Titel: Ueber J. Heberlein's Bremsapparat zum schnellen Bremsen eines Eisenbahnzuges.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 207/Miszelle 3 (S. 81–82)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj207/mi207mi01_3

Ueber J. Heberlein's Bremsapparat zum schnellen Bremsen eines Eisenbahnzuges.

Auf der hessischen Ludwigsbahn haben im December 1872, wie das „Frankfurter Journal“ berichtet, interessante Versuche mit der neuen Heberlein'schen Bremsvorrichtung stattgefunden, mittelst welcher ein ganzer Eisenbahnzug augenblicklich zum Stehen gebracht werden kann. An einem Extrazug mit einer Maschine und acht großen sechsachsigen Personenwagen warm die beiden mittleren Wagen damit versehen. Die mit einem Hebelruck leicht in Bewegung zu setzende Hemmvorrichtung brachte den Zug zwar sofort zum Stehen, die Räder der Maschine mahlten dagegen noch einige Minuten fort. Uebersteigt das Gewicht des Zuges das der Maschine nicht, so ist das Weiterschleifen des Zuges zu befürchten; ebenso bleibt noch die Frage zu lösen: ob bei einem plötzlichen Halt des Zuges, namentlich in Folge ganz unvorhergesehener Gefahr- und Nothsignale, nicht ein Aufeinandersteigen der Wagen doch noch möglich ist.

Die Versuche auf der Ludwigsbahn werden deßhalb noch fortgesetzt, und zwar |82| wird der Angriff der Mechanik auf die Maschine verlegt und der letzte Wagen des Zuges auch mit der Vorrichtung versehen. Dieselbe besteht im Wesentlichen aus in einem festen Gehäuse eingeschlossenen Rollen, von welchen je eine durch Auslösung im Moment der Noth auf die Mitte der Räderachsen gleichzeitig wirkt, so daß nach einem in der Mechanik längst bekannten Gesetze die entgegengesetzte Bewegung der nur auf eine halbe Umdrehung freien Rolle die Umdrehung der Radachse mit der mehr als achtfachen Kraft paralysirt, und um so rascher, je rascher sich die Radachse umdreht.19) Eine Hauptsache ist bei der Vorrichtung die Beschaffenheit des Materiales. Bei den indessen günstig verlaufenen Versuchen war die Kraftentwickelung so stark, daß mehr als zolldicke Eisenstangen zerbrachen.

Nach Ansicht erfahrener Techniker wird mit solchen Vorrichtungen und der bevorstehenden Einführung auch der (Explosions-) Schlagsignale die Gefahr noch nicht gründlich beseitigt. Man hält vielmehr die Anzahl der Sicherheitsapparate bereits für so bedeutend, daß ihre Beobachtung und deren Anwendung auf den Dienst, ganz abgesehen von der mit ihrer Zahl wachsenden Gefahr der Mißverständnisse, mehr Aufwand an Intelligenz, an Personal und Mitteln erfordert als bei einer der Sicherheit dienlicheren vereinfachten, auf strenge Pünktlichkeit, Intelligenz, Umsicht und in jeder Kategorie ausreichende Personalkräfte gestützten Betriebsordnung des Eisenbahnwesens aufzuwenden wären. Zur Durchführung einer solchen Reform müßten bei Anstellung des Personals vielfach andere Gesichtspunkte als bisher maßgebend werden.

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Man sehe die Beschreibung der patentirten Heberlein'schen Bremsvorrichtung (mit beigegebener Zeichnung) im polytechn. Journal Bd. CCVI S. 252 (zweites Novemberheft 1872).

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