Titel: Die Eichenlaub fressende Yamamay-Seidenraupe und ihre Züchtung in Württemberg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 15 (S. 503–504)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi06_15
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Die Eichenlaub fressende Yamamay-Seidenraupe und ihre Züchtung in Württemberg.

Unter Bezugnahme auf seinen früheren Aufsatz über den oben genannten Gegenstand (im polytechn. Journal Bd. CCV S. 280, erstes Augustheft 1872) theilt Hr. Ulrichs in Stuttgart jetzt Folgendes über seine diesjährige Zucht mit.

„Von Erkrankungen ist dieselbe gänzlich verschont geblieben. Einige Raupen starben an dem Biß eines mir unbekannten Insectes, das vielleicht im Eichenlaub verborgen lag. Von 48 gesunden Exemplaren ist eines noch als Raupe verunglückt, ein zweites als Cocon bei der Versendung zerquetscht worden, in einem Cocon endlich die Puppe vertrocknet, ein Fall der in meiner vorjährigen Zucht nicht vorgekommen war. Aus den übrigen 45 Exemplaren dagegen gingen Schmetterlinge hervor, zum Theil wahre Prachtexemplare, einzelne davon mit nicht weniger als 16 Centimeter Flügelspitzenwette. Der erste Schmetterling verließ sein Gehäuse am 31. Juli, der letzte am 3 September. Leider traf es sich, daß die 12 ersten, welche ausschlüpften, insgesammt Männchen waren, und daß das erste Weibchen erst erschien, als jene 12 Männchen großentheils schon abgestorben waren. Umgekehrt waren unter den letzten Schmetterlingen, welche ausschlüpften, mehr Weibchen als Männchen, und nur in der mittleren Zeit war das Verhältniß ein gleiches. Es ist demnach räthlich, den Versuch einer Zucht nicht mit einer zu karg bemessenen Anzahl von Eiern zu machen. Im Ganzen erschienen 25 Männchen und 21 Weibchen, welche letztere 3100 Eier legten, durchschnittlich also je 147. Bisweilen enthält seltsamer Weise auch ein unbefruchtetes Ei einen Lebenskeim, und ein gesundes Räupchen schlüpft daraus hervor. Ein Weibchen war erschienen mit seltsam verkrüppelten, wahrhaft monströsen Flügeln; nichtsdestoweniger fand sich ein Männchen, das sich mit demselben begattete.

Ich war erfreut, in meiner dießjährigen Zucht je in einem einzigen Exemplare zwei neue Farben zu erblicken, welche in der vorjährigen Zucht nicht vorgekommen waren: ein lebhaftes, leuchtendes, Helles Braun, weit prächtiger als das häufig vorkommende Kupferroth, und eine neue, sehr zarte Mattfarbe, zwischen Aschgrau und Marmorgrau, aber in's Olivengrüne hinüber spielend. Die vier großen, buntberänderten Augen (Pfauenaugen), wovon jeder Flügel eins trägt, nehmen sich auf der mattgrünen Grundfarbe besonders schön aus, während sie auf den leuchtenden Grundfarben, wie Hochgelb, Kupferroth und Hellbraun, dem Blicke fast verschwinden. Das Exemplar, in welchem diese schöne Spielart erschienen ist, war ein Weibchen. Seine befruchteten Eier habe ich mir zur nächstjährigen Zucht reservirt. Die Augen der Schmetterlinge sind schwarz oder braunschwarz. Nachts, im Widerschein eines Lichtes, werfen sie einen glühenden Schein von sich und leuchten dunkelgelb, wie Goldtopase.

Von der Qualität der Seide der Yamamay-Raupe habe ich mich auf folgende Weise überzeugt Die leeren Cocons befreite ich von dem, was nach dem Ausschlüpfen der Schmetterlinge stets noch darin zurückbleibt, nämlich der Raupenhaut und der Puppenhülse, ließ sie einige Stunden lang in Seifenwasser kochen, legte die zerkochte Coconsmasse mit faulenden Pflanzenstoffen, z.B. Blättern, in Wasser, und ließ sie drei Wochen lang behufs Auslösung und Absonderung des erhärteten Klebstoffes, welchen die Raupe nach Beendigung des Spinnens unmittelbar vor ihrer Verpuppung im flüssigen Zustande ausspritzt, darin liegen. Nach dieser Absonderungs-Procedur kam eine weiche, farblose, beziehungsweise weiße, glänzende Seidenmasse von sehr haltbarem, ein wenig dehnbarem Faden zum Vorschein. An der Sonne oder Abends im Schein eines Lichtes zeigt sie den reinsten, hellsten Atlasglanz, eben so wenn man einige Fäden davon unter dem Nagel oder zwischen den Fingern straff anspannt. Proben dieser Seidenmasse können in meiner Wohnung, Böblingerstraße Nr. 34, jederzeit besichtigt werden.“

Hr. Ulrichs hat in unserer Quelle außerdem noch Notizen und Regeln bezüglich der Züchtung der Yamamay-Raupe veröffentlicht, die zum Theil auf eigene Beobachtungen sich stützen. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1872, Nr. 39.)

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