Titel: Künstliche Steine.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1873, Band 210/Miszelle 4 (S. 474–475)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj210/mi210mi06_4

Künstliche Steine.

Die Fabrication künstlicher Steine hat in der letzten Zeit bedeutende Fortschritte gemacht und die Erfolge scheinen wirklich dazu angethan zu seyn, die Ziegel- und Sandsteine, wenn auch nicht zu verdrängen, so doch denselben eine bedeutende Concurrenz zu machen. Wir wollen unseren Lesern nun verschiedene Methoden zur Fabrication künstlicher Ziegel- und Sandsteine mittheilen und gleichzeitig über einen Versuch berichten, welcher betreffs der relativen Festigkeit eines künstlichen Sandsteines angestellt wurde.

Einen sehr guten Kunststein liefert der Engländer Allen, und zwar durch Mischung von 1 Theil Kohlenstaub oder feiner Asche mit 5–6 Theilen gutem Portland-Cement. Was Härte, Wasserdichtheit und Feuerbeständigkeit anbetrifft, so sind dieselben sehr zu empfehlen und haben daher auch in England vielfache Anwendung gefunden. Diese Ziegel werden entweder auf die hier gebräuchliche Art gestrichen und in Meilern gebrannt oder in netten, glatten Formen gepreßt, so daß sie schön kantig, glatt und eben sind und für die Außenseite der Wände benutzt werden können. Hr. Berndt in Deuben bei Dresden stellt die Cementziegel auf folgende Weise her. Er rührt Kalkbrei und Steinkohlenasche zu einem ziemlich dicken Brei zusammen, füllt damit die Ziegelform und läßt den Ziegel aus der Form auf die geebnete Erde oder Breter gleiten, wie bei Lehmziegeln. Diese Ziegel besitzen allerdings keine genügende Tragkraft, und es ist besser, die angefeuchtete Mischung, welche aus Steinkohlenasche und Kalkbrei besteht, recht tüchtig zu stampfen und so eine innige Verbindung zwischen den einzelnen Theilen herzustellen. Die Form dieser letzteren Steine, welche sehr fest sind, ist dann auch glatt und schön, und werden dieselben nach dem Trocknen in verdünntes Wasserglas gelegt, so können sie ohne Bewurf vermauert werden und haben ein sehr schönes Aussehen.

Die Methoden zur Herstellung des Sandsteines sind sehr zahlreich; folgende Verfahren dürften jedoch bis jetzt die besten seyn. Man mischt 1 bis 5 Theile Sand, 1 Theil Staubkalk und 1 Theil Cement mit wenig Wasser zusammen, damit kein Brei entsteht, aber doch Cement und Kalk sich lösen. Die Masse wird nun in dünnen Schichten besonders aber an den Ecken und Wandungen gestampft, damit sich diese Theile recht fest zusammenlagern. Die geformten Stücke läßt man an der Luft trocknen und stellt sie dann in verdünntes Wasserglas, worin sie 2 bis 3 Tage bleiben. Nach dem Trocknen sind die Gegenstände steinhart. Zu Simswerk und Ornamenten eignet sich dieser Stein sehr und dürfte vielleicht den sogenannten Ransome'schen Steinen ebenbürtig zur Seite stehen. Diese letzteren werden durch Mischung von Cement, Schlämmkreide und Sand, welche mit Wasserglas zu einem dickflüssigen Teige angerührt werden, hergestellt. Unter den 3 Mischungsverhältnissen, welche man als vortheilhaft befunden hat, ist die nachfolgende die beste: 6 Theile Cement, 12 Theile Schlämmkreide, 6 Theile feiner Sand, 1 Theil Kieselguhr. Die Erhärtung erfolgt bei diesen Steinen bald.

Die Cementwaaren-Fabrik von F. A. Rößler in Chemnitz beschäftigt sich mit Herstellung eines künstlichen Steines zu Treppenstufen, welcher aus einer Mischung von 3 Theilen Cement und 5 Theilen Quarzsand (Freiberger Pochsand) besteht. Die zur Untersuchung der Festigkeit dieses Steines angestellten Versuche haben die günstigsten Resultate ergeben, und wollen wir auf dieselben hier näher eingehen.

Der zur Prüfung dienende Apparat bestand einfach aus zwei in einiger Entfernung von einander aufrecht gestellten Sandsteinquadern, über welche die zu prüfende Stufe, in Kalkmörtel gebettet und gut gemauert, horizontal gelegt wurde. Dieselbe, 1,70 Meter lang, lag auf 1,41 Meter frei, hatte 18,5 Centimet. Höhe, 36,5 Centimet. obere Breite (incl. Rundstab) und war unterhalb in üblicher Weise abgeschrägt. Ihre Querschnittsfläche betrug 455,24 Quadratcentimet. und ihr Gewicht 176,5 Kilogrm. Vor drei Monaten war sie angefertigt worden und bestand aus der obengenannten |475| Mischung. Rechtwinkelig über die Mitte der freien Länge dieser Stufe wurde eine eiserne Wagenachse (von etwa 3 Centimet. im Quadrat Stärke) gelegt, deren Enden eine mittelst Ketten angelegte starke Pfoste als Waagschale trugen, die zur Aufnahme der eisernen Gewichtsstücke bestimmt war. Einige Vorsichtsmaßregeln gegen die starken Erschütterungen beim Bruch und gegen das Herabstürzen der Stufenbruchstücke vervollständigten den Apparat. Die Stufe brach nun bei einem nach und nach aufgelegten Gewichte von 834 Kilogrm., mit Hinzurechnung von 97 Kilogrm. für Wagenachse, Ketten und Pfoste, sonach bei 931 Kilogrm. ruhiger Belastung in der Mitte. – Die Bruchfläche war sehr eben, fast genau rechtwinkelig zur Länge der Stufen, 7,2 Centimet. von der Belastungsachse entfernt, und zeigte bei näherer Untersuchung ein ganz gleichmäßiges Gefüge.

Es berechnet sich sonach das Widerstandsmoment dieses Stufenquerschnittes auf rund 993 Kilogrm. und der Festigkeitscoefficient für die vorliegende Cementmasse zu 33 Kilogrm. pro Quadratcentimeter.

Eine Treppenstufe von Chemnitzer Porphyrtuff (sogenannter Thonporphyr), die aus einem der bestrenomirten Brüche seit zwei Monaten ausgeliefert und gut ausgetrocknet war und ähnliche Dimensionen hatte, brach bei einer Belastung von 714,5 Kilogrm. in der Mitte. Die Bruchfläche, gleichfalls ziemlich eben, war gleichmäßig rechtwinkelig zur Länge der Stufe und 10 Centimeter von der Belastungsachse (nach rechts) entfernt. Bei dieser Stufe berechnet sich das Widerstandsmoment des Querschnittes auf 969 und der Bruchcoefficient auf 26 Kilogrm. pro Quadratcentimeter. Man sieht also, daß die aus künstlichem Stein hergestellten Stufen die aus natürlichem Stein sogar noch an Festigkeit übertrafen. Die vorstehenden Angaben dürften genügen, um unsere Leser auf die Vorzüglichkeit dieser künstlichen Steine aufmerksam zu machen, bei deren Anwendung eine erhebliche Geldsumme gespart wird. (Deutsche Töpfer- und Ziegler-Zeitung.)

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