Titel: Ueber dynamo-elektrische Maschinen; von Dr. W. Siemens.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 209/Miszelle 2 (S. 394–395)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj209/mi209mi05_2

Ueber dynamo-elektrische Maschinen; von Dr. W. Siemens.

In einem im Verein zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen gehaltenen Vortrage sprach Dr. W. Siemens über die wichtigen Verwendungen, welche die Elektricität auch in anderen Industriezweigen als in der elektrischen Telegraphie, dem elektrischen Signalwesen und der Galvanoplastik theils schon finde, theils aller Wahrscheinlichkeit nach künftig in noch kaum zu übersehendem Maaße zu finden berufen sey. Schon vor langer Zeit haben zwar Wagner, Jacobi und Andere versucht, den durch galvanische Batterien erzeugten galvanischen Strom anstatt des Dampfes als Triebkraft zu benutzen. Diese Versuche aber mußten scheitern, theils weil das „elektrische Brennmaterial“, das Zink, zu theuer im Vergleich zur Kohle ist, und theils weil der Nutzeffect desselben sich in schneller Progression mit der von ihm geleisteten Arbeit so mindert, daß die elektromagnetischen Arbeitsmaschinen einen mit ihrer Größe abnehmenden Nutzeffect des zur Erzeugung der elektrischen Ströme verbrauchten Zinkes ergeben. Dazu kommt noch die Schwierigkeit, Kostspieligkeit und Unbequemlichkeit der Beschaffung und Instandhaltung der erforderlichen galvanischen Batterien, welche die Techniker, vielleicht mehr als billig, zurückschreckten, und den hauptsächlichen Grund bildeten, warum sich die Elektricität als Hülfskraft in andere Industriezweige so schwer einbürgert. Man hat zwar schon seit langer Zeit und in vielen Fällen mit bestem Erfolge versucht, die Ströme galvanischer Batterien durch Inductionsströme zu ersetzen, welche in den Umwindungsdrähten von Elektromagneten durch die Einwirkung kräftiger Stahlmagnete, an denen dieselben vorbeigeführt werden, entstehen; doch haben diese „magnet-elektrischen“ Maschinen, wenn kräftige Wirkungen erzielt werden sollen, zu große Dimensionen, und die Stahlmagnete verlieren bald ihre Kraft. Siemens hat nun bereits vor mehreren Jahren eine sogenannte „dynamo-elektrische“ Maschine erfunden, welche sich von den magnet-elektrischen Maschinen wesentlich dadurch unterscheidet, daß die Stahlmagnete ganz beseitigt und durch einen Elektromagnet ersetzt sind. Da das weiche Eisen dieses Elektromagnetes stets eine geringe Menge Magnetismus zurückbehält, so vertritt es bei Beginn der Thätigkeit der Maschine die Stelle eines schwachen Stahlmagnetes, erzeugt also schwache Ströme in den Windungen des zweiten Stromerzeugungs-Elektromagneten. Diese Ströme durchlaufen in gleicher Richtung die Windungen des ersten Magneten und vergrößern seinen Magnetismus. Der stärkere Magnetismus erzeugt wieder stärkere Ströme, diese wieder stärkeren Magnetismus und so fort bis zum Maximum der Magnetisirung des Eisens.

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Es wird bei diesen Maschinen also die bewegende Arbeitskraft direct, d.h. ohne Vermittelung von permanenten Magneten, in elektrischen Strom umgewandelt. Da der Elektromagnetismus sehr viel stärker ist als der Stahlmagnetismus, so können sehr kleine dynamo-elektrische Maschinen sehr starke Ströme erzeugen. Außerdem kann man die Maschinen in beliebig großen Dimensionen bauen, was bei magnetelektrischen Maschinen, der gegenseitigen Schwächung der Stahlmagnete wegen, nicht thunlich ist. Die dynamo-elektrischen Maschinen bieten der Industrie daher jetzt das Mittel, Ströme jeder Stärke durch Arbeitskraft zu erzeugen, also die durch Verbrennung von Kohle erzeugte Wärme in elektrischen Strom zu verwandeln. In sehr einfacher Weise lassen sich auch magnetische Kuppelungen mit wechselnder Bewegungsrichtung, wie sie für Drehbänke, Hobelbänke, Walzwerke u.s.w. vielfach in der Mechanik gebraucht werden, herstellen. Diese Kuppelung beruht darauf, daß ein Elektromagnet einen anliegenden Eisenanker mit sehr großer Kraft festhält, also an sich drückt, während er ihn aus ganz geringer Entfernung nur mit sehr geringer Kraft an sich heranzuziehen vermag. Dem Drucke entsprechend ist die Reibung, mit welcher die Kuppelung ohne alle mechanische Hülfsmittel ausgeführt wird. Daß diese Reibung auch zur Uebertragung großer Arbeitskräfte ausreichend groß seyn kann, zeigen die Locomotiven, bei denen die Reibung zwischen Radkranz und Schiene ebenfalls die alleinige Kuppelung bildet. Siemens machte ferner auf die Benutzung größerer dynamo-elektrischen Maschinen zu anderen Zwecken aufmerksam. So geben die in seiner Fabrik gebauten dynamo-elektrischen Leuchtmaschinen, obgleich sie nur einen Raum von wenig Kubikfußen einnehmen, ein elektrisches Licht von 3000 Normalkerzen Lichtstärke, während die stärksten bisher construirten magnet-elektrischen Maschinen der Alliance-Compagnie in Paris, trotz ihrer kolossalen Große, nur bis 500, und das elektrische Licht starker galvanischer Batterien nur etwa 300 Lichtstärken geben. Dieselben Maschinen lassen sich auch so construiren, daß sie mächtige Ströme geringer Spannung, wie sie für elektro chemische Zersetzungen geeignet sind, hervorbringen. Diese mit geringen Kosten in fast unbegrenzter Stärke hervorzubringenden elektrischen Ströme führen auch der Metallurgie ein neues wichtiges Hülfsmittel zu. Namentlich glaubt Siemens, daß die galvanische Ausscheidung der Metalle aus dem geschmolzenen Erze künftig eine wichtige Rolle in der Metallurgie zu spielen berufen sey. Schließlich macht er darauf aufmerksam, daß die Arbeitskraft, welche dynamo-elektrische Maschinen erfordern, theoretisch von der wirklichen Leistung derselben abhängig sey, daß also das anfangs erwähnte hauptsächliche Hinderniß der Construction ökonomischer Arbeitsmaschinen ganz oder doch größtentheils fortfalle, wenn man durch dynamoelektrische Maschinen erzeugte Ströme zum Betriebe von elektrischen Arbeitsmaschinen verwendet. Es sey daher denkbar, daß man in späteren Zeiten den durch gewaltige dynamo-elektrische Maschinen erzeugten Strom wie gegenwärtig Gas und Wasser den Häusern zuführen und hier beliebig zur Licht-, Wärme- und Krafterzeugung verwenden würde.

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