Titel: Motoren für Kleingewerbe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 2 (S. 493–494)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi06_2

Motoren für Kleingewerbe.

In einer Besprechung der Bewegungsmaschinen für geringe Arbeitskräfte bemerkt Hr. Prof. Rühlmann im „hannoverschen Wochenblatt für Handel und Gewerbe,“ 1872 Nr. 46, unter Anderem, daß es ihm in neuester Zeit nicht gelungen sey, Notizen über die Hugon'sche Gasmaschine zu erlangen, daß vielmehr die Firma F. B. Balance in Greenwich bei London, welche die Ausführung dieser Maschinen für England in die Hand genommen hatte, betreffende Anfragen gänzlich unbeantwortet ließ. Die Otto-Langen'sche atmosphärische Gaskraftmaschine gewinnt dagegen für ihren Arbeitskreis von 1/2 bis 2 Maschinenpferden immer mehr Beifall. Unter anderen arbeiten mit Erfolg gegenwärtig vier derartige Maschinen im Bezirk der Stadt Hannover, von denen z.B. eine einpferdige Maschine in 12 Arbeitsstunden für nur 13 bis 14 Sgr. Leuchtgas bedarf, welches letztere mit 1 1/3 Thlr. pro 1000 Kubikfuß bezahlt wird.

Ist auch in jüngster Zeit der Anschaffungspreis dieser Maschinen gestiegen (der einpferdigen von 515 Thlr. auf 600 Thlr, und der der zweipfertigen von 640 Thlr. auf 750 Thlr.), so sind ihre Annehmlichkeiten, insbesondere die Vortheile der augenblicklichen Ingangsetzung und Abstellung und des Nichtbedarfes irgend welcher Feuerungsanlage, unter Umständen so groß zu nennen, daß man den hohen Anschaffungspreis gern vergißt, zumal sich immer mehr herausstellt, daß man sich an ihre etwas unruhige, ja geräuschvolle Arbeit bald gewöhnt, beziehungsweise dieses Geräusch auch fast ganz unmerklich machen kann, wenn man die verhältnißmäßig wenig Raum einnehmende Maschine mit einem besonderen und dichten Breterverschlag umgibt.

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Was die Nutzbarmachung der Wärmeentwickelung durch die Gaskraftmaschinen betrifft (nach Lenoir und Hugon mit geschlossenem Kolbencylinder und nach Otto-Langen mit oben offenem Cylinder), so hat neuerdings der Ingenieur A. Stevard ermittelt, daß unter der Annahme daß die Verwendung von 1 Liter Leuchtgas 6 Calorien (Wärmeeinheiten) gibt, die Maschinen von Lenoir und Hugon 3,8 Proc. des Total-Wärmeeffectes liefern, dagegen die (gegenwärtigen) Otto-Langen'schen Maschinen 12,8 Proc.; dieser Nutzeffect entspricht dem einer Dampfmaschine welche nur 0,62 Kilogrm. Steinkohle pro Pferdekraft und pro Stunde verbrennen würde Darnach scheint es fast unnöthig, noch nach besseren Motoren für das Kleingewerbe zu streben, als die Otto-Langen'schen Gaskraftmaschinen sind. Dennoch aber geschieht dieß noch fortwährend und bemüht man sich neuerdings namentlich, die Lehmann'schen geschlossenen calorischen Maschinen93) an die Stelle der Gaskraftmaschinen zu setzen. Die neueren Urtheile über dieselbe lauten ebenso wie die älteren nicht ungünstig. Unter Anderem spricht sich Prof. Gust. Schmidt in Prag dahin aus, daß sich bei Anwendung eines mäßigen Hochdruckes mit verminderter Temperatur eine dauerhafte calorische Maschine erwarten und in dieser Form eine für Kleingewerbe wichtige Zukunft voraussagen lasse. Zur Erzeugung des Hochdruckes will Professor Schmidt dabei eine Luftcompressionspumpe in Anwendung bringen, welche wie die Speisepumpe einer Dampfmaschine nur periodisch in Gang zu setzen wäre und die während der Anheizperiode, bei sonst leergehender Maschine, so lange in Gang zu halten seyn würde, bis im Windkessel die für den Betrieb der Arbeitsmaschine nöthige Spannung vorhanden ist. Prof. Schindler in Ofen spricht sich in folgender Weise aus: „Nimmt man den Brennstoffaufwand als Maaßstab zur Beurtheilung der Motoren, so benöthigt man bei den im Gebrauch befindlichen Dampfmaschinen 2 Kil. bis 0,83 Steinkohle pro Stunde und Pferdekraft, bei den möglichst gut anzuordnenden Luftmaschinen 0,53 Kil., bei den Gaskraftmaschinen 6 Kil. und endlich bei den Elektromotoren einen Materialaufwand, der dem Werthe von 40 Kil. Steinkohle pro Stunde und Pferdekraft gleichkommt.“

Rechnet man zu diesen (wenn auch nur annähernd richtigen) Resultaten die Vortheile der Lehmann'schen Luftmaschine, daß sie ohne jedes Geräusch arbeitet und daß ihr Heizofen zugleich die Erwärmung irgend eines Arbeitsraumes beschaffen oder auch zum Trocknen irgend welcher technischer Objecte verwendet werden kann, so erklären sich die günstigen neueren Urtheile über die Lehmann'sche Luftmaschine, selbst von solchen Orten wo Leuchtgas für Gaskraftmaschinen verhältnißmäßig wohlfeil zu haben ist, z.B. Berlin, Dresden, Leipzig, Dessau, Bamberg etc. Selbstverständlich bleibt die Lehmann'sche Maschine der einzig rathsame Motor für Kleingewerbe, wenn an der Betriebsstelle Leuchtgas gar nicht zu haben ist, wie dieß in den Dörfern, in kleinen Städten und Ortschaften überhaupt der Fall ist, – Die Preise dieser Maschinen, wie sie die Maschinenfabrik von Arendt in Dessau liefert, werden wie nachstehend verzeichnet:

Pferdekräfte: 1/8 1/4 1/3 3/4 1 2
Preise in Thalern: 200 360 400 550 700 1150

allerdings, gegenüber denen der Gaskraftmaschinen, etwas theuer.

Was die dritte Gattung der in Vorschlag gebrachten Motoren für Kleingewerbe, die der Wasserdruckmaschinen oder Turbinen betrifft, so findet die Wasserdruckmaschine des Ingenieur Schmidt in Zürich immer mehr Beifall und Anwendung. Bekanntlich gleicht diese Maschine (beschrieben im polytechn. Journal Bd. CCIII. S. 81 und 332, zweites Januar- und erstes Märzheft 1879) einer um die Mitte ihres Cylinders schwingenden Dampfmaschine mit Kreisschieber-Steuerung, wobei durch Einschaltung eines verhältnißmäßig großen Windkessels die Stöße beseitigt sind, welche sonst bei der Wechselbewegung vom Vertheilungsschieber und Treibkolben zufolge der Unelasticität des Wassers unvermeidlich seyn würden. Sorgfältige Versuche haben gezeigt, daß mit dieser Maschine eine natürlich vorhandene Wasserkraft bis zu 89 Proc. ausgenutzt werden kann, ein Werth der Alles übertrifft was man unter Anderem bei Turbinen bis jetzt zu leisten vermochte. (Deutsche Industriezeitung, 1872, Nr. 50.)

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Beschrieben im polytechn. Journal, 1869, Bd. CXCIV S. 257.

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