Titel: Ueber die Darstellung der Anilinfarben und des künstlichen Alizarins.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 209/Miszelle 4 (S. 236–238)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj209/mi209mi03_4

Ueber die Darstellung der Anilinfarben und des künstlichen Alizarins.

Für die Darstellung der Anilinfarben ist die Gewinnung von Benzol und Anilinöl Vorbedingung, indem letztere Substanz als Rohmaterial für diese Farben dient. Obschon die Begründung der Anilinfarben-Industrie (1856) und ihre ersten, wichtigsten Erfindungen auf englischem (Perkin 1856, Hofmann 1858 und 1863, |237| Medlock 1860, Nicholson 1862, Lightfoot 1863) und französischem (Verguin 1859, Béchamp 1860, Girard und de Laire 1860) Boden stattfanden, betheiligte sich doch Deutschland gleich anfangs durch billige und gute Fabricate an derselben, um schließlich allen Mitbewerbern den Rang abzulaufen. Seine meist sehr bedeutenden Fabriken liegen hauptsächlich in Südwest- und Westdeutschland (Offenbach, Bieberich, Höchst, Mannheim, Barmen, Elberfeld, Crefeld), kleinere über das ganze Reich zerstreut, und betheiligen sich an der europäischen Gesammtfabrication, deren Werth von 2 1/2 Mill. Thlr. in 1862 auf 7 1/2 in 1867 und mindestens 10 Mill. in 1872 bei gleichzeitiger 40facher Productionsvermehrung stieg, jetzt mit ungefähr der Hälfte der Production, indem sie nach allen europäischen Staaten, dann nach Amerika und dem Orient und selbst nach den einzig concurrirenden Ländern England, Frankreich und der Schweiz in bedeutender Menge exportiren. Dagegen ist, wesentlich in Folge der Patentbeschränkungen, die französische Production bis auf ungefähr 10 Ctr. Farbstoff täglich herab gegangen. Unter den Veränderungen der letzten 5 Jahre sind für Deutschland namentlich bemerkenswerth: 1) die Steigerung der einheimischen Anilinöl-Production von circa 10000 Ctr. in 1867 auf jetzt ungefähr 25,000 Ctr., zu welchen zur Deckung des deutschen Farbenfabricationsbedarfes noch 10000 Ctr. vom Ausland bezogen werden müssen; 2) die Ausdehnung der deutschen Fabriken, deren jetzt viele eine Tagesproduction von 10 Ctr. Fuchsin und darüber (neben anderen Farbstoffen) liefern; 3) die gegenwärtig in Deutschland stattfindende Einführung der bisher nur in Frankreich betriebenen Fabrication von Methylanilinviolett, welches das durch die hohen Jodpreise unmöglich gewordene Jodviolett (zugleich die Basis des Lichtgrün) zu ersetzen bestimmt ist. Diese Aenderung, in deren Folge Deutschland schon jetzt mehr als 10 Ctr. Methylanilin täglich erzeugt, ist um so beachtenswerther, als mit ihrer Einbürgerung die Menge der durch die Anilinfarben bisher erzeugten giftigen Rückstände (aus jährlich 30000 Ctr. in Deutschland verbrauchter Arsensäure) bedeutend vermindert würde, da Arsensäure alsdann nur noch zur Darstellung des unmittelbar zu verwendenden Fuchsins nöthig wäre. Bezüglich Unschädlichmachens oder Vermeidung solcher Rückstände sey erwähnt, daß seit zwei Jahren in der von Elberfelder und oberrheinischen Fabrikanten errichteten Fabrik zu Haan die arsenhaltigen Mutterlaugen für neue Verwendung in der Fabrication zu Gute gemacht werden, sowie ferner, daß die in den Laboratorien fast aller deutschen Anilinfabriken fortgesetzten Versuche zur Darstellung von Fuchsin nach Coupier's Verfahren unter Vermeidung der Arsensäure neuerdings größere Aussicht auf Erfolg gewähren.

Die von zwei deutschen Chemikern, Graebe und Liebermann, im Jahre 1868 entdeckte Thatsache, daß der als Alizarin bekannte Farbstoff des Krapp sich vom Anthracen, einem der auch im Steinkohlentheer vorkommenden Kohlenwasserstoffe, ableite, führte dieselben Ende 1868 auf den umgekehrten Weg der künstlichen Erzeugung von Alizarin aus Anthracen. Seit 1870 ist die auf ihre Methoden begründete Industrie des künstlichen Alizarins von den meisten Anilinfabriken Deutschlands aufgenommen und in stetem Wachsthum begriffen. Deutschland zählt gegenwärtig 10 bis 12 meist sehr bedeutende Alizarinfabriken, England und Frankreich, der schützenden Patente wegen, nur je eine. Für 1873 beläuft sich die Gesammtproduction schon auf 22000 Ctr. 10procentige Alizarinpaste im Werthe von 4 Mill. Thlr., wovon circa 15000 Ctr. auf Deutschland, circa 6000 auf England kommen. Der deutsche Export geht über ganz Europa und nach Amerika. Das das Rohmaterial bildende Anthracen ist bei 0,5 Proc. Gehalt des Theeres an demselben in den von den Gasanstalten insgesammt producirten 5 Mill. Ctr. Theer zur Deckung des ganzen gegenwärtigen Alizarinverbrauches (entsprechend 1 Mill. Ctr. Krapp im Werth von 13 Mill. Thlrn.) und selbst für eine wahrscheinliche Consumsteigerung in genügender Menge vorhanden. 1872 kamen schon 15000 Ctr. 40procentiges Anthracen im Werthe von über 1 Mill. Thaler hauptsächlich aus England, weniger aus Holland (600 Ctr. 70proc. im Werth von 100000 Thlrn.), Deutschland und Frankreich in den Handel. Künstliches Alizarin ersetzt sämmtliche Krapppräparate. Während Deutschland bisher die feineren Sorten der letzteren aus Frankreich bezog, wird es wahrscheinlich binnen zwei Jahren der Lieferant der ganzen Welt an Alizarin, wie heute an Anilinfarben, seyn; auch läßt, trotz augenblicklich noch stattfindender Concurrenz des künstlichen und natürlichen Farbstoffes, der Krappbau bereits nach, und werden Krappproducenten zu Fabrikanten künstlichen Alizarins. Beim Sinken der Preise des Alizarins dürfte dessen Verwendung |238| noch weit über die heutige hinaus gehen, und der Import von Farbhölzern aus dem Orient bedeutend nachlassen. (Aus der Einleitung zu Gruppe III des deutschen Kataloges für die Wiener Ausstellung durch deutsche Industriezeitung.)

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