Titel: Die Anwendung des gerbsauren Leimes zur Befestigung der Anilinfarben; von S. Austerlitz.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 208/Miszelle 6 (S. 397–398)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj208/mi208mi05_6

Die Anwendung des gerbsauren Leimes zur Befestigung der Anilinfarben; von S. Austerlitz.

Die Befestigung der Anilinfarben auf der vegetabilischen Faser ist ungleich schwieriger als die Befestigung derselben auf der animalischen Faser, indem in ersterem Falle stets Beizen erforderlich, in letzterem jedoch dieselben meist entbehrlich oder von untergeordneter Bedeutung sind. Die Wolle wird oftmals durch Anilinfarben ohne Beizmittel schöner und lebhafter gefärbt und man wendet die Mordants meist nur an, um entweder eine höhere Temperatur des Farbbades erzielen zu können, oder dem Farbstoffe größere Festigkeit zu geben, besonders auch um das Abfärben, welches bei Anilinfarben auf Wolle sehr leicht auftritt, zu vermeiden. Die Baumwolle wie auch die Leinenfaser u.s.w. können jedoch ohne einen vermittelnden Mordant nicht mit den Theerfarben verbunden werden und man muß unter allen Umständen nach Stoffen suchen, welche die löslichen Anilinfarben auf der Faser unlöslich zu machen geeignet sind. Die Reihe derselben ist nicht gering und es wäre nur die Frage zu entscheiden, welcher von den in der Praxis angewendeten Mordants am vortheilhaftesten zu verwenden sey und die schönsten und zugleich billigsten Farben erzeuge.

Bei Versuchen im Kleinen läßt sich diese Frage nicht wohl entscheiden; erst durch das Operiren mit größeren Mengen und durch den fabrikmäßigen Betrieb erhält man Belege, welche uns ein richtiges Urtheil gestatten. Der Schönfärber wird somit auch meist nicht Gelegenheit haben zu entscheiden, welches die zweckmäßigste Befestigungsmethode für Anilinfarben auf Baumwolle sey. Es ist bei dieser Frage die Verwerthbarkeit der gebrauchten Bäder wohl zu berücksichtigen und der Werth derselben muß bei der Berechnung des aufgewendeten Materials von den Gesammtkosten abgezogen werden.

Es würde zu weit führen, hier die verschiedenen Methoden der Befestigung der |398| Anilinfarben zu besprechen; sie sind fast alle von der Methode des Schmackirens oder des Beizens mit Gerbsäure (Tannin) verdrängt worden, und wie bereits mehrere sachverständige Fachmänner sich entschieden haben, ist die Gerbsäure als das Mittel zu betrachten, welches bei dem Färben von Anilinfarben auf Baumwolle allen anderen Mordants vorzuziehen ist. Es ist dieß wohl besonders für Fuchsin und Anilingrün (Jodgrün) gültig. Diese beiden Farbstoffe geben mit der Gerbsäure prächtig gefärbte völlig unlösliche Verbindungen und erfüllt somit das Tannin den Zweck, den ein Beizmittel überhaupt hat, auf das Vollkommenste. Das Tannin ist jedoch ein ziemlich theures Präparat und man muß darnach streben, ein Ersatzmittel für dasselbe zu finden, einen Mordant, der es entweder ganz überflüssig macht oder eine Ersparniß zuläßt. Die bisher vorgeschlagenen Stoffe, Oelsäure und Stearinsäure in den Seifen u.s.w., genügen den Anforderungen nicht und ich glaube, daß sich nicht leicht ein Ersatzmittel finden lassen wird, welches das Tannin ganz verdrängt. Eine lange Reihe von Versuchen im großen Maaßstabe hat mich zu der Ueberzeugung gebracht, daß Tannin (rein oder im Sumach) vorläufig noch unentbehrlich erscheint.

Dagegen machte ich kürzlich die Beobachtung, daß man an Gerbsäure bedeutend sparen kann, wenn man dieselbe vor dem Färben an Leim bindet und so gewissermaßen Tannin und Leim gleichzeitig als Mordant gebraucht. Man braucht dann, um einen bestimmten Farbenton mit Fuchsin oder Jodgrün, oder einer anderen Anilinfarbe herzustellen, weit weniger Tannin, ja man kann fast mit der Hälfte Tannin dasselbe Resultat erzielen, welches man ohne Anwendung von Leim mit der doppelten Menge erzielt. Ich stellte dieß durch eine Reihe von Versuchen, welche ich im Kleinen machte, fest, indem ich gewogene Mengen Tannin unter verschiedenen Verhältnissen, d.h. mit mehr oder weniger Leim anwendete.

Zuerst erhielt die Baumwolle ein Gerbsäurebad, wurde dann in zwei Theile getheilt und die eine Hälfte zuerst durch eine schwache Leimlösung oder durch eine Lösung von Gelatine gezogen, die andere direct in einem Farbbade von bekannter Concentration bei bestimmter Temperatur ausgefärbt.

Der durch die Leimlösung gezogene Theil wurde dann in einem ganz genau gleichen Bade gefärbt und nun wurden die beiden Proben verglichen. Die durch Tannin und Leim gebeizte Baumwolle war bei weitem satter und tiefer gefärbt und es konnte constatirt werden, daß man bei Anwendung eines Leimbades nach dem Tanninbade das letztere weit schwächer anwenden kann, als wenn man Tannin allein zur Befestigung des Farbstoffes gebraucht. Man kann somit an Gerbsäure sparen und die gesparte Menge ist nicht unbedeutend.

Verdünnt man die Tauninlösung immer mehr und setzt die vergleichenden Versuche mit Tannin und mit Leim und Tannin allein fort, so tritt ein Punkt ein, wo man durch beide Operationen genau dieselben Nüancen erhält. Hat man diesen Punkt erreicht, so kann man durch Vergleichung der Concentration der beiden Tanninbäder bestimmen, wie viel an Tannin gespart werden kann. Es richtet sich dieß sehr nach der Güte des Tannins, so daß meine Versuche ein Resultat, welches in Zahlen zu definiren wäre, nicht ergeben haben. Die aus verschiedenen Quellen stammenden Tanninproben gaben abweichende Resultate und bei der einen konnte durch Anwendung eines Leimbades mehr, bei der anderen verhältnißmäßig weniger erspart werden.

Den Grund der Erscheinung, welchen ich eben kurz beschrieben, habe ich noch nicht erforscht und ich möchte mich damit begnügen, die Thatsache hier anzuführen. Offenbar bildet sich jedoch eine Verbindung des Leimes mit der Gerbsäure, welche dann anders auf die Farbstoffe des Anilins einwirkt, als das Tannin allein. (Musterzeitung. 1873 Nr. 8.)

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