Titel: Ueber die englische Textil-Industrie
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 208/Miszelle 2 (S. 393–394)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj208/mi208mi05_2

Ueber die englische Textil-Industrie

enthält das Deutsche Handelsblatt vom 5. d. M. sehr beachtenswerthe Data, welche der vor Kurzem in London veröffentlichten Schrift: Miscellaneous Statistics of the United Kingdom 115) entnommen sind.

Darnach gab es im Jahre 1870 im „Vereinigten Königreich“ 2483 Baumwollfabriken; im Jahre 1861 gab es deren mehr, nämlich 2887; im Jahre 1850 zählte man 1932. Seit 1870 hat sich, wie man sieht, die Zahl der Fabriken um etwa ein Siebentel verringert; dagegen ihre Leistungsfähigkeit bedeutend gesteigert.

Die Zahl der Spulen überstieg

1850 21 Millionen,
1861 30 „
1870 37 1/2 „

Die Zahl der Webstühle betrug

im Jahre 1850 250,000
„ „ 1860 400,000
„ „ 1870 440,000

Die bewegende Kraft in den Baumwollspinnereien und Webereien betrug

im Jahre 1850 282,500 Pferdekräfte
„ „ 1860 294,000 „
„ „ 1870 300,000 „

Wie man sieht, ist die bewegende Kraft von 1861 bis 1870 nicht im gleichen Verhältniß mit der Vermehrung der Spulen und Webstühle gestiegen – man weiß die Dampfkraft besser auszunutzen.

Die Zunahme der bewegenden Kraft hat ihren Grund allein in der allgemeinen Verwendung des Dampfes. Die Zahl der Pferdekräfte116) der Dampfmaschinen ist von 70,000 im Jahre 1850 auf 300,000 im Jahre 1871 gestiegen; dagegen ist die hydraulische Kraft von 11,550 Pferdekräften im Jahre 1850 auf 8390 gefallen.

Diese Thatsache hängt ohne Zweifel mit dem Eingehen vieler kleinerer Fabriken zusammen.

Die Zahl der in den Baumwollfabriken beschäftigten Arbeiter hat sich von 1861 bis 1870 etwas vermindert, während die Zahl der Spulen um 22–23 Proc., die der Webstühle um 10 Proc. zunahm, ein Beweis, daß die Arbeit der Menschen theils durch ihre eigene Anstrengung, theils durch die Fortschritte der Wissenschaft und die Vervollkommnung der Methoden immer productiver wird. In den Baumwollfabriken waren beschäftigt

im Jahre 1850 300,000 Arbeiter
„ „ 1861 451,569 „
„ „ 1870 450,087 „

Demnach ist die Zahl der Arbeiter seit 1850 nur um 30 Proc. gewachsen, während die Zahl der Spulen und Webstühle um 80 Proc, zugenommen hat. Dabei ist |394| noch zu berücksichtigen, daß der Arbeiter im Jahre 1870 weniger Stunden arbeitete, als im Jahre 1850.

Was die Entwickelung der Wollfabrication anbetrifft, so ist die Zahl der Fabriken seit 1850 nur mäßig gestiegen; in diesem Jahre gab es deren 1497, im Jahre 1861 1679 und 1870 1829.

Für die Wollindustrie gab es

im Jahre 1850 1,595,000 Spulen
„ „ 1861 2,182,000 „
„ „ 1870 2,691,000 „

Die Zahl der Webstühle hat sich während des hier in Rede stehenden Zeitraumes mehr als verfünffacht, und betrug

im Jahre 1850 9,439
„ „ 1861 21,000
„ „ 1870 48,000.

Die bewegende Kraft bestand

im Jahre 1850 in 22,000 Pferdekräften
„ „ 1861 in 36,000 „
„ „ 1870 in 62,000 „

Auch hier rührt die Zunahme fast nur vom Dampfe her, während die verwandte Wasserkraft fast stationär geblieben ist.

Die Zahl der Arbeiter stieg von 74,000 im Jahre 1850 auf 87,000 im Jahre 1861 und 125,000 im Jahre 1870. Sie nahm bemerkbar mehr zu, als in der Baumwollindustrie, aber nicht in demselben Verhältniß, wie die Zahl der Spulen und Webstühle.

Auch in der Industrie der gemischten Gewebe hat die Zahl der Arbeiter in dem hier besprochenen Zeitraume nur um 38 Proc. zugenommen, während die Zahl der Webstühle von 32,000 auf 64,000, jene der Spulen von 875,000 auf 2,131,000 stieg.

Die Leinenfabrication beschäftigte im Jahre 1850 68,000, im Jahre 1870 124,772 Arbeiter; die Zahl der Spulen ist von 965,000 nur auf 1,550,000 gestiegen; dagegen hat sich die Zahl der Webstühle beinahe verzehnfacht, denn sie stieg von 3670 im Jahre 1850 auf 35,301 im Jahre 1870.

Hanf und Jute hatten im Jahre 1850 wenig Wichtigkeit; jetzt beschäftigt die Jute-Industrie in ihren Fabriken 17,570 Arbeiter.

Die Gesammtzahl der Arbeiter in der englischen Textil-Industrie betrug 1850 596,082, 1870 907,249. Drei Fünftel dieses Arbeiterpersonals sind Frauen; die Zahl der in den Fabriken der Textil-Industrie beschäftigten Frauen wächst viel schneller, als die der Männer. Die Zahl der Arbeiterinnen wuchs von 1850–1870 um 51 Proc., die der Männer um 36 Proc.; die Zahl der in Baumwollfabriken beschäftigten Mädchen unter 13 Jahren hat sich seit 1850 beinahe vervierfacht. (Hannoversches Wochenblatt für Handel und Gewerbe, 1873, Nr. 24.)

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Diese Schrift enthält auf 500 Seiten in Quart eine Reihe von Berichten über 60 der wichtigsten Gegenstände des socialen und nationalen Lebens, u.a. über Bevölkerung, die Polizei, den Unterricht, die Eisenbahnen, die Canäle, die Minen, Banken, Schiffbrüche, Auswanderung u.s.w.

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Im Deutschen Handelsblatt wird dieß von der Zahl der „Dampfmaschinen“ angegeben, was augenscheinlich auf einem Irrthum beruht. Ueberhaupt ist uns die obige Statistik der bewegenden Kraft nicht ganz klar!

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