Titel: Der Weinbau in Frankreich und die von der Wurzellaus des Rebstockes angerichteten Verwüstungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 209/Miszelle 10 (S. 157–159)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj209/mi209mi02_10

Der Weinbau in Frankreich und die von der Wurzellaus des Rebstockes angerichteten Verwüstungen.

Die Verwüstungen, welche ein Schmarotzer-Insect, Phylloxera vastatrix, auch im Jahre 1872 wieder an den Reben Frankreichs angerichtet hat, sind so bedrohlicher Art, daß der französische Weinbau dadurch ernstlich gefährdet ist. Die Phylloxera gehört zu den Blattläusen, schmarotzt an den Wurzeln und ist nicht größer als der Punkt am Schlusse dieses Satzes. Sie vermehrt sich in unglaublich kurzer Zeit millionenweise und wurde zuerst im Jahre 1863 in der Provence bemerkt, sicher nachgewiesen aber erst im Jahre 1866 an den Rebenwurzeln bei Arles. Die Weinblätter begannen dort schon im Juni und Juli zu vergilben, die Ranken hörten auf zu wachsen, das Laub war im August abgefallen, und die Trauben erreichten ihre Reife nicht. Nun starben auch die Schößlinge ab, und gegen Ende des Jahres war der ganze Stock so gut wie vernichtet; nur wenige zeigten im folgenden Jahre frische Triebe. Im Jahre 1867 stellten sich dieselben Erscheinungen ein, und jetzt fand man, daß die Wurzeln mit eigenthümlichen Knötchen bedeckt waren und wie verbrannt aussahen.

Unter die Weinbergbesitzer fuhr ein großer Schrecken; denn die Verwüstungen waren größer als diejenigen, welche der berüchtigte Oidiumpilz früher angerichtet hatte. Die Ursache der Krankheit entdeckte am 15. Juli 1868 zuerst Professor Planchon zu Montpellier. Er fand an den Wurzeln eines kranken Weinstockes das Schmarotzer-Insect, welches die abgestorbenen Stöcke verließ und sich zu den benachbarten gesunden wendete. Die Phylloxera erscheint unter dem Mikroskop eiförmig, ambrafarbig, hat sechs Füße, zwei Fühler und einen zugespitzten Saugrüssel. Bei weitem die meisten Individuen sind ungeflügelt; nur einige wenige haben Flügel. Ob dieß die Männchen sind, weiß man noch nicht mit Bestimmtheit. Vom Mai bis September legen die Weibchen rings um die Weinstockwurzeln ihre Eier, und in jedem bald darauf auskriechenden durchscheinenden Thierchen kann man mit Hülfe des Mikroskops bereits wieder drei Eier unterscheiden. Nach jedesmaligem Eierlegen macht das Insect eine Pause von acht Tagen; dann beginnt es dieses Geschäft von Neuem. Mit wahrem Heißhunger fallen die auskriechenden Jungen über die Wurzeln her, bohren ihren kleinen Saugrüssel ein und nähren sich von dem Safte. Es liegt auf der Hand, daß bei der ungeheuren Menge dieser Thierchen, die am Stocke saugen, dieser selbst bald zu Grunde gehen muß. Schlimm ist auch, daß diese Insecten von der Winterkälte nicht zerstört werden; sie verfallen in einen Erstarrungszustand und leben im Frühjahr |158| wieder auf. Woher die Phylloxera so plötzlich kam, weiß man nicht, und eben wenig hat man bisher ein Mittel gegen sie aufgefunden.

Die französische Akademie der Wissenschaften hat ein eigenes „Phylloxera-Comité“ niedergesetzt, welches sich mit dem Studium des Insectes und den Mitteln zu dessen Vertilgung befassen soll. Am 9. September 1872 erklärte Dumas vor der Akademie, daß das Insect in der Provence grauenvolle Fortschritte mache und die ganze Ernte zu vernichten drohe; im Departement Vaucluse nahm es gleichfalls zu, während sich im Departement Hérault eine Verminderung zeigt. Alle Mittheilungen stimmen darin überein, daß jede Hülfe unnütz sey, wenn eine Pflanze einmal angegriffen ist, und daß man der Invasion des Insectes nur dadurch entgegen zu wirken vermöge, daß man die Umgebung der erkrankten Pflanzen völlig unter Wasser setze. Das Insect wandert über dem Boden von Rebstock zu Rebstock; auch wird es vom Winde weiter geführt. Ein Marseiller, d'Armand, verlangte, daß der Staat einen Preis von einer Million Francs auf die Erfindung eines Mittels setze, welches geeignet sey, die Wurzellaus zu vernichten; denn Frankreichs Nationalwohlstand werde durch dieses Insect gefährdet.

In Portugal hat diese Pest auch schon um sich gegriffen, zumal in der Umgebung Oporto's, bei Villa Real, Santarem, längs dem Douro u.s.w. Die portugiesische Regierung hat auch eine wissenschaftliche Commission niedergesetzt, welche sich mit der Phylloxera-Frage befassen soll.

Unter solchen Umständen müssen wir natürlich die Frage auswerfen: wird die Phylloxera auch nach Deutschland einwandern und unsere Weinberge bedrohen? Die Gefahr liegt nahe, und deßhalb hat auch die Section für Obst- und Gartenbau der 28. Versammlung deutscher Land- und Forstwirthe zu München sich mit der Phylloxera beschäftigt und auf Antrag des Referenten, Professor Dr. Holzner aus Weihenstephan, einstimmig beschlossen: Das Deutsche Reichskanzleramt zu ersuchen: 1) durch namhafte Gelehrte die Krankheit und ihre Ursache an Ort und Stelle zu untersuchen und eine genaue Beschreibung des Insectes, sowie bessere Abbildungen desselben anfertigen zu lassen; 2) diese Abhandlungen unter den deutschen Weinbergbesitzern möglichst zu verbreiten; 3) Vorschriften, analog dem Bundesgesetz vom 7. April 1869, Maßregeln gegen die Rinderpest betreffend, vorzubereiten, um gegebenen Falles das Uebel sofort energisch und wirksam bekämpfen zu können, inzwischen aber (Antrag von Golsen) auf dem Verordnungsweg ein Einfuhrverbot von Reben aus allen inficirten Gegenden im Einvernehmen mit den benachbarten Regierungen schleunigst zu erlassen.

Unterdessen verbreitet sich über Frankreich immer größerer Schrecken; was soll daraus werden, wenn dort die Weincultur in Frage gestellt wird? Was diese für das Land bedeutet, erkennen wir aus einem Vortrage, welchen Drouyn de Lhuys im Jahre 1869 auf dem Congreß der französischen Weinbauer zu Beaune hielt. Er sagte: „Von den Pyrenäen bis zum Rheine erstreckt der Weinbau seine Herrschaft über 79 Departements, und aus aller Herren Länder, fragt man bei uns nach den feuerigsten Weinen, Trotz der Verheerungen des Oidiums, von denen der Weinbau sich kaum zu erholen begann, als eine neue Landplage sich über die Weincultur des Südens ergoß, trotz alledem erhebt sich heute unsere Weinproduction auf nahezu 71 Millionen Hektoliter, deren Durchschnittspreis 23 Frcs. beträgt, und die somit einen Gesammtwerth von 1 Milliarde 600 Millionen repräsentiren. Nimmt man an, daß die Familie jedes Weinbauers vier Köpfe stark ist und etwa 1000 Frcs. verausgabt, so finden wir, daß dieser Culturzweig die Bedürfnisse von mehr als 1,600,000 Familien oder von 6 1/2 Millionen Einwohnern befriedigt. Wenn man dieser Zahl noch diejenige von nahezu 2 Millionen Fuhrleuten, Gewerbtreibenden und Kaufleuten hinzufügt, die alle ihren Antheil an dem entfallenden Gewinn haben, so kann man ohne Uebertreibung behaupten, daß der Weinbau den fünften Theil der Gesammtbevölkerung des Reiches ernährt, und daß er rund zwei Milliarden einträgt, d.h. den vierten Theil aller ackerbaulichen Einkünfte Frankreichs. Und wie bescheiden gegenüber so wunderbaren Ergebnissen ist der Weinstock! Nimmt er doch nur 2 1/2 Millionen Hektaren ein, d.h. weniger als den zwanzigsten Theil des bebauten Landes, und überall begnügt er sich mit den Bodenarten, die für jeden anderen Culturzweig unbrauchbar wären; dabei hat er nicht einmal eine ausschließliche Vorliebe für gewisse Bodenbeschaffenheiten. Wenn man unsere berühmtesten |159| Gewächse in's Auge faßt, so gewahrt man, daß der Weinstock am Cap Breton und auf dem quarzhaltigen Dünensande der Landes fortkommt, daß er in Médoc auf ähnlichem, mit Kiesel und Kieselgestein gemischtem Sande, in Anjou auf thonhaltigem Erdreich, in der Champagne auf Kreidefelsen wächst. Die Rebenstöcke der Eremitage befinden sich auf Granitgestein und die von Burgund auf Kalkfelsen und sumpfigem Erdreich. Und auf der anderen Seite, welche wunderbare Mannichfaltigkeit der Erzeugnisse entspricht diesen abweichenden Bodenverhältnissen! Graf Odart zählt in seiner Ampelographie nicht weniger als 880 in Frankreich angebaute Rebenvarietäten auf.“

Aus dem Angeführten erkennt man, welche ungemeine Wichtigkeit der Weinbau für Frankreich hat, und wie man dort allerdings in der kleinen Phylloxera ein Schreckgespenst sehen kann. Aber auch wir haben alle Ursache aufzupassen, daß dieser böse Gast nicht über unsere Grenze gelangt. Es steht zu hoffen, daß das Reichskanzleramt dem Antrage der deutschen Land- und Forstwirthe nachkommen wird. (Globus.)

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