Titel: Ueber die sogenannte Selbstentzündbarkeit der rauchenden Salpetersäure; von Knud Lund in Harburg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 207/Miszelle 9 (S. 512–514)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj207/mi207mi06_9

Ueber die sogenannte Selbstentzündbarkeit der rauchenden Salpetersäure; von Knud Lund in Harburg.

In der letzten Zeit ist von verschiedenen Eisenbahndirectionen die Bestimmung getroffen worden, rauchende Salpetersäure auf ihren Bahnstrecken nicht zu befördern. In der Bekanntmachung, die mir zur Kenntniß gekommen ist („Technisch commercielle Zeitung Nr. 31) heißt es wörtlich: „Es hat sich herausgestellt, daß rauchende Salpetersäure ganz besonders der Selbstentzündung, resp. Explosion, unterworfen ist. Wir haben deßhalb diesen Artikel, gleichviel in welcher Verpackung, von der Beförderung auf mehreren Bahnlinien ausgeschlossen“ (cfr. Abtheilung B. §. 313 des Betriebsreglements für die Eisenbahnen Deutschlands).

Die enorme Tragweite einer solchen Bestimmung ist in's Auge springend. Nicht allein die Fabrikanten der Salpetersäure, sondern auch alle diejenigen welche Salpetersäure verwenden, werden dadurch mehr oder weniger berührt. Ich glaube daher, es sey geboten diese Erklärung etwas näher zu beleuchten.

Zuerst wirft sich die Frage auf, was ist rauchende Salpetersäure? Die meisten Verfasser chemischer Werke nennen nur die concentrirte Säure rauchend, deren spec. Gewicht über 1,500 beträgt (Graham-Otto, Strecker etc.), während andere auch schwächere Säure rauchend nennen; so schreibt z.B. Schwarzenberg (Bolley's |513| Handbuch der chemischen Technologie, Bd. II S. 282.): „Außerdem wird eine rothe rauchende Salpetersäure im Großen bereitet, welche veränderliche Mengen von Wasser und von Untersalpetersäure enthält, der sie ihre Farbe und die Eigenschaft rothe Dämpfe auszustoßen verdankt.“ Ferner derselbe S. 286: „die rothe rauchende Salpetersäure hat in der Regel ein spec. Gewicht von 1,5 oder 49° Baumé, ist aber auch oft bedeutend schwächer.“ Hiernach wäre alle Salpetersäure, welche rothe Dämpfe ausstößt, als rauchende zu betrachten, während nach Anderen sie nur unreine Säure zu nennen sey. Es wäre daher wohl nöthig, daß die verehrlichen Eisenbahndirectionen näher bezeichneten, welche Eigenschaften die rauchende Salpetersäure Ihrer Meinung nach besitzen müsse, und vor Allem, welche Stärke sie der nichtrauchenden beimessen, denn bis jetzt fehlt es an einer bestimmten Grenzlinie zwischen einer Säure die man rauchend und einer, die man nichtrauchend nennt.

Es heißt ferner, daß rauchende Salpetersäure der Selbstentzündung, resp. Explosion, ganz besonders unterworfen sey. Dieß ist offenbar eine ganz falsche Ausdrucksweise, denn ein Stoff ist nur in sofern brennbar, als er im Stande ist, sich mit Sauerstoff zu vereinigen; nun ist aber die Salpetersäure die höchste Oxydationsstufe des Stickstoffes, die wir bis jetzt kennen, und ist in Folge dessen als unverbrennbar, resp. unentzündbar, zu betrachten. Der Ausdruck „Selbstentzündung“ soll also wohl Bezug haben auf die Eigenschaft der Säure, die Verpackung in Brand zu setzen; ich habe daher der Wichtigkeit für die gesammte Salpetersäureindustrie wegen eine Reihe von Versuchen angestellt mit reiner concentrirter Salpetersäure, deren spec. Gewicht 1,505 war, deßgleichen mit rother rauchender Säure von einem spec. Gewicht von 1,520 und einem Untersalpetersäuregehalt von 3,51 Procent, um zu untersuchen, ob eine damit imprägnirte Verpackung von Stroh, Sägespänen, Korbgeflecht u.s.w. Veranlassung zu einer Selbstentzündung gebe.

Die Versuche wurden in folgender Weise ausgeführt:

1) In einer geräumigen Schale wurden 100 Gramme feingeschnittenes Stroh ausgebreitet und darauf 100 Gramme Salpetersäure tropfenweise zugegossen. Es erfolgte ein lebhaftes Ausströmen rother Dämpfe, und zwar um so lebhafter, je mehr Untersalpetersäure in der Säure enthalten war, bis zu einer Entflammung aber erhob die Oxydation sich nicht. Durch die Einwirkung der Säure schwärzte sich das Stroh, ähnlich wie durch concentrirte Schwefelsäure Holz und ähnliche organische Stoffe verkohlen und die allgemein bekannten Zersetzungsproducte aufzutreten Pflegen. Während des Rührens stieg die Temperatur bei Anwendung reiner Säure auf 43° Cels. (Durchschnittstemperatur von 3 Versuchen), bei rother Säure auf 51° Cels. (Durchschnittstemperatur von 7 Versuchen). – Die zum Theil verkohlte Masse wurde mit Wasser ausgelaugt, um die überflüssige Säure und Zersetzungsproducte zu entfernen. Die restirende Masse zeigte noch einige gelbroth gefärbte Strohhalme, die also noch nicht vollständig zersetzt waren. Auf keinerlei Weise war es nur möglich, mit dieser Masse eine Explosion oder nur Entzündung hervorzurufen; in einem porzellanenen Tiegel entzündete das Stroh sich erst bei Rothglühhitze, während die Kohlenpartikel des Zersetzungsproductes nur äußerst schwierig verbrannten.

2) Ueber 100 Gramme Stroh wurden 200 Gramme Salpetersäure geschüttet. Die Erscheinungen waren hier fast dieselben, das Ausstoßen von rothen Dämpfen etwas lebhafter; aber zur Entflammung kam es nicht. Die Temperaturerhöhung war etwas größer, und zwar betrug sie bei reiner Säure 49° Cels. (Durchschnitt von 5 Versuchen), bei rother Säure 55° Cels. (Durchschnitt von 7 Versuchen.)

3) Dieselben Versuche wurden mit ähnlichen Quantitäten Sägespäne und Sackleinwand angestellt. Eine Temperaturerhöhung war auch hier wahrnehmbar, erreichte aber in keinem Versuche 65° Cels., eine Temperatur welche weit entfernt von der Entzündungstemperatur der betreffenden Substanzen ist.

4) Ein Knäuel Stroh (ein Läppchen Sackleinwand) wurde den Dämpfen der Untersalpetersäure 48 Stunden lang ausgesetzt. Weder durch Reibung noch durch Schlag glückte es mir, eine Selbstentzündung hervorzurufen; nur durch Erhitzen bis zur Rothglühhitze oder durch Berührung mit einer glühenden Kohle erfolgte eine Entzündung, die auch, namentlich bei Hin- und Herschwenken in der Luft, ziemlich lebhaft fortdauerte und nur Asche zurückließ.

Schließlich noch Folgendes. Ich war zufällig anwesend, als einige Ballons Salpetersäure, deren Stärke ich kurz vorher zu 1,498 bei 16° Cels. und deren Untersalpetersäuregehalt |514| zu 0,37 Procent ermittelt hatte, auf einen Wagen gehoben wurden. Durch ein Versehen fiel ein Ballon vom Wagen herab und zerschmetterte. Es erfolgte eine außerordentlich lebhafte Entwickelung von rothen Dämpfen, aber trotz dieses großen Quantums verschütteter Säure (der Ballon enthielt 100 Kilogrm.) konnte ich keine Spur von Entflammung entdecken. Nachdem die Säure durch Wasser weggespült war, zeigten sich das Stroh und Korbgeflecht ganz zerfressen und zum Theil verkohlt.

Nach diesen Versuchen und Beobachtungen glaube ich die Richtigkeit der oben erwähnten Angabe der Bahndirectionen bezweifeln zu müssen. Durch gute Verpackung kann sicherlich nur eine geringe Dampfmenge, in besonderen Fällen vielleicht auch einige Tropfen Säure entweichen und vom Stroh u.s.w. aufgefangen werden. Dieß ist aber lange nicht im Stande eine Entzündung zu veranlassen, wenn nicht Feuer von Außen her hinzutritt. Sollte irgend einmal eine Entzündung beim Transport von Salpetersäure vorgekommen seyn, dann ist es viel wahrscheinlicher, daß diese von Außen veranlaßt worden, als daß sie von einer Selbstentzündung herrühre. Wenn die Säure z.B. auf offenen ungedeckten Wagen transportirt wird, kann außerordentlich leicht ein Funke von der Locomotive her auf's Stroh fallen, und eine Entzündung ist in diesem Falle dann nicht allein möglich, sondern sogar wahrscheinlich, denn die Strohverpackung der Salpetersäure ist nicht selbstentzündbar, wohl aber feuergefährlich.

Bemerkenswerth ist ferner, daß – so weit mir bekannt – noch kein Salpetersäurefabrikant jemals bemerkt hat, daß ein Gefäß mit Salpetersäure sich entzündet habe, wenn nicht vielleicht durch Unvorsichtigkeit, Muthwillen oder Frevel, brennende Körper darauf geworfen wurden.

Vorstehendes, glaube ich, dürfte einiges Interesse sowohl für die Eisenbahndirectionen, wie für die Fabrikanten haben und es sollte mich freuen, wenn von noch competenterer Seite ausgesprochen würde, unter welchen Umständen eine Selbstentzündung, resp. Explosion, durch rauchende Salpetersäure (nicht Salpetersäure mit Schwefelsäure gemischt) hervorgerufen werden könne; es steht ferner zu hoffen, daß die betreffenden Eisenbahndirectionen uns belehren werden, auf welche Weise es sich herausgestellt hat, daß diese in Frage stehende Säure einer Selbstentzündung unterworfen ist. (Böttger's polytechnisches Notizblatt, 1873, Nr. 2.)

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