Titel: Holmes' Motor für Nähmaschinen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 208, Nr. XXVIII. (S. 99–100)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj208/ar208028

XXVIII. E. Holmes' Motor für Nähmaschinen.

Nach Engineering, März 1873, S. 193.

Mit Abbildungen auf Tab. III.

Schon seit geraumer Zeit hat sich das Bedürfniß einer wohlfeilen Triebkraft für Nähmaschinen und andere kleine Maschinen geltend gemacht. Viel Scharfsinn ist zur Erreichung dieses Zweckes aufgewendet worden. Die hierauf hinzielenden Vorrichtungen lassen sich in zwei Classen theilen, nämlich in eigentliche Motoren und in Kraftmagazine oder Constructionen worin ein kurzandauernder aber beträchtlicher Kraftaufwand gleichsam aufgespeichert wird, um in Form einer geringeren Kraft für eine längere Periode nutzbar verwendet zu werden.

Als Triebkräfte der ersten Classe hat man kleine Turbinen, deren Aufschlagwasser aus den gewöhnlichen Wasserleitungsröhren bezogen wurde, ferner kleine Dampfmaschinen, sowie Gaskraftmaschinen oder elektromagnetische Apparate empfohlen; von allen diesen Vorrichtungen ist aber unseres Wissens keine einzige in allgemeineren Gebrauch gekommen.

Die Motoren der zweiten Classe gründeten sich mit nur wenigen Ausnahmen auf die Expansivkraft von Stahlfedern, welche aus freier Hand aufgezogen wurden und die Nähmaschine in Gang setzten.

In diese Kategorie gehört nun auch die von Joseph Ellicot Holmes in London (12, Buckingham-street, Strand) erfundene und demselben patentirte Anordnung, welche sich jedoch von den vorhergehenden in folgenden wichtigen Punkten unterscheidet. Anstatt nämlich die Kraft mittelst Spannung oder Compression von Stahlfedern, oder Hebung todter Gewichte aufzuspeichern, bietet sich hier als Agens der Druck der atmosphärischen Luft auf die Oberfläche eines in einem Cylinder beweglichen Kolbens dar, unter dem ein Vacuum erzeugt worden ist. Diese Einrichtung gewährt den Vortheil, daß man in einer verhältnißmäßig leichten Maschine über eine unveränderliche Kraft verfügen kann, welche längs einer beliebigen Strecke wirksam ist. Nehmen wir z.B. ein Vacuum von 14 Pfund per Quadratzoll unter einem Kolben von 9 Zoll Durchmesser an (und es ist mit dem Apparat ein vollkommenes Vacuum möglich), so beträgt der Druck der Atmosphäre auf diesen Kolben 890 Pfd.; er ist also einem todten Gewichte von ungefähr 8 Centnern gleich, während das Gewicht der zur Erzielung dieses Resultates dienenden Theile nur sehr mäßig ist. Da ferner die Kraft während des ganzen Hubes |100| eine constante ist, so braucht man nicht, wie bei den Stahlfedern mit ihrem veränderlichen Widerstande, zu Schnecken und dergleichen Vorrichtungen seine Zuflucht zu nehmen, um die Kraft auszugleichen.

Fig. 10 stellt den Holmes'schen Motor in der Vorderansicht und Fig. 11 in der Endansicht dar. A ist ein hohler, unten geschlossener Cylinder von geeignetem Durchmesser und zweckdienlicher Länge, worin sich ein Kolben B frei aber vollkommen luftdicht bewegt. Von diesem Kolben läuft eine Kette C über eine Rolle D nach der Trommel E. Ein an die Achse der letzteren befestigtes Zahnrad greift in ein Getriebe, dessen Achse F man mittelst einer Kurbel P in Umdrehung setzt, um den Kolben vom Boden bis zur Mündung des Cylinders zu heben. Die Stelle der Kette kann auch eine Zahnstange vertreten. Die Achse F ist durch eine Kuppelung mit einem Rädersystem verbunden, dessen Verhältnisse so gewählt sind, daß jede dem ersten Rade mitgetheilte Geschwindigkeit an der letzten Achse H, welche direct oder indirect mit der Nähmaschine in Verbindung steht, bedeutend vervielfacht erscheint. H' ist ein mit der Treibrolle der Nähmaschine correspondirendes Schwung- und Riemenrad, welches mit Rinnen von verschiedenen Durchmessern versehen seyn kann, um die Geschwindigkeit nach Bedürfniß reguliren zu können.

Wenn nun der Kolben B, welcher wie gesagt luftdicht in den Cylinder paßt, in die Höhe gezogen wird, so entsteht unter demselben ein luftleerer Raum; er wird daher durch den vollen Druck der Atmosphäre niedergepreßt, und diese Kraft ist es, welche durch Vermittelung des vorhin erwähnten Räderwerkes die Nähmaschine in Gang setzt. An dem Rade H' ist eine einfache Bremsvorrichtung angebracht, welche fortwährend in Thätigkeit ist, und nur durch den Druck des Fußes auf den Tritt außer Wirksamkeit kommt, so daß man die Bewegung der Nähmaschine stets in seiner Gewalt hat.

Mit einem Motor dieser Art läßt sich bei 2 Fuß Kolbenhub und 9zölligem Cylinder eine Kraft von ungefähr 1800 Fußpfund ansammeln, wobei der Kolben durch 82 Kurbeldrehungen in 1 Minute gehoben wird. Diese Kraft reicht hin, um mit einer Nähmaschine ungefähr 5000 Stiche zu machen, oder ein Stück von ungefähr 7 bis 8 Yards zu nähen.

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