Titel: Kohle als Enthaarungsmittel anstatt des Kalkverfahrens.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 210/Miszelle 9 (S. 397–399)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj210/mi210mi05_9

Kohle als Enthaarungsmittel anstatt des Kalkverfahrens.

Andersen in Inverkeithing (Schottland) hat entdeckt, daß die in pulverisirtem Zustande auf die Haut angewandte Holzkohle Enthaarung bewirkt. Kohle besitzt, wie bekannt, die Eigenschaft, in ihren Poren große Quantitäten Sauerstoff aus der atmosphärischen Luft aufzunehmen und dieser soll in solcher Form eine chemische Wirkung auf die Fettsubstanz, welche sich hauptsächlich in der Nähe der Drüsen an der Haarwurzel |398| befindet, ausüben, indem er angeblich das Fett der Haarwurzeldrüsen zu Kohlensäure und Kohlenwasserstoffverbindungen vergast (?) Es soll also in den Poren der Haut eine Art Verbrennung stattfinden, welche die Fettdrüse zerstört und das Haar löst. „Sollte Jemand, bemerkt das Currier Journal an der angeführten Thatsache zweifeln, so möge er mit reiner, pulverisirter Holzkohle versuchen und dieselbe mit einer genügenden Quantität Wasser zu einem dünnen Teige anrühren. Er wird finden, daß ein in diese Mischung gelegtes und oft bewegtes Kalbfell in 4 bis 5 Tagen enthaart und die Schönheit des Resultates ihn in Erstaunen setzen wird, indem die Epidermis der Haut auf einmal ihr Haar läßt. Wir sprechen hierin aus Erfahrung und empfehlen unserem Leser den Versuch zu machen.“

Ein großer Vortheil der Anwendung der Kohle besteht darin, daß die Haut der weiteren Bearbeitung, welche nach dem Kalken nothwendig wird, nicht bedarf, so daß also die Haut nach dem Abspülen mit Wasser sofort für die eigentliche Gerbung bereit ist. Der einzige Nachtheil der Verwendung der Kohle entspringt daraus, daß dieselbe die Haut nicht schwellt, so daß es schwer ist, die Fleischseite herabzunehmen. Der Werth der Kohle zum Zweck der Enthaarung ist so groß, daß sie nicht voreilig zu verwerfen ist, weil sie die Haut nicht schwellt. Ehe die Haut mit Kohle behandelt wird, müßte sie 2 bis 3 Tage lang in eine milde Kalkbrühe gelegt werden, so daß dadurch die Schwellung bewirkt wird; schädigen wird dieses Verfahren die Haut durchaus nicht. Die sodann erfolgende Anwendung der Kohle entfernt sowohl sehr schnell das Haar, als sie auch zu gleicher Zeit den Kalk unschädlich macht.

Das Currier Journal bemerkt schließlich: „Wir glauben, daß in der Geschichte der Gerbung dadurch eine neue Aera vorbereitet wird, denn das auf diese Weise enthaarte Leder ist viel zäher als anderes.“ Im Leather Trader Circular wird über das neue Verfahren bemerkt, daß es in den gewöhnlichen Kalkäschern ausgeführt werden könne, wenn für eine Temperatur von 10 bis 21° C. gesorgt werde. Im Sommer ist also die gewöhnliche Temperatur ausreichend, mit Ausnahme der kältesten Monate, sogar auch während der übrigen Jahreszeiten. Der Gewinn an Zeit ist jedoch größer, wenn für genügende Wärme gesorgt ist. Die Häute müssen täglich gezogen werden, bis das Haar so lose ist, daß es leicht herausgeht, und hat sich herausgestellt, daß dabei der größte Theil des Skuds mit der Haarwurzel aus der Haut entfernt wird, so daß dasjenige, was aus der gekälkten Haut gewöhnlich schwierig zu entfernen ist, bei dem in Rede stehenden Verfahren verhältnißmäßig wenig Arbeit macht. Die Häute werden alsdann geschabt und des noch an ihnen haftenden Skuds entledigt, und sind alsdann, nachdem sie noch gespült worden, für die Gerbung fertig. Die Häute sind stets weich, als ob sie gebeizt worden, so daß die Fleischseite nicht so tief ist, als nach dem Kälken. Wenn die Temperatur 15,5° bis 21° C. beträgt, so genügen höchstens 4 oder 5 Tage, um die leichte Enthaarung zu bewirken, bei 4,5° bis 10° C. Wärme sind gewöhnlich 7 bis 8 Tage erforderlich. Eine Beize ist bei diesem Verfahren nicht erforderlich; sobald die Häute die Schabewerkstatt verlassen, müssen sie den Gerbeproceß beginnen. Die Vortheile sind also kurz gefaßt folgende: Große Ersparniß an Zeit und Arbeit; Gewichtsgewinn von 1/2 bis 1 Pfund pro Haut; angenehmere und gesundere Arbeit, weil jeder üble Geruch vermieden wird; vollkommene Sicherheit der Einwirkung der Brühen, ohne Flecke zu hinterlassen; es wirkt wie Beize bei gekälkten Waaren; das Spalten mit der Maschine ist leichter, da das Fleisch enger ist; die verwendete Kohlenmasse ist so billig wie Kalk, wenn die in Gebrauch genommene Quantität, welche wieder verwendet wird, in Betracht gezogen wird.

Zwei Edinburger Gerber haben erfolgreiche Versuche mit dem neuen Verfahren gemacht und darüber a. a. O. Gutachten ausgestellt. Die englische Gerber-Zeitung vergleicht das Kalken mit dem neueren Verfahren und sagt, daß in Bezug auf die erhaltene Qualität des Leders die neue Methode den Vorrang beanspruchen darf, daß der Fabrikant außerdem besseres Gewicht und ein für den Verarbeiter angenehmeres Fabricat erziele. Auch die Wirkung der Kohle auf Häute, welche eine theilweise Kälkung, vielleicht 1 oder 2 Tage, erfuhren, um das Fleisch hart zu machen und dadurch das Schaben zu erleichtern, ist sehr bemerkbar. Die Haut wird dadurch erweicht und der Kalk entfernt; da das Albumin nicht angegriffen wird, so wird die Qualität des Leders eine viel bessere. Die Beize wird mit ihren üblen Folgen erspart und eine Vermehrung des Gewichtes erzielt. Leichtes Sohlleder, welches ungefähr 5 Monate gegerbt worden, und über 2 Pfund mehr Gewicht erzielte, wurde zu Damen-Schuhwaaren und zu Herren-Innensohlen verwandt. Das Leder ließ sich sehr |399| gut bearbeiten, wie der Schuhmacher versicherte; ein Aufreißen beim Nähen fand nicht statt, das Nähen ging sogar sehr leicht von statten und die Tragfähigkeit ist eine sehr befriedigende. Kidleder, welche zu Hinterstücken für Herren-Stiefeletten verwendet wurden, wurden stumpf gegen das Blatt von Kalbleder gesetzt, ohne daß auch nur ein Stich verloren ging. Es erhielt mit geringer Mühe großen Glanz und sah wie französisches Kalbleder aus. Diese Eigenschaften zeigten sich bei allen Ledersorten.

In einer weiteren Mittheilung wird über die Art und Weise der Ausführung bemerkt: Die Kohle (animalische oder vegetabilische) kann im Uebermaß angewandt werden, da sie ätzende oder verletzende Eigenschaften nicht besitzt; es genügen jedoch auf jede Haut 6 bis 10 Pfund mit der gewöhnlichen Quantität Wasser; eine Temperatur von 15,5 bis 21° C. scheint die zweckmäßigste zu seyn. Diese Temperatur wird am besten durch Dampf zur Wirkung gebracht, indem die Gruben während des Verfahrens bedeckt werden. Die Wirkung scheint darauf zu beruhen, daß eine Stoffzersetzung in dem äußeren Zellengewebe der Haut stattfindet, indem diese Substanz im frischen Zustande der Haut coagulirt ist und dadurch die Haare festhält. Der in der Kohle enthaltene Sauerstoff bringt in Verbindung mit der Wärme die genannte Wirkung hervor und die Poren der Kohle nehmen den Stoff auf, welcher, wenn er in der Haut bliebe, zur Zersetzung derselben beitragen würde. Ueber die Behandlung der Häute mit Kohle nach dem Kälken von einigen Tagen sagt ein Lederfabriken daß er über 50 südamerikanische schwere Häute mir Kohle, pro Stück 10 Pfund, der Tage behandelte, nachdem sie vier Tage gekälkt worden waren. Die Häute enthaarten sehr gut, so daß er einen anderen Posten Häute auf gleiche Weise behandeln wollte. Es soll durch die Kohle nach dem Kälken des Albumin sowie ein großer Theil des gelatinösen Faserstoffes vor der Zerstörung erhalten und eine bessere und schnellere Gerbung erzielt werden, da in der Haut kein Kalk zurückbleibt, welcher die Wirkung der Gerbsäure neutralisirt; außerdem wird die Kothbeize entbehrlich. (Aus: Deutsche Gerber-Zeitung, durch Dr. Jacobsen's chemisch-technisches Repertorium 1872, 2. Halbjahr. S. 52.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: