlenstoffes zum Entfetten der Wolle.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 10 (S. 502)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi06_10

Ueber die Anwendung des Schwefelkohlenstoffes zum Entfetten der Wolle.

Hierüber wird im „Wollengewerbe“ bemerkt, daß die Entfettung zwar schnell vor sich geht, die Wolle aber hart und spröde und sehr leicht gelb wird. Daß diese Uebelstände, namentlich der letztere, nicht etwa vom Fett oder von der angewendeten Wärme herrühren, dürfte dadurch hinreichend bewiesen werden, daß z.B. mit Benzinäther und dergl. entfettete Wolle, mit Dampf behandelt, nie gelb wird. Sie scheinen vielmehr darin begründet, daß der Schwefelkohlenstoff, welcher sich leicht mit Schwefel und anderen Schwefelverbindungen verbindet, auch hier eine Verbindung mit dem im Wollhaar enthaltenen Schwefel eingeht und so dasselbe desorganisirt. Daß das Wollfett hierbei ohne Einfluß ist, geht daraus hervor, daß dieselbe Erscheinung bei ganz entfetteter Wolle ebenfalls eintritt. So lange der Schwefelkohlenstoff kalt auf die Wolle einwirkt, findet diese Erscheinung nicht statt, wohl aber sobald derselbe erwärmt wird, was zur Entfernung desselben aus der Wolle nöthig ist.

Um nun den Schwefelkohlenstoff aus der entfetteten Wolle zu entfernen, sind drei Wege möglich, entweder die Anwendung von Dampf oder die von heißem Wasser oder die von erwärmter Luft. Bei Anwendung von Dampf tritt aber gerade der Uebelstand, daß die Wolle gelb, hart und spröde wird, am meisten ein, dagegen ist dieser Weg beim Ausziehen der Oelsaaten mittelst Schwefelkohlenstoff allerdings der einzig richtige Durch heißes Wasser läßt sich der Schwefelkohlenstoff, da er schon bei 43° C. siedet, sehr gut entfernen und es bleibt hierbei auch die Wolle weiß. Da aber das heiße Wasser beim Durchdringen der Wolle sich schon bedeutend abkühlt und durch die Wolle selbst gewissermaßen stagnirend wird, so ist es natürlich nöthig, dasselbe im Apparat durch Einleiten von Dampf auf einer Temperatur von ca. 60° C. zu erhalten und durch eine Rührvorrichtung die Wolle zu bewegen. Es erfordert dieser Umstand aber nicht allein complicirte Apparate, sondern macht das Verfahren auch umständlich und quantitativ nicht lohnend. Beim Abblasen mit erwärmter Luft treten zwar die erwähnten schädlichen Einflüsse auf die Wolle am wenigsten hervor, dennoch ist dieses Verfahren sowohl in ökonomischer als anderer Hinsicht am wenigsten zu empfehlen. Wird die Wolle in dem Extractionscylinder durch Zusammenschrauben der beiden Siebböden ausgepreßt, so bleiben in 100 Pfd. mindestens 75 Pfd. Schwefelkohlenstoff. Der mit der Luft gemischte entweichende Schwefelkohlenstoff ist aber in der Kühlung nur zum kleinsten Theil condensirbar, so daß mindestens 50 Pfd. Schwefelkohlenstoff pro 100 Pfd. Wolle verloren gehen. Da nun 100 Pfd. Schwefelkohlenstoff mindestens 12 Thlr. kosten, so würden sich schon die Kosten dieses Verlustes pro 100 Pfd. Wolle zu 6 Thlr. berechnen. Ein zweiter Uebelstand hierbei ist die entstehende Mischung von atmosphärischer Luft und Schwefelkohlenstoffdampf, die bei Entzündung explosiv ist.

Aus obigen Gründen wurde die Entfettung von Wolle mit Schwefelkohlenstoff sehr bald wieder aufgegeben. So stellte ein derartiges Etablissement in Elbeuf nach kurzer Zeit mit großem Verlust seinen Betrieb ein. Die Apparate wurden später von einem Unternehmer am Rhein gekauft und dort aufgestellt, um Ausputzwollen etc. zu entfetten, jedoch hat auch dieser bereits wieder den Betrieb aufgegeben.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: