Titel: Die elektrischen Uhren auf der Wiener Weltausstellung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 209/Miszelle 1 (S. 461–464)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj209/mi209mi06_1

Die elektrischen Uhren auf der Wiener Weltausstellung.

Die Verwendung der Elektricität zur Zeitmessung ist – bei der, wie man anfangs glaubte, unendlich großen und, wie wir heute wissen, jedenfalls überflüssig großen Geschwindigkeit des Stromes – ein natürlicher Gedanke, den man auf die vielfältigste Weise zu verwirklichen gesucht hat. Und in der That hat diese Anwendung |462| der Elektricität der Wissenschaft schon die bedeutendsten Dienste geleistet und – wie wir sehen werden – hat das Problem der elektrischen Uhren auch eine für das praktische Leben nicht unwichtige, wie es scheint, befriedigende Lösung gefunden. Uebrigens zahlt die Elektricität mit den Diensten, die sie der Uhrmachern leistet, nur zum Theil die wichtigen Dienste heim, welche die letztere der Telegraphie, dieser bedeutendsten Anwendung der Elektricität, geleistet hat. Denn nicht nur sind viele der bedeutendsten Telegraphen-Constructeure ursprünglich Uhrmacher – wir erwähnen nur Bréguet und Hipp – sondern im Grunde enthält jeder Telegraphen-Apparat ein Uhrwerk als einen wesentlichen Bestandtheil.

Ehe wir die auf der Ausstellung befindlichen elektrischen Uhren besprechen, sey es gestattet, einige principielle Bemerkungen über die richtige Verwendung der Elektricität auf diesem Gebiete zu machen; denn man ist, wie uns scheint, bei Lösung des Problemes der elektrischen Uhren auf mancherlei Abwege gerathen, weil das Problem nicht richtig formulirt war.

Als die Entdeckung des Elektromagnetismus eine ganze Welt neuer Anschauungen erschlossen hatte, geschah es – wie so oft in der Geschichte der Technik und Wissenschaft – daß man die praktische Bedeutung dieser neuen Welt nicht sowohl übertrieb, als vielmehr in einer falschen Richtung suchte. So glaubte man unter Anderem eine neue Kraft entdeckt zu haben, welche – mit ihrem anfangs noch geheimnißvollen Ursprunge – sich zu vielfachen technischen und industriellen Zwecken mit Nutzen anwenden zu lassen schien. Man ersann allerhand Maschinen, bei denen die Elektricität als Motor diente. Bald aber zeigte die Praxis und später auch die Theorie, daß diese Kraft an zwei üblen Schwächen leidet: sie ist eine der variabelsten und – kostspieligsten. Das brach den elektro-dynamischen Maschinen bald den Hals, und man beschied sich, die Elektricität ihrem Wesen gemäß zu verwenden, d.h. überall da, wo es auf eine fast momentane Transmission einer Wirkung auf beliebige Entfernung ankommt.

Doch begegnet man immer noch hin und wieder auf gewissen Gebieten der Technik dem Bestreben, die Elektricität als Kraft zu benutzen, so z.B. bei einer gewissen Art elektrischer Uhren. Bekanntlich dient als bewegende Kraft entweder, wie bei den Pendel-Uhren, die Schwere, oder, wie bei den Taschen- und Marine-Uhren, die Elasticität einer Jeder. Diese beiden Kräfte haben die unschätzbaren Vorzüge, daß sie nichts kosten – wir meinen natürlich ihre Unterhaltung – und daß sie äußerst constant sind, so daß sie mit Hülfe des Regulators – sey es des Pendels, sey es der Unruhe – eine fast absolut regelmäßige Bewegung erzeugen. Und doch versucht man immer wieder, sie ab- und durch die capriciöse Elektricität zu ersetzen. Und aus welchem Motiv? Um sich der Mühe zu entheben, die Uhr alle Tage oder jede Woche, oder jeden Monat aufzuziehen. Ist das wirklich ein ernstgemeinter Vortheil? Muß man doch die Batterie in Stand hatten, was jedenfalls ein unangenehmeres Geschäft ist.

Auf der Ausstellung befinden sich mehrere solcher elektrischer Uhren, bei denen der Strom direct oder indirect als motorische Kraft wirkt. So finden wir in der österreichischen Abtheilung eine elektrische Uhr ausgestellt, bei welcher der gelehrte Erfinder einen der wesentlichsten Uebelstände dieser Uhren, die allmähliche Oxydirung der Contact-Flächen durch den Funken, auf sinnreiche Weise vermieden hat, indem er durch einen Neben-Contact den Extrastrom ableitet. Doch ist auch für diese Uhr leider das Wesentliche nicht nachgewiesen, daß sie nämlich an Regelmäßigkeit des Ganges es den anderen astronomischen Uhren gleichthue. Und offen gesagt, auf langjährige Erfahrungen gestützt, bezweifeln wir diese; denn wo immer dem Pendel selbst die Function des Contactschlusses auferlegt wird, zeigt die Erfahrung eine mindere Genauigkeit des Ganges, und es sollte nachgerade als Axiom gelten, diese Arbeit nie dem Pendel, sondern stets einem besonderen Räderwerk aufzubürden.

In der schweizerischen Ausstellung finden wir eine andere Art selbstgehender elektrischer Uhren, welche die Eigenthümlichkeit haben, daß zur Unterhaltung ihres Ganges nur ein absolutes Minimum von Elektricität verwendet wird; durch eine geistvoll ersonnene Auslösung nämlich wird der Strom nur dann geschlossen, wenn die Schwingungsweite des Pendels unter eine gewisse Grenze sinkt, wo alsdann das Pendel, das an seinem unteren Ende den Anker trägt, von dem darunter befindlichen Elektromagnet den Impuls erhält. Aber auch hier gilt dasselbe Bedenken; Professor Wolf in Zürich wenigstens, der eine solche Uhr aus seiner Sternwarte besitzt, kommt zu dem Resultate, daß die Variation ihres Ganges mehrere Zehntel-Secunden beträgt, während |463| wir sahen, daß bei den besten astronomischen Gewichits-Uhren diese Variation nur einige Hundertstel-Secunden ausmacht.

Ganz neu ist auf der Ausstellung der Versuch, den elektrischen Strom als motorische Kraft für einen Marine-Chronometer zu verwenden. Der begabte und vielversprechende junge Künstler, welcher dieses Instrument in der russischen Abtheilung ausgestellt, hat es, nach einer Untersuchung des Hrn. Schweizer, Directors der Moskauer Sternwarte, zu schließen, durch sinnreiche Construction und vortreffliche Ausführung dahin gebracht, daß der Gang seines elektrischen Chronometers dem eines guten gewöhnlichen Box-Chronometers gleichkommt. Nur schade, daß soviel tüchtige Arbeit auf ein durchaus unpraktisches Problem verwendet ist, denn Box-Chronometer sind ja für See- und Landreisen bestimmte Präcisions-Uhren, und uns ist keine genügend constante Batterie bekannt, welche das Reisen zur See oder zu Lande vertrüge. Die neben dem Chronometer ausgestellte Batterie macht wohl auch nicht ernsthaft diesen Anspruch; ging doch der Chronometer sogar in der Ausstellung mit einer anderen, im Schrank verborgenen Batterie.

Viel höher schätzen wir das aus derselben Abhandlung des Hrn. Directors Schweizer zu entnehmende Verdienst des jungen polnischen Künstlers, an gewöhnliche Chronometer und Pendel-Uhren elektrische Vorrichtungen, sogenannte „Unterbrecher“ anzubringen, welche es gestatten, die Secunden derselben, sey es auf sogenannten Chronographen zu verzeichnen, sey es, mehreren räumlich getrennten Zifferblättern mitzutheilen.

Und damit kommen wir zu der zweiten, unserer Meinung nach allein berechtigten Art elektrischer Uhren, deren Zweck es ist, den Gang einer sogenannten Normal-Uhr auf beliebig viele Zeigerwerke oder Registrir-Apparate zu übertragen. Raum und Zeit gestatten uns nicht, hier die vielfachen und großen Dienste zu entwickeln, welche die elektrische Registrirung der, Zeit den Wissenschaften, der Astronomie und Geodäsie sowohl, als der Physik und Physiologie, geleistet hat. Wir beschränken uns darauf, zum Schluß unseres Artikels die eminent praktische Bedeutung dieser Art elektrischer Uhren zum Verständniß zu bringen.

Wenn es vor einem Menschenalter noch genügte, die Zeit auf eine Viertelstunde zu kennen, ist es in unserer Epoche der Eisenbahnen und Telegraphen nöthig, die Zeit wenigstens auf eine Minute genau zu haben. Das können aber bekanntlich selbst die besten Thurmuhren und sogenannten Regulatoren auf die Dauer nicht leisten. In Wien so gut wie in allen anderen großen Städten weiß man ein Liedchen zu fingen von der kläglichen Uebereinstimmung der Stadt-, Post- und Eisenbahn-Uhren. Wie Mancher, der aus diesem Grunde den Zug verfehlt, hat schon über diesen Uebelstand geflucht.

Nun wohl, mit Hülfe der Elektricität ist es möglich, einem ganzen System von Uhren nicht nur in Bahnhöfen, Postanstalten, Börsen, großen Verwaltungs-Gebäuden etc., sondern auch in den Straßen und auf den Plätzen der großen Städte die Genauigkeit einer unter wissenschaftlicher Controlle stehenden astronomischen Pendel-Uhr zu verleihen und somit für die complicirte Thätigkeit großer Bevölkerungs-Centren und Administrationen eine sichere und genaue Zeitregulirung zu schaffen. Die Ausführung solcher Systeme elektrischer Zeigerwerke ist schon seit lange vielfach versucht und hatte anfangs mit mancher Schwierigkeit zu kämpfen; für Uhren-Systeme innerhalb eines und desselben Gebäudes sind dieselben schon seit mehr als einem Jahrzehnt überwunden; für öffentliche Uhren aber in den Straßen und Plätzen der Städte, welche durch Luftleitungen mit der Normal-Uhr verbunden sind, waren die Störungen durch atmosphärische Elektricität ein ernstes Hinderniß, bis Hipp durch Anwendung polarisirter Magnete und besondere Construction der Anker auch diese Schwierigkeit, wie es scheint, mit vollem Erfolg überwand.125) Denn nicht nur sehen wir auf der Ausstellung eine Anzahl solcher elektrischer Uhren seit der Eröffnung in ununterbrochenem Gange, sondern es wurden der Jury auch amtliche Zeugnisse von Stadt- und Staatsbehörden mitgetheilt, wodurch die Thatsache beglaubigt wird, daß ganze Systeme solcher Uhren in vielen Städten, wie in Basel, Cöln, Stuttgart, Dresden, Königsberg, Zürich, |464| Neuchâtel, seit Jahren ununterbrochen und regelmäßig gehen. Es scheint also, als wäre das Problem gelöst und als wäre es nicht nöthig, aus Furcht vor den früher häufigen Unterbrechungen zu dem complicirteren Mittel seine Zuflucht zu nehmen, welches man in Berlin angewendet hat und das auf der Ausstellung durch einen Hamburger Uhrmacher repräsentirt ist, nämlich überall selbstgehende Pendel-Uhren aufzustellen, deren Gang durch zeitweilige Emission eines Stromes durch die Normal-Uhr in Uebereinstimmung mit dieser letzteren erhalten wird.

Wer in einer Stadt lebt, wo man auf jedem Platze, an jedem Thurme und fast an jeder Straßenecke solche Uhren findet, welche die Zeit bis auf eine Secunde genau angeben, weiß diese Wohlthat zu schätzen. (Internationale Ausstellungs-Zeitung.)

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Man sehe: Oelschläger über elektrische Uhren, im polytechn. Journal, 1872, Bd. CCIII S. 458.

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