Titel: Zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Krapps und „der Krapp der Zukunft.“
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 209/Miszelle 11 (S. 159–160)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj209/mi209mi02_11

Zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Krapps und „der Krapp der Zukunft.“

Der Krapp ist bislang neben der Indigopflanze die wichtigste Farbepflanze und seit der ältesten geschichtlichen Zeit bei den Culturvölkern in Gebrauch gewesen. Der Krapp kommt schon unter den Farbepflanzen vor, welche zur Zeit Karls des Großen und auf dessen Empfehlung gebaut wurden. Die Anregung zu umfassenderer Cultur in Europa scheint jedoch erst durch die Kreuzzüge gegeben worden zu seyn. Die Pflanze (Rubia tinctorum = Färberröthe) ist im Orient heimisch, wo sie regelmäßig gebaut wird und am reichsten an Farbstoff ist. (Von dem arabischen Worte alizari kommen die Benennungen der Krappwurzel im Oriente und am Mittelmeer: Alizzari, Lizzari; ferner Alizarin).

Ihr Anbau ist jedoch auch weit über Europa verbreitet, wo sie besonders in Holland, Frankreich und Italien gebaut wird. In Deutschland wird u.a. in der Provinz Schlesien Krapp gebaut und machen die Jahresberichte der Handelskammer zu Breslau interessante Mittheilungen über diesen Gegenstand. Nach dem Berichte für 1870 wurde der Ertrag von Krapp und Röchen in der Provinz Schlesien, der sich bei dem Mangel an statistischen Grundlagen nur annähernd angeben läßt, auf etwa 10,000 Ctr. geschätzt. Dieser Bericht bedauert, daß die unbedeutenden Fortschritte im Anbau nur von den kleineren Producenten ausgehen, während die größeren Grundbesitzer dem Artikel ihre Aufmerksamkeit nicht aufs Neue widmen mochten, weil sich die Concurrenz-Verhältnisse schon oft ungünstig gestaltet haben. Nach dem Berichte der Handelskammer zu Breslau vom Jahre 1871 wurde der Anbau in Folge der in den letzten Jahren bezahlten hohen Preise wieder im verstärkten Maaße betrieben. Im Elsaß ist die Cultur von Kaiser Karl V. eingeführt. Dort wurden im Jahre 1778 50 Millionen Pfund Krappwurzeln erzeugt. In der neueren Zeit ist der Krappbau eingeschränkt, weil derselbe zu viel Arme erfordert und unter der Concurrenz des Anilins leidet, hat man sich mehr dem Hopfenbau zugewandt. Im Jahre 1862 waren im Elsaß 273 Hektaren mit Krapp bestellt, während in ganz Frankreich auf 20,488 Hektaren Krapp gebaut wurde. Die mittlere Ernte wurde im Elsaß auf 25,96 metrische Centner zu 200 Pfd., in ganz Frankreich zu 26,43 metrische Centner pro Hektare gerechnet. Krapp wird in Frankreich nach drei, im Elsaß der Fröste halber schon nach 2 Jahren aus der Erde gezogen. (Das neue deutsche Reichsland Elsaß mit Deutsch-Lothringen in der Zeitschrift des königl. preußischen statistischen Bureaus 1571, Heft 1 und 2.)

Im Königreich Württemberg wird eben die Probe von Krapp gebaut; so wurden im Jahre 1870 auf 3 Morgen Wau und Krapp, der erstere aber weit überwiegend, im Jahre 1871 auf 4 Morgen Waid, Wau und Krapp gebaut. (Jahresberichte der Handels- und Gewerbekammern in Württemberg.) Im Ganzen ist der Anbau in Deutschland nicht bedeutend, ein Umstand, der mit Rücksicht aus das Folgende hervorgehoben werden muß.

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Man hat nämlich entdeckt, daß sich aus dem Anthracen – einem bei einer Erhitzung von 210° Celsius aus dem Steinkohlentheer gewonnenen Oele – künstliches Alizarin herstellen lasse und es gelang bald, diese Erfindung, welche sich erst nur im Klemm theoretisch bewährt hatte, im großartigen Maaßstabe in den praktischen Consum einzuführen, so daß Köchlin zu Mülhausen im Elsaß schon vor einigen Jahren das künstliche Alizarin „den Krapp der Zukunft“ genannt hat. In Deutschland wandten sich u.a. die im Wupperthale mit der Fabrication von Anilinfarben und sonstiger dem Theer abgewonnener Producte beschäftigten Etablissements mit Enthusiasmus dem neuen Artikel zu und werden die dort hergestellten Quantitäten für die ersten 6 Monate des Jahres 1872 auf 600 bis 1000 Pfd., vom August ab auf 1800 bis 2400 Pfd. pro Tag geschätzt. Ein großer Theil des Rohmaterials – Anthracen – wird bis jetzt aus England bezogen; man geht jedoch auch in Deutschland zusehends mit der Destillation größerer Quantitäten vor, und wird voraussichtlich bald genug im Lande produciren.

Der Bedarf an Alizarin war bis zu Ende des Jahres 1872 so rege, daß nicht sämmtlichen Aufträgen seitens der Etablissements im Wupperthal entsprochen werden konnte. Die Preise hielten sich deßhalb so hoch, daß die consumirten Quantitäten nur für Druck verwandt wurden, da sie für Färberei noch zu theuer waren. In den ersten Monaten des Jahres 1873 traten mit einer bedeutend gesteigerten Production auf die Hälfte reducirte Preise ein, wodurch sofort fast das ganze Gebiet der Türkischroth-Färberei erobert wurde.

Die jetzige vervollkommnete Fabricationsmethode liefert ein künstliches Alizarin, das an Aechtheit und Verwendbarkeit den früher aus Krapp erzielten Nuancen unbedingt gleichkommt, mit Rücksicht auf Feuer und Schönheit der Farbe aber bei weitem bessere Resultate erzielt.

Es ist daher nur noch eine Frage der Zeit, wann Krapp vom künstlichen Akizarin gänzlich aus dem Handel verdrängt wird.

Der Import von Krapp und Garancin von Frankreich und Italien nach Deutschland wird auf 5 bis 6 Millionen Thaler pro Jahr geschätzt. Es wird demnächst nicht allein diese erhebliche Summe dem Inlande erhalten bleiben, sondern künstliches Alizarin wird, wie dieß jetzt bereits der Fall ist, auch einen bedeutenden Export artikel bilden.

Unter diesen Umständen ist es nicht zu verwundern, daß in Avignon und Neapel, Stapelplätzen des Krapp- und Garancinhandels, zu Ende des Jahres 1872 eine vollständige Panik entstand.

Die Handelskammer zu Barmen befürchtet, daß man bei neu abzuschließenden Handelsverträgen mit Frankreich und Italien in jenen Ländern dem unangenehmen Eindrucke, welchen der Verlust eines für diese Länder so bedeutenden Exportartikels gemacht hat, Rechnung tragen und einen hohen Eingangszoll auf Alizarin legen werde und bezeichnet eine Pression der deutschen Regierung im entgegengesetzten Sinne als sehr wünschenswerth. (Hannoversches Wochenblatt für Handel und Gewerbe, 1873, Nr. 25.)

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