Titel: Peter, über die maschinenmäßige und Handbereitung des Flachses.
Autor: Peter, J.
Fundstelle: 1873, Band 207, Nr. CXXV. (S. 453–462)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj207/ar207125

CXXV. Die maschinenmäßige Bereitung79) des Flachses im Vergleich mit der Handbereitung desselben; von J. Peter, Bezirkshauptmann in Wien.

Auf allen Productionsgebieten wo die Maschine eingeführt wurde, hat sich noch immer ein Ringen ergeben zwischen der herkömmlichen Handarbeit und der neuzeitlichen Maschinenanwendung, aus welchem, wie ja nicht zu leugnen ist, meist die Maschine den Sieg davon trug; und zwar auf einigen Gebieten so vollkommen, daß sie das bloße Werkzeug gänzlich verdrängte, auf anderen doch immerhin so weit, daß das letztere auf gewisse Arten seiner Arbeitsgattung sich zu beschränken gezwungen wurde.

Man kann nicht behaupten, daß die Maschine allemal durch die technische Vorzüglichkeit ihrer Leistung die Ueberhand gewann, wohl aber immer durch ihre arbeitsparende Brauchbarkeit, ihre Oekonomie. Nicht darum ist sie in der Güterschaffung zur Herrschaft gekommen, weil sie besser, sondern darum, weil sie immer wohlfeiler leistet.

Das Gebiet der Flachsbereitung ist nun ohne Zweifel eines derjenigen Arbeitsgebiete, in welchen die Maschine nicht durch technisch bessere, sondern durch ökonomisch vortheilhaftere Leistung sich Eintritt verschafft hat; ferner zählt sie zu jenen Arbeitsgebieten, in welchen die Maschine obgleich zu vorwiegender, doch kaum zu ausschließlicher, sondern nur zu beschränkter Geltung kommen dürfte, d.h. mit Freilassung eines Stückes für das Werkzeug.

Brech- und Schwingmaschinen sind in beträchtlicherem Maaße zuerst in den vierziger Jahren in Irland, und Mitte der fünfziger Jahre in Belgien und anderwärts angewendet worden. Sie haben gegenwärtig eine Ausbreitung und Entfaltung gewonnen, daß es nicht angeht, wie noch häufig geschieht, auf die flandrische Handbereitung als die allein empfehlenswerthe hinzuweisen, denn diese ist im eigenen Lande von der mechanischen Bereitung in ziemlichen: Maaße zurückgedrängt worden. In Irland werden etwa 75 Proc. der Flachsernte in Bereitungsanstalten und (einschließlich einer beschränkten Handmaschinenbereitung) 25 Proc. mit der Hand gereinigt; in Belgien kommen fast 50 Proc. der Flachsernte |454| auf Maschinenarbeit mit Riemenbetrieb, 10 Proc. auf Handmaschinen und kaum mehr als 40 Proc. noch auf die Handschwingerei.

Gewiß ist, daß Handflächse höher werthgeschätzt werden als Maschinenflächse.80) Der qualitative Unterschied, was Reinheit, Weichheit, Glanz der Faser und Zertheilung des Bastes anbelangt, ist bis 20 Proc. zu Gunsten der Handflächse, und die Preise folgen dem Unterschiede. Doch gilt dieß, was wohl zu bemerken, nur von jenen Flachsen welche schon als Rohflachs ein ausgezeichnetes Erzeugniß waren, also von den von Natur feinen Flachsen.

Die relative Mangelhaftigkeit des Maschinenflachses gegenüber dem auf flämische oder holländische Art bereiteten Handflachse ist in der That im wörtlichen Sinne so greifbar, daß die Kundigen an einer dargereichten Flachsriste, mit geschlossenen Augen, durch den bloßen Griff fast unfehlbar zu erkennen vermögen, ob er Maschinen- oder Handflachs ist.

Diesen relativ mangelhaften Arbeitseffect hat keineswegs das maschinenmäßige Brechen, sondern das maschinenmäßige Schwingen. Insbesondere rügt man an den in Irland und Belgien üblichen Schwingmaschinen, welche sich als das vorzüglichere System Anerkennung verschafft haben:

1) daß sie den Flachs an den Enden der Riste überarbeiten (zerschlagen), in der Mitte aber zu wenig reinigen;

2) daß sie die Faser reißen;

3) daß sie im Flachse Knotungen verursachen, wodurch er reichlicher in's Werg geht und minder werth wird; überhaupt, daß sie einen größeren Gewichtsverlust an Langflachs erzeugen.81)

Wie einfach nämlich auch die Schwingarbeit nur aus wiederholten schlichten Strichen oder Schlägen sich zusammensetzt, so sind die technischen Vorzüge des verständigen Schwingens (teillage intelligent) vor dem maschinenmäßigen doch sehr bedeutend; denn der Schwingschlag des Handschwingers ist elastischer und geht von einer Kraft aus, welche nicht |455| nur den gefällten Schlag und seinen Widerstand empfindet, sondern als Reflex der Empfindung sofort Maaß und Ziel der Bewegung verändern kann; der Schwingschlag des Handschwingers ist eine Bewegungscurve (a b), während er von der Maschine in einer fast unbeweglichen Senkrechten geschieht.

Textabbildung Bd. 207, S. 455

Dem gegenüber kommen aber der mechanischen Schwingerei andere technische und ökonomische Vorzüge zu, welche bedeutend genug sind, um ihre Zukunft zu sichern:

1) sie schont die Kräfte des Arbeiters, welcher sonst mit dem Schwingbeil eine der ermüdendsten Arbeiten zu leisten hatte;

2) sie läßt ihm beide Hände frei, so daß er sie ausschließlich zum Handhaben des Arbeitsstoffes (Wenden u.s.f.) auf's Nützlichste verwenden kann;

3) an derselben Partie Rohstoffes schafft sie eine gleichmäßigere Arbeit;82)

4) sie erheischt weniger Arbeitskräfte und begnügt sich mit minder geübten;

5) sie arbeitet wohlfeiler, weßhalb sie für geringere Flächse, welche die Kosten des Handschwingers nicht ertragen könnten, sehr vortheilhaft ist;

6) sie arbeitet wohlfeiler und schneller: denn ein Handschwinger schlägt in der Minute höchstens 20 mal und macht im Tag 3 Kil. fertig, die Maschine kann über 2000 mal schlagen (wobei freilich nicht alle Kraft ausgenutzt wird) und macht 12–18 Kil. rein, weßhalb sie vorgezogen wird, wenn der Markt mit dem Product befahren werden soll.

Die beiden letzten Vorzüge der mechanischen Schwingerei sind nicht selten von entscheidender Bedeutung. Schlägt z.B. der Flachs zu kurz aus, um mit Vortheil handgeschwungen zu werden, so kann dennoch die Flachsernte des Landes, welche sonst theilweise der Verwüstung anheimfallen würde, für die Spinnerei brauchbar gemacht werden; in solchen Fällen pflegt in der That in Belgien eine sehr vermehrte Beschäftigung |456| in den Bereitungsanstalten einzutreten.83) Ferner kann gegenwärtig das geringere Werg, welches vor 20 Jahren in den belgischen Spinnereien kaum beachtet, sondern als werthlos dort verworfen (an manchen Orten verbrannt) wurde, gegenwärtig, so kurz es ist, durch die mechanische Schwingerei gut gereinigt werden und gibt nun einen Spinnstoff, welcher sich zu einem noch recht guten Garn verbrauchen läßt, wodurch dem Lande ein Werth von jährlich 1 – 1 1/2 Millionen Francs erhalten bleibt.

Die schnellere Arbeit der mechanischen Bereitung ist aber von besonderer Bedeutung z.B. bei sinkender Tendenz der Flachspreise; hier gilt es, sollen die Flachsspeculanten nicht in große Verluste gerathen, die Rohvorräthe so bald als möglich zu realisiren, und dazu ist die Bereitungsanstalt eine gern angerufene Aushülfe.

Die Raschheit der Arbeit ist ferner von Werth im Beginn des jährlichen Herbstgeschäftes; denn sehr häufig erzielen dann die ersten am Markte Erscheinenden die besten Preise, weil die Spinnereien ihre Vorräthe aufgezehrt haben und ihre dringendsten Bedürfnisse zu decken suchen;84) dieser Grund ist z.B. in Holland, wo die Ernte wegen der Samengewinnung ohnedieß später fällt als in Belgien, für die Einführung der mechanischen Schwingerei von solcher Bedeutung, daß davon eine erfolgreichere Concurrenz mit den belgischen Flächsen bedingt wird, obschon Holland hinlängliche und geschickte Handarbeitskräfte besitzt.85)

Die technischen und ökonomischen Resultate der mechanischen und werkzeugmäßigen Schwingerei stellen sich auf das Klarste durch eine ziffermäßige Vergleichung heraus. Wiederholt und mit aller Sorgfalt hat man in Belgien solche Vergleichungen durchgeführt; ein Beispiel davon ist folgendes.

Von einer Partie Röstflachs d. i. von Flachs welcher auf demselben Acker geerntet und derselben Röste unterworfen worden, unterzog man 100 Kil. der mechanischen und andere 100 Kil. der Handbereitung westflandrischer Art; der Arbeitsstoff war ein edler Mittelflachs, und das Ergebniß wie folgt:

|457|

100 Kil. handgeschwungen, ergaben:

Langflachs: 25 Kil. à 3,50 Fr., werth 87 Fr. 50 C.
Werg:86) 7 Kil. Toppen à 0,14 Fr. 0 Fr. 98 C.
2 „ Schüdders à 0,30 Fr. 0 Fr. 65 C.
2 „ Snuiten à 0,65 Fr. 0 Fr. 30 C.
1/2 „ Kammerlingen á 1,10 Fr. 0 Fr. 55 C.
––––––––––––––––––––––––––––––
zusammen: 90 Fr. 95 C.
100 Kil. mechanisch geschwungen, ergaben:
Langflachs: 23 1/2 Kil à 3 Fr., werth 70 Fr. 50 C.
Werg: 8 Kil. Toppen à 0,12 Fr. 0 Fr. 96 C.
2 „ Schüdders à 0,30 Fr. 0 Fr. 60 C.
1 „ Snuiten à 0,60 Fr. 0 Fr. 60 C.
––––––––––––––––––––––––––––––
zusammen: 72 Fr. 66 C.
Die Handbereitung ergab also einen Productenwerth von 90 Fr. 93 C.
die mechanische einen solchen von nur 72 Fr. 66 C.
die technische Ueberlegenheit der ersteren über die letztere
erreicht somit für 100 Kil. Röstflachs einen
––––––––––––––––––––––––––––––
Werthausdruck von 18 Fr. 27 C.
Die 100 Kil. welche handgeschwungen wurden, gaben eine
Ausbeute von 25 Kil. Langflachs zum Preise von 3 Fr. 50 C. pro
Kil., also


87 Fr. 50 C.
außerdem an Werg, welches gewohnheitsgemäß vom
Handschwinger dem Eigenthümer des Flachses verabfolgt
wird:
2 Kil. Schüdders à 0,30 Fr. 0 Fr. 60 C.
2 „ Snuiten à 1,65 Fr. 1 Fr. 30 C.
1/2 Kil. Kammerlingen à 1,10 Fr. 0 Fr. 55 – 2 Fr. 45 C.
––––––––––––––––––––––––––––––
zusammen Brutto-Ertrag 89 Fr. 95 C.
Die Arbeitskosten beliefen sich auf 0,60 Fr. per Kil. Langflachs,
also bei einer Ausbeute von 25 Kil. auf

15 Fr. – C.
Dazu 7 Kil. Toppen (das schlechteste Werg welches dem Arbeiter
überlassen wird) à 0,14 Fr. = 0,98 Fr.

– 98 C.
––––––––––––––––––––––––––––––
Bleibt ein Reinertrag von 73 Fr. 97 C.
|458|
Dagegen ergaben die 100 Kil. Röstflachs, welche der
mechanischen Bereitung unterzogen wurden, eine Ausbeute
von 23 1/2 Kil. à 3 Fr., also


70 Fr. 50 C.
Die Kosten betrugen an Geldleistung per Kil. Ausbeutung
0,25 Fr., daher für 23 1/2 Kil. 5,80 Fr.
Hierzu kommt der Werth des Werges, welches übungsmäßig
ganz dem Besitzer der Anstalt verbleibt, nämlich:
8 Kil. Toppen à 0,12 Fr. 0 Fr. 96 C.
2 „ Schüdders à 0,30 Fr. 0 Fr. 60 C.
1 „ Snuiten à 0,60 Fr. 0 Fr. 60 C.
–––––––––––––––
daher Arbeitskosten 8 Fr. 04 C.
–––––––––––––––
Bleibt ein Reinertrag von 62 Fr. 46 C.
Die Handschwingerei ergab rein 73 Fr. 97 C.
die mechanische Schwingerei dagegen 62 Fr. 46 C.
––––––––––––––––––––
blieben zum Vortheil der Handbereitung 11 Fr. 51 C.
Während also die technische Ueberlegenheit der
Handbereitung.

18 Fr. 27 C.
erreichte, betrug die ökonomische weniger,
aber immerhin doch

11 Fr. 51 C.

In solchem Falle wird kein belgischer Flachsinhaber seinen Röstflachs der mechanischen Bereitung übergeben, er müßte denn aus sonstigen Gründen, z.B. durch die Nothwendigkeit rasch zu verwerthen, dazu bestimmt werden.

Ist aber der Flachs schon von Natur von geringerer Güte, d.h. ist die Faser, sie werde nun mit der Maschine oder mit der Hand gereinigt, nicht hochfein, und geht sie reichlicher in's Werg, so werden die Differenzen, was Ausbeute und Werth der Faser anlangt, für die beiden Bereitungsarten in engere Grenzen zurücktreten, ja vielleicht ganz verschwinden, während die Kosten, weil sich der Flachs im Verhältniß zu seiner Ausbeute schwer arbeitet, zwar auch für beide Bereitungsweisen, aber mehr zu Ungunsten der Handbereitung steigen.

Als technisches Resultat ergibt sich:

100 Kil. Röstflachs, handgeschwungen, gaben:

Langflachs: 20 1/2 Kil. à 2,50 Fr., werth 50 Fr. 75 C.
an Werg: 8 Kil. Toppen à 0,10 Fr. 0 Fr. 80 C.
1 1/2 Kil. Schudders à 0,26 Fr. 0 Fr. 39 C.
1 1/2 Kil. Snuiten à 0,56 Fr. 0 Fr. 84 C.
––––––––––––––––––––
zusammen: 52 Fr. 78 C.
|459|
100 Kil. Röstflachs, mechanisch bearbeitet, ergaben:
Langflachs: 20 Kil. à 2,40 Fr., werth 48 Fr.
an Werg: 9 Kil. Toppen à 0,08 Fr. 0 Fr. 72 C.
1 1/2 Kil. Schüdders à 0,24 Fr. 0 Fr. 36 C.
1/2 Kil. Snuiten à 0,50 Fr. 0 Fr. 25 C.
––––––––––––––––––––
zusammen: 49 Fr. 33 C.
––––––––––––––––––––
Das technische Resultat ist hier nicht mehr als 3 Fr. 45 C.
zu Gunsten der Handbereitung; das wirthschaftlich
Ergebniß:
100 Kil. Röstflachs, mechanisch bearbeitet, gaben eine
Ausbeute von 20 Kil. à 2,40 Fr.
macht einen Brutto-Ertrag von 48 Fr.
Die Kosten sind im Gelde 0,30 Fr. per Kil., also
für 20 Kil. 6 Fr. 00 C.
„ 9 Kil. Toppen à 0,08 Fr. 0 Fr. 72 C.
„ 1 1/2 Kil. Schüdders à 0,24 Fr. 0 Fr. 36 C.
„ 1/2 Kil. Snuiten à 0,50 Fr. 0 Fr. 25 C.
––––––––––––––––––––
7 Fr. 33 C.
––––––––––––––––––––
Bleiben rein 40 Fr. 67 C.
100 Kil. Röstflachs, handgeschwungen, ergaben:
20 1/2 Kil. à 2,50 Fr., macht 50 Fr. 75 C.
an Werg zweiter und dritter Qualität:
1 1/2 Kil. à 0,26 Fr. 0 Fr. 39 C.
1 1/2 Kil. à 0,56 Fr. 0 Fr. 84 C.
––––––––––––––––––––
Brutto-Ertrag: 51 Fr. 98 C.
Die Kosten betragen 0,70 Fr. per Kil.
Langflachs, macht für 20 1/2 Kil. 14 Fr. 70 C.
dazu 8 Kil. Toppen à 0,10 Fr. 0 Fr. 80 C.
––––––––––––
Kosten zusammen: 15 Fr. 50 C.
Bleiben rein: 36 Fr. 48 C.
Die mechanische Bereitung ergab rein 40 Fr. 67 C.
die Handbereitung ergab dagegen rein 36 Fr. 48 C.
––––––––––––––––––––
bleibt zu Gunsten der ersteren ein Vortheil von 4 Fr. 19 C.

D.h. trotz eines technischen Nachtheiles (Minderwerthes des Productes) von 3,45 Fr. per 100 Kil. Röstflachs, ist es um 4,19 Fr. per 100 Kil. Röstflachs wirthschaftlich vortheilhafter, die mechanische Bereitung eintreten zu lassen, oder mit anderen Worten: der Arbeitswerth welcher durch die mechanische Bereitung erspart wird, ist um 4,19 Fr. |460| per 100 Kil. Röstflachs größer als die Werthminderung des Productes durch dieselbe im Verhältniß zur Handbereitung.

In solchen Fällen wird dann die mechanische Bereitung so gewiß vorgezogen werden, als Gewinn und Concurrenz die Production reguliren.

Es ist also wirthschaftlich, die Anwendung der Hand- oder mechanischen Bereitung je nach der Qualität des Rohflaches, erstere beim besten, letztere bei mittlerem und ordinärem Gut eintreten zu lassen.

Diese Ansicht ist auch schon in Belgien ausgesprochen worden.87)

Wahrscheinlich wird die Handbereitung deßhalb sich sehr beträchtlich beschränken und allgemein der mechanischen Schwingerei weichen müssen, ähnlich wie die Handreinigung der Baumwolle nur ausnahmsweise für die besten Sorten angewendet, in der Regel aber durch den Wolf (Teufel) oder die Flackmaschine ersetzt wird.88)

Dieser Proceß wird durch die fortschreitende Verbesserung der Flachsbereitungsmaschinen, deren diese noch sehr fähig und bedürftig sind, durch erhöhte technische Ausbeutungsfähigkeit was Menge und Güte der Faser anbelangt, jedenfalls begünstigt werden.

Man denke nur an die Geschichte der Rübenzuckerfabrication, daß bis zum Jahre 1845 die Darstellung von 1 Ctr. Rohzucker 20 Ctr. grüne Rüben, zehn Jahre später aber nur noch 12 1/2 Ctr. Rüben erforderte.

Aehnlich, wenn auch nicht mit so außerordentlichen Differenzen, mag es mit der die Flachsbereitung betreffenden maschinenmäßigen Technik (und dem von entsprechender Cultur abhängigen Fasergehalt des Flachses) noch kommen.

Die Aufnahme der mechanischen Flachsbereitung wird ferner, abgesehen von fortschrittlich verbesserter Technik, befördert:

a) durch Mangel an Arbeitskräften (Kostspieligkeit derselben) für die Handschwingerei, sey es, daß die gehörige Zahl von Kräften überhaupt, oder doch von tauglichen und willigen Kräften fehle;89) die Landbevölkerung ist im Allgemeinen sehr wenig geneigt, die flandrische oder holländische Handschwingerei aufzunehmen;

b) durch eine Landauftheilung zu Gunsten des mittleren oder großen |461| Besitzes, ohne Vorherrschen des Gesinde- oder Innleutewesens (ein Fall welcher zum Theil mit dem vorhergehenden zusammenfällt);

c) durch Concentrirung des Flachshandels in größeren Händen; hierin und im Verhältnisse sub b) liegt der Grund der Erscheinung, daß von den westflandrischen (Lys-) Flächsen, bekanntlich der kostbarsten Sorte, schon 75 Proc. mechanisch, und nur mehr 25 Proc. mit der Hand bereitet werden, während von den nächst werthvollen blauen Flachsen Ostflanderns (bei zwergwirthschaftlicher Landvertheilung und kleinen Händen) noch 80 Proc. der Hand- und nur erst 20 Proc. der mechanischen Bereitung zufallen;

d) durch landesübliche Unzweckmäßigkeit oder Schleuderhaftigkeit der Bereitung;

e) durch schon vorhandene Arbeits- und Unternehmungstheilung auf dem Gebiete der Flachserzeugung;

f) durch Entwickelung des Sinnes für Unternehmungstheilung überhaupt, durch Unternehmungslust und Eintritt in die neuzeitliche Geldwirtschaft (also durch wirthschaftliche Entwickelung überhaupt);

g) durch Production eines geringeren Stengelflachses;

h) durch sehr reichlichen Flachsbau, besonders für den Handel (Ulster);

i) durch wohlfeile Communicationsmittel (Canalschifffahrt in Belgien, gute Straßen etc.).

Umstände hingegen, welche für Erhaltung oder Aufnahme der rationellen Handbereitung, also gegen Einführung der mechanischen Bereitung Einfluß haben, sind:

α) hinreichende, der Handbereitung kundige und gewohnte oder doch dazu geschickte Arbeitskräfte; aus diesem Grunde wird z.B. in Holland zäher als in Belgien, besonders in Westflandern an der Handschwingerei gehalten;

β) Vorherrschen der Zwerggüter, deren Inhaber (Eigenthümer, Pächter) die Flachsbereitung als winterliche Füllarbeit ausüben (Württemberg);

γ) reichliches Hausgesinde oder Innleutschaft auf mittleren und größeren flachsbauenden Gütern. Weil nämlich in den beiden letzten Fällen, welche gewöhnlich mir einer minder entwickelten Geldwirthschaft zusammenfallen, die häusliche Bereitung gar nicht oder nur sehr gering bewerthet zu werden pflegt, so will der Bauer für seinen Rohflachs ziemlich dasselbe Einkommen erzielt haben, welches ihm der Verkauf des zubereiteten Flachses einbringt, d.h. die Bereitungsanstalt sollte eine Arbeit zahlen, die nicht geleistet wurde; noch weniger hat er Ursache die |462| mechanische Lohnbereitung anzugehen. (Ein in Oesterreich und Deutschland sehr häufiger Grund für den Fehlschlag von Bereitungsanstalten, z.B. im Böhmerwald, Oberösterreich u.s.w.)

δ) Vorhandenseyn einer Classe kleiner, capitalarmer Flachshändler, die zugleich Schwinger sind (Keutses in Ostflandern);

ε) Aufkäuferhandel (z.B. im ganzen herzynischen Flachsgebiet);

ζ) Production hochfeiner Flächse;

η) beschränkte Production für den Hausgebrauch;

ϑ) schlechtes Communicationswesen;

ι) Mangel an tauglichen, frei verfügbaren Motoren.

Wägt man die Momente ab, welche nach Obigem für und wider die beiden Bereitungsarten in verschiedenen Gegenden eintreten, so ergibt sich, daß noch an vielen Orten die Handbereitung eine hinreichend dauerhafte Bestandfähigkeit sich zusprechen darf, um eine Einwirkung im Sinne ihrer rationellen Veredlung zu rechtfertigen, wenn es auch kaum zweifelhaft seyn kann, daß für die große Masse des Handelsflachses die mechanische Bereitung in Zukunft doch zur allgemeinen Geltung kommen muß.

Zweierlei mag noch als volkswirthschaftliche Wirkung der mechanischen Bereitung – ob günstiger oder ungünstiger Art, beurtheilt sich nach den örtlichen Verhältnissen – bemerkt werden:

Eine Folge der Einführung mechanischer Bereitung ist, unter sonst nicht ungünstigen Umständen, die ermöglichte Ausdehnung des Flachsbaues; so trat in Belgien eine Verdoppelung der mit Flachs besetzten Ackerarea, großentheils als Folge der Bereitungsanstalten, seit 20 Jahren (i. J. 1846 nur 29,879 Hektaren, i. J. 1866 aber 57,045 Hektaren) ein, so daß die Handbereitung nach öfter wiederkehrenden Notizen in den belgischen Handelskammerberichten, obgleich die mechanische Bereitung 50 Proc. der Flachsernte an sich gezogen hat, kaum an Umfang und Bedeutung einbüßte. Wir finden eine erstaunliche Elasticität in der Ausdehnung des Flachsbaues in Irland wo die mechanische Bereitung überwiegend ist, dagegen eine verhältnißmäßige Stetigkeit desselben in Holland bei ausschließlicher Handschwingerei.

Endlich neigt die mechanische Bereitung, im Gegensatze zur Maschine, im Allgemeinen nicht zur städtischen Concentrirung, woran sie der voluminöse Rohstoff hindert; sie ist also geeignet, den Zug der ländlichen Bevölkerung zur städtischen Volksanhäufung zu vermindern90) und der Landwirtschaft die sommerlichen Arbeitskräfte ebenso zu erhalten wie die Handbereitung.

Unter maschinenmäßiger Bereitung ist hier voraus die mechanische Bereitung z.B. in Bereitungsanstalten, also die Maschinenschwingerei mit Riemenbetrieb zu verstehen, da die Handmaschinenschwingerei doch nur von nebensächlicher Bedeutung ist.

|454|

Flächse welche auf der Maschine (gebrecht und) geschwungen sind, heißen Maschinenflächse; solche die mit der Hand geschwungen sind, gleichviel ob das Brechen mittelst Werkzeuges oder Maschine geschah, heißen Handflächse.

|454|

Der lässige Handschwinger bringt zwar wenig fettig, schont aber den Flachs und macht eine große Ausbeute an Langflachs; der lässige Maschinenschwinger zerschlägt und verdirbt den Flachs zu Werg.

|455|

In diesem Sinne ist es richtig, was Felhoen-Pequeriau (Recherches et expériences) sagt: „Die mechanische Schwingerei ist darin der Handschwingerei überlegen, daß ihre Ausbeute an Langflachs aus demselben Flachsstroh bei allen Arbeitern annähernd dieselbe ist. Von der Handschwingerei wäre dieß zu viel verlangt; denn die Kraft des Armes welcher das Schwingbeil führt, ist selbstredend bei jedem Arbeiter eine andere, der eine reinigt den Flachs etwas mehr, der andere etwas weniger; die Ausbeute ist bald höher bald geringer, ihrer Güte nach bald geschmeidiger bald spröder. Allein was hier ein natürlicher Mißstand ist, wäre dort reine Fahrlässigkeit.“

|456|

Kortryker Handelskammerbericht v. J. 1868.

|456|

So bewirkte die Erschöpfung der Spinnerei-Vorräthe i. J. 1868 von October bis December eine Preissteigerung des Flachses um 50 Proc.

|456|

Der Nachtheil holländischer Flachseigner in Folge verspäteter Anfuhr beträgt nicht selten 20–25 Proc. (Mededeelingen van het Bestuur der Maatschappij ter bevordering der Vals-Industrie, No. 3 p. 9.)

|457|

Toppen sind das Fallwerg welches sich beim Vorschwingen ergibt (émonchures de la dernière qualité); Schudders das Fallwerg am Reinschwingstand (émonchures de moyenne qualité), von schudden = secouer; Snuitjes oder Snuiten das Werg welches der Feinschwinger auszieht (émonchures de première qualité); Kammerlingen ergeben sich bei der Aufmachung (opmaking, bottelage) und sind werthvoller als Hechelwerg (etoupes de peignage).

|460|

Kortryker Handelskammerbericht v. J. 1868.

|460|

Karmarsch's mechanische Technologie, vierte Auflage, S. 1049.

|460|

Je mehr z.B. Irland durch die Auswanderung tauglicher Kräfte beraubt wurde, desto mehr mußte die Flachsbereitung der Maschine anheimfallen, wie dieß in der That in ungewöhnlichem Maaße der Fall ist.

|462|

Kortryker Handelskammerbericht v. J. 1868.

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