Titel: de Haën, über die radicale Beseitigung des Kesselsteines.
Autor: Haën, E. de
Fundstelle: 1873, Band 208, Nr. LXIV. (S. 271–281)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj208/ar208064

LXIV. Ueber die radicale Beseitigung des Kesselsteines von Dr. E. de Haën, Fabrikant chemischer Producte in List vor Hannover.

Mit Abbildungen auf Tab. VI.

Die Bestandtheile des Dampfkesselspeisewassers, welche beim Verdampfen sich unlöslich abscheiden und Kesselstein bilden, resp. als Kesselsteinbilder in Betracht kommen, sind kohlensaurer Kalk und Gyps. Einem Wasser also, welches die Fähigkeit, durch Verdampfen Kesselstein zu bilden, verlieren soll, müssen diese Salze entzogen werden, bevor es in den Kessel gelangt.

Kohlensaurer Kalk ist in klarem Speisewasser als löslicher, zweifach kohlensaurer Kalk enthalten; fügt man nun die gleiche Menge Aetzkalk (Kalkmilch) zu, so bilden sich 2 Theile unlöslichen, einfach kohlensauren Kalks, die als Niederschlag zu Boden sinken. Das überstehende klare Wasser ist hiernach vollkommen frei von kohlensaurem Kalk.

Kalk Kohlensäure
Kohlensäure
= 1 Atom im Wasser gelöster doppelt-kohlensaurer
Kalk
Kalk
Kalk (als Kalkmilch
zugefügt.)
Kohlensäure

Kohlensäure
2 Atome unlöslicher, einfach kohlens.
= Kalk, der sich als Niederschlag zu
Boden setz.

Wenn nun das Wasser nicht in der angegebenen Weise gereinigt wird, so erfolgt derselbe Proceß im Kessel, indem durch die Wärme 1 Theil Kohlensäure mit dem Wasserdampf gasförmig entweicht und der andere Theil mit Kalk verbunden als unlöslicher Kesselstein zurückbleibt.

Gyps oder schwefelsaurer Kalk ist ein in Wasser sehr schwer löslicher Körper, 500 Pfund Wasser können nur 1 Pfund Gyps lösen. Wenn nun ein Speisewasser in 1000 Pfund 1/2 Pfund Gyps enthält, so muß sich im Dampfkessel Gyps als Kesselstein ausscheiden, sobald drei Viertel des Wassers verdampft ist. Praktisch ausführbar können wir nun den Kalk des Gypses nicht wie den des doppelt-kohlensauren Kalks vollkommen aus dem Wasser entfernen, dagegen können |272| wir demselben die Schwefelsäure entziehen und den Gyps in ein, überaus leicht lösliches, den Kesselwandungen völlig unschädliches Salz, in Chlorcalcium verwandeln. Hierzu dient uns das Chlorbaryum

Kalk und Schwefelsäure = Gyps
Baryum und Chlor = Chlorbarium

geben vereinigt unlöslichen schwefelsauren Baryt, der sich mit dem vorhin erwähnten kohlensauren Kalk zu Boden setzt, und Chlorcalcium, welches im Wasser gelöst bleibt.

50 Theile Wasser lösen 100 Theile Chlorcalcium
50000 „ Wasser lösen 100 „ Gyps.

Wenn also ein Kessel täglich einmal seinen Inhalt verdampft, so muß sich nach Verlauf von 3–4 Tagen täglich von 100 Kubikfuß Speisewasser mittleren Gypsgehalts circa 2 Pfd. Gyps als Kesselstein oder Schlamm abscheiden, während ein mit gereinigtem Wasser, welches nur Chlorcalcium enthält, gespeister Kessel 5–8 Jahre in Betrieb sein könnte, bevor sich Chlorcalcium als unlöslich abscheidet.

Ich habe oben gesagt, daß praktisch ausführbar die Entfernung des im Gyps enthaltenen Kalks nicht möglich sei und will damit hauptsächlich bezeichnen, daß durch die von anderer Seite empfohlene Fällung desselben mit Soda der beabsichtigte Zweck nur unvollkommen erreicht wird.

Indem ich nun das Grundprincip der Methode nochmals dahin zusammenfasse, daß dem Speisewasser vor dem Eintritt in den Kessel die kesselsteinbildenden Bestandtheile entzogen werden müssen, gehe ich zur Ausführung über.

Die Methode bedingt je nach Größe des Betriebes ein oder mehrere Gefäße zum Reinigen des Wassers und ein Reservoir, aus welchem die Speisepumpe das gereinigte klare Wasser entnimmt. Beide Gefäße müssen so übereinandergestellt sein, daß der Inhalt des oberen vollkommen in das untere abfließen kann, wobei das letztere zweckmäßig in die Erde eingelassen wird, so daß die Oberkante mit dem Fußboden abschneidet.

Von einer specielleren Beschreibung dieser Gefäße sehe ich ab, da Form, Größe und Arrangement derselben sich gar zu sehr nach dem Betriebe, nach der Localität und den etwa bereits vorhandenen Reservoiren richtet, außerdem haben bereits mehrere Maschinenfabriken, unter andern die Holler'sche Carlshütte in Rendsburg, die Herstellung passender Reinigungsapparate in die Hand genommen.

Die nebenstehende Zeichnung gibt die in meiner Fabrik in Thätigkeit befindliche Einrichtung zur Reinigung von 10000 Kubikfuß Speisewasser pro Tag wieder.

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Die höherstehenden Gefäße a und b werden, wenn irgend möglich, mit durch abgehenden Dampf vorher erwärmtem Speisewasser gefüllt. Dieselben tragen 6'' vom Boden Hähne d zum Ablassen des geklärten Wassers in c und am Boden bei e, e Hähne zum Ablassen des Schlammes. Möglichst zur Hand stellt man nun die beiden, Kalkmilch und Chlorbarium enthaltenen Gefäße.

Kalkmilch. – Ein guter, fetter Mauerkalk wird mit nicht zu wenig Wasser zu einem dünnen zarten Brei gelöscht und ein 3–400 Liter fassendes, oben offenes Faß, welches in 1/3 seiner Höhe einen hölzernen Hahn trägt, bis zur Höhe dieses Hahns damit angefüllt. Bevor man nun dem Fasse Kalkmilch entnimmt, füllt man dasselbe nahezu voll Wasser, rührt mit einem hölzernen Rührer beigezeichneter Form tüchtig um, so daß eine gleichmäßige Milch entsteht und zapft nach etwa einer halben Minute, in welcher sich die schwerem Theile zu Boden setzen, die Milch in einen Eimer zum Gebrauche ab. Befolgt man diese Vorschrift genau, so wird man in einem Eimer stets nahezu die gleiche Menge Kalk ausfüllen, wodurch manche nachherigen lästigen Controllversuche unnütz werden. Täglich fügt man dann möglichst ebensoviel Kalkbrei nach als der verbrauchten Kalkmilch entspricht.

Chlorbarium. – In einem, dem vorigen gleichen Fasse werden 100 Pfd. Chlorbarium in circa 500 Pfd. Wasser unter Umrühren gelöst. Ist die vollkommene Lösung erfolgt, so bedarf es beim Gebrauch nicht des Umrührens, da dieselbe gleichmäßig ist und sich nicht verändert.

Für die Behandlung des Wassers gebe ich nun zunächst folgende Grundregeln und Erfahrungssätze:

1) Nach jedem Zusatz von Chlorbarium oder Kalkmilch muß das Wasser tüchtig umgerührt werden, Figur 11, damit eine vollkommene Mischung und damit die beabsichtigte Wirkung stattfinden kann. Es kann dieses Umrühren ausreichend entweder mittelst mechanischer Rührwerke, oder mittelst einer Stange, welche am untern Ende ein etwa ein Quadratfuß großes ovales Bret trägt, geschehen. Das Umrühren soll nur eine vollkommene Mischung bewirken. Ein Durchpeitschen des Wassers mit Rührwerken, die sich theilweise außerhalb des Wassers bewegen, ist zu vermeiden, da der Niederschlag dadurch zu feinkörnig wird.

2) Der Kalkzusatz muß in gewissen Grenzen genau geregelt seyn. Zu wenig Kalk bewirkt eine unvollkommene Reinigung und verhindert außerdem die Abscheidung des Niederschlages; zu viel Kalk schafft Kesselstein bildende Kalklösung in das Wasser und macht den Niederschlag so voluminös, daß derselbe bis zu dem 50fachen des Volumens einnimmt, welches er bei richtiger Behandlung zeigt.

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3) Ein Ueberschuß von Chlorbarium schadet nicht, derselbe hat nur den Nachtheil, daß der Werth des Ueberschusses verloren ist. Zu wenig Chlorbarium verhindert die Klärung.

4) Der Grund des Fehlschlagens aller bisherigen, in gleicher Weise mittelst Kalk und Chlorbarium gemachten Versuche liegt in dem unrichtigen quantitativen Zusatz dieser beiden Salze.

5) Ein erwärmtes Wasser klärt sich schneller, als kaltes, die erforderlichen Gefäße können deßhalb kleiner sein.

Die sub 2 und 3 genannten Erscheinungen, welche bei unrichtigem Zusatz von Kalk und Chlorbarium eintreten, geben nun in der Praxis nach kurzer Zeit genügende Anhaltspunkte, um die erforderlichen Mengen richtig zu bemessen, und wird der mit der Reinigung zu betrauende Kesselheizer selten fehl gehen, wenn er sich allein hierdurch leiten läßt; indeß für den Anfang der Manipulation empfiehlt es sich, unbedingt mit anderen, schärferen Reactionen vollkommen genau die Mengen festzustellen, welche zur Reinigung erforderlich sind.

Aetzkalk ist in geringer Menge in Wasser löslich, 1000 Theile Wasser lösen 1 Theil Kalk. Eine solche klare Lösung verschafft man sich durch Abfüllen der über dem Kalkbrei sich nach einiger Zeit bildenden klaren Wasserschicht. Mit wenigen Ausnahmen wird nun bei jedem ungereinigten Speisewasser eine Trübung zu beobachten sein, wenn in einem Glase gleiche Theile dieses klaren Kalkwassers und ungereinigtes Speisewasser gemischt werden, ein Beweis, daß Kohlensäure oder doppelt-kohlensaurer Kalk vorhanden sind. Letzteren wollen wir nun entfernen, und müssen deßhalb für eine vollkommene Reinigung so lange Aetzkalk resp. Kalkmilch zusetzen, bis eine Probe des durch ein kleines Filter geklärten Wassers, vermischt mit der gleichen Menge klarer Kalklösung, klar bleibt. In diesem Falle ist der Kesselstein bildende doppelt-kohlensaure Kalk vollkommen entfernt.

Die Reinigungsoperation selbst ist nun, wie folgt, auszuführen:

1) Man versetzt in einem Glase eine Probe des Speisewassers mit dem vorhin erwähnten klaren Kalkwasser; es wird in fast allen Fällen sofort eine Trübung entstehen von sich ausscheidendem einfach-kohlensaurem Kalk. Diese Beobachtung dient dazu, diese Reaction kennen zu lernen und die späteren Versuche bei der Reinigung zu controlliren.

2) In gleicher Weise mischt man eine Probe des klaren Speisewassers mit klarer Chlorbariumlösung. Ist das Wasser gypshaltig, so entsteht sofort, oder nach 5 Minuten, eine Trübung von sich ausscheidendem schwefelsaurem Baryt. Trübt sich die Flüssigkeit nicht, so ist ein Zusatz |275| von Chlorbarium überhaupt unnütz, was indeß nur selten der Fall seyn wird.

3) Auf je 100 Kubikfuß fügt man einen halben Eimer dünner Kalkmilch und einen halben Eimer Chlorbariumlösung zu und rührt tüchtig eine Minute lang um. Dann beobachtet man, ob der sich bildende Niederschlag leicht und schnell zu Boden sinkt oder nicht. In jedem Falle filtrirt man eine kleine Probe in ein Gläschen ab und versetzt die durchlaufende klare Flüssigkeit mit klarem Kalkwasser. Trübt sich das Wasser sofort oder in einer viertel Minute, so fehlt Kalkmilch. Trübt sich das Wasser auf Zusatz von klarer Kalkmilch nicht, so kann auch der erste Zusatz von 1/2 Eimer auf je 100 Kubikfuß bereits zu groß gewesen seyn. Man versuche dann bei der nächsten Operation ob man mit geringen Mengen Kalkmilch ausreicht.

Um nun genau den Punkt zu treffen, bei welchem weder zu viel, noch zu wenig Kalkmilch zugesetzt ist, lasse man beim ersten Versuche sich die Mühe nicht verdrießen, ganz allmählich mehr Kalkmilch zuzusetzen und nach jedesmaligem tüchtigen Umrühren dieselbe Probe mit abfiltrirtem klaren Wasser und klarem Kalkwasser zu machen. Ist einmal das richtige Quantum bestimmt, so genügt nachher in den meisten Fällen ein Versuch, der die Richtigkeil des Zusatzes constatirt.

Man nehme also nochmals einen viertel Eimer oder weniger dünner Kalkmilch, und genügt dieser Zusatz noch nicht, nochmals ein so kleines Quantum, und wiederhole dieß so lange, bis Kalkwasser keine Trübung mehr hervorbringt. Dabei merke man sich genau das verbrauchte Quantum und die Consistenz der Kalkmilch. Nahezu das gleiche Quantum kann man dann bei späteren Operationen auf einmal zusetzen. Ist nun der richtige Kalkzusatz erreicht, so wird man in den meisten Fällen beobachten, daß der gebildete Niederschlag sich schnell und schwer d.h. wenig voluminös zu Boden setzt. Zweierlei kann dieß indeß verhindern:

A. Mangel an Chlorbarium, der dadurch erkannt wird, daß eine abfiltrirte Probe sich mit Chlorbariumlösung sofort, oder nach 5 Minuten, trübt. In diesem Falle setzt man noch etwas Chlorbariumlösung zu, bis diese Trübung nicht mehr stattfindet.

B. Mangel an Kalk, der indeß nur unbedeutend sein kann. Jedenfalls genügt der Zusatz von 1/8 Eimer Kalkmilch.

Ist nun constatirt, daß Kalk und Chlorbarium in genügender Menge zugesetzt sind, so ist die Reinigungsoperation beendet, und man überläßt das Wasser der Ruhe, damit sich die ausgeschiedenen Theile zu Boden setzen können.

Bei richtiger Arbeit erfolgt nun die Klärung ganz überraschend |276| schnell, so daß bereits in einer viertel Stunde das Wasser als klar und von allen Kesselstein bildenden Substanzen befreit in das untere Bassin c (Fig. 10) abgelassen werden kann. Treten andere Erscheinungen auf, so ist ein Fehler gemacht, und möge man in diesem Falle sich fragen, ob nicht in irgend einem Punkte von meiner Vorschrift abgewichen ist. Die Beschaffenheit der Speisewasser ist allerdings sehr verschieden, und ich will nicht abstreiten, daß in wenigen Fällen abweichende Erscheinungen eintreten können, die indeß eventuell durch den Rath eines Chemikers ebenfalls zu beseitigen sein werden. Die sehr verschiedenen Speisewasser, welche ich bis jetzt Gelegenheit hatte, in größerem Maaßstabe nach der vorgeschriebenen Methode zu behandeln, haben sich alle leicht und vollkommen geklärt, und bin ich der Ansicht, daß sich meine Methode mutatis mutandis auf alle Kesselspeisewasser anwenden läßt.

Der sich bildende Schlamm ist so wenig voluminös, daß man denselben erst nach 8 oder 14 Tagen durch den unteren Hahn abzulassen braucht. Es ist sogar rathsam, denselben möglichst lange im Klärgefäß zu belassen, da die Klärung desto schneller erfolgt, je mehr alter Niederschlag vorhanden ist.

Die Vortheile, namentlich die Kohlenersparnisse, welche dadurch erzielt werden, daß die Kessel mit einem Wasser gespeist werden, welches unfähig ist Kesselstein abzusetzen, will ich nicht weiter erwähnen, da dieselben sich jedem Kesselbesitzer von selbst aufdrängen, erwähnen will ich nur, daß Wasser, welches keinen Gyps enthält, wiederum Lösungsfähigkeit für Gyps resp. alten Kesselstein zeigt, so daß unvollkommen gereinigte Kessel nach kurzer Zeit vollkommen blank werden, eine Thatsache, die sich in meiner Fabrik auf das eclatanteste gezeigt hat. Ferner wird eine andere, häufig vorkommende Calamität, das Schäumen des Wassers, vollkommen aufgehoben.

Ich bin bereit einem Jeden, der sich für die Sache interessirt, mit Rath und That kostenfrei an die Hand zu gehen und bitte alle Kesselbesitzer, welche Bedenken wegen der durch Anwendung meiner Methode verursachten Kosten tragen, um frankirte Einsendung von circa 2 Pfd. ihres Speisewassers, damit ich nach Untersuchung desselben die zur Reinigung erforderliche Menge Chlorbarium und etwaige sonstige, auf die Beschaffenheit des Wassers bezügliche, Verhaltungsmaßregeln angeben kann. Im Durchschnitt werden die Kosten 1 bis 2 Silbergroschen per 100 Kubikfuß nicht übersteigen, ein Werth, der allein durch Kohlenersparniß reichlich aufgewogen wird. Außerdem bin ich bereit, einem Jeden die in meiner Fabrik in Thätigkeit befindlichen Einrichtungen, in denen ich, wie bemerkt, in zwei kleinen Reservoiren täglich 10,000 Kubikfuß Wasser klären kann, zu zeigen.

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Ich mache keinen Anspruch darauf, eine neue Idee zur Lösung der Kesselsteinfrage gegeben zu haben, dagegen behaupte ich, daß das Grundprincip meines Verfahrens, wie dieß bereits längst von anderer Seite anerkannt ist, das einzig existirende ist, welches eine radicale Lösung herbeiführen kann, und behaupte ferner, daß Mißerfolge, die bei Anwendung gleicher oder ähnlicher Verfahren erzielt sind, ihren alleinigen Grund in der Nichtbefolgung der von mir gegebenen Vorschriften haben.

Meine Angaben sind zunächst auf praktische Erfahrungen basirt, und sind, wie ich hoffe, so abgefaßt, daß auch ein Laie in der Chemie das Rechte zu treffen wissen wird; sie enthalten deßhalb Manches, was für einen Chemiker selbstverständlich ist.

Es gibt nun wohl wenig Probleme, deren Lösung so vielfach durch geheime Universalmittel versucht ist, und wenn auch von keinem Geheimmittel bei der vorstehenden Darlegung die Rede sein kann, so werden doch aus der angegebenen Ursache Manche vor der Anwendung eines neuen „Mittels gegen Kesselstein“ zurückschrecken, nachdem sich unzählige andere als erfolglos bewiesen haben. Aus diesem Grunde habe ich die HHrn. Geheim-Rath Director Dr. Karmarsch, Prof. Dr. Rühlmann und Prof. Dr. Heeren gebeten, die Einrichtungen meiner Fabrik in Augenschein zu nehmen, und hatten diese Herren die Freundlichkeit, das am Schlusse meiner Abhandlung abgedruckte Gutachten darüber aufzustellen.

Als unanfechtbare Thatsache stelle ich zum Schluß nochmals hin, daß ich in meiner Fabrik durch Anwendung vorstehender Methode von einer sehr großen Calamität befreit worden bin.

Der geschäftliche Zweck, den ich bei dieser Veröffentlichung verfolge, besteht ausschließlich in dem Verkauf eines der vielen Artikel meiner Fabrication, des Chlorbariums, dessen Darstellung ich in größtem Maaßstabe betreibe, und welches ich zu Concurrenzpreisen in den Handel bringe.

Chemische Fabrik List vor Hannover.

E. de Haën.

Nachtrag.

Neuere Erfahrungen veranlassen mich, das Vorstehende nachträglich in folgende einfache Vorschrift zusammenzufassen:

Man setze dem Wasser Chlorbariumlösung in genügender Menge zu und füge dann unter fortwährendem Umrühren Kalkmilch nach, bis man bemerkt, daß der Niederschlag sich zusammenballt, d.h. bis derselbe nach kurzer Ruhe als deutlich wahrnehmbare Flocken in der sich klärenden Flüssigkeit schwimmt. Hierauf rühre man noch eine Minute, und |278| wird dann beobachten können, wie die Kalkflocken auch den letzten Rest des fein vertheilten Barytniederschlages mit zu Boden reißen, so daß man nach sehr kurzer Frist das klare Wasser vom Bodensatz ablassen kann. Die Erscheinung der Flockenbildung tritt, sobald die richtige Menge Kalk zugesetzt ist, mit größter Schärfe ein, und bedarf es keiner Controllversuche, sobald man mit Vorsicht operirt. Bei auf 35–45 Grad erwärmtem Wasser ist die Klärung in 10 Minuten vollkommen beendet, kaltes Wasser scheidet den bei weitem größten Theil des Niederschlages ebenso schnell ab, nur hinterbleibt manchmal für einige Stunden eine sehr schwache Trübung, die indeß einer so unendlich kleinen Menge Kesselstein bildender Salze entspricht, daß man dieselbe unberücksichtigt lassen kann, wenn man nicht in der Lage ist die vollkommene Klärung abzuwarten. Der am Boden des Klärgefäßes befindliche Niederschlag gibt einen Anhaltspunkt für die Beurtheilung der Menge derjenigen Bestandtheile des Speisewassers, die bei Nichtanwendung der Reinigungsoperation in dem Dampfkessel als Kesselstein oder Schlamm sich abscheiden müssen, und möge man darnach den Werth der Methode beurtheilen.

Von der Anwendung sehr großer Reinigungsgefäße rathe ich ab, da das Rühren resp. das gleichmäßige Vermischen mit den zugesetzten Flüssigkeiten darin nur unvollkommen geschehen kann. Bei erwärmtem Wasser genügen 2 Gefäße von je 250 Kubikfuß Inhalt, um 10000 Kubikfuß pro 24 Stunden zu klären, und reichen 3 Klärgefäße aus, um dasselbe Quantum in 12 Stunden zu reinigen.

Für einen kleineren Betrieb von 20 bis 30 Pferdekraft kann man sich auch dreier oder mehrerer kleiner hölzerner Bottiche bedienen, etwa oben offener Palmoelfässer von circa 15 Ctr. Inhalt, von denen man eines als Klärwasserbassin (vgl. Bassin c, Fig. 10) zweckmäßig in die Erde gräbt; der Heizer wird nach kurzer Uebung stets Zeit finden, in denselben ein entsprechendes Quantum Wasser zu reinigen.

Sollten meine Vorschriften in irgend einem Falle nicht ausreichen, d.h. sollte trotz scheinbar genauer Befolgung derselben die schnelle Klärung nicht gelingen, so bitte ich nochmals unter Einsendung einer Wasserprobe von circa 2 Pfund mir schriftlich die vorliegenden Mißstände anzugeben und sich Raths bei mir zu erholen. Ich habe es mir einmal zur Aufgabe gestellt, die Kesselsteinfrage gründlich zu beseitigen und stelle Jedermann die ausgedehnten Kräfte meines chemischen Laboratoriums gratis für diese Frage zur Verfügung.

Meine mit den verschiedensten Speisewassern täglich fortgesetzten Versuche berechtigen mich immer mehr zu der Annahme, daß jedes |279| Wasser sich nach der beschriebenen Methode reinigen läßt, und daß die Kosten des Verfahrens gegenüber den erzielten Vortheilen gar keine Rolle spielen.

Zum Schluß noch eine Bemerkung über die chemischen Eigenschaften des Chlorbariums und Chlorcalciums, zu der ich durch Bedenken, welche mir Seitens mehrerer Kesselbesitzer ausgesprochen wurden, veranlaßt werde. Chlorbarium und Chlorcalcium sind Salze, welche in keiner Weise durch ihren Chlorgehalt dem Wasser oder dem daraus erzielten Dampfe ätzende Eigenschaften zufügen. Unser gewöhnliches Kochsalz, das Chlornatrium, welches in den hier in Betracht kommenden Eigenschaften den erwähnten beiden Salzen vollkommen gleich steht, enthält circa 60 Proc. Chlor, ohne daß die ätzenden Eigenschaften des Chlors darin irgendwie wahrzunehmen sind. Man verwechsele Chlorcalcium nicht mit Chlorkalk, einem Körper, der eine ganz andere chemische Zusammensetzung hat; außerdem vergegenwärtige man sich, daß bei der Reinigungs-Operation der Zusatz ein so geringer ist, daß derselbe den Salzgehalt des Wassers ebenso vermehrt, wie dieß bei einer Lösung von einem Körnchen Kochsalz in der Größe einer kleinen Erbse in einem Pfund Wasser geschieht.

Man möge mir von Seiten Unterrichteter in der Chemie diese letztere Darlegung nicht verübeln; dieselbe ist, wie ich aus Erfahrung weiß, da ich zu allen Kesselbesitzern spreche, durchaus nicht unnütz.

In einer späteren Abhandlung werde ich die Resultate veröffentlichen, welche bei Anwendung meiner Methode erzielt sind und erbitte mir die Mitwirkung derjenigen Herren Kesselbesitzer, welche dieselbe anwenden. Einstweilen kann ich als Thatsache in dieser Hinsicht anführen, daß in meiner Fabrik ein 20pferdiger Röhrenkessel (Meyn'sches Patent Carlshütte, Rendsburg) der bei, Tag und Nacht, ununterbrochenem Betriebe in 6 Wochen etwa 20 Tausend Kubikfuß Wasser verdampft hatte, beim Oeffnen nicht die leiseste Spur einer Kesselsteinbildung zeigte. Das abgeblasene Wasser war vollkommen klar und zeigte eine schwach alkalische Reaction, eine Eigenschaft, die eine Garantie dafür bietet, daß die Kesselwände nicht angegriffen werden können.

Ueber Resultate beim Locomotiv-Betrieb werde ich in Kurzem in der Lage sein, Mittheilungen zu machen.

Gutachtlicher Bericht über das de Haën'sche Verfahren zur Verhinderung der Kesselsteinbildung.

Nachdem wir Unterzeichnete auf Eïnladung des Hrn. E. de Haën am 7. April d. J. uns in der chemischen Fabrik desselben eingefunden |280| hatten, wurde in unserer Gegenwart eine Wasserreinigung in größerem Maaßstabe, nämlich in einem eisernen Behälter von 14 Fuß Länge, 4 Fuß Breite und 4 Fuß Tiefe vorgenommen.

Das vollkommen rationelle Verfahren beruht einfach darauf, dem Wasser vor dessen Eintritt in den Dampfkessel diejenigen Stoffe zu entziehen, welche die Kesselsteinbildung veranlassen, nämlich kohlensauren Kalk, schwefelsauren Kalk und eventuell kohlensaures Eisen. Letzteres findet sich in dem Wasser der de Haën'schen Fabrik in solcher Menge, daß das Wasser nach kurzem Verweilen an der Luft eine starke braune Trübung zeigt.

Zur Fällung des kohlensauren Kalkes wird Kalkmilch in gerade geeigneter Menge, zur Fällung der Schwefelsäure des Gypses Chlorbaryum angewandt. Dabei zeigt sich nun die überraschende, für die vorliegende Reinigungsart wesentliche Erscheinung, daß der Niederschlag von schwefelsaurem Baryt, welcher sich sonst, unter gewöhnlichen Verhältnissen, seiner außerordentlichen Feinheit wegen ungemein langsam absetzt, durch den zugleich gebildeten Niederschlag von kohlensaurem Kalk eingehüllt und mit niedergerissen wird. Nicht minder scheidet sich auch das, durch die Kalkmilch zersetzte Eisensalz ab und schlägt sich gemeinschaftlich mit dem übrigen Niederschlage nieder, der sich in Gestalt sandiger Flocken sehr schnell als compacte Schicht am Boden des Gefäßes absetzt.

Bei dem in unserer Gegenwart ausgeführten Versuche war das Wasser etwas erwärmt, doch zeigten im Kleinen ausgeführte Gegenversuche, daß die Fällung und der Absatz des Niederschlages auch in der Kälte ebenso gut von Statten geht. Eine Filtration ist keineswegs erforderlich, weil sich der Niederschlag in kurzer Zeit, etwa in einer Viertelstunde oder wohl noch schneller so schön absetzt, daß man das überstehende klare Wasser durch einen, einige Zoll über dem Boden des Gefäßes befindlichen Hahn klar ablassen kann. Auch ist es nicht nöthig den Niederschlag nach jeder Operation aus dem Gefäße zu entfernen, vielmehr kann man ihn bei wiederholten Operationen ohne Nachtheil immer wieder mit aufrühren, bis er, je nach der Beschaffenheit des Wassers, sich in unbequemer Menge angesammelt hat.

Das solchergestalt gereinigte Wasser enthält keine Spur von kohlensaurem und schwefelsaurem Kalk und befindet sich in einem, der Kesselsteinbildung völlig unfähigen Zustande, weil das durch die Reinigungsoperation entstandene Chlorcalcium bekanntlich als außerordentlich leicht lösliches, zerfließliches Salz, sich selbst bei starker Verdampfung des Wassers nicht ausscheiden und zu Kesselsteinbildung Veranlassung geben kann. Ja, nach Beobachtung des Hrn. de Haën scheint das von |281| schwerlöslichen Kalksalzen befreite Wasser die Eigenschaft zu besitzen, schon gebildeten Kesselstein wieder aufzulösen, denn, nachdem ein früher mit ungereinigtem Wasser betriebener und mit Kesselstein bekleideter Kessel mit dem nach dem neuen Verfahren behandelten Wasser einige Zeit gespeist worden, zeigten sich die Kesselwände wieder völlig rein.

Die Kosten werden sich jedenfalls ziemlich niedrig berechnen. Bei einem Preise des Chlorbaryums von 3 1/2 Thlr. pro Centner oder etwa 1 Sgr. pro Pfund, würde z.B. bei einem mittleren Gehalt von etwa 0,3 Grm. Gyps im Liter Wasser, die Reinigung von 100 Ctr. nur etwa 2 Pfd. Chlorbaryum (2 Sgr.) beanspruchen.

Wir tragen hiernach kein Bedenken, das de Haën'sche Verfahren als ein wirklich radicales zu bezeichnen, so daß bei Einführung desselben von Kesselstein kaum mehr die Rede sein kann.

Als Vortheile des Verfahrens verdient angeführt zu werden: die leichte praktische Ausführbarkeit und Unfehlbarkeit, da keine Filtration nöthig; Unmöglichkeit der Kesselsteinbildung, geringe Kosten, einfache Apparate, die bei jeder Kesselanlage ausführbar sind; Kohlenersparniß, Erhaltung der Kessel, namentlich der Röhrenkessel, seltene Betriebsstörung durch Abblasen.

Hannover, den 12. April 1873.

Karmarsch, Rühlmann, Heeren,
Director d. polytechn. Schule. Professor. Professor.
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