Titel: Ueber die Verwendung von Stahl zu Dampfkesseln, speciell zu Locomotivkesseln; von R. Haswell.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 207/Miszelle 1 (S. 337–338)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj207/mi207mi04_1

Ueber die Verwendung von Stahl zu Dampfkesseln, speciell zu Locomotivkesseln; von R. Haswell.

Ueber die Verwendung von Stahl zu Kesseln bemerkte R. L. Haswell, Ingenieur der österreichischen Staatsbahngesellschaft, im „österreichischen Ingenieurverein“, daß dieselbe durch die in neuerer Zeit wieder eingetretenen Katastrophen mehr und mehr gefährdet werde. Man schreibe dem Material allein die vorgekommenen Unfälle zu, nach Haswell's Ansicht dürfte jedoch deren Ursache vielmehr in der Verarbeitung der Bleche zum Kessel einerseits, andererseits wieder in der zu geringen Stärke liegen, welche man den Blechen gegeben, und speciell auch in der nicht genügenden Sortirung der Bleche vor der Verwendung. Die Maschinenfabrik der Staatsbahn hat bereits nahezu 50000 Ctr. Neuberger Stahlbleche zu Kesseln verwendet, und darunter zeigten sich nur 200 Ctr. Ausschuß, welcher während der Fabrication der Kessel gemacht wurde. Haswell kennt nur fünf Fälle, wo solche Kessel Risse bekommen haben, und zwar zeigten sich bei vier derselben Risse an der Feuerbüchse-Platte, bei einem am cylindrischen Theil. Die fehlerhafte Beschaffenheit glaubt Haswell dadurch erklären zu müssen, daß die betr. Bleche zu warm gewalzt wurden. Es ist dieß ein Zeichen, daß man selbst bei Anwendung von Stahlblechen aus den renommirtesten Werken und von erster Qualität nicht mit Sicherheit arbeiten kann, ohne die sorgfältigste Sortirung vorzunehmen, denn selbst bei dem besten Willen des Hüttenmannes kann es sehr leicht vorkommen, daß bei einer großen Lieferung von Blechen eine oder mehrere Platten beim Hitzegeben verdorben worden sind. In der Maschinenfabrik der Staatsbahn sind bisher von allen jenen Platten, welche gebogen werden, Bruchproben gemacht worden und so ist denn auch nur bei einer Maschine (unter 350) im cylindrischen Theil des Kessels |338| eine Platte gerissen. Bei den Feuerbüchseplatten wurden bisher keine Bruchproben genommen und hier ist es auch, daß die vier anderen Kessel schadhaft geworden sind. Trotzdem, daß diese Bleche gewissermaßen ihre Festigkeit und auch Dehnung durch das Ueberhitzen verloren hatten, wären sie doch wahrscheinlich nicht gerissen, wenn die Construction der Maschinen, nämlich die Kesselstützen, nicht eine kolossale Inanspruchnahme mit sich brächten.

Um Stahlkessel zu erhalten, welche allen Anforderungen entsprechen, soll man neben einer angemessenen Verstärkung der Blechdicke nur solche Bleche verwenden, bei denen man mit Gewißheit darauf rechnen kann, daß sie aus dem besten Stahl (ohne allen Zusatz erblasen, denn sonst ist der Stahl nicht homogen) erzeugt sind, die Bleche so reich wie möglich bestellen, eine gewissenhafte, genaue Sortirung nach dem Bruchansehen, wie auch mechanische Proben im kalten Zustand einführen, bei der Kesselerzeugung die Platten nach dem Bohren oder Lochen sorgfältig ausglühen, bei dem Vernieten mit pedantischer Vorsorge vorgehen, das Biegen der Platten nur mit hölzernen Hämmern bewerkstelligen lassen und endlich durchaus kein Verstemmen unter Wasserdruck gestatten.

Den Beweis, daß Stahlplatten, wie sie in Oesterreich zu Gebote stehen, doch von vorzüglicher Qualität sind, liefert die in Oesterreich übliche Kesselconstruction, bei der die Rohrwände, Feuerbüchse-Vorderwand, Tomdeckel etc. bloß gebördelt sind, während man in England seit jeher bei Verbindungen immer Winkeleisen anzuwenden genöthigt ist. Stahlplatten haben den Eisenplatten gegenüber den großen Vortheil, nach allen Richtungen nahe gleiche Dehnbarkeit zu besitzen (12 bis 15 Proc.); bei Eisenplatten jedoch zeigt sich nach Kirkaldy dieselbe in der Richtung der Faser zu ca. 15 Proc., quer derselben jedoch nur zu 5 Proc.

Wenn man in angedeuteter Weise verfährt, so kann man nach Haswell's Ansicht mit voller Sicherheit Stahlkessel verwenden. Der Kesselfabrikant erzeugt gern Kessel aus Stahl, denn er hat weniger Ausschuß mit den Platten, die Bahnen andererseits werden den Vortheil haben, besser gearbeitete, sicher auch endlich billigere und jedenfalls auch festere Kessel zu haben.

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