Titel: Die Herstellung der rayirten Garne.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 208/Miszelle 9 (S. 237–238)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj208/mi208mi03_9

Die Herstellung der rayirten Garne.

Seit längerer Zeit kommen im Handel Garne vor, welche in mehreren Farben gefärbt erscheinen, so daß zwei oder mehr Farben auf dem Faden regelmäßig mit einander abwechseln. Rayés oder rayirte Garne nennt man Garne mit langen, Chinés oder chinirte Garne solche mit kurzen Theilungen. Ganz kurze Farbstellen lassen sich auf dem Garn nur durch Druck erzeugen. Chinirte und rayirte Garne stellt man meist in Wolle her; solche in Baumwolle und Seide werden seltener verlangt.

Beim Färben mehrerer Farben auf einem Faden kann man entweder den Faden zuerst gänzlich in einer Farbe färben, um dann die zweite Farbe stellenweise auf |238| die erste aufzutragen; oder es können einzelne Theile des Fadens von vorn herein in verschiedenen Farben gefärbt werden, so daß die Farben neben einander stehen.

Um auf einem Faden zwei Farben zu bekommen, von denen die eine über der anderen gefärbt wird, benutzt man folgendes Verfahren. Die passend gehaspelten Garne werden je nach dem zu erzielenden Muster zwei, drei oder vier Mal zusammengelegt, eine Latte durch die entstehenden Oefen hindurch gesteckt, eine andere darauf gelegt, und beide Latten auf einander festgebunden. Dadurch ist eine Verschiebung des Garnes unmöglich gemacht. Will man nun ein Chiné in Weiß und Roth haben, so bereitet man das fertig gebleichte und geblaute trockene Garn vor, wie angegeben, macht einen Kessel für Roth zurecht, welchen man bei wollenem Garn kochen, aber nicht wallen läßt, und taucht die an die Latten gebundene Wolle so tief in die Flüssigkeit, als sie gefärbt werden soll. Man befestigt die Latten durch untergelegte Klötze oder Steine passend und läßt die Wolle so lange in der Flotte, bis die Nüance nach Muster ist. Nach dem Färben der zweiten Farbe wird die Wolle auf den Latten durch Wasser genommen und getrocknet.

Sollen die Farben nicht auf einander, sondern neben einander hergestellt werden, und die gefärbten Garnstrecken länger seyn, so muß die Waare in einem besonderen Apparat eingespannt werden. Auf dem Rande des Kessels oder der Kufe welche bis oben hin gefüllt seyn muß, liegen neben einander zwei starke und ziemlich breite Latten von Holz. Durch drei eiserne Schrauben, welche durch beide Latten hindurch gehen, können dieselben mit Hülfe von Schraubenmuttern fest an einander gepreßt werden, so daß sie nur ein Stück bilden. Jede Latte trägt an der Seite ein Stück Zinkblech, welches nach oben weit empor steht und ein wenig nach außen gebogen ist. Die zusammengeschraubten Latten haben mit den Blechen das Aussehen eines nach oben sich erweiternden Kastens, welchem der Deckel und die schmalen Wände fehlen. Je nach der Länge, welche die aufzubringende Farbe auf dem Faden einnehmen soll, haspelt man das Garn mit weiterer oder engerer Weise. Für die in neuerer Zeit so beliebt gewordenen Mignons, welche drei Farben und ein Druckmuster tragen, beträgt die Weise oft 3 bis 4 Ellen. Die gehaspelten Garne werden auf Stöcke gehängt, und Stöcke unten hinein gesteckt, welche das Garn gleichmäßig nach unten ziehen. Die Latten werden nun so weit aus einander geschraubt, daß sie einen breiten Spalt zwischen sich lassen, und die Garne in diesen Spalt so weit hinein gehängt, daß nur dasjenige Stück unten hervor steht, welches Farbe annehmen soll. Das Garn wird gleichmäßig vertheilt, so daß nicht stärkere und dünnere Stellen das gleichmäßige Zusammenziehen der Latten erschweren. Ist das Garn in dieser Weise eingehängt, so werden die Schrauben angezogen, und es kann nun die Flotte nur denjenigen Theil des Garnes berühren, welcher nicht abgeklemmt ist.

Nach dem Färben wird das Garn in dem Apparate durch Wasser gezogen, die Garne ausgeschraubt und, wenn nöthig, zu weiterer Färbung umgespannt. Es versteht sich, daß das Einspannen nicht über dem Kessel, sondern auf Böcken vorgenommen werden muß. Der Apparat wird fertig auf den zum Färben vorbereiteten Kessel oder Kufe gesetzt. Während des Färbens liegt das nicht zu färbende Garn unbeweglich im Kasten; man läßt zur besseren Handhabung die Stöcke in den Weisen.

Die Mode hat in neuerer Zeit eine große Auswahl von Rayé- und Chiné-Mustern geschaffen, welche, von sogenanntem mathematischen Druck unterbrochen, beim Stricken von Strümpfen und Weben regelmäßige Carreaux und andere Figuren abwechselnd mit farbigen Streifen geben. Hat man die Rayés auf gebleichtem Garn fertig gefärbt, so kann man weiß gebliebene Stellen noch mit einer, zwei oder drei Farben bedrucken und so sehr hübsche Effecte erhalten. Natürlich ist die Handarbeit bei der Herstellung von chinirten und rayirten Garnen eine sehr bedeutende. Dieses Färben ist daher nur dann lohnend, wenn sehr gute Preise gezahlt werden. (Reimann's Färberzeitung, 1873, Nr. 8 und 10.)

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