Titel: Die Chocolade, ihre Verfälschungen und die Mittel letztere zu erkennen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 210/Miszelle 8 (S. 396–397)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj210/mi210mi05_8

Die Chocolade, ihre Verfälschungen und die Mittel letztere zu erkennen.

A. Chevallier hat über diesen Gegenstand eine umfangreiche Arbeit geliefert, welcher wir Nachstehendes entnehmen.

Bei der Bereitung der Chocolade, welche hier als bekannt vorausgesetzt wird, ist die Auswahl der dazu zu verwendeten Cacaobohnen von nicht geringer Wichtigkeit. Man hat darauf zu sehen, daß nicht nur ausgesucht gutes, sondern auch mit Sorgfalt transportirtes Material verarbeitet werde. Denn die Cacaobohne nimmt den Geruch anderer, gleichzeitig mit ihr importirter Droguen (Tabak, Kaffee, Copaivabalsam |397| etc.) sehr leicht an, und die daraus bereitete Chocolade erhält dadurch einen widerlichen Beigeschmack.

Der Nährwerth der Chocolade ist deßwegen bedeutend, weil die Cacaobohne viel Stickstoff, doppelt so viel als die Getreidearten, enthält. Rabateau und Parville zählen dieselbe zwar zu den Mitteln, welche, wie Kaffee, Thee, Maté, Coca, Alkohol etc., den Stoffwechsel verlangsamen (den sogen. Sparmitteln); aber die während der Einschließung von Paris mit der Chocolade gemachten Erfahrungen stempeln dieselbe zu einem ächten Nahrungsmittel, wofür auch Payen und Boussingault sie erklärten.

Die Verfälschungen der Chocolade, welche gegenwärtig eine fast unglaubliche Ausdehnung erlangt haben, lassen sich in folgende Kategorien bringen:

1) Künstliche Vermehrung des Gewichtes der Chocolade, wozu man sich schlechten Cacaos, des Stärkemehles und Mehles, des Mehles von Hülsenfrüchten, des Maises, des Dextrins, der Mandelkleie, des arabischen Gummis, der Menninge, des Ockers, des Zinnobers und des Cacaoschalen-Pulvers bedient. Obgleich die Cacaobohnen an sich Amylum enthalten, gibt ein Infusum verfälschter Chocolade nach Chevallier doch nur dann die Jodreaction, wenn Amylum in einer der erwähnten Formen beigemischt ist.

2) Ersatz der Cacaobutter durch andere Pflanzen- oder durch Thierfette. Während reine Cacaobutter bei 24 bis 25° C. schmilzt, steigt der Schmelzpunkt nach Beimischung heterogener Fette auf 26 bis 28° C.

3) Zumischung von Storax oder Perubalsam zur Chocolade, anstatt der Vanille.

4) Zusatz von Cantharidenpulver in verbrecherischer Absicht (Willfährigmachen in schlechte Häuser gelockter Mädchen). Chevallier führt nur eine einschlägige Beobachtung von Barruel an und gedenkt dieses abscheulichen Zusatzes zu einem Nahrungsmittel mit einer Schüchternheit, als wäre derselbe in seinem Vaterlande fast unerhört, als wäre es nicht weltbekannt, daß vielleicht nirgends mehr Cantharidenpulver in der erwähnten Weise verbraucht worden ist, als in Paris. Der Nachweis der Cantharide, resp. des Cantharidins, wird nach Dragendorff's Methode auszuführen seyn, abgesehen davon, daß in damit versetzter Chocolade die Loupe und das Mikroskop Partikeln der metallisch grün glänzenden Flügeldecken des genannten Insects auffinden lassen wird.

5) Scheinbare Verfälschungen. Hierher sind Einsammeln der unreifen Frucht, Gährungsvorgänge, zu langes Rösten der Bohne und Aufbewahrung des Fabricates in trockenen Magazinen, bei zu hoher Temperatur oder sonst unter Bedingungen, welche zum Verlorengehen des Aroma Anlaß geben können, zu rechnen.

Caracas-Cacao soll nach Chevallier und Payen daran zu erkennen und dadurch vom Trinidad-, Haiti-, Guyana- etc. Cacao zu unterscheiden seyn, daß ersterer bei der Extraction mit Alkohol einen gelben Auszug liefert, während die in gleicher Weise bereiteten Auszüge der übrigen Sorten eine gesättigt violette Farbe besitzen.

Als petit Chocolat wird Kindern in Frankreich, etwa wie bei uns Eichelkaffee, ein Absud der Cacaoschalen zu trinken gegeben. Aus dem zur Trockne gebrachten wässerigen Extracte dieser Schalen fertigt Duval seit 1855 seinen Brustkranken die besonders empfohlene Théobromade und Théobromine. Diese dürften zum mindesten den Kaffeesurrogaten der ärmeren Bevölkerung, namentlich dem Cichorienkaffee, vorzuziehen seyn. (Chevallier erhielt aus 100 Theilen Cacaoschalen 26 Theile festen Rückstand.) Durch van Houtten und Sohn in Amsterdam wird unter dem Namen „Cacoine“ ebenfalls ein angeblich aus Cocaoschalen bereitetes, sehr wohlschmeckendes und in erster Linie stillenden Frauen und Reconvalescenten zu empfehlendes Fabricat in den Handel gebracht. (Archiv der Pharmacie.)

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