Titel: Eine Dampfkessel-Explosion im Kleinen; von Dr. Graeger.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 207/Miszelle 2 (S. 338–339)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj207/mi207mi04_2

Eine Dampfkessel-Explosion im Kleinen; von Dr. Graeger.

Der Verf. erhitzte in einem Kochfläschchen, welches auf einem Drahtnetze stand, über der Weingeistlampe eine wässerige Flüssigkeit, die aber 5 Proc. Zucker und ebensoviel Gummi enthielt. Zuvor war von dieser Flüssigkeit Weingeist abdestillirt und nach dem vollständigen Erkalten in das Fläschchen gefüllt worden. Es dauerte, ehe die Flüssigkeit über der Lampe in's Kochen kam, wie es schien, ungewöhnlich lange, und der Verf. war eben im Beg, nach dem Fläschchen zu greifen, als dasselbe mit einem pistolenschußähnlichen Knalle vor seinen Augen verschwand, und zwar nicht in verticaler, sondern in horizontaler Richtung, dabei zwei große Bechergläser zertrümmerte und deren Splitter, zum Theil durch Rückprall, durch das ganze, ziemlich große Zimmer zerstreute. Natürlich glaubte er, daß bei der Explosion auch das Kochfläschchen zertrümmert worden sey; dem war jedoch nicht so, vielmehr fand es sich, bis auf eine ganz kleine Stelle im Ausgußrande, völlig unversehrt; wo sein Inhalt, etwa 50 Kubikcentimeter geblieben, war unerfindlich. Offenbar hatte die Flüssigkeit eine weit über ihre Siedhitze hinausgehende Temperatur angenommen, und vielleicht war eine sehr geringe Erschütterung hinreichend gewesen oder hatte die Veranlassung gegeben, sie momentan in Dampf zu verwandeln. Es wird ausdrücklich bemerkt, daß die Flüssigkeit vollkommen klar war und auch nicht die Spur eines Absatzes zeigte. Aus den Versuchen Anderer ist es bekannt, daß luftfreie Flüssigkeiten, ehe sie zum Sieden kommen, eine weit über ihren Kochpunkt hinausgehende Temperatur annehmen können. Und so ist's auch hier der Fall gewesen; während der Destillation war alle Luft ausgetrieben worden und die Flüssigkeit hatte auch dadurch, daß sie unter Luftabschluß erkaltet war, nicht Gelegenheit gefunden, wieder Luft aufzunehmen. Bei alledem ist es sonderbar, daß Derartiges nicht schon öfter beobachtet worden ist, namentlich findet es der Verf. auffallend, daß ihm nicht selbst, obgleich er seit 20–30 Jahren fast jeden Tag Flüssigkeiten über der Weingeistlampe zum Kochen gebracht hat, schon ein ähnlicher Fall begegnet ist; vielleicht ist die Gestalt oder die Beschaffenheit der Glasflaschen, ob völlig glatt oder mit kleinen Erhabenheiten, von Einfluß auf das |339| Ausbleiben oder Eintreten einer solchen Erscheinung. Man kann aber auch eine heilsame Lehre hieraus ziehen: man soll Flüssigkeiten, von denen anzunehmen ist, daß sie luftfrei sind, nicht zum Kochen erhitzen wollen, bevor man sie nicht anhaltend mit Luft geschüttelt hat. (Böttger's polytechnisches Notizblatt, 1873, Nr. 1.)

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