Titel: Fischer, über die Verwerthung städtischer Abfallstoffe.
Autor: Fischer, Ferd.
Fundstelle: 1873, Band 210, Nr. XX. (S. 120–150)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj210/ar210020

XX. Ueber die Verwerthung städtischer Abfallstoffe; von Ferd. Fischer.

Aus den Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereines, 1873 S. 200.

Bekanntlich fällt im Haushalt der belebten Natur den chlorophyllhaltigen Pflanzen die große Aufgabe zu, mit Hülfe der Sonnenstrahlen aus den Bestandtheilen des Bodens, des Wassers und der atmosphärischen Luft die verschiedenen organischen Stoffe aufzubauen, Sauerstoff („Lebensluft“ abzuscheiden und so der Thierwelt die Stoffe zu liefern, welche sie zu ihrer Existenz bedarf.

Eine große Anzahl meist kleiner, und daher wenig beachteter Pflanzen, die Pilze 24) sind dagegen wegen ihres Chlorophyllmangels außer Stande zu assimiliren, sie consumiren vielmehr wie die Thiere die von den grünen Pflanzen gebildeten organischen Stoffe und setzen sie wieder in einfachere Verbindungen um. Sie entziehen ihre Nahrung theils lebenden Pflanzen und Thieren: Schmarotzer oder Parasiten, theils abgestorbenen Organismen und deren Zersetzungsproducten: Fäulnißbewohner oder Saprophyten.

Der vegetative Körper (Thallus) der Pilze besteht aus verzweigten fadenförmigen Zellfäden (Hyphen), welche sich immer nur durch Spitzenwachsthum |121| vergrößern. Die Fortpflanzungszellen oder Sporen (σπορά Saat) beginnen ihre Entwicklung damit, daß sie einen Schlauch austreiben, der sich mehr und mehr verlängert, Scheidewände bekommt, und indem er sich verästelt, ein fadenförmiges Geflecht von Hyphen, das Mycelium, bildet, welches sich in und auf dem Nährboden der Pilze verbreitet. Aus dem Mycelium entspringen die Fruchtträger, aufrechte oder verzweigte Hyphen, welche die Fortpflanzungsorgane tragen.

In neuerer Zeit hat man hiervon die Bakterien 25) (βακτηριον Stäbchen), auch Schizomyceten genannt, als besondere Abtheilung getrennt: rundliche (Monas) stäbchenartige (Bacterium) oder spiralige (Vibrio, Spirillum) Zellchen, die sich durch fortgesetzte Zweitheilung vermehren. Bei passender Temperatur (10–40°), reichlicher Nahrung und Anwesenheit von Sauerstoff bewegen sie sich meist sehr lebhaft, so daß sie früher auch für Thiere gehalten wurden, unter weniger günstigen Verhältnissen sind sie bewegungslos. In der Regel einzeln oder zu zwei, sind namentlich die kugeligen nicht selten perlschnurförmig aneinandergereiht (Leptothrix) oder mit den cylindrischen zusammen in palmellaartigen Gallertmassen eingebettet (Zooglöa). Solche schleimige Massen bilden auch diejenigen Bakterien, welche sich in feuchter Luft auf Fleisch, Brod u.s.w. entwickeln, und als Nebenproducte ihrer Assimilationsthätigkeit häufig rothe („blutendes Brod“), braune, gelbe, grüne, blaue (Lackmus) und violette, den Anilinfarben ähnliche Pigmente erzeugen. Nach Schröter entspricht jeder dieser Pigmentbildungen ein specifisch verschiedener Organismus. (Beiträge zur Biologie der Pflanzen von F. Cohn; zweites Heft).

Da sich die Bakterien und Pilze bei allen Gährungs-(Fäulniß-) und Verwesungsvorgängen massenhaft26) entwickeln, so ist zuweilen behauptet, sie entständen durch Urzeugung, Generation spontanea,27) als |122| organisirte Zersetzungsproducte. Es kann dagegen auf das Bestimmteste versichert werden, daß noch kein Fall vorliegt, in welchem diese Organismen auftreten, ohne daß bei gehöriger Sorgfalt ihre Entstehung aus Sporen (Conidien u.s.w.) nachweisbar gewesen wäre. So hat die aufmerksame Beobachtung gezeigt, daß die Sporen auf der Oberfläche der Eier, Nüsse u.s.w. bei hinreichender Feuchtigkeit keimen, die Keimschläuche und Myceliumfäden selbst die unverletzten Eierschalen und die härtesten Fruchtsteine durchbohren. Das Vorkommen von Schimmel in Nüssen u. dgl. wird dadurch hinreichend erklärt.28)

Andere sehen in der Zersetzung der abgestorbenen organischen Körper nur einen, durch die verwickelte Zusammensetzung derselben prädisponirten, rein chemischen Vorgang, eine langsame Verbrennung oder Verwitterung, in den Bakterien und Pilzen aber nur zufällige Begleiter dieser Vorgänge. Die sorgfältigen Untersuchungen von Spalanzani und Appert, welche das Hineinkommen der Keime durch Zuschmelzen (Appertisiren), von Schwann, Schröder, Pasteur und Cohn, welche die zutretende Luft durch Glühen oder Filtriren von den Sporen befreiten, haben auf das Bestimmteste bewiesen, daß diese niederen Organismen nicht Producte oder zufällige Begleiter, sondern Producenten dieser Zersetzung sind; nicht der Tod erzeugt die Fäulniß, nicht der Sauerstoff die Verwesung, sondern das Leben der Bakterien und Pilze vermittelt dieselben.

Gährung ist eine nothwendige Folge des Lebens, welches ohne directe Verbrennung mittelst freien Sauerstoffes vor sich geht. Der Hefepilz (Saccharomyces cerevisiae) und andere organisirte29) Fermente sind Organismen, welche sich direct sauerstoffhaltige Substanzen (wie den Zucker), die im Stande sind, durch ihre Zersetzung Wärme zu liefern, assimiliren können, welche also die zu ihrer Entwickelung nöthige Wärme den gährungsfähigen Substanzen entnehmen. Dem entsprechend muß die Hefe zur Erlangung der erforderlichen Spannkraft große Quantitäten – nach Liebig das Hundertfache ihres eigenen Gewichtes – Zucker zerlegen. Tritt aber freier Sauerstoff zu, so nähert sich allmählich das Gewicht der gebildeten Hefe dem des zersetzten Zuckers (Comptes rendus 7. Oct. 1872).

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Der analoge Spaltungsproceß eiweißartiger Stoffe in Leucin, Tyrosin, Fettsäuren, Ammoniakbasen, Phosphorwasserstoff, Schwefelwasserstoff. Kohlenwasserstoff u. dgl., die ammoniakalische Gährung des Harns und ähnliche Vorgänge, im gewöhnlichen Leben Fäulniß genannt, werden ausschließlich durch die Bakterien bewirkt, die zu ihrer Lebensthätigkeit nur geringe Sauerstoffmengen beanspruchen. Bei jeder Verdunstung faulender Flüssigkeiten werden mit dem Wasserdampf zahllose Bakterien in die Luft fortgerissen, beim Athmen verschluckt, mit den meteorischen Niederschlägen auf alle Körper abgesetzt, und so auch an allen der Luft ausgesetzten stickstoffhaltigen Körpern zu Erregern der Fäulniß, da ihre Lebenskraft durch den Aufenthalt in der Luft nicht vernichtet wird (Botanische Zeitung 29. 861).

Verwesung ist ein durch Pilze vermittelter Oxydationsproceß; sie findet nicht statt, wenn die Pilzvegetation fehlt, auch wenn Sauerstoff in hinreichender Menge vorhanden ist. – Tanninlösung verändert sich nach Tieghem nicht, wenn kein Sauerstoff zutreten kann, auch wenn die Sporen der beiden Schimmelpilze Penicillium glaucum und Aspergillus niger hineingesäet sind, aber auch nicht bei freiem Zutritt von Sauerstoff, wenn diese Pilze völlig fern gehalten werden. Bei unbeschränktem Sauerstoff entwickeln sich die Pilze jedoch an der Oberfläche der Lösung unter Verbrennung des Tannins zu Kohlensäure und Wasser. Wird das bereits gebildete Pilzmycelium untergetaucht, der Zutritt der Luft also beschränkt, so wird das Tannin in Gallussäure und Zucker gespalten, während ein Theil des gebildeten Zuckers von den Organismen absorbirt wird. – Wird einer der häufigsten Schimmel-(Verwesungs-) Pilze Mucor mucedo in eine Zuckerlösung untergetaucht, so erfolgt keine Sporangienbildung wie an der Luft, um so reichlicher bilden sich aber Gemmen oder Brutzellen, die als sogenannte Kugelhefe eine lebhafte Gährung hervorrufen (Bericht, deutsch. chem. Ges. 6. 48) – Zehntel-Oxalsäurelösung wird im Sommer in kurzer Zeit durch Pilzvegetation, unter reichlicher Absorption von Sauerstoff, in Kohlensäure übergeführt. Wird aber, nach Neubauer, die Lösung eine halbe Stunde auf 70° erhitzt, die Sporen also getödtet, so tritt diese Zersetzung nicht ein (Zeitschr. analyt. Chem. 9. 392).

Sämmtliche Verwesungserreger vegetiren nur an der Oberfläche der organischen Körper in unmittelbarer Berührung mit der atmosphärischen Luft. Unter reichlicher Sauerstoffaufnahme setzen sie ihre organische Nahrung größtentheils in Kohlensäure, Wasser und Ammoniak um; Letzteres geht dann unter weiterer Absorption von Sauerstoff in salpetrige Säure und Salpetersäure über.

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Selbstverständlich wird ein Pilz, der auf einem abgestorbenen organischen Körper wächst, Verwesung desselben auf der der Luft ausgesetzten Oberfläche, aber auch Gährung durch sein in die Substanz eingedrungenes Mycelium bewirken. Fast bei jeder Verwesung werden demnach auch Gährungs- (und durch die gleichzeitig anwesenden Bakterien Fäulniß-) Producte auftreten, die bei fortdauerndem Luftzutritt durch die Pilzvegetation dann ebenfalls in Kohlensäure, Wasser u.s.w. übergeführt werden.

Die Lebensthätigkeit dieser winzigen Organismen hindert demnach das Anhäufen der Abfälle und Leichen von Pflanzen und Thieren; nur durch sie werden diese Massen dem Kreislauf der Natur zurückgegeben, durch ihre Vermittelung in solche Verbindungen zersetzt, welche die chlorophyllhaltigen Pflanzen zum Aufbau ihrer Organe gebrauchen und so neuem Leben zugeführt. Die Erde würde in kurzer Zeit unbewohnbar werden, wenn die Bakterien und Pilze diese ihre Thätigkeit einstellten!

Es ist hier nicht der Ort, auf die abweichenden Ansichten von Hallier, dessen Arbeiten von Fachbotanikern30) als nicht wissenschaftlich bezeichnet werden,31) Polotebnow und Crace Calvert, welche die Fortpflanzung der Bakterien bestreiten, von Huxley, der sie aus Hefe und Penicillium entstehen läßt, von Hoppe-Seyler, Fleck u.a. näher einzugehen. Jedem, der sich für diese, auch praktisch wichtigen Fragen interessirt, können die sorgfältigen Untersuchungen und Arbeiten von de Barry,32) Cohn,33) Eidam,34) Hofmann,35) Lex,36) Schröter und Steudener bestens empfohlen werden.

Wie das Leben der Saprophyten für öffentliche Reinlichkeit sorgt, so richtet sich die Thätigkeit der Parasiten gegen das Ueberhandnehmen einzelner geselliger Species auf Kosten anderer, somit auch gegen das Gedeihen unserer Culturpflanzen und Hausthiere, ja gegen unser eigenes Leben.

Von den zahlreichen, durch Pilze bewirkten Krankheiten der Culturgewächse, bei denen die Art und die Verbreitung der Ansteckung, der Zusammenhang zwischen fortschreitender Krankheit und Pilzentwickelung |125| auf das genaueste von Mohl, de Barry, Kühn u.a. beobachtet und durch exacte Versuche festgestellt, sollen hier nur erwähnt werden der Getreidebrand, die Kartoffelkrankheit durch Peronospora infestans die Traubenkrankheit durch Oidium Tuckeri 34 von den minder zuverlässig erkannten Krankheiten kleinerer Thiere das Absterben der Stubenfliegen durch Empusa muscae (Brefeld, Botanische Zeitung 28. 161), der Seidenraupen durch den Muskardine-Pilz Botrytis Bassiana (de Barry, Botanische Ztg. 25. 1) und die schwarze Muskardine der Agrotis segetum (Cohn, Jahrbuch der schlesisch. Ges. f. vaterl. Cultur).

Daß verschiedene Hautkrankheiten der Menschen, wie Favus, Herpes, Soor durch ächte, die äußere Haut und die Schleimhaut bewohnende parasitische Pilze hervorgerufen werden, ist bekannt, daß Chionyphe Carteri den in Indien gefürchteten Madura-Fuß verursacht, ist in den letzten Jahren bestimmt nachgewiesen34) und Troube hat gezeigt, daß durch den Catheterismus Bakterienkeime in die Harnblase, von dort in die Nieren gelangen und hier höchst gefährliche Eiterungen erzeugen. Davaine 30) hat bewiesen, daß der Milzbrand der Thiere und die damit zusammenhängende Pustula maligna der Menschen durch das Eindringen kleiner cylindrischer Bakterien in den Organismus, Buhl und Oertel, daß die mörderische Diphtherie, Klebs, daß Pyämie und Septicamie nur durch Bakterien verursacht werden.

Weniger glücklich ist man mit der Auffindung der specifischen Krankheitskeime anderer Infectionskrankheiten gewesen; so hat sich das Choleraphyton als Ascarideneier, Cylindrotaenium cholerar asiaticae als Oidium lactis, ein auf jeder sauren Milch vorkommender Schimmelpilz, herausgestellt. Nichtsdestoweniger aber bietet gerade der Verlauf und die Verbreitungsweise der Cholera, die Art der Infection, sehr viele Momente dar, welche auf niedere Organismen als Krankheitsursache unabweisbar hindeuten. Auch von den übrigen Infectionskrankheiten (Typhus, Wechselfieber u.s.w.) ist es im höchsten Grade wahrscheinlich geworden, daß die Erreger derselben niedere Organismen sind.37) Dem entsprechend sind faulende organische Stoffe nicht nur die geeigneten Brutstätten für Bakterien, sondern auch für die Infectionskrankheiten.

Die Ausdünstung (Malaria) großer Massen faulender Pflanzenstoffe in den Torfmooren Norddeutschlands, den Reisfeldern der Lombardei |126| und Venetiens, den Pontinischen Sümpfen u.s.w. gelten als Krankheitsursache der Wechselfieber.

Ganz besonders gefährlich sind aber faulende thierische Stoffe, namentlich menschliche Excremente, und wird deßwegen die Verunreinigung des Bodens mit excrementellen Fäulnißproducten allgemein und mit Recht als Ursache der gefährlichsten Krankheiten und der schlechten Mortalitätsverhältnisse der größeren Städte angeklagt.

Mit jedem Jahre hat sich unter den Aerzten die wissenschaftliche Ueberzeugung mehr festgestellt, daß die Ursache des Typhus in jenen Zersetzungsprocessen zu suchen ist, welche sich im Erdboden entwickeln, wenn unreine organische Stoffe, und zwar namentlich menschliche Excremente, in denselben eindringen.

Sinkt das Grundwasser, welches excrementielle Substanzen in sich aufgenommen hat, so läßt es hinter sich feuchte und zugleich verunreinigte Bodenschichten, und je wärmer Luft, Boden und Grundwasser sind, um so reichlicher werden die schädlichen Zersetzungen vor sich gehen. Mögen nun die Krankheitserreger aus dem Boden in das Trinkwasser der Brunnen, oder direct in die Luft übergehen, jedenfalls sind die Leute, welche auf dem verunreinigten Boden leben, mehr oder weniger den schädlichen Einflüssen ausgesetzt.38)

Wenn der Mensch die verunreinigte Luft in seiner Wohnung nicht durch frische Luft erneuert, das verunreinigte Wasser und alle Abfallstoffe des Hauses in den Boden dringen läßt, auf welchem sein Haus gebaut ist, wenn er vielleicht gar die faulenden organischen Stoffe in der Nähe seiner Wohnung aufspeichert oder so ablagert, daß sie den Boden verunreinigen und versumpfen, dann wird die aus dem Boden in sein Haus eindringende Luft mit gesundheitsgefährlichen Stoffen geschwängert, das Wasser seines Brunnens wird ungesund und die in seinen Körper eindringenden organischen Schlacken werden ihn krank machen.

Es kann hier nicht unsere Aufgabe seyn, diese Sätze allererst zu beweisen, wir müssen, falls sie wirklich noch bezweifelt werden sollten, auf die erörterten Thatsachen der Wissenschaft uns berufen, welche für Alle, die sehen wollen, eine überwältigende Macht der Ueberzeugung besitzen.

Nur im vollen Verständniß des Naturhaushaltes lernt der Mensch die Gefahren vermeiden, welche seiner Gesundheit und seinem Leben |127| drohen. In den großen Städten, in denen durch das zusammengedrängte Wohnen Vieler die Lebensverhältnisse der Menschen sich immer mehr von der Einfachheit des sich selbst ordnenden Naturhaushaltes entfernen, kann nur in genauer Berücksichtigung aller aus diesem engen Zusammenwohnen erwachsenen Gefahren die Gesundheit und das Leben der Einwohner geschützt werden. Die Nichtberücksichtigung der zur schnellen und sicheren Fortschaffung der Abfalls- und Auswurfstoffe aus dem Gebiete der Stadt nothwendigen Maßregeln rächt sich sofort durch vermehrte Krankheiten und erhöhte Sterblichkeit. – Alle Beobachter stimmen darin überein, daß die Entstehung und Verbreitung gewisser Krankheiten (Infections-Krankheiten) an den Fäulnißproceß gebunden ist, und daß es daher gefährlich ist, in einer volkreichen Stadt Herde zu dulden, welche die Entstehung und Verbreitung derartiger Krankheiten vermitteln.39)

Daß die bisherigen Verfahren, sich der Abgänge zu entledigen, durchaus ungenügend sind, wurde schon wiederholt hervorgehoben.40) So sind in Hannover in fast allen Höfen und, oft den Grundmauern anliegend, durchlässige Abortsgruben vorhanden, nicht selten unweit davon die Brunnen; Schweineställe und Mistgruben kommen namentlich in den engen Höfen der kleineren Straßen vor; Schmutzwasser wird auf die Straßen gegossen, das Blutwasser der Schlachtereien fließt durch die Gossen der Straßen, das Erdreich in der Nähe der Wohnungen ist weder rein noch trocken. Alles Verbrauchswasser aus Häusern, Küchen, Wäschereien, Fabriken, selbst flüssiger Unrath von den Straßen, ja ein großer Theil der Excremente von Menschen und Thieren fließt in gemeinsame Behälter, die Canäle heißen, aber, um diesen Namen zu verdienen, weder genügend gespült werden, noch den erforderlichen Abfluß besitzen, daher im Ganzen anzusehen sind wie netzartig durch die Stadt verbreitete Jaucheröhren, welche aus allen Einlaßöffnungen, namentlich im Sommer, unerträglich stinken.8)

Ungl eich besser sind diese Verhältnisse in England, während in anderen Städten des Continents ähnliche schauderhafte Zustände herrschen; in einigen Orten sind sie etwas besser, in wenigen, welche eine ungünstigere Lage haben als Hannover, schlechter als hier. Genauer untersucht |128| sind diese Verhältnisse in Basel,41) Berlin,42) Breslau,43) Danzig,44) Dresden,45) Frankfurt,46) Heidelberg,47) Leipzig,48) München,49) Oldenburg50) u.a. – In Frankfurt und Heidelberg geht die neue Wasserversorgung und Kanalisation ihrer Vollendung entgegen, in Danzig ist eine vollständige Canalisation (mit Wasserclosetten) seit kurzer Zeit dem Gebrauch übergeben und Berlin hat die Anlage einer solchen in Angriff genommen.

Eine der wichtigsten Forderungen der öffentlichen Gesundheitspflege ist also: jede Fäulniß in den Häusern oder in deren Nähe zu verhindern. Es kann dieses dadurch geschehen, daß die Abfälle der Küchen und Gewerbe, namentlich aber die menschlichen Excremente möglichst rasch aus der Nähe der Wohnungen entfernt werden, und zwar durch Wasser (Wasserclosett) oder durch häufige Abfuhr (Liernur), oder aber, indem die Fäulniß derselben durch Desinfectionsmittel u. dgl. gehindert wird, so daß die Fortschaffung gelegentlich geschehen kann.

Da, wie schon hervorgehoben, der Fäulnißproceß eine Lebensthätigkeit der Bakterien ist, so kann die faulige Zersetzung menschlicher Excremente und anderer Abfälle gehindert werden:

1) durch Vernichtung der Bakterien und zwar durch Chemikalien, durch Wasserentziehung oder durch Hitze;

2) durch Zerstörung der fäulnißfähigen Substanz selbst; dieses kann geschehen durch oxydirende Mittel, durch Verkohlen oder Verbrennen, durch Begünstigung der Verwesung.

Zu den am häufigsten angewendeten Mitteln, die Zersetzung der menschlichen Excremente zu hindern, gehört der Eisenvitriol, welcher schon Ende des vorigen Jahrhunderts von der Akademie zu Dijon vorgeschlagen |129| wurde. Auch von v. Pettenkofer,51) der in der alkalischen Gährung der Excremente eine wesentliche Bedingung der Entwickelung der Cholera sieht, wird derselbe empfohlen. Er erachtet die Desinfection dann als eine genügende, wenn die Excremente und was sich mit diesen gemischt vorfindet, nicht alkalisch, sondern deutlich sauer reagiren, und diese saure Reaction beibehalten, bis sie aus der Nähe menschlicher Wohnplätze entfernt werden. Man kann nach ihm annehmen, daß 100 Grm. Eisenvitriol in 1 Liter Wasser gelöst, für die Excremente von 4 Personen hinreichen. Diese Annahme setzt voraus, daß die frischen Excremente nicht mit altem Grubeninhalt, mit bereits in alkalische Zersetzung übergegangenen Excrementen zusammengebracht werden, sondern daß letztere entweder vor Beginn der Desinfection möglichst entfernt, oder mit Eisenvitriol so lange versetzt worden sind, bis der Inhalt der Grube oder des Fasses die alkalische Reaction verloren hat und in eine saure übergegangen ist. Man kann mit Eisenvitriol allein die Excremente sauer erhalten, aber es ist sehr rathsam, etwas rohe Carbolsäure (Phenol) zuzusetzen. Wenn man der Eisenvitriollösung, welche für die täglichen Excremente einer Person bestimmt ist, 2 Grm. roher Carbolsäure (durch Schütteln in etwa 50 Kub. Cent. Wasser gelöst) zusetzt, so kann man die Menge des Vitriols beträchtlich, um ein Drittel (auf 16 Grm.) verringern.52) Um sich zu überzeugen, ob ausreichend desinficirt ist, genügt es, mit einem reinen Stäbchen einen Tropfen der Flüssigkeit, welche Excremente enthält, auf blaues Lackmuspapier zu legen und zu beobachten, ob dieses dadurch geröthet wird.

Schon Fuchs 53) macht darauf aufmerksam, daß Eisenvitriol nur dann wirksam desinficirend wirkt, wenn er mit den Excrementen vollkommen gemischt wird, und Ilisch hat nur bei starkem Zusatz von Eisenvitriol zu Harn und Koth die Entstehung von Pilzen und Infusorien verzögern gesehen. (Untersuchungen über Entstehung und Verbreitung des Choleracontagiums. Petersburg, 1866.)

Besonders ungünstig spricht sich Hoppe-Seyler 54) über die Wirkung des schwefelsauren Eisens aus. Weil eine Lösung von Eisenvitriol |130| einige Producte der Fäulnißprocesse wie Schwefelwasserstoff und Ammoniak in feste Verbindung überführt, hat man in diesem Salze eine desinficirende Substanz zu finden vermeint. Es wird wohl weder die Vibrionen, Bakterien, noch andere dem Menschen nachtheiligere Organismen sehr berühren, ob man diese Stoffe entfernt, denn daß sie von diesen nicht leben, kann man wohl eben so sicher annehmen, als daß der Bierhefe nichts an der Kohlensäure liegt, die bei der Alkoholgährung entweicht und die in andere organische Stoffe überzuführen, ihr ebenso schwer fallen möchte, als den Cholerakeimen, sich von Schwefelwasserstoff und Ammoniak zu nähren. Es ist durchaus nicht zu verkennen, wie wichtig aus Gründen betreffend das Wohlbefinden der Menschen und der Reinlichkeit es ist, diese Stoffe nicht in die Luft der Wohnungen übergehen zu lassen, aber man darf sich auch nicht dem Glauben hingeben, daß man damit Cholera- und Typhusansteckung beseitige, man darf sich nicht mit der Anwendung des Eisenvitriols deßwegen zufriedenstellen, weil er die üblen Gerüche beseitigt. Wesentlicher dürfte schon seyn, daß Eisenvitriol, besonders wenn er theilweise oxydirt ist, wie alle Salze der schweren Metalle, in solchen Flüssigkeiten Niederschläge erzeugt, durch die auch die Fermente und niederen Organismen gefällt werden. Es ist jedoch sehr fraglich, ob die Organismen und Fermente im Niederschlage getödtet sind, und nicht vielleicht bei Aenderung der Verhältnisse zu neuer Thätigkeit erwachen können.

Krafft und Sucquet (französ. Patent) vermischen eine Eisenoxydauflösung mit gefaultem Harn und verwenden das gefällte Hydrat zur Desinfection. (polytechnisches Journal Bd. CIII S. 148.)

Fleck55) empfiehlt 70 Grm. Eisenvitriol, 20 Grm. Chlorkalk und 1 Liter Wasser. Die Bestandtheile zersetzen sich gegenseitig, so daß im Wesentlichen Eisenoxydhydrat entsteht.

Das Desinfectionspulver von Lüder und Leidloff 56) soll nach Lichtenberger – außer Feuchtigkeit und nicht direct nutzbaren Stoffen – bestehen aus 16 Proc. schwefelsaurem Eisenoxydul (Ferrosulfat), 36 Proc. schwefelsaurem Eisenoxyd (Ferrisulfat) und 4 Proc. freier Schwefelsäure, außerdem Gyps in wechselnden Antheilen. – Die Angabe, das Pulver enthalte 4 Proc. freie Schwefelsäure, ist offenbar unwahr.

Wenn man die Absätze aus den eingesottenen Vitriollaugen oder die Mutterlauge der Vitriolkrystallisation mit einer zur völligen Zersetzung ungenügenden Menge Kalk in Pulverform mischt, erhält man ein dem |131| genannten Pulver völlig entsprechendes Gemenge aus Eisenoxyd, Gyps und Vitriol.

Coutaret 57) (französ. Patent) wendet vorwiegend holzessigsaures Eisen zur Desinfection an. – Wenn dasselbe noch Theerbestandtheile enthält, ist es gewiß beachtenswerth.

Kral empfiehlt Eisenchlorid und schwefelsaures Eisenoxyd (Uhland's Maschinenconstructeur 1869. 72.

Cotterau 58) versetzt 100 Liter Kothjauche mit 8 bis 10 Liter Manganlauge, d.h. Rückstände der Chlorbereitung. Die saure Flüssigkeit wird filtrirt und liefert beim Eindampfen etwa 4 Kilogrm. rohen Salmiak. – Das französische Kriegsministerium erließ die Verfügung, daß in den Militär-Spitälern alle Abtritte nach diesem Verfahren desinficirt werden sollen. (Monit industr. 1848 Nr. 1072.)

Alle diese Mittel wirken im Wesentlichen nur desodorisirend, wenn ihnen nicht, wie Pettenkofer vorgeschlagen, Carbolsäure zugesetzt wird.

Blanchard und Chateau versetzen die Excremente mit Phosphorsäure und phosphossaurem Magnesium. (Comptes rendus 62. 446; polytechnisches Journal Bd. CLXXXVI S. 482).

Jacquot 59) (französ. Pat.) wendet auf 1 Kubikmeter Excremente 3 Kilogrm. Gyps an; offenbar völlig unzureichend. Blandet empfiehlt Chlorbaryum. (polytechn. Journal Bd. CXXV S. 397.)

Poussier bringt in die Aborte schwefelsaure Thonerde. (polytechn. Journal Bd. XC S. 320.)

Die Ostentation, mit welcher die Chloralum-Company in London ihr Geschäft mit Desinfectionsmitteln in Gang gesetzt und in Schwung erhalten hat, ließ entweder auf eine große Vorzüglichkeit der Desinfectionsmittel oder auf einen großen Schwindel schließen. Die Chloralum-Company empfiehlt:

1) Das Chloralum als von der Chemie und Physik datirtes und in Großbritannien überraschend schnell sich einführendes, sicherstes, geruchloses und ungiftiges Desinfectionsmittel, zur Desinfection von Latrinen und Schlinggruben, Ställen u.s.w. Der flüssige Inhalt eines sauber etiquettirten Gefäßes im Gewicht von 637 Grm. enthält nach der Untersuchung von Fleck:60) 82,32 Procent Wasser, 13,9 Procent Chloraluminium, 3,11 Procent Chlorcalcium sowie |132| Chlorverbindungen von Eisen, Blei und Kupfer. Preis 1,5, Werth kaum 0,2 Mark.

2) Chloralum Powder als Absorptionsmittel von organischen Verunreinigungen, als Antisepticum und Adstringens in der Vermischung mit Weizenmehl genossen, sowie als Desinfectionsmittel der Eisenbahnwagen, Schiffe, Aborte, Ställe u.s.w. empfohlen. Eine schön etiquettirte Blechbüchse mit 370 Grm. eines weißen Pulvers, welches enthält: 52,43 Proc. Chloraluminium, 32,15 Proc. Kieselerde und Thon, 11,51 Proc. Chlorcalcium, 0,72 Proc. Chlorarsen, sowie Chlorverbindungen von Blei und Kupfer. Preis, 0,5, Werth kaum 0,1 Mark.

3) Chloralum- Wool and Wadding ist nichts als Watte mit Chloralum. Preis 2, Werth 0,05 Mark.

Diese Präparate lassen sich demnach in folgender Weise herstellen: ein kalkhaltiger Thon wird mit roher, rauchender Salzsäure übergossen und soweit möglich gelöst. Die geklärte Flüssigkeit bildet das Chloralum, der eingetrocknete Schlamm das Powder.

Das Chloraluminiumhydrat61) von Ehrhardt und Alexander in New-York enthält 21 Proc. Chloraluminium, sowie etwas Eisen, Chlorcalcium u.s.w. Das Brom-Chloralum von Tilton und Comp. in New-York enthält 18,5 Proc. Chloraluminium, Chlorcalcium, Alkalien und etwas gebundenes Brom. Das Desinfectionsmittel62) von Tilden, New-Libanon, Ver. St. (englisch. Pat., 15. November 1871) ist ein Gemenge von Bromaluminium mit Chloraluminium und etwas Jod. Ueber die Darstellung dieser Mittel wird man nicht zweifelhaft seyn.

Diese Mittel binden zwar das Ammoniak, nicht aber den Schwefelwasserstoff, stehen also noch hinter den Eisen- und Manganverbindungen zurück; sie wirken weder desodosirend noch desinficirend (vergl. S. 135).

Das Girondin von Joseph Meyer in New-York enthält 25,0 Proc. schwefelsaures Zink und 1,4 Proc. schwefelsaures Kupfer.63) Nach einem Bericht der städtischen Sanitätsbehörde (Board of Health) in New-York ist die Wirkung desselben befriedigend.

Auch andere Zink-, Kupfer- und Arsenverbindungen sind vorgeschlagen, doch steht ihrer allgemeinen Anwendung ihre Giftigkeit im Wege.

Nach Wegler 64) ist der widrige Geruch, den alle Diarrhöekothe |133| besitzen, der schon bei 30° flüchtigen Kothsäure zuzuschreiben. Sie wird durch Kalkmilch und Kalilauge, nicht aber durch Ferrihydrat (Eisenoxydhydrat), noch weniger durch Eisenvitriol, Zinkvitriol und andere Metallsalze gebunden. Uebermangansaures Kalium oxydirt die Kothsäure zu Huminsäure.

Stenhouse 65) versetzt den Urin mit Kalkmilch, und Higgs (engl. Pat.) vermischt die Excremente mit Kalk, fordert aber besonders construirte Gebäude u.s.w. Aehnlich Mosselmann (Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereines, 1865 S. 118).

Da Kalk Ammoniak entwickelt, ist er höchstens bei frischen Excrementen zu empfehlen.

Sehr gut haben sich die Producte der trockenen Destillation bewährt.

Perreymond 66) macht den Vorschlag, 100 Liter Harn mit 1 Kilgrm. Theer zu versetzen; derselbe geht dann selbst nach Monaten nicht in die faulige Gährung über. Dieser desinficirte Harn aus Schulen, öffentlichen Pissoiren und dergl. soll durch künstliche Wärme oder in großen Behältern mit künstlicher Ventilation verdunstet werden; die zurückbleibende Masse gibt ein gutes Düngmittel, welches die Kosten der Darstellung völlig decken soll. Chevallier empfiehlt zu gleichem Zweck die Anwendung des Steinkohlentheeröles (Journ. Chim. méd. 1852; polytechn. Journal Bd. CXXV S. 468).

Demeaux und Corne 67) empfehlen ein Gemisch von 100 Gyps mit 2–4 Steinkohlentheer.

MacDougall's Desinfectionspulver ist nichts weiter als gewöhnlicher Gaskalk. (Badische Gewerbezeitung 1867 Nr. 3).

Fuchs empfiehlt zur Desinfection Holzessig und Holztheer, allein oder in Verbindung mit Eisenvitriol oder Zinkvitriol, oder auch Mineralöle. Coutaret desinficirt die Aborte, sowie auch die Abdeckerei zu Aubervilliers mit Kreosotwasser und einer Lösung von holzsaurem Eisen. Nicht nur der Geruch, sondern auch Fliegen, Würmer und dergl. verschwanden. Chlorkalk hatte sich als völlig unzureichend erwiesen. (Monit. industr. 1846. 1050; polytechn. Journ. Bd. CI S. 407).

Nach Paquet ist Thymol ein ausgezeichnetes Desinfectionsmittel; für Aborte u. dgl. ist es zu theuer. (Bullet. génér. thérapeut; polytechn. Notizbl. 24. 286). Dotsch hat sich die Anwendung desselben in England patentiren lassen. (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 5. 543).

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Pelouze empfiehlt die Desinfection mittelst Naphtalin. (Bulletin de la société chim. 1866. 351).

Calvert 68) empfahl schon 1855 die Anwendung der Carbolsäure, und Letheby hat dieselbe mit sehr gutem Erfolge angewendet (Chem. News. 1866. 267; polyt. Journal Bd. CLXXXIII 225).

Homburg in Berlin hat Desinfectionstafeln eingeführt. Dieselben bestehen aus Pappe, welche wie ein Schwamm mit Carbolsäure vollgesogen ist, so daß dieselbe fast das 1 1/2fache ihres Gewichtes an roher Carbolsäure und zwar 1 Quadratmeter fast 1 Kilogrm. davon enthält. Die Anwendung derselben ist offenbar sehr bequem. (Industrieblatt. 8. 295.)

Liebreich, Schür und Wichelhaus empfehlen Carbolsäurewasser (1 Theil reiner krystallisirter Carbolsäure auf 100 Theile Wasser) zum Spülen der Wasser-Closetts, Pissoirs, Röhrenleitungen an Abtritten u.s.w., Carbolsäurepulver (100 Theile Torf, Gyps, Erde, Sand, Kohlenpulver mit 1 Theil Carbolsäure) für Nachtstühle, Abtritte, Düngerhaufen.

Eine Specialcommission der Pariser Akademie empfiehlt 1 Theil Carbolsäure (Phenol) mit 3 Theilen Sand oder Sägespänen zu mischen und in offenen Gefäßen an den zu desinficirenden Orten aufzustellen. Phenol, mit 15 bis 25 Th. Wasser verdünnt, wurde zum täglichen Besprengen des Fußbodens und des Bettzeuges der Krankenzimmer sehr nützlich befunden. – Weder durch Chlor noch durch unterchlorigsaure Salze konnten die von den Leichen in der Pariser Morgue während der Sommerhitze ausgegebene Gase zerstört werden. Der Zweck wurde aber erreicht, indem man 1 Liter Phenol in dem 1900 Liter frisches Wasser enthaltenden Reservoir auflöste, welches zum Besprengen der Leichen diente. Die faulige Gährung wurde dadurch vollständig unterdrückt (polytechn. Journal 1872, Bd. CCIII S. 326.)

Schrader und Behrend in Schönefeld bei Leipzig bringen Carbolsäurepulver in den Handel. Sie fordern pro Person und Tag 1 Grm. Phenol zur Desinfection der Abgänge. 100 Kilgrm. des Pulvers (Kieselsäure mit 10 Proc. Phenol) kosten 20 Mark. Westerton (engl. Pat. vom 31. März 1871) vermischt Phenol mit Aether, Alkohol oder sonst einem flüchtigen Körper, um so die Verbreitung desselben in der Luft zu begünstigen. (Berichte der deutschen chemischen Ges. 4. 893.)69)

Ziurek empfiehlt, 100 Theile Kalk mit Wasser zu löschen und |135| unter das erkaltete Pulver 5 Th. Karbolsäure zu mischen. Wiederhold gibt einer schwefelsauren Lösung derselben den Vorzug. (Neue Gewerbebl. f. Kurhess. 1866. 836.)

Crookes (engl. Pat. v. 18. Oct. 1871) wendet Carbolsäure an, in welche schweflige Säure geleitet worden. (Berichte der deutsch. chemischen Gesellsch. 5. 541.)

Hoppe-Seyler hat gefunden, daß keine niederen Organismen in einer Flüssigkeit leben können, welche 1 Proc. Phenol enthält. (Medicinisch-chemische Untersuchungen, 4. Heft).

Aehnliche Resultate haben die Versuche von Plugge ergeben. (Berichte der deutschen chem. Ges. 5. 823.)

Crace-Calvert hat Eiweiß und Mehlkleister in unverschlossene Flaschen gebracht; diese Lösungen versetzte er mit verschiedenen Mengen der gegenwärtig als Antiseptica am meisten gebräuchlichen Substanzen. Die erhaltenen Resultate sind aus folgender Tabelle ersichtlich:

Textabbildung Bd. 210, S. 135

Diese Tabelle zeigt deutlich, daß Carbolsäure und Cresylsäure die einzigen wahren Antiseptica sind und diese Ergebnisse stimmen mit denen überein, welche W. Crookes, Dr. Angus Smith und Dr. Sansom erhielten; denn die Wirkung beider Säuren hielt an, bis sowohl die Eiweißlösung als der Mehlkleister gänzlich eingetrocknet waren.

Es ergibt sich daraus, daß, wenn zur Beseitigung des schädlichen Geruches von irgend einer im Zustande der Fäulniß oder Zersetzung begriffenen Substanz bloß desodorisirende70) Mittel erforderlich sind, Manganclorül, |136| Chlorkalk, übermangansaures Kalium, Chloralaun etc, mit Vortheil benutzt werden können. Wird aber die Verhütung der Zersetzung einer organischen Substanz bezweckt, dann muß man zur Anwendung von Phenol schreiten, weil der Zweck nur mit diesem erreicht werden kann.

Da die von faulender organischer Substanz ausgegebenen Producte bekanntlich die Zersetzung von Körpern, welche gleicher Natur sind, begünstigen (indem, wie bereits erwähnt, die Luft als Vehikel für die Uebertragung der Bakterienkeime dient), so stellte Calvert nachstehende Versuche an, um zu ermitteln, welche von den genannten Substanzen das stärkste Vermögen besitzt, solche Keime zu zerstören, und somit die animalische Substanz vor Fäulniß zu schützen. Auf den Boden weithalsiger Flaschen brachte er eine bekannte Menge von jedem der antiseptischen Mittel und hängte mittelst eines Drahtes über denselben ein Stück frisches Fleisch auf. Die folgende Tabelle enthält die erhaltenen Resultate:


Angewandtes Antisepticum
Das Fleisch
zeigte Flecken
nach:
Es wurde
faul nach:
Uebermangansaures Kalium 2 Tagen 4 Tagen
Chloralaun 2 „ 10 „
Dougall's Desinfectionspulver 12 „ 19 „
Chlorkalk 14 „ 21 „
Theeröl 16 „ 25 „
Chlorzink 19 „ – „
Carbolsäurehalt. Desinfectionspulv.
Carbolsäur
Cresylsäure
wurde nicht fleckig, sondern
trocknete allmählich zu einer
ganz harten Masse ein.

(polytechn. Journal Bd. CXCIX S. 68).

Laujorrois 71) hat gefunden, daß Fleisch und ähnliche Stoffe nicht |137| in Fäulniß übergehen, wenn 1 Proc. Fuchsin zugesetzt wird. – Auch Pikrinsäure, Strychnin und Opium wirken fäulnißwidrig. (polytechn. Journal Bd. CXXI S. 70).

Nach den Versuchen von Augend 72) ist Chloroform ein starkes Antitisepticum. Schon 1/200 desselben reicht hin, jede Zersetzung zu hindern. – Orfila empfiehlt den Aether.

Diese Substanzen sind zur Desinfection der Excremente zu theuer, dagegen können Benzin und Petroleum, wo dieselben billig zu beschaffen, mit Erfolg angewendet werden.

Desmartis 73) empfiehlt Campecheholzextract. – Robin 74) hat gefunden, das Fleisch, in starken Kaffee getaucht, sich über 9 Monate unverändert erhält. Nach einem französischen Patent vom 10. Februar 1843 wird zur Desinfection der Aborte Kaffeesatz angewandt, (polytechn. Journal Bd. CIII S. 149.)

Nach den Versuchen von Rabuteau und Papillion 75) genügen 1–2 Proc. kieselsaures Natrium, jede Fäulniß zu hemmen. Sussex versetzt den flüssigen Abtrittinhalt mit Natronwasserglas, dann mit einer Säure und trocknet die erhaltene gallertartige Masse aus. (polytechn. Journal Bd. CXXIX S. 390.)

Harn mit Salzsäure versetzt soll nicht faulen, (polytechnisches Journal Bd. CXXVII S. 400.)

Hoppe-Seyler empfiehlt zur Desinfection der Luft in abgeschlossenen Räumen die schweflige Säure. Directe Versuche lehrten ihm, daß man durch Anwendung derselben auf das Leichteste und völlig zuverlässig alle Pilzsporen und damit wohl auch alle Krankheitskeime zerstören kann.

Nach Hirzel bestehen die Desinfectionsschwärmer von Magirus in Ulm aus Patronen, welche mit einem langsam abbrennenden, sehr viel schweflige Säure entwickelnden Pulversatz gefüllt sind. Sie werden zur Desinfection von Aborten (da sie auch unter Wasser fortbrennen) und solchen Localen empfohlen, in denen Kranke oder Leichen gelegen haben, (polytechnisches Notizblatt 22. 269.)

Durch Wasserentziehung wirken Kochsalz, Alkohol u.a. tödtlich auf die Bakterien und damit fäulnißwidrig. Zum Conserviren der menschlichen Excremente dürften sich diese Stoffe wohl ebensowenig eignen, als das Eintrocknen derselben durch künstliche Wärme.

|138|

Leider sind die Angaben, in wieweit die organischen Stoffe durch Erhitzen unschädlich gemacht werden, noch einigermaßen widersprechend. Daß sich in den 97,8° heißen Quellen Islands noch lebende Organismen finden, ist bekannt. (botanische Zeitung 27. 244.)

Cohn gibt an, daß kurzes Kochen, oder selbst Erwärmen auf 80° hinreiche, die Entwickelung der Bakterien zu hindern. (Verhandl. der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Cultur 1871.)

Nach Hoffmann werden die Bakterien beim Kochen in offenen Gefäßen erst nach längerer Zeit, rasch dagegen bei gewöhnlicher Siedhitze in zugeschmolzenen Glasröhren getödtet; Wymann fand erst 5- bis stündiges Kochen ausreichend, die letzten Keime zu vernichten, (botanische Zeitung 27. 244.)

Pasteur gibt an, daß diese Organismen erst durch Erhitzung auf 110° getödtet werden und Lex (Klin. Wochenschrift 1867) hat selbst nach kurzem Erwärmen auf 127° noch vitale Bewegung beobachtet, ja Crace-Calvert hat gefunden, daß die Bakterien erst durch Erhitzen auf 204° vernichtet werden.

Wenn demnach schon die Desinfection der Decken und Betten aus Hospitälern durch Erhitzen auf 100 bis 110° bedenklich bleibt, so ist dieselbe für menschliche Abgänge schon aus dem Grunde nicht empfehlenswerth, als dieselben in wenig Tagen wieder in Fäulniß übergehen würden, da die Luft, und damit neue Bakterien, nicht völlig abgehalten werden kann.

Die Vernichtung der fäulnißfähigen Substanz durch Verkohlen oder Verbrennen dürfte wegen des hohen Wassergehaltes derselben kaum durchzuführen seyn. Selbst zum Verbrennen der Leichen, welche etwa 70 Proc. Wasser enthalten, ist ein sehr bedeutender Aufwand an Brennmaterial erforderlich, da erst die großen Feuchtigkeitsmassen verdampft werden müssen, ehe von einer Verbrennung nur die Rede seyn kann.

Nach den Versuchen von Fleck 76) ist wenigstens das Zwanzigfache des Gewichtes an Holz nothwendig, um die Verbrennung der Leichen zu einer vollständigen zu machen. Petroleum und andere schnell abbrennende Theeröle sind noch weniger vortheilhaft.

Von den oxydirenden Stoffen erfreut sich namentlich der Chlorkalk einer allgemeinen Anwendung. So empfiehlt Fuchs denselben als in jeder Beziehung ausreichend. (polytechnisches Notizblatt 21. 291.)

Pagnon-Vuatrin schüttet in die Gruben Steinkohlenasche, dann |139| eine Lösung von Chlorkalk und Salzsäure.77) Collin's Desinfectionspulver (engl. Patent) ist ein Gemisch von Chlorkalk mit schwefelsaurer Thonerde. (polytechn. Journal Bd. CXIV S. 239 aus London. Journal of arts 1849.)

Eckstein,78) Pergamentpapier-Fabrikant in Wien, empfiehlt in einem Memorandum an den Gemeinderath daselbst zur Desinfection Chlorkalk, in einen Pergamentsack gefüllt, in die Aborte, Canäle u.s.w. zu bringen. Am Schluß des Memorandums hält er es selbst für nöthig, sich gegen jede Zumuthung einer Geschäftsreclame zu verwahren. Gegen die Desinfection der Aborte mit Phenol spricht er sich entschieden aus, weil dann in kurzer Zeit die Brunnen damit vergiftet würden. – Als ob es angenehmer wäre, wenn die Brunnen die nicht desinficirten Excremente aufnehmen!

Der Polizeipräfect von Paris ordnete 1848 die Anwendung der Javelli'schen Lauge zum Desinficiren der Abtritte an. – Wiederhold 79) empfiehlt die Excremente, namentlich von Typhus- und Cholerakranken, in einen Steinzeugtopf zu entleeren, in welchem sich concentrirte Salzsäure befindet. Bei jedesmaligem Einschütten wird eine Messerspitze Kaliumchlorat hinzugethan.

v. Pettenkofer spricht sich gegen die Anwendung des Chlorkalkes aus. (polytechn. Notizblatt 21. 248.)

Die Specialcommission der Pariser Akademie empfahl zur Desinfection von Oertlichkeiten, in denen sich während der Belagerung von Paris an ansteckenden Krankheiten leidende Personen aufgehalten hatten, salpetrige Säure. Für 30 bis 40 Kubikmeter werden 2 Liter Wasser, 1500 Grm. Salpetersäure und 300 Grm. Kupferspäne in Steinzeuggefäßen aufgestellt, Thüren und Fenster verklebt. Nach dem Urtheil der Commission läßt sich jedoch Phenol weit bequemer anwenden; es ist nicht so gefährlich, überdieß billiger und erwies sich von ganz gleicher Wirksamkeit.

Kunheim 80) empfiehlt zur Desinfection der Aborte übermangansaures Natrium mit schwefelsaurem Eisenoxyd (Ferrisulfat). Auch übermangansaures Kalium ist mehrfach vorgeschlagen. – Schleuther und Bochanicki 81) haben eine Desinfectionsseife in der Art hergestellt, daß |140| sie Seifenschnitzel mit Kaliumpermanganat durch Pressen in eine harte Masse verwandelten. Leider zersetzt sich dieselbe in kurzer Zeit, so daß ein ganz werthloses Gemisch von Manganoxyd mit Seife entsteht. Hager 82) mischt statt dessen 100 Theile mit Salpetersäure gereinigten Thon und 5 Theile übermangansaures Kalium, und verwendet diese Masse als Waschmittel.

Nach dem Vorschlage von Böttcher werden die starken Ausdünstungen von eiternden Wunden durch ein aufgelegtes Bäuschchen Schießwolle, welches mit übermangansaurem Kalium getränkt ist, sofort beseitigt. (polytechn. Notizblatt 26. 33 und 129.)

Fleck 83) hat 47,2 Kub. Cent. Düngerjauche, welche aus einer alkalischen Silberlösung (vergl. Seite 149) 100 Milligrm. Silber abscheiden, mit einem großen Ueberschuß der verschiedenen Desinfectionsmittel versetzt. Wurde hierauf die Flüssigkeit (nach dem Absetzen) mit alkalischer Silberlösung gekocht, so resultirte eine um so geringere Menge Silber, je mehr Fäulnißstoffe durch das Desinfectionsmittel oxydirt oder gefällt worden waren.

Es wurden somit, nach Einwirkung von


Nummer

Desinfectionsmittel
noch
abgeschieden
Milligrm.
Silber
Desinfectionswerth
entsprechend
Milligrm.
Silber

Wirkungswerth
Nr. 1 = 100.
1 Chlorkalk mit Schwefelsäure 29,5 70,5 100,0
2 Chlorkalk mit Eisenvitriol 30,2 69,8 99,0
3 Lüder und Leidloff's Pulver 35,1 64,0 92,0
4 Carbolsäurepulver 39,6 60,4 85,6
5 Kalk 40,3 59,7 84,6
6 Alaun 43,3 56,7 80,4
7 Eisenvitriol 45,9 54,1 76,7
8 Chloralaun 47,8 52,2 74,0
9 Bittersalz 59,7 40,3 57,1
10 übermangansaures Kalium mit
Schwefelsäure

63,8

36,2

51,3

Es schließt daraus, daß, mit Ausnahme des übermangansauren Kaliums, die oxydirenden Desinfectionsmittel die größte Wirkung haben, daß das Lüder- und Leidloff'sche Desinfectionspulver wirksamer ist als Phenol u.s.w. Dem gegenüber ist hervorzuheben, daß die Mittel 3 bis 9 hier die organischen Massen nur gefällt haben, daß aber die |141| erhaltenen Niederschläge, mit Ausnahme des durch Phenol, in kurzer Zeit dennoch in Fäulniß übergehen werden, die aufgestellten Werthe daher wohl nur bei der Reinigung von Canalwässern zur Geltung kommen können. Bei Nr. 2 kommt die präcipitirende Wirkung des, durch die Zersetzung der Bestandtheile frisch gefällten Ferrihydrates (Eisenoxydhydrat) und die oxydirende des überschüssigen Chlorkalkes zusammen. – Die Excremente und Abfälle einer Stadt aber mit soviel Chlorkalk oder übermangansaurem Kalium zu versetzen, daß die fäulnißfähigen Stoffe völlig oxydirt werden, ist praktisch gar nicht durchführbar. Geringere Mengen dieser Substanzen sind fast werthlos. (Vergl. Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheit 4. 602.)

Es wird demnach die Hauptaufgabe der Gesundheitspflege seyn müssen, die Concurrenz der Verwesung zu unterstützen und die Bedingungen dazu möglichst rasch und vollständig herzustellen. Dieser Forderung wird am Vollkommensten durch Ausbreitung der städtischen Abfallstoffe, namentlich der menschlichen Excremente, auf Feldern und Wiesen (durch Berieseln) genügt werden.

Nach Davy 84) ist Torf sehr gut geeignet, Dünger u. dgl. geruchlos zu machen; Torfkohle ist weniger gut, da sie kaum 1/4 soviel Ammoniak zu absorbiren vermag. Rogers 85) (engl. Pat.) empfiehlt dagegen die Torfkohle, Tamling 86) stark verkohlte Lohkuchen. Auch Kohle von Seetang ist vorgeschlagen.

Salmon 87) hat von der französischen Akademie einen Preis von 8000 Fr. erhalten für die Erfindung seiner animalisirten Kohle zum Desinficiren der Abtritte und Nachtstühle. Er glüht in Cylindern den Schlamm aus Flüssen, Teichen u.s.w. oder Erde mit 1/10 ihres Gewichtes organischen Stoffen. Excremente, mit gleichen Theilen dieses Pulvers gemischt, sollen sofort geruchlos werden. Poittevin hat sich dasselbe Verfahren in England patentiren lassen. (polytechn. Journal Bd. LXXIII S. 317.)

Soldan 88) empfiehlt erdige Braunkohle, Steinkohlengruß u. dergl. – Auch Erde, Steinkohlenasche, Straßenkehricht, Stroh, überhaupt alle Substanzen, welche die Excremente trocknen und lockern, sind zu gleichem Zweck angewendet.

|142|

Diese Stoffe machen die Excremente zwar geruchlos durch Absorption der riechenden Gase, die Fäulniß ist aber nur durch Zusatz großer Massen zu beschränken, völlig gehindert wird sie wohl nur in den seltensten Fällen. Nach Crace-Calvert wird die Entwickelung der Vibrionen durch Holzkohle, übermangansaures Kalium, Kalk, phosphorsaures Natrium und Ammoniak sogar begünstigt. (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 5. 938).

Von sonstigen Vorschlägen mögen noch folgende erwähnt werden:

Calloud empfiehlt zum Desinficiren der Aborte die Mutterlauge der Salinen, (polytechn. Journal Bd. CXV S. 387.)

Mangon will die städtischen Excremente mit Kalkstein und ozonisirter Luft behandeln. (Annal. de Chim. et de Physique 1856; polyt. Journal Bd. CXLI S. 456).

Vohl 89) schlägt gebrannten Dolomit mit Kohlenpulver vor, Herpin Kohle und Gyps; die so geruchlos gemachten Excremente werden wöchentlich abgefahren und zu Poudrette verarbeitet. (polytechn. Journal Bd. CXIV S. 65).

Siret 90) in Meaux desinficirt die Aborte mit Holzkohle und Eisenvitriol; für dieses Verfahren erhielt er von der französischen Akademie der Wissenschaften einen Preis von 1500 Fr. Später setzt derselbe91) noch Kalk, Gyps u. dgl. hinzu. Maillet versetzt den Grubeninhalt mit Eisenvitriol und Kohle und bringt die so geruchlos gemachten Excremente auf's Feld. Die jährlichen Abgänge eines Menschen sollen 20 Ares Land völlig düngen. (polytechn. Journal Bd. CVIII S. 309).

Brown 92) (engl. Pat.) versetzt den Abtrittinhalt mit Eisenvitriol, Manganlauge u. dgl., rührt um, bestreut die Masse mit einem Pulver, welches er durch Erhitzen von 75 Theilen Asche oder Straßenkehricht mit 25 Th. Abfällen aus Gerbereien, Sägespänen u.s.w. erhalten hat, und trocknet das Gemisch an der Luft. Broquet und Marie (franz. Pat.) nehmen ein Gemenge von Kohle, Eisenvitriol, Chlorkalk und schwefelsaurem Blei. (polytechn. Journal Bd. CIII S. 149; Monit. industr. 1846.)

Paulet 93) hat sich in Frankreich ein Gemisch von Eisenvitriol und Seife (also ölsaures Eisen) patentiren lassen. Später versetzt er den |143| Inhalt der Abtrittsgruben in Paris mit einer Lösung von Zinkvitriol und Oelemulsion. (Journ. Chim. médic. 1850; polytechn. Journal Bd. CXIX S. 319).

Robinet 94) bedeckt die Excremente mit einer mehrere Millimeter dicken Schicht Oel, um jeden üblen Geruch beim Ausräumen der Aborte zu vermeiden. Faucille 95) schlägt vor, die Abtritte durch Wasserdampf geruchlos zu machen. Nach einem französischen Patent werden mittelst einer Locomobile gespannte Wasserdämpfe in die Grube eingeführt, dann durch eine Chlorentwickelung die letzten Gerüche zerstört. (Monit. industr. 1846.) Le Voir hat gefunden, daß ein mit Wasser benetztes Gewebe, in den Abtritten aufgehängt, den Geruch beseitigt. (Journal für praktische Chemie. 84. 147.)

Louvet-Milan mischt Eisenvitriol, Kalk, Kohle, Ruß und etwas Wohlriechendes, um damit Aborte und Gossen zu desinficiren. (polytechn. Journal Bd. CXVI S. 237; Monit industr. 1849.)

Dubois (franz. Pat.) wendet eine Abkochung von Gerberlohe und Raute mit Eisenvitriol an, färbt die Excremente also einfach durch Tinte schwarz. (Monit. industr. 1846.)

Matthon (franz. Pat.) leitet die Dämpfe von brennendem Hopfen, Wachholderbeeren, Wermuth und Anis in die Abtrittsgrube bis zum Siedepunkt (!) des gesammten Kothinhaltes. Dann wird ein kochend heißes Gemisch von Schwefelsäure, Eisenvitriol, Alaun, Anis, Wachholder, metallischem Kupfer (!) hineingeschüttet und schließlich die Masse noch mit zerquetschten Pommeranzen und Citronen parfümirt. (Monit. industr. 1846.)

Ueber den Werth oder Unwerth dieser sogenannten Desinfectionsmethoden wird kaum ein Zweifel seyn. Nur das Phenol 96) (Carbolsäure) ist von allen vorgeschlagenen wirksamen Desinfectionsmitteln einer allgemeinen Anwendung fähig und werth.

Es bleibt demnach den Städten nur die Wahl zwischen gründlicher Desinfection mittelst Phenol und gelegentlicher Abfuhr oder sofortiger Entfernung der Excremente und sonstigen organischen Abfälle!

|144|

In einem Tage liefern Gramme:


darin darin
Fäces Stickstoff Phosphate Urin Stickstoff Phosphate
Männer 150 1,74 3,23 1500 15,0 6,08
Frauen 45 1,02 1,08 1350 10,73 5,47
Knaben 110 1,83 1,62 570 4,72 2,16
Mädchen 25 0,57 0,37 450 3,68 1,75

100000 Personen (37610 Männer, 34630 Frauen, 14060 Knaben, 13700 Mädchen) produciren dem entsprechend jährlich etwa 3,3 Millionen Kilogrm. Fäces und 44 Millionen Liter Harn, im Ganzen also fast 48 Millionen Kilogrm. feste und flüssige Excremente und darin 433000 Kilogrm. Stickstoff und 241000 Kilogrm. Phosphate.

Diese Massen kommen bekanntlich größtentheils in die Abtrittsgruben, die durchweg besser als Schwindgruben zu bezeichnen sind, da sie kaum die Hälfte, ja selbst nur 1/10 der hineingelangten Excremente zurückhalten, somit Boden und Brunnen vergiften. Die Herstellung wasserdichter Gruben ist sehr schwer, die Controlle über die Beschaffenheit älterer Gruben fast unmöglich; daß daher die Abtrittsgruben überhaupt, selbst mit Desinfection, zu verwerfen sind, ist längst anerkannt. Auch das am 16. October 1867 erstattete Gutachten der königl. preußischen wissenschaftlichen Deputation, dessen Beschlüssen sich der Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten angeschlossen hat, stellt namentlich zwei maßgebende Sätze auf, welche für die Entscheidung auch der städtischen Behörden bestimmend seyn müssen:

1) Das System der Abtrittsgruben muß gänzlich verlassen werden.

2) Es darf keine Einleitung der unreinen Wasser in die öffentlichen Stromläufe erfolgen.

Man hat nun die Abtrittsgruben durch Abtrittskübel zu ersetzen versucht.

Bei einem geordneten Kübelsystem sind folgende drei Forderungen festzuhalten:

1) daß jede Haushaltung (wenigstens) einen Kübel (Faß, Tonne), dessen Größe höchstens die Dejectionen einer Woche aufzunehmen im Stande ist, nebst einem Reserve-Kübel sich beschaffe,

2) daß wenigstens einmal wöchentlich die Abfuhr dieses Kübels inverschlossenen Wagen bei Nacht stattfinden müsse,

|145|

3) daß der Kübel nur in vollständig gereinigtem Zustande nach der Entleerung wieder in Gebrauch genommen werden dürfe.

Diese Forderungen erscheinen sehr hart, sie sind aber vom sanitären Standpunkte aus noch nicht hart genug. Schon im Laufe eines Tages gerathen die Excremente, namentlich der Harn, in Zersetzung; soll daher die Tonne nur einmal die Woche abgefahren werden, so ist eine ausreichende Desinfection unbedingt erforderlich.

Mit dem Verfahren von Mosselmann, die Excremente durch Kalk zu desinficiren und so in Dünger zu verwandeln, ist in keiner Stadt, wo bisher Versuche damit angestellt sind, irgend welcher zufriedenstellender Erfolg erreicht worden. Für größere Städte ist es aber völlig unbrauchbar wegen des kolossalen Verbrauches an gebrannten Kalk; eine Stadt von 100,000 Einwohnern würde jährlich 20 bis 30 Millionen Kilogrm. nöthig haben.

Beim Rochdale-System,97) Patent von Alderman Tailor, befindet sich unter jedem Closetsitze ein Gefäß, welches eine kleine Quantität chemischer (?) Desinfectionsflüssigkeit enthält, in welcher die Fäces und der Urin gesammelt werden. Die Gefäße werden bei Tage in einem geschlossenen Wagen nach einer Düngerfabrik geschafft, wochentlich oder noch öfter, wenn nöthig, indem ein wichtiger Punkt bei dem Processe in der Verhinderung, resp. Verzögerung der fauligen Gährung der Excremente besteht, so daß sie daran gehindert werden, die Atmosphäre zu verpesten und am Düngerwerth zu verlieren. Die Schlacken und trockenen Abfälle von den Häusern werden nach derselben Fabrik gebracht, die Pflanzentheile verbrannt und mit der Kohlenasche bei der Fabrication des Düngers verwandt, die Schlacken unter den Kesseln der Fabrik verwendet, um die nöthige Triebkraft zu erzeugen. – Ueber die Erfolge dieses Systemes ist noch nichts bekannt.

Morrel's Aschencloset9) hat gleich eine Siebvorrichtung, welche die Asche von den Schlacken trennt. Moule wendet dagegen trockene Erde zum Desodorisiren der Excremente an. Nach neueren Versuchen, welche im Berliner Arbeitshause mit trockener Gartenerde, Torfasche und mit getrocknetem pulverisirtem Lehm gemacht sind, erfüllten diese Substanzen den Zweck der Geruchlosmachung, wenn der Koth von ihnen vollständig und in nicht zu geringer Menge bedeckt war; pro Stuhlgang sind etwa 3,5 Kilogrm. Erde erforderlich, für eine Stadt von 100,000 Einwohnern |146| also jährlich etwa 200 Millionen Kilogrm. derartiger Deckstoffe. Nach Müller würden 100 Kilogrm. dieser Mischung einen landwirthschaftlichen Werth von etwa 0,2 Mark haben; die Kosten für Hin- und Rücktransport dieser großen Massen werden also bei weitem nicht gedeckt. Jemand hat angerathen, den Kübelinhalt in einen eisernen Topf zu schütten und diesen auf den von der Bereitung der Mahlzeit noch heißen Herd zum Trocknen zu bringen. Dieser Vorschlag, ob ernst oder spöttisch gemeint, charakterisirt in seiner Uebertreibung vollständig jede Idee die Trocknung des Düngers und die mehrmalige Benutzung desselben in den Kübeln zu empfehlen.98) Hope 99) sagt darüber: Ich habe zuweilen die Anwendung von Moule's System gebilligt, und ich muß daher zur Aufklärung sagen, daß diese Billigung nur auf solche Fälle beschränkt bleibt, wo kein genügender Wasservorrath da ist, oder wo strenge Disciplin herrscht, wie in einem Arbeitshause oder in Casernen. – Abgesehen von diesen Schwierigkeiten ist es auch noch sehr fraglich, ob die Excremente auf diese Weise auch wirklich desinficirt werden, ob nicht vielmehr in diesem Gemisch sich die Krankheitskeime erst recht entwickeln. Pettenkofer verspricht sich von der Desinfection mit Erde und Torf nicht nur keinen Nutzen für die Salubrität, sondern befürchtet im Gegentheil die größten Gefahren, speciell bezüglich der Cholera.

Das Müller-Schür'sche Closet100) beruht bekanntlich auf dem Princip der Trennung von Harn- und Kothmassen, welche letzteren mit einem Streupulver aus gebranntem Kalk, Holzkohlenpulver und Phenol bedeckt werden. Im Berliner Arbeitshause101) wurden auch mit diesem Closet zahlreiche Versuche angestellt, welche das Resultat ergaben, daß, so lange es möglich war, das Personal zu aufmerksamer Behandlung anzuhalten, alles gut ging, daß dieses aber nicht lange der Fall war. Es ist dieser Umstand sehr bemerkenswerth, da leicht einzusehen ist, daß eine Ordnung, welche in einer öffentlichen Anstalt mit so strenger Disciplin, wie das Arbeitshaus, nicht durchzuführen ist, in einer größeren Zahl von Privathäusern nicht erst angefangen werden kann.

Nach dem Gutachten der Berliner Kommission kann es unmöglich gestattet werden, daß die Abfallröhren aus den verschiedenen Stockwerken, |147| ohne gespült oder sonstwie gereinigt zu werden, in eine einzige Sammeltonne, die etwa im Keller steht, einmünden. Abgesehen von der großen Calamität, welche bei einer solchen Einrichtung tatsächlich nicht ganz selten vorkommt, daß gelegentlich das Faß im Keller sich früher füllt, als man erwartet hatte und endlich überläuft, – ist die zunehmende Verunreinigung der Abfallröhren ganz unvermeidlich; diese Röhren werden dann Herde der Verpestung für das Haus. Es muß daher von Anfang an gefordert werden, daß mit der Einführung eines Tonnensystemes obligatorisch die Einrichtung von entsprechenden, mit Tonnen versehenen Abtritten in jeder Etage und in jeder Haushaltung vorgeschrieben wird. Außerdem fordert selbst Lefeldt,102) der die Abfuhr befürwortet, daß der Ventilation wegen stets von diesen Closets aus ein eigener gemauerter senkrechter Canal in die Höhe oder ein blechernes Rohr in dem nächsten Schornstein geführt und dieser, wenn nicht heizbar, mit Howarth' oder ähnlichem Schrauben-Ventilator an der Spitze versehen seyn muß!

Gegen das pneumatische System des Capt. Liernur 103) wird vom sanitären Standpunkte aus der Vorwurf des mangelhaften, ja unzulässigen Kothverschlusses der Abtrittstrichter geltend gemacht. Die technischen Sachverständigen, namentlich Oberbaurath Koch und Geh.-Rath Reulaux sind der Meinung, daß das System nicht leisten könne, was es verspreche. Es wurde auf dem Wege der Rechnung nachgewiesen, daß das durch die Luftpumpe bewirkte Vacuum für die Entleerung langer Rohrleitungen zu schwach sey, daß ferner das System verzweigter Röhren eine sichere Räumung aller Zweigröhren durch das Ansaugen des Sammelkastens ausschließe, insofern die durch die Abtrittstrichter einströmende Luft sich stets die bequemsten, also die am wenigsten geschlossenen Zugänge suche und die stärker gefüllten vermeide. Ueberdieß sey die Einrichtung so complicirt und zu vielen Unterbrechungen ausgesetzt, als daß man sich für sie entscheiden könne.

Die Anlage kostet pro Person etwa 25 Mark, für 100,000 Einwohner also 2,5 Millionen, die Kosten des Betriebes, einschließlich der Zinsen des Anlagecapitals, aber jährlich 3 – 400,000 Mark. Das Liernur'sche System ist daher finanziell noch ungünstiger als das einfache Tonnensystem. – Allerdings kann pneumatischer Koth besser bezahlt werden als Tonnen-Koth, weil er den Landwirthen frisch zugeführt wird. Es fragt sich aber, ob in der Nähe einer größeren Stadt, sich überhaupt |148| Abnehmer für solche Mengen Excremente finden werden. Die bisherigen Erfahrungen sprechen nicht dafür.

Nach Abendroth 104) u.a. entsprechen die Auswurfstoffe von 100,000 Menschen einem Gesammtwerth von fast 1,5 Millionen Mark, nach zweimonatlicher Fäulniß aber kaum noch 0,7 Millionen, da mehr als die Hälfte des sämmtlichen Stickstoffes, also des werthvollsten Bestandtheiles bei dieser Zersetzung als Stickstoff105) und Ammoniak verloren gehen.

Wenn der Landwirth in dem Städter nur den Düngerproducenten sieht, die Stadt nur als Poudrettefabrik schätzt und dem entsprechend fordert, die Excremente in Gruben zu sammeln und so lange aufzubewahren, bis sie im Frühjahr und Herbste dem Felde zugeführt werden können, so ist dieses, wegen des bedeutenden Verlustes an Dungwerth, durchaus unvortheilhaft, vom Standpunkt der öffentlichen Gesundheitspflege aber muß diese Forderung entschieden zurückgewiesen werden.

Gegenüber dem theoretischen Werth der frischen Excremente ist zu bemerken, daß Paris mit seinem Abfuhrsystem jährlich einen baaren Verlust von 3–4 Millionen Mark hat, daß selbst aus der Poudrettefabrik zu Bondy große Massen Excremente vortheilhafter in die Seine geschafft als verarbeitet werden, daß aber außerdem, nach dem Berichte des Polizeipräfecten, schon jetzt die Abfuhr eine schwere Unbequemlichkeit für die Einwohner von Paris ist.106)

Die Eureka sanitary and manure company in Hyde bei Manchester fängt die Excremente in hölzernen Schachteln (!) auf, verdampft den Inhalt in Kesseln zu einem zähen Brei und verwandelt diesen durch Zusatz von Asche, Kohle oder Knochenmehl in einen festen Dünger. Die Auslagen übersteigen aber den theoretischen Werth des gewonnenen Düngers um fast 100 Proc. und doch waren den Aktionären 34 Proc. Zinsen versprochen.

Hausser 107) berichtet über das Tonnensystem von Graz: Nach etwa 4 bis 5 Tagen sind die Fässer mit festen und flüssigen Excrementen bereits gefüllt, und indem die Oeffnung mit einem besonderen aber einfachen Verschluß versehen ist, dessen Fugen noch mit plastischem Thon |149| verschmiert werden, daß kein Ausfluß oder Aussickern der Flüssigkeit möglich (?) wird, werden die Fässer auf einen gewöhnlichen Fuhrwagen aufgeladen und außer Graz verführt. Dieselben werden – was im Sommer gewöhnlich der Fall ist – in die untere Mur ausgeleert... Man läßt die Excremente also erst im Hause faulen, um sie dann dem Flusse zu übergeben. – Berliner Abfuhrleute schütten Nachts ganze Wagenladungen von Excrementen in dem Thiergarten aus. Nicht besser ist es in München und anderen Städten.

Alle Poudrettefabriken haben sich bis jetzt schlecht rentirt und sind zu Grunde gegangen; wo sie noch bestehen, hat dieß seinen Grund darin, daß die den Privaten auferlegten Abfuhrkosten den Verlust der Fabrication mehr als genügend deckten. Selbst das Abfuhrsystem von Gröningen, welches gewöhnlich als mustergültig hingestellt wird, hat, nach holländischen Berichten, große Nachtheile, und sind die Klagen hierüber wie speciell mit Rücksicht auf Mortalität und Krankheitsfälle immer mehr im Steigen begriffen.108)

Alle bis jetzt bekannten Abfuhrsysteme sind also (für größere Städte wenigstens) vom sanitären, technischen und finanziellen Standpunkte aus durchaus nicht empfehlenswerth.

Nach Lefeldt,109) Anhänger der Abfuhr, müßte für die flüssigen Küchenabfälle und Waschwässer – was bei jedem Abfuhrsystem in Städten unerläßlich – eine Röhrenleitung hergestellt, deren Inhalt desinficirt und in den Flußlauf gelassen, oder, wo Acker, Anlage, Leitung u.s.w. nicht zu theuer und die Verhältnisse günstig – nach der Desinfection zur Berieselung auf Land verwandt werden. Das Regenwasser soll durch die gewöhnlich bestehenden Rinnsteine seinen Weg in den nächsten Flußlauf nehmen. – Also Abfuhr, Canalisation und Rinnsteine mit gelegentlicher Ueberschwemmung bei starkem Regen.

Bei jedem Abfuhrsystem müssen die gesammten Abwässer der Küchen, Schlachtereien, Fabriken, ja der größte Theil des menschlichen Harns durch die öffentlichen Canäle abgeleitet, bei jedem Schwemmsystem aber Straßenkehricht, Steinkohlenasche u. dgl. abgefahren werden. Bei der Fragestellung: Canalisation oder Abfuhr?, kann es sich also nur um die festen und einen Theil der flüssigen Excremente handeln.

|150|

Die Berliner gemischte Deputation ist nach einer eingehenden Erörterung aller einschlagenden Verhältnisse zu dem Schlusse gekommen:

daß das einzuführende Canalsystem wesentlich von der gleichen Größe und Einrichtung seyn müsse, gleichviel, ob die menschlichen Excremente durch Abfuhr entfernt oder dem Canalwasser beigemengt werden,

daß das unreine Wasser dieses Canalsystemes weder mit, noch ohne menschliche Excremente einfach in die öffentlichen Stromläufe geleitet werden dürfe, daß es also in dem einen wie in dem an deren Falle entweder desinftcirt, oder zu Berieselungen verwendet werden müsse,

daß aber die Kosten für die Canal-Anlagen in beiden Fällen nahezu gleich hoch ausfallen.

Berlin hat sich dem entsprechend für das Schwemmsystem entschieden. – Ueber dieses später.

|120|

Schimmel und Hefe von de Barry. (Berlin, Lüderitz.) 1,5 Mark.

|121|

F. Cohn, Bakterien (Berlin, Lüderitz) 0,8 Mark.

|121|

Cohn berechnet, daß eine Bakterie unter günstigen Umständen in 24 Stunden sich auf fast 17 Millionen vermehren kann, in zwei Tagen schon auf 281 Billionen u.s.f. Bacterium termo hat etwa einen Durchmesser von 0,001 Millimet. und eine Länge von 0,002 Millimet.; 1 Kubikmillimeter würde demnach 600 Millionen dieser winzigen Organismen umfassen und dennoch könnten die Nachkommen eines einzigen Exemplars nach zwei Tagen 5 Liter und bei fortschreitender Entwickelung schon nach fünf Tagen das ganze Weltmeer anfüllen. 600 Milliarden wiegen noch nicht ganz 1 Grm., aber schon nach drei Tagen könnte das Gewicht der Nachkommen eines Stäbchens über 7 Millionen Kilogrm. betragen. – Wenn die Vermehrung der Bakterien in Wirklichkeit weit hinter diesen Zahlen zurückbleibt, so liegt dieses nicht etwa daran, daß sie derselben überhaupt nicht fähig wären; sie wird vielmehr nur durch die beschränkte Nahrung und andere ungünstige Umstände bedingt. 40 Millionen Hefezellen wiegen etwa 1 Kilogrm. und doch können in einer Fabrik in 24 Stunden 5000 Kilogrm. Hefe erzeugt werden. – Die kolossale Arbeitsleistung dieser winzigen Organismen wird dadurch erklärlich.

|121|

Botanische Zeitung. 27. 193, 413.

|122|

Siehe Note 24 Seite 120.

|122|

Die Wirkung des Speichels, des Pancreassecretes, des Emulsins, der Diastase und anderer nicht organisirter Fermente wird nicht durch Chloroform, Phenol und ähnliche Stoffe beeinflußt, welche dagegen nicht nur das Leben der organisirten Fermente (Bakterien und Pilze) vernichten, sondern auch die durch diese veranlaßte Gährung und Fäulniß unterbrechen.

|124|

Steudener, Ueber pflanzliche Organismen als Krankheitserreger. (Leipzig, Breitkopf) 0,75 Mark.

|124|

Botanische Zeitung 27. 105.

|124|

Siehe Note 24 Seite 120.

|124|

Siehe Note 25 Seite 121.

|124|

Eidam, Der gegenwärtige Standpunkt der Mycologie (Berlin, Oliven) 8 Mark.

|124|

Botanische Zeitung. 27. 233.

|124|

Lex, Fäulniß und verwandte Processe. Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheit. 4. 47.

|125|

Eidam, Der gegenwärtige Standpunkt der Mycologie (Berlin, Oliven) 8 Mark.

|125|

Eidam, Der gegenwärtige Standpunkt der Mycologie (Berlin, Oliven) 8 Mark.

|125|

Steudener, Ueber pflanzliche Organismen als Krankheitserreger. (Leipzig, Breitkopf) 0,75 Mark.

|125|

Siehe Note 30 Seite 124.

|126|

Reinigung und Entwässerung Berlins. Generalbericht über die Arbeiten der städtischen gemischten Deputation für die Untersuchung der auf die Canalisation und Abfuhr bezüglichen Fragen, erstattet von R. Virchow. (Berlin, Hirschwald) 5 Mark.

|127|

Bericht der Commission für öffentliche Gesundheitspflege in Hannover; vergl. diese Mittheilung S. 131, 236 und: Ferd. Fischer, Das Trinkwasser (Hannover, Hahn) 1873.

|127|

Hannoversches Wochenblatt für Handel und Gewerbe 1872, 366.

|127|

Bericht der Commission für öffentliche Gesundheitspflege in Hannover; vergl. diese Mittheilung S. 131, 236 und: Ferd. Fischer, Das Trinkwasser (Hannover, Hahn) 1873.

|128|

Göttisheim, Das unterirdische Basel. Ein Beitrag zur Canalisationsfrage. (Basel, Schweigerhauser 1868.)

|128|

Siehe Note 25 Seite 121.

|128|

Wolff, Der Untergrund und das Trinkwasser der Städte. (Erfurt, Keyser) 1 Mark.

|128|

Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege. 1. 132; 3. 329.

|128|

Daselbst 1. 59.

|128|

Varrentrapp, Ueber Entwässerung der Städte, über Werth oder Unwerth der Wasserclosette. (Berlin, Hirschwald.) 4,5 Mark.

|128|

Die Reinigung und Entwässerung der Stadt Heidelberg nebst einem Anhange über die Wasserversorgung der Stadt. (Heidelberg, Bassermann.) 3 Mark.

|128|

(Kanalisation und Abfuhr mit besonderer Beziehung auf Leipzig. (Leipzig, Wiegand 1869.)

|128|

Pettenkofer, Das Canal- oder Sielsystem in München. (München, Manz 1869.)

|128|

Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege. 4. 655.

|129|

Cholera-Regulativ von Griesinger, Pettenkofer und Wunderlich (München 1867.)

|129|

Was man gegen die Cholera thun kann. Im Auftrage des Gesundheitsrathes von München verfaßt von M. v. Pettenkofer (München, Oldenburg, 1873) 0,75 Mark.

|129|

Breslauer Gewerbeblatt 1866. 45.

|129|

Hoppe-Seyler, medicinisch-chemische Untersuchungen aus dem Laboratorium für angewandte Chemie zu Tübingen. (Berlin 1871.)

|130|

Dresdener Journal, 23. August 1871.

|130|

Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheit. 3. 462.

|131|

Monit. industr. 1846 Nr. 1058; polytechn. Journal Bd. CIII S. 119.

|131|

Journ. Chim. médic. 1846. 696; polytechn. Journal Bd. CII S. 458.

|131|

polytechn. Journal, Bd. CIII S. 152.

|131|

Industrieblatt 9. 25.

|132|

Deutsche Industriezeitung 1871. 476.

|132|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 5. 651.

|132|

Deutsche Industriezeitung 1871. 476.

|132|

polytechn. Centralblatt 1867. 1582; bayerisches Kunst- und Gewerbeblatt 1867. 415.

|133|

polytechn. Journal Bd. XCVIII S. 448 und Bd. CIV S. 68.

|133|

Monit. industr. 1845 Nr. 957; polytechn. Journal Bd. XCVIII S. 336.

|133|

polytechn. Journal Bd. CLVI S. 46.

|134|

polytechn. Journal Bd. CLVI S. 50.

|134|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 3. 823.

|135|

Desodorisirend nennt man bekanntlich, (nach A. W. Hofmann) eine Substanz, welche unangenehme oder schädliche Gerüche beseitigt; desinficirend eine solche, welche die Verbreitung von Ansteckung verhindert; antiseptisch endlich ist |136| ein Körper, welcher verhütet, daß die Substanz, mit welcher er in Berührung ist, in Gährung oder Fäulniß übergeht. Beispiele von desodorisirenden Mitteln sind Manganchlorür und Eisenvitriol. Zu den antiseptischen Mitteln gehören Quecksilberchlorid, Chlorzink, Chlornatrium, arsenige Säure, mehrere ätherische Oele, Carbolsäure (Phenol) und die ihr homologe Cresylsäure. Die desinficirenden Mittel zerfallen in zwei Classen: in die erste Classe gehören diejenigen, welche durch Oxydation wirken und die Infection veranlassende organische Substanzen zerstören, wie das übermangansaure Kali, der Chlorkalk und die Salpetersäure; die zweite Classe begreift diejenigen Desinfectionsmittel, welche die Krankheitskeime vergiften oder unschädlich machen. Zu dieser Classe gehören Kampfer, schweflige Säure und ebenfalls Carbolsäure. Natürlich besitzen die sämmtlichen oben genannten Substanzen nicht ausschließlich die Eigenschaften der Classe, der sie hier zugetheilt worden sind; sie charakterisiren sich jedoch vorwiegend durch die ihnen damit zugeschriebene Wirkungsweise.

|136|

Comptes rendus, 76. 630; polytechn. Journal Bd. CCVII S. 515.

|137|

Journal Chim. médic. 1851; polytechn. Journal Bd. CXXI S. 72.

|137|

Comptes rendus 54. 1116; polytechn. Journal CLXV S. 73.

|137|

Comptes rendus, 1852; polytechn. Journal Bd. CXXV S. 468.

|137|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 5. 938.

|138|

Erster Jahresbericht der chemischen Centralstelle für öffentliche Gesundheitspflege in Dresden, (Dresden 1872.)

|139|

Monit. industr. 1847 Nr. 1148; polytechn. Journal Bd. CVI S. 160.

|139|

Wochenschrift des nieder-österreichischen Gewerbevereins 1872, Nr. 47; polytechn. Journal Bd. CCVI S. 423.

|139|

Deutsche Industriezeitung 1870. 442.

|139|

polytechn. Centralblatt 1867. 675.

|139|

polytechn. Notizblatt 23. 337; Industrieblätter 1869. 80.

|140|

polytechn. Notizblatt 26. 319.

|140|

Siehe Note 76 Seite 138.

|141|

Philosoph. Magaz. 1856; polytech. Journal Bd. CXLI S. 229.

|141|

polytechn. Journal Bd. CXI S. 318.

|141|

polytechn. Journal Bd. CXVIII S. 320.

|141|

Bulletin de la Société d'Encouragement 1835, 39; polytechn. Journal Bd. LVI S. 398.

|141|

Notizblatt des hannoverschen Gewerbevereines, 1845 Nr. 3.

|142|

Polytechn. Journal Bd. CXCVIII S. 449.

|142|

Polytechn. Journal Bd. XC S. 80 u. Bd. XCVI S. 255.

|142|

Comptes rendus 1845; polytechn. Journal Bd. CIII S. 148.

|142|

London. Journ. of arts 1847, S. 118.

|142|

polytechn. Journal Bd. CIII S. 151.

|143|

Monit. industr. 1845.

|143|

polytechn. Journal Bd. C S. 196.

|143|

Man vergl. S. 135 und 136.

|145|

Lefeldt, Der gegenwärtige Stand der Abfuhr und Canalisationsfrage in Großbritannien. (Berlin, Hempel) 2,25 Mark.

|145|

Lefeldt, Der gegenwärtige Stand der Abfuhr und Canalisationsfrage in Großbritannien. (Berlin, Hempel) 2,25 Mark.

|146|

Vergleiche Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheit 3. 80 und 554.

|146|

Offener Brief an einen preußischen Civilingenieur als Antwort auf seine Fragen in Betreff der Cultur und Befruchtung des Bodens von dem Right Hon. The Earl of Dunmoro, F. R. G. S. (Berlin, Wiegandt u. Hempel) 0,75 Mark.

|146|

Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereines, 1867. 54.

|146|

Siehe Note 38 Seite 126; Reinigung und Entwässerung Berlins (Berlin, Hirschwald) Heft IX.

|147|

Siehe Note 98 S. 145.

|147|

Siehe Note 38 Seite 126.

|148|

Siehe Note 46 Seite 128.

|148|

Die Versuche von Reiset, Gilbert u.a. haben gezeigt, daß selbst bei Gegenwart von alkalischen Erden bei der Fäulniß stickstoffhaltiger organischer Stoffe bis 40 Proc. gasförmiger Stickstoff entwickelt wird. (Comptes rendus, 42. 53; Phil. Transact. 1861. 500.)

|148|

Siehe Note 46 Seite 128.

|148|

Vergl. Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheitspflege. 3. 456.

|149|

Vergl. Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheitspflege 5. 326.

|149|

Siehe Note 97 S. 145.

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