Titel: Eine neue Industrie. (Fabrication von Mineral-Schmieröl in Amerika.)
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 208/Miszelle 1 (S. 460–461)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj208/mi208mi06_1

Eine neue Industrie. (Fabrication von Mineral-Schmieröl in Amerika.)

Die Fabrication von Mineral-Schmieröl hat in Amerika eine solche Bedeutung erlangt, daß es auch für uns nöthig wird, derselben Aufmerksamkeit zu schenken, da auch in Europa der Verbrauch von Mineral-Schmieröl täglich wächst. Die Mineral-Schmieröle werden in Amerika schon seit 10 Jahren angewendet und haben fast alle anderen Schmiermittel verdrängt; selbst im Süden, wo man der großen Hitze wegen bisher Fette anwandte, hat man diese verlassen. Den Grund zu dieser jetzt sehr bedeutenden Industrie gaben die schweren Oele (von 0,87–0,88) von Westvirginien, welche im natürlichen Zustande verwendet werden konnten. Als im Jahre 1860 an |461| den Ufern des Alleghany bei Tarent die erste Erdöl-Quelle entdeckt wurde, versuchte man zwar auch Schmieröl daraus zu fabriciren, allein das Oel war zu leicht dazu (0,81–0,84).

Im Jahre 1864 wurde die erste Schmieröl-Quelle am Ohio bei Smiths-Ferry entdeckt und bald darauf der große District von Parkersburg, welche es nun möglich machten, in großem Maaße Petroleum als Schmieröl zu verwenden. Zuerst wurde das virginische Erdöl im Naturzustande verwendet, nachdem es gereinigt war. Der zunehmende Verbrauch steigerte aber den Preis so sehr und das schwere Oel nahm so rasch ab, daß man an eine andere Behandlung der Sache denken mußte: es begann die Fabrication. – Durch sorgfältiges Studiren der Erdöle gelang es, unter Beimischung von thierischen und Pflanzenfetten Schmieröle herzustellen, die für jeden Bedarf genügen, und, was die Hauptsache ist, man kann dieselben in jeder Menge und stets gleichmäßig herstellen.

Der Verbrauch an Mineral-Schmieröl wird von der „N.-Y. Handelsztg.“, welche einen sehr interessanten Bericht über diesen Gegenstand bringt, allein bei den Eisenbahnen auf 300,000 Faß jährl. angegeben oder 5 Faß per engl. Meile. Das neue Fabricat hat ganz dieselben guten Eigenschaften, wie das Naturöl: es harzt nicht, bleibt absolut säurefrei, ist gegen Hitze und Kälte weniger empfindlich als Pflanzenöl und verbraucht sich, ohne harzige Rückstände zu lassen; es unterscheidet sich nur darin vom natürlichen, daß es keinen so hohen Kältegrad aushält. Dafür hat es aber auch den Vortheil, bei großer Hitze nicht so dünn zu werden, wie jenes. Auf den Eisenbahnen verbrauchen z.B. die Frachtgesellschaften, welche mit eigenen Wagen den Güterverkehr nach Californien und dem Süden besorgen, allein 25,000 Faß jährlich.

Die größte Fabrik von Mineral-Schmieröl ist die der Eclipse Company (welche auch in Europa durch die Herren Wirth, Kühner u. Comp. in Frankfurt a. M. vertreten ist), deren in Wien ausgestellte Oele einiges Aufsehen erregt haben. Diese Fabrik ist so großartig eingerichtet, daß sie täglich 1000 Faß Schmieröl liefern kann, also allein mehr als den sämmtlichen Bedarf aller amerikanischen Eisenbahnen; sie hat ihre eigenen Quellen und kann somit stets in gleicher Güte und Menge liefern. Sie fabricirt 7 verschiedene Schmieröle nach dem jeweiligen Bedarf, nämlich Eisenbahnwagen-Oel für den Norden, deßgl. für den Süden, ein besonderes Oel für die Locomotiven, für Schnellzüge, für Spindeln, seine Instrumente u.s.w., so daß für jedes vorkommende Bedürfniß und alle vorkommenden Verhältnisse gesorgt ist. Die Preise sind natürlich entsprechend und gegenüber Rüböl außerordentlich gering. Den Eisenbahnen und Fabriken ist somit geboten, was sie brauchen: ein gutes billiges Oel, das in stets gleicher Qualität und jeder Quantität zu haben ist. (Arbeitgeber, 1873, Nr. 843.)

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