Titel: Die wirksamen Bestandtheile des Kaffees.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1872, Band 206/Miszelle 9 (S. 500–502)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj206/mi206mi06_9

Die wirksamen Bestandtheile des Kaffees.

Zu den verbreitetsten Genußmitteln gehören unstreitig die aus Kaffeebohnen und aus Theeblättern bereiteten Getränke; es ist dadurch gerechtfertigt, wenn wir unseren Lesern etwas ausführlicher über eine Untersuchung des Herrn Aubert berichten, welche die Ermittelung des Coffeingehaltes des Kaffees und der Wirkungen des Coffeins zum Gegenstande hat.

„Obgleich man weiß, daß Kaffeebohnen und Theeblätter ein sehr giftiges (?) Alkaloid, das Coffein oder Thein, enthalten, und obgleich Thee und Kaffee als Aufguß, Filtrat oder Abkochung bereitet, zu den allerverbreitetsten Getränken gehören, so hat man doch noch gar nicht untersucht, wie viel Coffein oder Thein wir in einer Tasse Kaffee oder Thee zu uns nehmen. Ohne zu wissen, wie viel Coffein beim Rösten der Kaffeebohnen verloren geht, noch wieviel Coffein oder andere Bestandtheile bei der Bereitung des Getränkes ausgezogen werden, hat man mit großer Sicherheit Methoden angegeben, welche die vortheilhafteste Ausnutzung der Kaffeebohnen zu versprechen scheinen. Es ist aber doch eine offene Frage, ob die Kaffeebohnen stark oder schwach geröstet werden sollen, ob ein Aufguß kochenden Wassers genügt, oder ob ein Kochen des gemahlenen Kaffees zweckmäßiger ist. Ebenso unbekannt ist es, wieviel Coffein in einer Tasse Thee getrunken wird, ob man die Theeblätter nur aufzugießen braucht, oder ob man sie kochen muß, um ihre wirksamen Bestandtheile auszuziehen. Ferner gehen die Meinungen und Versuche über die Wirkung des Coffeins sehr weit aus einander. Endlich ist die Frage unbeantwortet, ob außer dem Coffein noch andere wirksame Bestandtheile im Kaffee enthalten sind, ja ob überhaupt die Wirkung des Kaffees auf seinem Gehalte an Coffein beruht.“

In wie weit diese hier als offen hingestellten Fragen durch die Untersuchung |501| des Herrn Aubert, welche theilweise in Gemeinschaft mit Herrn Haase ausgeführt war, eine präcise Beantwortung finden, wird sich aus Nachstehendem ergeben.

Zur Gewinnung des Coffeins benutzte Aubert eine neue Methode, nämlich die Behandlung mit Chloroform, welche, wie eine Zusammenstellung aller bisher ausgeführten Analysen zeigt, eine größere Ausbeute zu geben scheint. Es wurden in den rohen Bohnen 0,709 bis 0,849 Procent Coffein gefunden.

„Für die Kaffeetrinker ist es jedenfalls von größerem Interesse, Zu wissen, wieviel Coffein sie in ihrem Getränk zu sich nehmen, als zu erfahren, wieviel Coffein in den rohen Bohnen enthalten ist.... Es ist zunächst die Frage, ob und wieviel Coffein durch das Rösten der Kaffeebohnen verloren geht, dann wieviel Coffein aus den gerösteten und gemahlenen Kaffeebohnen mittelst des Aufgusses von heißem Wasser ausgezogen wird, endlich wieviel Coffein in dem sogenannten Kaffeegrunde zurückbleibt.“

Aubert röstete drei Portionen Java-Kaffee so stark, daß sie eine hellbraune Farbe bekamen. Während des Röstens wurde der entweichende Dampf aufgefangen, in demselben aber kein Coffein gefunden. Von der dritten Portion wurde dann die Hälfte noch weiter geröstet, und zwar so stark, daß die Bohnen fast schwarz wurden, stark aufquollen und fettig glänzten. Bei diesem zweiten Rösten entwich Coffein, das sich deutlich nachweisbar in feinen Krystallen absetzte. Die vier Portionen gerösteten Kaffees wurden gemahlen, und aus denselben nach der gewöhnlichen Methode Aufgüsse bereitet. Diese Aufgüsse und die zurückbleibenden Bodensätze wurden dann auf ihren Gehalt an Coffein untersucht und ergaben Folgendes:

Fast alles in den gemahlenen Kaffeebohnen enthaltene Coffein geht in das Kaffeefiltrat über, es bleibt kaum 1/5 davon im Grunde zurück.

Bei übermäßig starkem Brennen der Kaffeebohnen geht doch nur wenig Coffein verloren – nur 0,144 Procent. auf rohe Bohnen berechnet –, auf den gebrannten Kaffee bezogen, enthält der dunkel geröstete 0,927, der schwach gebrannte hingegen 0,987 Procent. Es findet sich aber, daß das Coffein aus den stark gebrannten Bohnen vollständiger ausgezogen wird, als aus den schwach gebrannten, so daß das Filtrat aus den stark gerösteten Bohnen bei gleichen Gewichten des verwandten Kaffeepulvers sogar ein wenig reicher an Coffein ist.

„Es kann also dem Geschmacke eines Jeden ohne großen Schaden überlassen bleiben, ob er seine Kaffeebohnen stark oder schwach rösten, und ob er seinen Kaffee als Filtrat bereiten oder eine Abkochung machen will.“

Die anderen aus den Kaffeebohnen ausziehbaren Substanzen wurden gleichfalls bestimmt. Hierbei stellte sich heraus, daß auch diese zum größten Theile durch das einfache Filtriren extrahirt werden und nur wenig im Grunde zurückbleibt. In stark gerösteten Bohnen ist die Gesammtmenge der extrahirbaren Substanzen genau so groß wie in schwach gerösteten; doch wird aus den ersteren durch Filtriren mehr Extract gewonnen als aus letzteren.

Nach derselben Methode hat Aubert Theeaufgüsse und Theeabkochungen auf Coffein untersucht. Er benutzte Pecco Thee und befolgte bei der Darstellung der Getränke die im Leben üblichen Methoden ihrer Bereitung. Ein sehr interessantes Resultat ergab sich, als man nach den gewonnenen Bestimmungen den Gehalt an Coffein berechnete, welcher in einer Tasse „guten“ Kaffees (aus 1 Loth aufgegossen) und in einer Tasse „guten“ Thees (aus 5 bis 6 Grm. Theeblättern bereitet) enthalten ist. Beide Getränke ergaben in einer Tasse die genau gleiche Menge von 0,1 bis 0,12 Grm. Coffein.

Aus den physiologischen Wirkungen des Coffeins auf Säugethiere und Frösche sey hier hervorgehoben, daß es in entsprechend großen Dosen eine erhöhte Reflexerregbarkeit und Starrkrämpfe erzeugt. Es schließt sich in dieser Beziehung dem Strychnin an. und wirkt wie dieses direct auf das Rückenmark, durch dessen Reizung die Erscheinungen veranlaßt werden. Eine weitere Aehnlichkeit des Coffeins mit dem Strychnin besteht darin, daß die mit diesen Substanzen vergifteten Thiere in gleicher Weise die Erscheinungen nicht zeigen, wenn man bei ihnen künstliche Athmung unterhält. Setzt man dieß einige Zeit fort, so kommt das Gift beim Aufhören der künstlichen Respiration gar nicht mehr zur Wirkung, es ist entweder ausgeschieden oder im Körper zersetzt. Beim Coffein genügen 5 Minuten künstlicher Respiration, um selbst große Dosen des Giftes unschädlich zu machen. Die wichtigste Wirkung des Coffeins erstreckt sich auf das Herz, das von entsprechend großen Dosen zum |502| Stillstand gebracht wird, und so den momentanen Tod zur Folge hat; in kleineren Portionen den Thieren gegeben, vermehrt es die Zahl der Pulsschläge sehr bedeutend, während der Blutdruck in den Gefäßen sinkt; die Arbeit des Herzens ist also trotz großer Frequenz von geringem Nutzeffect.

Sind nun die Wirkungen des Kaffeefiltrates durch den Gehalt desselben an Coffein bedingt? Diese Frage läßt sich jetzt noch nicht positiv entscheiden. Nach vorläufigen Versuchen ist es sehr zu bezweifeln, daß das Coffein der wirksamste Bestandtheil sey. Auch coffeinfreie Aufgüsse von Kaffeebohnen bringen heftige Erscheinungen an Thieren hervor, die von den Wirkungen des Coffeins sehr verschieden sind. Eine vergleichende Untersuchung dieser Wirkungen wird Aubert anstellen. „Durch die bisherigen Untersuchungen ist die „belebende“ Wirkung, welcher der Kaffee seine Popularität verdankt, nicht erklärt.“ (Archiv für die gesammte Physiologie, Bd. V, Heft 12; durch den Naturforscher.)

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