Titel: Zur Gewinnung von Ammoniaksalzen aus thierischen Abfällen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 210/Miszelle 7 (S. 79–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj210/mi210mi01_7

Zur Gewinnung von Ammoniaksalzen aus thierischen Abfällen.

Im dießjährigen zweiten Juniheft des polytechnischen Journals (Bd. CCVIII 386) finde ich einen Aussatz von einem meiner hiesigen Collegen, der leicht zu Mißverständnissen führen könnte. Dr. Terne, der Verfasser besagten Artikels, hat gefunden daß das sogenannte Tankwasser, das ist das Abfallwasser welches bei der Abkochung von thierischen Abfällen behufs Fettgewinnung im Papin'schen Topf gewonnen wird, per Liter ungefähr 118 Gramme leimähnlichen Extractivstoff enthält. Er findet ferner, daß sich vermöge dieses Gehaltes an leimähnlichem Extractivstoff aus einem Liter dieses Wassers 8 Gramme Salmiak darstellen lassen, und schließt daraus daß dieses Wasser eine nicht zu unterschätzende Quelle für Ammoniaksalze sey und daß eine Capitalanlage in dieser Richtung sicher u.s.w. seyn würde. Allein wenn es sich hier in Chicago um die Gewinnung von Ammoniaksalzen handelte, so würde man das Gute unnöthigerweise in der Ferne suchen, wollte man dieselben aus sogenanntem Tankwasser darstellen, – indem Blut, welches unter denselben und thatsächlich augenblicklich zur Darstellung von Blutdünger unter viel günstigeren Bedingungen, als die sind unter denen man das Tankwasser haben könnte, von den Schlächtereien geliefert wird, – eine viel ergiebigere Ammoniakquelle abgeben würde. Nach Terne's eigenen Angaben gibt ein Liter Tankwasser ungefähr 8 Gramme Salmiak, was einem Ammoniakgehalt von 2,6 Grm. oder in Procenten ausgedrückt von 0,26 Proc. entspricht, während Blut nicht weniger wie 4 Proc. Ammoniak, also nahezu 15mal mehr als Tankwasser liefern würde.

Aber die Darstellung von Ammoniaksalzen aus Tankwasser sowohl als aus Blut würde unter den hier obwaltenden Verhältnissen ein thörichtes Beginnen seyn, indem das Ammoniak in der Form von Dünger verhältnißmäßig viel besser als in der Form von Ammoniaksalzen bezahlt wird. Manchem erscheint dieses vielleicht paradox, allein es ist eine Thatsache daß getrocknetes, theilweise geröstetes Blut, welches hier in ungeheuren |80| Massen gewonnen wird (über 2000 Tonnen jährlich) bei einem 14 Procent Ammoniak entsprechenden Stickstoffgehalt mit 2 1/2 Cents das Pfund bezahlt wird; mit anderen Worten der in dieser Form gelieferte Ammoniakgehalt (und dieser allein bestimmt den Preis dieses Productes) kommt auf ungefähr 18 Cents das Pfund zu stehen. Wenn man nun bedenkt daß dieses Product durch ein einfaches, ziemlich rohes und kurzes Verfahren gewonnen wird, während die Darstellung von Ammoniaksalzen, Kalk, Säuren und andere Chemikalien, sowie kostspielige Einrichtungen und eine umständliche Fabricationsweise erfordern würde, und wenn man ferner bedenkt daß die große Menge der so producirten und in verkäufliche Form gebrachten Ammoniaksalze nicht über 9–13 Cents per Pfund einbringen würde, so wird man zugeben müssen daß die Gewinnung von Ammoniaksalzen aus diesen eiweißartigen Abfällen vorläufig noch der Darstellung von getrocknetem Dünger weichen muß.

Hr. Terne, welchen ich als einen vorsichtigen und erfahrenen Chemiker kenne, war ohne Zweifel mit diesen Preisverhältnissen nicht vertraut und hat auch die hier sehr hohen Preise für Salzsäure und andere Rohmaterialien nicht genügend berücksichtigt, sonst wäre er gewiß auch zu diesem Resultate gekommen.

Wenn hingegen durch die Einrichtung einer großartigen Salzsäure- und Sodafabrik (und ein solches Etablissement welches gewissermaßen die Grundlage aller chemischen Industrie bildet, wäre hier sehr am Platze und würde gute Geschäfte machen) der Preis der Salzsäure, wie es in Deutschland der Fall ist, ein bloß nomineller werden wird, dann dürfte der Vergleich für die Gewinnung von Ammoniaksalzen sich günstiger stellen, aber auch dann nur wenn durch die dann möglich gewordene Darstellung von Blutlaugensalz, Berlinerblau, Blutkohle, Phosphor u.s.w. die Producte und Nebenproducte vollständig ausgenutzt werden.

Chicago, im August 1873.

Johannes E. Siebet,
technischer und analytischer Chemiker.

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