Titel: Fischer, über die Verunreinigung der Flüsse durch Industrie- und städtische Abfallstoffe und die Mittel dagegen.
Autor: Fischer, Ferd.
Fundstelle: 1874, Band 211, Nr. XL. (S. 200–227)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj211/ar211040

XL. Ueber die Verunreinigung der Flüsse durch Industrie- und städtische Abfallstoffe und die Mittel dagegen; von Ferdinand Fischer.54)

Flußwasser enthält bekanntlich namentlich kohlensaure und schwefelsaure Verbindungen von Calcium und Magnesium, weniger Kalium, Natrium, Kieselsäure, Chlor u.s.w.; es ist klar oder doch nur durch Sand und Thon getrübt. Ein solches, nicht durch Abfallstoffe verunreinigtes Wasser ist ohne Geruch und Geschmack, reagirt neutral oder schwach alkalisch, enthält im Liter in Form von organischen Stoffen nicht mehr als 5 Milligrm. Kohlenstoff und 1 Milligrm. Stickstoff und geht nicht in Fäulniß über, auch wenn es eine Zeit lang der Sommertemperatur ausgesetzt wird.55)

Das Wasser gelangt so in befriedigendem Zustande zur ersten Fabrik oder Stadt (Analyse 27 und 28, S. 226), verläßt dieselbe aber verunreinigt mit Massen von Unrath und Abfällen der verschiedensten Art. In welch' erschreckenden Zustand ein wasserarmer Fluß durch eine dichte Bevölkerung oder zahlreiche Fabriken versetzt werden kann, zeigen namentlich die drei Berichte56) der 1868 auf Befehl der Königin von England ernannten Commission (Sir W. Denison, E. Frankland, John, Chalmers Morton), welche beauftragt wurde, die Ursachen, denen die Verunreinigung der Flüsse zuzuschreiben ist, und die Mittel und Wege zu erforschen, wie diese Verunreinigungen zu vermeiden sind. Der Zustand der Flüsse in Yorkshire wird folgender Weise geschildert: Mißbräuchlicher Weise wirft man in die Wasserläufe Millionen von Centnern |201| an Asche und Kohlenresten und an Schlacken aus den Feuerungen der Dampfkessel, Eisenwerke und Hausöfen; große Massen von zerbrochenem Thongeschirr, abgenutzten Metallgegenständen, von Schutt aus den Ziegeleien und aus alten Gebäuden, von Eisen, von Steinen und Thon aus Steinbrüchen schüttet man hinein; der Schmutz der Wege, Straßenkehricht, erschöpfte Farbhölzer und ähnliche Stoffe werden den Flüssen überantwortet; Hunderte von Thiercadavern, Hunde, Katzen, Schweine u.s.w. schwimmen an ihrer Oberfläche umher oder verfaulen an ihren Ufern; sie müssen täglich Millionen von Kubikmetern Wasser abführen, welches mit den Abfällen aus Bergwerken, chemischen Fabriken, Gerbereien, Färbereien, Garn- und Wollen-Wäschereien und Walkereien, mit Schlachthausabgängen und mit den Auswurfstoffen der Städte und Häuser beladen, und dadurch verdorben und vergiftet ist. – Der Bradford Beck nimmt aus der Stadt Bradford die Auswurfstoffe auf von 140,000 Personen, die Abwässer von 168 Wollenfabriken, 94 Tuchfabriken, 10 Kattunfabriken, 35 Färbereien, 7 Gelatinefabriken, 10 chemischen Fabriken, 3 Gerbereien und 3 Fettextractionsfabriken (vergl. Analyse 29 und 30).

Dem Bericht ist ein Facsimile beigefügt, welches mit blasser Tinte geschrieben zu sein scheint und folgenden Inhalt hat:

Wakefield, 11. August 68.

Wir überreichen, ohne die Erlaubniß hierzu nachzusuchen, dem localen Gesundheitsamte von Wakefield dieses Memorandum, geschrieben mit dem Flußwasser des Calder, welches heute an der Einmündung des städtischen Entwässerungscanales entnommen worden ist. Könnte der dort herrschende Geruch dieses Schriftstück begleiten, so würde es an Interesse bedeutend gewinnen.

Die Flüsse werden nun verunreinigt:

  • A. durch Industrieabfälle,
  • B. durch städtisches Canalwasser.

Derartige Industrieabfälle liefern namentlich

1. Metallfabriken.

Das Canalwasser von Messinggießereien ist nach Frankland neutral und enthält Calcium, Magnesium, sowie Spuren von Eisen- und Zinkverbindungen, ist daher unschädlich.

Das Abwasser von Neusilberfabriken enthält sehr viel Calcium, Magnesium und Natriumverbindungen, außerdem aber auch 0,75 Proc. freie Säure.

Canalwasser der Galvanisirwerke ist durch Calcium, Magnesium und Zinksalze verunreinigt und enthält 0,7 Proc. Eisen als Sulfat und Chlorür, sowie fast 2 Proc. freie Säure.

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Derartige saure Wässer greifen das Mauerwerk an, dürfen daher nicht in die öffentlichen Canäle oder Flüsse geleitet werden, bevor sie nicht durch Behandlung mit Kalkmilch entsäuert und von den für den Pflanzenwuchs schädlichen Metallen befreit sind.

Hohofenschlacken können verwerthet werden zu Schlackenkohks,57) Bauzwecken,58) Thonerdepräparaten,59) zur Eisengewinnung;60) Schlacken zum Concretbau (polytechn. Journal Bd. CCVI S. 156). Besonders zahlreich sind die Vorschläge zur Verwerthung der Weihblechabfälle.61)

2. Chemische Fabriken.

Da mit der Sodafabrication die Herstellung von Schwefelsäure und Chlorkalk verbunden ist, so sind nicht nur die Rückstände der Sodadarstellung, verdünnte arsenhaltige Salzsäure, sondern auch die sauren Manganlaugen, gerösteten Kiese, Chlorcalcium u.s.w. zu beseitigen. Nach der Untersuchung der englichen Commission sind in den 400 Millionen Kilogrm. Schwefelkies, die jährlich in England zur Darstellung von Schwefelsäure gebraucht werden, etwa 1,6 Millionen Kilogrm. Arsenik enthalten. Dieser giftige Körper geht fast völlig in die Schwefelsäure über62) und von dieser in die Salzsäure, in das Glaubersalz, selbst in die Soda, so daß von 12 Proben gewöhnlicher Soda 11 stark arsenikhaltig waren; von 9 Proben krystallisirter Soda waren 2, von 7 Seifenproben 3 arsenhaltig. Schon hierdurch werden also den englischen Flüssen jährlich etwa 1,500,000 Kilogrm. Arsenik zugeführt; dieser giftige Stoff ist denn auch selbst in den Filtern und dem Wasser der Wasserleitungsgesellschaft von Stockport nachgewiesen (vergl. Analyse 1. und 3).

Nach Angabe eines Beamten, der die Sodafabriken in gesundheitlicher Beziehung überwacht, gehen mit diesen sauren Manganflüssigkeiten, welche im Liter etwa 150 Grm. lösliche Stoffe und 150 Milligrm. Arsenik enthalten, sowie mit der verdünnten Salzsäure, welche die Fabriken den Flüssen übergeben, in England 47,5 Proc. der gesammten producirten Salzsäure verloren. Bäche, Schifffahrtscanäle werden dadurch |203| oft stark sauer (vergl. Analyse 2, 4, 5 und 6), so daß die Schleusen u.s.w. in den Canälen ganz aus Holz construirt werden müssen.

Kommen mit diesen sauren Wässern die Calciumoxysulfuret haltenden Sodarückstände zusammen, so werden bedeutende Mengen Schwefelwasserstoff entwickelt, der die in der Nähe Wohnenden im höchsten Grade belästigt; zugleich wird Schwefel abgeschieden, der sich allmählich zu Boden setzt. Eine Schlammprobe aus dem Sankey-Schifffahrtscanal enthielt dem entsprechend nicht weniger als 22,75 Proc. freien Schwefel.

Die gerösteten Kiese werden neuerdings auf Kupfer verarbeitet und dadurch beseitigt,63) aus den Chlormanganflüssigkeiten Farben64) und in der Glasindustrie verwendbare Producte (polytechn. Journal Bd. CCVIII S. 396) dargestellt, namentlich aber Mangansuperoxyd regenerirt.65) Aus den Sodarückständen stellen jetzt viele Sodafabriken Schwefel dar. Es wird namentlich das Verfahren von Mond,66) welches zugleich die verdünnte Salzsäure verwendet und das von Hoffmann 67) und Buquet, bei welchen die Manganrückstände mit verbraucht werden, empfohlen. Weldon 68) führt den Schwefel in den Abfällen mittelst Kohlensäure oder Wasserdampf in Schwefelwasserstoff über und behandelt diesen mit schwefliger Säure in Wasser; Pracke (franz. Patent 4. März 1872) zersetzt den Schwefelwasserstoff mit Eisenhydrat. (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 6. 1420.) Mactear 69) behandelt die gelben Mutterlaugen mit Kalk, dann mit schwefliger Säure, zersetzt die erhaltene Flüssigkeit mit Salzsäure und sammelt den abgeschiedenen Schwefel. Rowan mischt die abfließenden Mutterlaugen mit Salzsäure, leitet den entwickelten Schwefelwasserstoff in Lösungen von Kupfererzen und reducirt aus den gefällten Sulfiden die Metalle durch Rösten.70)

Schott 71) macht darauf aufmerksam, daß die Sodarückstände nach dem Verwittern sehr gut zur Fabrication der Scott'schen Cemente verwendet |204| werden können, Schaffner 72) empfiehlt die entschwefelten Rückstände zur Ausführung von Eisenbahndämmen, Stohmann zum Düngen (polytechn. Journal Bd. CXLIV S. 79) und Varrentrapp zu Bauzwecken (daselbst Bd. CLVIII S. 420).

Die Fabriken von Oxalsäure aus Sägespänen geben in der Regel keine den Fluß verunreinigenden Abwässer.

Die Abwässer der Farbenfabriken 73) sind meist stark gefärbt, enthalten viel organische Stoffe gelöst und suspendirt, die der Anilinfarben auch Arsen, doch werden diese Abfälle meist auf arsensaures Natrium für die Kattundruckerei verarbeitet (Analyse 7).

Theerdestillationen geben oft phenolhaltiges Abwasser, welches dem Pflanzenwuchs schädlich ist; die Abfälle der Paraffinöldestillationen tödten die Fische (polytechn. Journal Bd. CLXXXII S. 315).

Die Abwässer der Leuchtgasfabriken enthalten Ammoniak, Rhodanverbindungen und verschiedene Theerbestandtheile, welche nicht nur den Fluß verunreinigen, sondern auch oft auf große Entfernungen den Untergrund und die Brunnen vergiften (polytechn. Journal Bd. CCXI S. 139, zweites Januarheft 1874). Die Reinigungsmasse wird zur Gewinnung von Schwefel74) verwendet, der Gaskalk zur Desinfection,75) zu Berliner Blau,76) zu Kalk und Gyps;77) zu Straßenaufschüttungen darf derselbe nicht genommen werden (polytechn. Journal Bd. CXXV S. 159).

3. Färberei, Druckerei, Bleicherei.

Da die Farbhölzer78) und die zur Verwendung kommenden Chemikalien, nachdem sie ihre Dienste in dem Fabricationsproceß geleistet haben, fast vollständig fortgespült werden, so liefern derartige Gewerbe und Fabriken sehr viel Abwasser, welche namentlich reich an organischen Stoffen sind (Analysen 8 bis 13). Besonders bemerkenswerth ist der Gehalt an Arsen, welches theils von dem arsensauren Natrium der bei den Krapfarbstoffen angewendeten Kuhkothbäder, theils von der verwendeten Säure stammt.

Die Abwässer der Bleichereien enthalten vorwiegend Chlorcalcium, |205| schwefelsaures Calcium und Spuren von Chlorkalk, können daher in der Regel ohne Schaden in die Flüsse eingeleitet werden.

4. Wolle-, Baumwoll- und Seidenfabriken.

Die Wollenfabriken geben Massen von Schmutzwasser beim Waschen, Walken, Färben und Drucken. Die Schafwäsche (Analyse 14 und 15) liefert zwar stark verunreinigtes Abwasser, doch kommt dieses weniger in Betracht, weil dieselbe nur wenige Tage im Jahre dauert, auch immermehr durch die Fabrikwäsche (Analyse 16) ersetzt wird, welche ihre Abwässer vortheilhaft zur Herstellung von Pottasche verwendet.79) Der Arsengehalt ist auf die verunreinigte Seife und Soda zurückzuführen.

Bei der Fabrication von Tuch sind nach dem Bericht der englischen Commission nicht weniger als 40 Fabricationsstadien zu unterscheiden. Die Herstellung von 500 Stück Tuch erfordert etwa 1600 Kilogrm. Soda, 60 Kubikmeter Harn, 3000 Kilogrm. Seife, 3000 Kilogrm. Oel, 1000 Kilogrm. Leim, 2 Kubikmet. Schweineblut und Schweinekoth, 2000 Kilogrm. Walkerde, 20000 Kilogrm. Farbwaaren, 2000 Kilogrm. Alaun oder Weinstein und liefert außerdem noch 8000 Kilogrm. Wollfett und Schmutz. Von diesen Stoffen bleibt nur ein sehr geringer Theil auf dem fertigen Tuch zurück, fast die ganze Masse wird fortgeschwemmt. Aehnlich sind die Abwässer der Teppichfabriken, während die der Flanellfabriken noch stärker verunreinigt sind (Analyse 17–19.)

Die Analysen 20–22 zeigen, daß die Abwässer der Wollenfabriken weit mehr verunreinigt sind als die der Baumwollfabriken, daß Seidenfabriken nur wenig Schmutztheile liefern.

5. Schlachtereien, Gerbereien, Fettextractionen, Leim- und Seifensieder.

Die Abwässer der Gerbereien (Analyse 24 und 25) enthalten sehr große Quantitäten Stickstoff, ihr Einlauf in die Flüsse ist daher sehr bedenklich. Da die Gerbereien für die Nachbarschaft durch ihre Ausdünstungen jedenfalls unangenehm, durch die Inficirung des Bodens mit faulenden thierischen Stoffen aber gesundheitsgefährlich sind, so sollten dieselben, wie auch die Schlachtereien und Leimsiedereien vor die Städte verwiesen werden (vergl. Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheit. 5. 160 und 323.) Hier würden auch die Abfälle, namentlich |206| die für die Landwirthschaft werthvollen Abwässer besser verwendet werden können (vergl. polytechn. Journal Bd. CL S. 320; Bd. CCIII S. 163).

Chevallier 80) schlägt vor, das Blut der Schlachtereien mit Erde zu mischen oder einzutrocknen.

Sucquet bringt es durch einen Zusatz von Ferrisulfat zum Gerinnen und trocknet an der Sonne, Bobierre 81) mit den sauren Manganrückständen der Chlorbereitung. Fry 82) versetzt 1 Kubikmeter frisches Blut mit 40 Kilogrm. Schwefelsäure und trocknet das Gerinsel. Vortheilhafter als die Anwendung des Blutes zu Dünger83) ist unter Umständen die Verarbeitung desselben auf Albumin.84)

Knochen, Horn u.s.w. werden nach dem Patente von Rice und Drigs zur Abscheidung der Gelatine mit dreibasischer Phosphorsäure behandelt. Aus der von der Gelatine decantirten Lösung wird die Phosphorsäure auf gewöhnliche Weise gewonnen. Knab behandelt thierische Abfälle bei 80–100° mit Salzsäure, sammelt das sich abscheidende Fett und verarbeitet die salzsaure Lösung zu Dünger (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 4. 937; 5. 302).

Bei der zunehmenden Verbreitung des Ammoniakprocesses 85) dürfte die Verarbeitung dieser stickstoffhaltigen Abfälle auf Ammoniumverbindungen besonders vortheilhaft werden.86)

Die Abwässer der Seifensiedereien enthalten vorwiegend Kochsalz, Glycerin, etwas Fett und Seife, würden also wenig bedenklich seyn, wenn sie nicht oft 3 Milligrm. Arsenik im Liter enthielten.

6. Papierfabriken.

Die Abwässer derselben enthalten an bedenklichen Stoffen außer dem Schmutz von den Lumpen, die Waschwässer des Espartograses (Analyse 26), die wegen ihres starken Stickstoffgehaltes sehr bald in Fäulniß übergehen. Die damit verunreinigten Flüsse bedecken sich, namentlich unterhalb eines Wehres, oft mehrere Kilometer weit mit einem festen, sehr consistenten Schaum. Die concentrirten Espartowässer werden passend eingedampft und zur Wiedergewinnung der Soda calcinirt (vergl. Berichte |207| der deutschen chemischen Gesellschaft. 5. 543 und 652, 6. 762 und 1422).

7. Stärke-, Zucker- und Spiritusfabriken.

Nach den Untersuchungen von Knapp 87) führten die Abwässer von drei Zuckerfabriken dem Stadtgraben von Braunschweig innerhalb 24 Stunden etwa 1600 Kilogrm. organische Stoffe mit 30 Kilogrm. Stickstoff, 360 Kilogrm. unorganische Substanzen und 180 Kilogrm. Knochenkohle zu. Die Abwässer der Zuckerfabriken besitzen einen unangenehmen, fauligen Geruch, und bilden leicht starken Schaum. Sie fördern die Fäulniß des Wassers durch ihre erhöhte Temperatur (30–40°) und durch die große Menge stickstoffhaltiger organischer Stoffe. Die niederen Organismen, welche sich bei der fauligen Gährung der Knochenkohle massenhaft entwickeln, vermehren sich, dem Bachwasser zugeführt, ganz ungeheuer, so daß die Bäche oft meilenweit damit ausgekleidet sind. Selbst am Tageslicht entwickeln diese Organismen große Mengen Schwefelwasserstoff aus den schwefelhaltigen organischen Stoffen, so daß sich in den Wasserläufen eine dicke schwarze Schicht Schwefeleisen und darüber ein weißer Schwefelüberzug lagert. Fische sterben in solchem Wasser.88) Bekanntlich hat das Directorium des Vereines für die Rübenzucker-Industrie des deutschen Reiches einen Preis von 1000 Thalern für die Lösung der Aufgabe ausgesetzt: „Welches Verfahren ist anzuwenden, um zu verhüten, daß das aus den Rübenzuckerfabriken abfließende Wasser unmittelbar oder in Folge späterer Zersetzung schädlich oder belästigend wirken kann“ (polytechn. Journal Bd. CCIX S. 239). Die Abwässer der Stärkefabriken* verhalten sich ähnlich.

In dem Abwasser einer Spiritusfabrik verbreitete sich massenhaft eine Alge: Leptomitus lacteus, welche gelblichweiße Fäden bildete. Das Wasser entwickelte Schwefelwasserstoff und einen stark fauligen Geruch. Durch Behandlung desselben mit Kalk wurde die Alge vernichtet (polytechn. Journal Bd. CXLVI S. 427).

B. Städtisches Canalwasser.

Wenn auch die Verunreinigung der Flüsse durch Industrieabfälle häufig vorwiegt und den städtischen Schmutz verdeckt, so rührt doch ein großer Theil der Gesammtsumme der unreinen Stoffe aus dem Canalwasser |208| her. Dasselbe besteht aus den Abwässern der Küchen, Waschhäuser, Gewerbe, dem durch Straßenschmutz stark verunreinigten Regenwasser, enthält aber auch bei jedem der bekannten Abfuhrsysteme den größten Theil der flüssigen und bei Waterclosets auch die festen Excremente.

Der große Gehalt der verunreinigten Flüsse an stickstoffhaltigen organischen Stoffen läßt schon voraussehen, daß dieselben im Sommer in faulige Gährung übergehen. So war denn auch im Juli die Oberfläche des etwa 40 Meter breiten Irwellflusses unterhalb Manchester (Analyse 27 und 28) mit einem dichten, kothigen Schaum belegt, es stiegen fortwährend große Blasen auf, die träge platzten und die Luft weithin mit dem Gestank der gasförmigen Fäulnißproducte erfüllten. Die Temperatur des Wassers war 24°, die der Luft dagegen nur 12°. Dem entsprechend ist die Gesammtmenge der organischen Verunreinigungen im Sommer geringer als im Winter, obgleich die Sinne dann weniger von diesen Stoffen belästigt werden.

Es ist mehrfach behauptet worden, daß die organischen Stoffe völlig verschwinden, wenn Canalwasser, mit der 20fachen Menge Flußwasser gemischt, 15 bis 20 Kilometer weit geflossen wäre. Die englische Commission aber hat nach der Untersuchung der Flüsse selbst, sowie durch Experimente im Laboratorium gezeigt, daß die Oxydation der organischen Substanz namentlich bei Temperaturen unter 17°, äußerst langsam vor sich geht, so daß kein Fluß Englands lang genug ist, auf diese Weise die organischen Stoffe unschädlich zu machen. Im Winter werden die Flüsse nur durch Absetzen der suspendirten Stoffe theilweise gereinigt. Der abgesetzte Schlamm enthält oft 30 Proc. stickstoffhaltige organische Substanz, die im Sommer wieder in faulige Gährung übergeht, stinkende Gase entwickelt, die große Massen schwarzen Schmutzes mit sich zur Oberfläche reißen und dadurch den Fluß für Auge und Nase über alle Maaßen unerträglich machen.

Wenn die englische Commission auch nicht bestimmt nachweisen konnte, in wie weit diese Flußverunreinigung die Gesundheit der in der Nähe Wohnenden schädigt, so ist doch unbestritten, daß ein solcher Zustand nicht nur die menschlichen Sinne im höchsten Grade belästigt, sondern auch für die Gewerbtreibenden sehr unangenehm ist, da ein solches Wasser weder zum Waschen und Spülen noch auch zum Speisen der Dampfkessel brauchbar ist. So haben denn auch 30 Fabriken aus den Thälern des Mersey und Ribble den Werth, welchen reines Flußwasser für sie haben würde, auf jährlich 211000 Mark beziffert.

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Die deutschen Flüsse sind zwar durchweg wasserreicher als die englischen, die Anzahl der Fabriken geringer; wenn somit die Gefahr der Flußverunreinigung auch weniger groß ist, so muß doch den Forderungen der englischen Commission im Allgemeinen zugestimmt werden, daß keine Flüssigkeit in die Flußläufe zu lassen ist, welche

  • a. im Liter mehr als 30 Milligrm. suspendirte unorganische oder 10 Milligrm. suspendirte organische Stoffe enthält;
  • b. im Liter mehr als 20 Milligrm. organischen Kohlenstoff oder 3 Milligrm. organischen Stickstoff in Lösung enthält;
  • c. bei Tageslicht eine bestimmte Farbe zeigt, wenn sie in einer Schicht von 30 Millimeter Tiefe in ein Porzellangefäß gebracht wird;
  • d. im Liter mehr als 20 Milligrm. eines Metalles mit Ausschluß von Kalium, Natrium, Calcium und Magnesium in Lösung enthält;
  • e. im Liter, gleichviel ob gelöst oder suspendirt, mehr als 0,5 Milligrm. metallisches Arsen, als solches, oder in irgend einer Verbindung enthält;
  • f. nach ihrer Ansäuerung mit Schwefelsäure im Liter mehr als 10 Milligrm. freies Chlor enthält;
  • g. im Liter mehr als 10 Milligrm. Schwefel in Form von Schwefelwasserstoff oder als lösliches Sulfid enthält;
  • h. im Liter mehr Säure enthält, als 2 Grm. Chlorwasserstoffsäure entsprechend;
  • i. im Liter mehr Alkali enthält, als 1 Grm. Aetznatron entsprechend.

Da jedoch die Abwässer durch Kalkstein, Kreide u. dgl. leicht entsäuert werden können, so empfiehlt es sich, alle sauren Flüssigkeiten von den öffentlichen Wasserläufen auszuschließen.

Nach dem neueren englischen Gesetze ist dem entsprechend Jeder welcher Auswurfstoffe in ein fließendes Gewässer schafft oder ablaufen läßt oder unreine und schädliche Flüssigkeiten aus Fabriken u. dgl. in fließende Gewässer ableitet, zur Entschädigung verpflichtet und muß 100 bis 200 Mark Strafe zahlen, außerdem für jeden Tag, wo die Verunreinigung fortdauert 20 bis 40 Mark. Das Gesetz findet keine Anwendung, wenn der durch die Verunreinigung angerichtete Schaden unerheblich (?) ist, oder auch, wenn der Urheber die anerkannt besten Methoden zur Reinigung anwendet. (Deutsche Bauzeitung 4. 224.)

Mittel zur Abhülfe.

Als Mittel zur Abhülfe dieser Zustände kommen in Betracht:

1. Einrichtungen, welche die Verunreinigung von vornherein vermeiden sollen.

Um die Verunreinigung der Flüsse durch feste Abfallstoffe, namentlich Kohlenreste, Asche, ausgenutzte Farbhölzer, Straßenkehricht u. dgl. zu hindern, genügt ein Gesetz und die ausführende Behörde. – Bei den |210| augenblicklichen Kohlenpreisen dürfte es sich empfehlen, nicht allein den Kohlenstaub, (vergl. polytechn. Journal Bd. CXCV S. 41; Bd. CC S. 358; Bd. CCIV S. 364; Bd. CCX S. 234) sondern auch die Schlackenreste der Haushaltungen und Fabriken, die bei den durchweg noch mangelhaften Feuerungsanlagen und der geringen Sorgfalt, welche auf dieselben verwendet wird, häufig zur Hälfte aus Kohkes bestehen, für Heizungszwecke zu verwerthen (vergl. polytechn. Journal Bd. CLXXXVI S. 75 und S. 441; Bd. CLXXXVII S. 209; Bd. CCIX S. 236).

Von den Vertheidigern der Düngergruben und Abfuhr wird noch immer behauptet daß dadurch die Flüsse vor Verunreinigung mit Auswurfstoffen geschützt würden. Dem ist nicht so. In den menschlichen Excrementen verhält sich der Stickstoff der Fäces zu dem des Harns fast wie 1 : 8. Wenn auch die Verunreinigung durch diese beiden Stoffe nicht ganz als ihrem Gehalt an Stickstoff proportional angesehen werden kann, weil in dem Urin ein Theil desselben als Harnstoff enthalten ist, so ist doch zu berücksichtigen, daß auch die Umsetzung dieses Körpers in Ammoniumcarbonat von der Entwickelung unzähliger Bakterien begleitet ist, die andere organische Stoffe sehr schnell in Fäulniß versetzen (vergl. polytechn. Journal Bd. CCX. S. 121). Die Analysen 31 und 32 zeigen denn auch, daß das Canalwasser aus Städten mit Mistgruben und Abfuhr fast ebenso viel fäulnißfähige organische Stoffe enthält, als dasjenige, welches die Abflüsse der Waterclosets mit aufgenommen hat. Nach den Untersuchungen von Feichtinger 89) und Pettenkofer enthält das Abwasser der Canäle in München, in die keine Excremente eingelassen werden dürfen, sogar noch mehr gelöste organische Stoffe als das Canalwasser von Rugby mit Waterclosets. Das Zurückhalten der festen menschlichen Abfälle von den Canälen hat demnach keine irgendwie beträchtliche Verminderung der fäulnißfähigen Stoffe des Canalwassers zur Folge, man muß somit die Hoffnung aufgeben, durch gesonderte Behandlung der Excremente die Verunreinigung des Wassers zu verringern.

Auch die zuweilen gestellte Forderung, Fabriken und Gewerbe, welche unreines Wasser liefern, aus den Städten zu vertreiben oder doch ihre Abwässer nur dann in die öffentlichen Canäle aufzunehmen, wenn sie gehörig desinficirt sind,90) ist praktisch nicht durchführbar, verspricht auch keinen durchschlagenden Erfolg, da die Spülwässer der Küchen, Wäschereien, Restaurationen, das Regenwasser oft schädlichere Stoffe den Canälen zuführen |211| als Fabriken. Da die Industrieabwässer durch dieselben Operationen gereinigt werden können, als die gewöhnlichen Canalwasser, so ist ihr Einlauf in die öffentlichen Canäle zu gestatten, wenn sie keine freie Säure oder wesentliche Mengen giftiger Metalle enthalten.

2. Methoden zur Reinigung der Canalwässer und flüssigen Fabrikabfälle.

Die Canalwässer, welche also sämmtliche Excremente und flüssigen Abfälle einer Stadt aufgenommen haben, sowie auch die Abwässer einzelner Fabriken können nun gereinigt werden:

a) durch Behandlung mit chemischen Stoffen,

b) durch Filtration,

c) durch Berieselung.

Die werthvollsten Bestandtheile des Canalwassers sind in erster Linie die verschiedenen Verbindungen des Stickstoffes (zugleich auch die gesundheitschädlichsten), und in zweiter die Phosphorsäure. Der Geldwerth für die Menge dieser Substanzen, welche in 100 Kubikmeter Canalwasser von durchschnittlicher Zusammensetzung gelöst sind, beträgt etwa 15 Mark, während die darin suspendirten Stoffe nur 2 Mark werth sind. Die Gewinnung der suspendirten Stoffe durch einfache Filtration ist daher nicht lohnend, das Canalwasser wird dadurch nur ungenügend gereinigt. Es ist demnach die Hauptaufgabe der chemischen Behandlung, auch die löslichen Bestandtheile niederzuschlagen und in einen transportfähigen Dünger zu verwandeln. Die wichtigsten dieser Methoden sind folgende:

Behandlung mit Kalk. Das Canalwasser wird mit einer bestimmten Menge Kalkmilch vermischt und in große Klärbassins geleitet. Es setzt sich ein stark fäulnißfähiger Schlamm ab, welcher durch ein Paternosterwerk in Gruben befördert wird, dort theils durch Verdunstung theils durch Einsickerung in den Boden langsam trocknet. Das Verfahren ist in großem Maaßstabe bei Tottenham zur Gewinnung von Dünger (Tottenham Sewage-Guano), Blackburn und Leicester (Leicester bricks) angewendet.91) Wie die Analysen 33–36, S. 277, zeigen, vermindert Kalk zwar den Gehalt an löslichen Stoffen, der organische Stickstoff wird aber nicht zur Hälfte entfernt. Der in Leicester erhaltene Niederschlag enthielt nur 18,86 Proc. Kohlenstoff, 0,85 Proc. Gesammtstickstoff, 0,15 Proc. Phosphorsäure. Der Düngerwerth von 100 Kilogrm. entspricht demnach etwa 1,5 Mark, in Wirklichkeit wird aber kaum 0,1 Mark bezahlt. Das Verfahren ist also durchaus mangelhaft.

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Scott (englisches Patent 26. Aug. 1871) versetzt die Abwässer mit Kalk, glüht den Niederschlag, und fällt mit denselben neue Kloakenmassen, um den erhaltenen Dünger reicher an Phosphorsäure zu machen. (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 5. 395.) Fulda (englisches Patent 13. Februar 1872; daselbst 998) wendet ein Gemisch von 112 Theilen Kalk und 1 Theil Glaubersalz an. Smith (englisches Patent 7. Nov. 1871; daselbst 592) fällt mit Kalk, Lehm u.s.w., kühlt nach dem Absetzen des Niederschlages die erhaltenen Wässer mit flüssiger Kohlensäure (!) damit die durch chemische Mittel nicht fällbaren Stoffe in eine niedrigere Schicht sinken (?), worauf die oberflächliche Schicht abfließt. Cole, Coldfield und Abbot (englisches Patent 4. Novbr. 1871; daselbst 593) erwärmen dagegen durch heiße Luft.

Kalk- und Eisenlösung. Zu Nordhampton wird das Canalwasser von 40000 Personen mit Kalkmilch, dann mit Eisenchlorürchlorid versetzt und nach dem Absetzen durch eine Schicht Eisenerz filtrirt. Das Wasser fließt zwar klar ab, enthält aber, wie Analyse 41 zeigt, noch so viel organische Stoffe, daß es in kurzer Zeit wieder in Fäulniß übergeht. Das fernere Einführen dieses Abwassers in den Nenfluß ist daher verboten (polytechn. Journal Bd. CXCVII S. 373.) – Hofmann empfiehlt Eisenchlorid (daselbst 156. 50). – Houzeau 92) versetzt Wasser, welches namentlich die Fette und Seifen der Wäschereien aufgenommen hat, mit Kalkmilch und Eisenvitriol. Der Schlamm soll als Düngemittel oder mit Steinkohlenpulver zusammen als Brennmaterial Verwendung finden. – Burrow behandelt die Canalwässer mit Eisenvitriol und Gyps (englisches Patent 7. Oct. 1871; Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 5. 488.) Diese Reinigungen werden ebenso wenig genügen als die Behandlung mit Kalk.

Proceß Holden. Das Canalwasser von Bradford wird theilweise, unter der Leitung von Holden, mit Eisenvitriol, Kalk, Kohlenstaub versetzt und durch eine Reihe von Klärbassins fließen gelassen. Analysen 42 und 43 zeigen, daß die Menge der gelösten stickstoffhaltigen Bestandtheile sogar noch vermehrt ist, da ein Theil der suspendirten Stoffe in Lösung geht. Der lufttrockene Niederschlag enthält nur 0,5 Proc. Stickstoff und 0,3 Proc. Phosphorsäure, ist daher fast werthlos.

Süvern's Desinfectionsmittel:93) 100 Theile Kalk werden mit 300 Theilen Wasser gelöscht, mit 8 Th. Theer, 30 Th. Chlormagnesium und soviel Wasser gemischt, daß das Ganze 1000 Theile beträgt.

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Mit diesem Gemisch sind in Berlin im Laufe von 18 Tagen fast 10000 Kubikmet. Canalwasser desinficirt. Nach dem Bericht der Commission94) ging die Mischung mit dem Canalwasser leicht vor sich, die Niederschläge setzten sich rasch ab, das abfließende Wasser war fast frei von Organismen. Nach längerem Stehen entwickelten sich aber zahlreiche neue Organismen; die Fäulniß wird also nur verzögert, nicht verhindert. 1 Liter des abfließenden Wassers enthält noch 2,8–6,6 Milligrm. organischen Stickstoff. Der trockene Niederschlag enthält nach Liebreich 21,1–36,2 Proc. organische Stoffe, 0,7–1 Proc. Stickstoff und 1,2–1,5 Proc. Phosphorsäure. Nach den Versuchen von Grouven 95) wird zwar die gesammte Phosphorsäure aber nur 38,7–41,7 Proc. Stickstoff gefällt. Der Düngerwerth von 100 Kilogrm. Niederschlag ist nach Werner = 0,9 Mark, nach Röder in den meisten Fällen = 0. – Der aus dem Abwasser der Zuckerfabriken niedergeschlagene Schlamm enthält nach Stohmann nur 0,09–0,16 Proc. Stickstoff. – Für größere Verhältnisse ist das Verfahren also durchaus unbrauchbar.

Hille (englisches Patent 2. Dec. 1870) wendet ein Gemisch von 200 Kalk, 250 Wasser und 15 Gastheer an,96) offenbar mit keinen besseren Erfolgen.

Manning versetzt das städtische Canalwasser mit thierischer Kohle, Alaun, Soda und Gyps. (Polytechn. Journal Bd. CXXXIV S. 158.)

Der A-B-C-Proceß (Alum Blood and Charcoal). Die Patentträger Sillar und Wigner 97) versetzen das Canalwasser mit einer aus folgenden Bestandtheilen zusammengesetzten Mischung: Alaun, Blut, Thon, Magnesia, mangansaures Kalium, gebrannter Thon, Thierkohle, Dolomit in wechselnden Verhältnissen; später werden auch Elektricität und Magnetismus (!) zu Hülfe genommen. Analysen 35, 37–39 zeigen, daß zwar die suspendirten Stoffe entfernt werden, der Gesammtgehalt an löslichen Substanzen aber vermehrt, der Stickstoff nur wenig vermindert ist. Der in Leicester gewonnene Dünger enthält 25 Proc. Kohlenstoff, 0,5 Proc. Phosphorsäure und 1,9 Proc. Gesammtstickstoff. 100 Kilogrm. sind etwa 3,3 Mark werth; die Fabricationskosten werden also nicht gedeckt. Da außerdem die zum Sammeln und Trocknen des Düngers erforderlichen Operationen von widerlichem Geruch begleitet sind, so ist auch dieses Verfahren durchaus ungenügend.

|214|

Aluminiumsulfat. Zu Stroud in Gloucestershire werden 100 Kubikmet. Canalwasser mit etwa 40 Kilogrm. Thon, der einige Tage mit 7 Kilogrm. Schwefelsäure behandelt ist (also rohes schwefelsaures Aluminium) versetzt und nach dem Klären durch Cokes filtrirt. Das abfließende Wasser ist, wie Analysen 44 und 45 zeigen, sehr unvollkommen gereinigt, geht deßhalb auch schon nach wenig Tagen in Fäulniß über.

Auch in Asnières bei Paris ist durch Dumas eine größere Versuchsanstalt zur Reinigung des Cloakenwassers mit eisenhaltigem Aluminiumsulfat eingerichtet. Nach Grouven 98) wird zwar sämmtliche Phosphorsäure aber nur 30–33 Proc. Stickstoff gefällt. – Durand Claye 99) will Schleusenwasser ebenfalls mit schwefelsaurer Thonerde fällen.

Auch die Berliner Commission100) hat mit dem Lenk'schen Desinfectionsmittel101) – ebenfalls rohes Aluminiumsulfat – durchaus ungenügende Resultate erhalten. Die in dem Canalwasser enthaltenen Organismen werden nicht getödtet, ja nach längerem Stehen ist das Wasser belebter als vor der Behandlung. 1 Liter Abflußwasser enthielt noch 78,4 Milligrm. Stickstoff in Form von Ammoniak und 6,7 Milligrm. organischen Stickstoff. Der Ertrag eines mit dem Schlamm gedüngten Ackers in Proskau blieb noch hinter dem von ungedüngtem zurück. Das Verfahren ist also ebenfalls unbrauchbar.

Phosphate. Forbes und Price 102) versetzen Schleusenwasser mit der sauren Lösung eines, namentlich auf der Insel Alto Vela in großer Menge vorkommenden, Aluminiumphosphates und dann mit Kalkmilch. Auf 1500 Kubikmet. Wasser ist etwa eine Tonne Phosphat zu nehmen. – Tessie du Motay 103) will das Ammoniak der Pariser Schleusenwässer durch Zusatz löslicher Phosphate und Magnesiumverbindungen als phosphorsaures Ammon-Magnesium fällen. Bei Gegenwart von Harnstoff wird zuckersaures Baryum oder Calcium zugesetzt; es soll sich cyansaures und cyanharnstoffsaures Baryum und Calcium bilden und rasch in Ammoniumsalze umsetzen. Das Kalium wird durch Kieselfluorammonium, die organischen Stoffe durch das gebildete Chloraluminium niedergeschlagen.

|215|

Blanchard, Bang und Provost (englisches Patent vom 6. Febr. 1872) fällen mit Magnesiumphosphat; ähnlich Scott (englisches Patent vom 20. März 1872; Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 5. 943; 6. 272). – Sloper (englisches Patent vom 14. Juni 1870 und 6. Febr. 1871) läßt die Cloakenflüssigkeit erst gähren, damit die stickstoffhaltigen Substanzen in kohlensaures Ammonium übergeführt werden und fällt dann mit löslichen Magnesiumsalzen und phosphorsauren Alkalien. Später haben Sloper und Washer diese durchaus verwerfliche faulige Gährung durch Zusatz von Alkali zu vermeiden gesucht.104)Prange und Witthread (englisches Patent vom 6. Febr. 1872) wenden saures Calciumphosphat und Magnesiumsalze an; ähnlich Campbell (englisches Patent vom 30. März 1872; Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 5. 942; 6. 458).

Lupton versetzt mit Kohle, wenig phosphorsaurem Calcium und filtrirt (englisches Patent vom 15. Aug. 1871; Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 5. 540).

Nach Brobrownicki (englisches Patent vom 2. Mai 1872) werden diese Wässer angesäuert und dann mit einer Lösung von Fluorsilicium, Chlorsilicium oder einem alkalischen Silicate vermengt. Der entstehende Niederschlag, Silicoid genannt, wird dann weiter auf Ammoniak verarbeitet. (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 6. 977.)

Wanklyn will aus den Cloakenwässern das Ammoniak durch Destillation gewinnen (englisches Patent 19. Dec. 1871; Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 5. 736).

Auch diese patentirten Fällungsmethoden sind offenbar nicht im Stande die stickstoffhaltigen Substanzen zu beseitigen und somit die Abwässer hinreichend zu reinigen.

Filtration. Bei der Filtration wird die Flüssigkeit entweder von unten nach oben durch das Filtermaterial hindurch gepreßt: aufsteigende Filtration, oder aber sie fließt von oben nach unten: absteigende Filtration.

Kirkmann (englisches Patent vom 6. Oct. 1870) behandelt die Flüssigkeit mit Kohlensäure um die übeln Gerüche zu entfernen, filtrirt durch ein Bett von Ziegelstücken an das alles (?) Ammoniak und die alze abgegeben werden und läßt das Filtrat in Behälter fließen in denen Zink und Kupferplatten aufgestellt sind. Die Angabe, daß der durch diese Platten hervorgerufene Strom die letzten Spuren der organischen |216| Stoffe zerstört, so daß das abfließende Wasser zu jeder häuslichen Verwendung geeignet sey, darf wohl bezweifelt werden. – Plasse (englisches Patent vom 26. Oct. 1871) wendet in ähnlicher Weise elektrische Ströme an; der erhaltene Dünger wird unter dem Namen Taffo-Guano in den Handel gebracht. (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 4. 533; 5. 543.)

Banks und Walker (englisches Patent vom 22. Sept. 1871) behandeln die abfiltrirte Flüssigkeit mit Luft und lassen sie dann in die Flüsse. (Daselbst 5. 442.)

Millbrun und Browning trocknen den abfiltrirten Schlamm in Retorten unter fortwährendem Umrühren (englisches Patent vom 11. Oct. 1871; Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 5. 489).

Backett und Cam 105) dampfen die abfiltrirte Flüssigkeit in geschlossenen Räumen ein, Murray 106) läßt dagegen nur absetzen und verwendet den Bodensatz; ähnlich Blackburn, und Margueritte läßt die Abwässer durch Centrifugalapparate gehen. (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 6. 78 und 1271.)

Auch diese Vorschläge sind ungenügend und für die Unternehmer voraussichtlich sehr wenig vortheilhaft.

Die zahlreichen Versuche der englischen Commission haben ergeben, daß die aufsteigende Filtration durch Sand nicht im Stande ist das Canalwasser von den organischen Stoffen soweit zu befreien, daß es ohne Bedenken in die Flußläufe eingelassen werden dürfte.

Aufsteigende Filtration von Londoner Canalwasser durch eine 4,57 Meter hohe Sandschicht, pro 1 Kubikmeter und 24 Stunden 21,5 L.


1 Liter enthielt in
Milligrm.

Organischen
Kohlenstoff

Organischen
Stickstoff

Ammoniak
Stickstoff in
Form von
Nitraten und
Nitriten
Vor der Filtration 43,8 24,8 55,6 0
Nach derselben 11. Oct. 37,4 11,5 31,7 17,9
„ „ 19. „ 31,6 8,6 40,8 2,4
„ „ 25. „ 29,1 9,6 37,5 2,7
„ „ 1. Nov. 43,6 20,2 52,8 0
„ „ 8. „ 36,0 21,8 60,4 0

Um eine wirksame Reinigung des Canalwassers durch Filtration zu erreichen, ist es nothwendig, daß der Sauerstoff der Luft in das Innere der Filter gelangen kann, was bei der aufsteigenden Filtration ganz |217| ausgeschlossen ist. Es kann dieses aber dadurch erreicht werden, daß man das Canalwasser auf zwei Filter vertheilt und sie in einem Turnus von 6 oder 12 Stunden benutzt; in der Zwischenzeit kann dann die Luft ungehindert zutreten. Diese absteigende intermittirende Filtration durch Sand reinigt das Canalwasser in befriedigender Weise, wenn innerhalb 24 Stunden nicht mehr als 33 Liter für 1 Kubikmet. Filtermaterial angewendet wird. Die organischen Stoffe werden unter diesen Bedingungen in Wasser, Kohlensäure und Salpetersäure übergeführt:

Absteigende intermittirende Filtration von Londoner Canalwasser durch eine 4,57 Met. hohe Sandschicht, pro 1 Kubikmeter und 24 Stunden 33,3 L.

1 Liter enthielt in
Milligrm.
Organischen
Kohlenstoff
Organischen
Stickstoff
Ammoniak Stickstoff in
Form von Nitraten und
Nitriten
Vor der Filtration 43,9 24,8 55,6 0
Nach derselben, 22. Febr. 8,3 1,1 0,2 36,2
„ „ 1. März 7,1 0,8 0,1 47,3
„ „ 8. „ 6,6 1,4 0,1 34,3

Einige Bodenarten verhalten sich wie Sand, andere haben dagegen ein bedeutendes Absorptionsvermögen für organische Stoffe, ohne daß sie eine wesentliche Oxydation derselben zulassen. Torf reinigt weniger gut als Sand.

Zur Reinigung des Canalwassers einer mit Waterclosets versehenen Stadt von 10000 Einwohnern würden etwa 2 Hektaren Land genügen. Der Boden muß in 2 Met. Tiefe gut drainirt, die Oberfläche geebnet und in 4 gleiche Abschnitte getheilt werden, von denen einer nach dem anderen das Canalwasser 6 Stunden aufnimmt. – Der allgemeinen Anwendung dieses Verfahrens stehen aber die Bedenken gegenüber, daß der gesammte Düngerwerth verloren geht und daß eine solche Fläche, da sie keine Vegetation zu tragen im Stande ist, vielleicht Miasmen erzeugen kann.

Alle diese Einwände fallen bei der Reinigung des Canalwassers durch die Berieselung fort. Zur Reinigung und Ausnutzung des Canalwassers von 1000 Personen sind etwa 4 Hektaren erforderlich. Im Allgemeinen nimmt man in England eine tägliche Stauhöhe von 3 Millimet. an, oder jährlich etwas über 1 Met., in Deutschland wird wegen der geringeren Regenhöhe mehr Canalwasser anzuwenden seyn.

Das älteste Berieselungssystem107) durch tief liegende eiserne Röhren |218| und Vertheilung des Canalwassers durch Schläuche oder Spritzen ist wieder verlassen, dagegen haben sich die folgenden Methoden bewährt.

Der Hangbau oder das Auffang-System (catchworks-system) ist für sehr bergiges und hügeliges Land geeignet, dessen Gefälle zwischen 1 : 20 und 1 : 4 wechselt, während 1 : 12 als das beste Verhältniß bezeichnet wird. Man zieht in horizontalen Linien und Abständen von etwa 15 Met. Gräben um die Höhen. Das Wasser fließt aus den höchsten Vertheilungsgräben A Fig. 1 über die Ränder derselben auf das Land in die nächsten Rinnen B, von hier in die folgenden C, bis es aus den letzten D und E meist völlig gereinigt abfließt.

Fig. 1., Bd. 211, S. 218

Das Furchensystem (pane and gutter-system), eine Nachbildung der Bewässerungen in Oberitalien, eignet sich namentlich für Rieselfelder mit geringem Gefälle. Man legt in der Richtung nach dem Abzugsgraben hin die Hauptgräben A Fig. 2 in der Richtung des größten Gefälles, mehr oder weniger senkrecht zu den Hauptgräben, kleinere Rinnen. Das Canalwasser fließt von dem Hauptgraben A in die Vertheilungsrinnen, wird durch Staubretchen gezwungen, sich rechts und links über das vollkommen geebnete Land zu ergießen und durch den Sammelgraben B abgeführt.

Fig. 2., Bd. 211, S. 218

Das Beetsystem (bed-system, ridge and furrow). Das Land wird in eine Reihe von Rücken und Furchen bearbeitet, indem man die Erde der seitlichen Abhänge gegen den Scheitel des Rückens bringt, was fast völlig mit dem Pfluge ausgeführt werden kann. Aus der Hauptrinne A, Fig. 3 fließt das Canalwasser zum Sammelgraben B. Das Gefälle wechselt von 1 : 20 (Lodge-Farm) bis 1 : 120.

Fig. 3, Bd. 211, S. 218

Auf der Rieselfarm bei Aldershott wendet man bei Hackfrüchten, |219| namentlich Rüben, auch die Furchenbewässerung (Fig. 4) an. Es ist hierbei Grundsatz, daß das Wasser die Pflanzen nicht berühren darf.

Fig. 4., Bd. 211, S. 219

Die Reinigung des Canalwassers ist weniger gut, als die durch die anderen Systeme.

Von den bisherigen Erfolgen der Berieselung mögen erwähnt werden:

Das Gesundheitsamt in Rugby, einer Stadt von mehr als 8000 Einwohnern, hat 26 Hektaren eines etwas sandigen Bodens auf thonigem Untergrund zu jährlich 225 Mark für die Hektare gepachtet. Es werden täglich 900 Kubikmeter Canalwasser also pro Jahr und Hektare etwa 12000 Kubikmeter angewendet. Eine Fläche hiervon ist zu jährlich 500 Mark pro Hektare wieder verpachtet. Die Analysen 46 und 47 zeigen, daß das Wasser hinreichend gereinigt wird.

Warwick, eine Stadt von 11000 Einwohnern in 2400 Häusern, von denen sich 2000 den Canälen angeschlossen haben, leitet täglich etwa 2700 Kubikmeter Canalwasser auf 40,5 Hektaren eines tiefgründigen, graugelben Thonbodens, also pro Jahr und Hektar 25000 Kubikmeter. Der Boden ist so dicht, daß das Wasser nicht eindringt, sondern nur langsam über die Grasflächen hinfließt. Die Analysen 48 und 49 zeigen, daß trotz dieses ungünstigen Umstandes die großen Wassermassen hinreichend gereinigt werden.

In Norwood wird das Canalwasser von 4000 Personen auf etwa 12 Hektaren eines tiefliegenden Thonbodens geleitet. Die Rieselwiesen geben jährlich 5–6 Schnitt italienisches Raygras; Lehfeld theilt mit, daß auch bis zu 13,5 Kilogrm. schwere Runkelrüben gezogen werden. Die erzielte Einnahme betrug 1869 für die Hektare 1250 Mark, während vor der Berieselung dieselbe Fläche zu 45 Mark verpachtet war. Der Werth des Canalwassers pro Kopf und Jahr ergibt sich darnach zu 3,8 Mark. Analysen 50 und 51 zeigen, daß das Abwasser ohne Gefahr in die Flüsse geleitet werden kann.

In Penrith wird das Canalwasser von 8000 Personen auf 32 Hektaren eines drainirten sandigen Lehmbodens geleitet. Eine sehr große Zahl Hornvieh und Schafe weidet das üppig wachsende Gras ab. Vergleiche Analyse 52, 53.

|220|

Auf der Aldershot-Farm wird das Wasser von 7000 Erwachsenen, täglich etwa 700 Kubikmeter, auf 33 Hektaren eines sterilen Sandbodens (95 Proc. Quarz, 3 Proc. Eisenoxyd, 2 Proc. Organisch) geleitet. Die eine Hälfte ist mit italienischem Raygras, die andere mit Runkelrüben, Kohl, Sellerie und anderen Gemüsen bestellt. Das in den Boden gedrungene Wasser wird durch tiefliegende Drainröhren abgeleitet (Analyse 54, 55). Einzelne Theile des Rieselfeldes sind an benachbarte Landwirthe zu 1000 Mark pro Hektare verpachtet. Das Gras liefert jährlich 4–5 Schnitt von je 200–250 Kilogrm. pro Ar. Die Abwässer entsprechen somit einem Werth von etwa 3,5 Mark pro Kopf und Jahr.

Bei Croydon auf den Beddington-Wiefen haben 100 Hektaren eines Kiesbodens seit 8 Jahren das Canalwasser von 30–40000 Personen, d.h. täglich etwa 20000 Kubikmeter aufgenommen. Es werden jährlich 5 Schnitte von je 20–25000 Kilogrm. Raygras pro Hektare erhalten. Auch Weizen, Runkelrüben sind mit gutem Erfolge angebaut und Brunnenkresse hat sich als ganz besonders wirksam zur Reinigung und Ausnutzung des Canalwassers erwiesen. Analysen 56 und 57 zeigen, daß dasselbe von dem porösen Boden selbst im Winter hinreichend gereinigt wird. Der durchschnittliche Jahresertrag ist nach Latham pro Hektare 1500–2000 Mark.

Die Berieselungsversuche bei Berlin108) haben ergeben, daß auch in Norddeutschland der unfruchtbarste Sandboden mit Canalwasser überraschend gute Erträge an Gras und Gemüse liefert. So betrug die Einnahme pro Hektare für Gras 776 Mark, Kopfsalat 483 Mark, Sellerie 2700 Mark, Gurken 2790 Mark, Endivien-Salat 2975 Mark. Die Gemüse sind wegen ihres raschen Wachsthums ungemein zart und wohlschmeckend.

Auch die Rieselerträge von Danzig, welche in Frankfurt auf der Versammlung des deutschen Vereines für öffentliche Gesundheitspflege am 16. September d. J. ausgestellt waren, übertrafen jede Erwartung.

Mit dem Grase der Rieselwiesen sind von der Thierarzneischule zu Berlin mit Kühen Fütterungsversuche angestellt. Darnach ist das Grünfutter der Rieselfelder nicht bloß verwerthbar und ohne nachtheilige Folgen, es ist auch ein gutes und nahrhaftes Futter für Milchkühe. Die von Cobbold 109) und Anderen aufgestellte Behauptung, daß durch die Berieselung Eingeweidewürmer auf Menschen und Thiere übertragen werden, hat sich nirgends bestätigt. (Polytechn. Journ. Bd. CCIII S. 160).

|221|

Die Gegner der Berieselung behaupten noch immer, daß die Rieselwiesen Miasmen110) erzeugen und so den in der Nähe Wohnenden gefährlich werden können. Die englische Commission hat in Edinburgh, Croydon, Norwood und Barking Erhebungen gemacht über den Einfluß der Berieselung mit Canalwasser auf die Gesundheit, hat aber nirgends eine Schädlichkeit bemerken können. 1866 herrschte in einigen Theilen des nördlichen Londons die Cholera. Das Canalwasser dieser Stadttheile wurde beständig auf die Rieselfelder der Lodge-Farm bei Barking geleitet, es kam aber kein Cholerafall auf der Farm oder in ihrer Nähe vor. Als Beweis, wie wenig das abfließende Rieselwasser seinen Ursprung verräth, wird angegeben, daß dasselbe sehr häufig getrunken wird. In der That ist es auch weit reiner, als die Mehrzahl der städtischen Brunnenwässer. In Norwood führt durch die Rieselfelder ein öffentlicher Fußweg, welchen häufig Hunderte von Personen zur Erholung und zum Vergnügen, besonders an Sonntagen, benutzen. Dieselben sind nicht selten überascht gewesen, wenn sie hörten, daß sie ihre Spaziergänge durch die Canalwasserberieselungsfarm gemacht hätten. Auch an dem Ausfluß der von den Ingenieuren Gordon und Lindley in vorzüglicher Weise ausgeführten Canäle Frankfurts konnte bei der Versammlung des deutschen Vereines für öffentliche Gesundheitspflege vom 16. September d. J. kein unangenehmer Geruch wahrgenommen werden, der auch nur entfernt an den Gestank der gewöhnlichen städtischen Straßengossen erinnert hätte.

Zusammenstellung der Versuche über die Reinigung von Canalwasser.


Es wurden entfernt Procent

Von den löslichen Stoffen
organischen
Von den
suspendirten
organischen
Stoffen
Kohlenstoff Stickstoff
Chemische Processe:
Durch Kalk, im Durchschnitt 27,7 43,7 80,6
„ Kalk- u. Eisenchlorid, Durchsch. 50,1 37,1 99,8
ABC-Proceß „ 32,1 54,3 92,0
„ Aluminiumsulfat „ 3,8 48,0 79,0
„ Proceß Holden, „ 28,3 0 100
Filtration: aufsteigende 26,3 43,7 100
„ „ absteigende
intermittirende, Durchsch.
72,8 87,6 100
Berieselung:
Rugby, zäher Boden, „ 72,3 92,9 96,0
Warwick, dichter Thonboden „ 71,7 89,6 100
Norwood, Thonboden „ 65,0 75,1 100
Penrith, leichter Lehmboden „ 75,0 77,2 100
Aldershott, leichter Sandboden „ 80,9 85,1 93,7
Croydon, Kiesboden „ 67,4 91,8 100
|222|

Eine Vergleichung dieser Resultate zeigt, daß die suspendirten organischen Stoffe durch sämmtliche der besprochenen Reinigungsverfahren entfernt, daß aber die gelösten organischen Stoffe durch die bis jetzt bekannten chemischen Processe noch nicht zur Hälfte gefällt werden. Auch die aufsteigende Filtration ist durchaus ungenügend, die absteigende intermittirende Filtration und die Berieselung (vergl. polytechn. Journal Bd. CCX. S. 141) dagegen reinigen das Canalwasser in sehr befriedigender Weise. Hierbei kommt noch ganz besonders in Betracht, daß durch die Berieselung, obgleich offenbar noch verbesserungsfähig, schon jetzt über 90 Proc, der düngenden Bestandtheile sämmtlicher städtischen Abfallstoffe für die Landwirthschaft gewonnen werden, während auch die besten Abfuhrsysteme nur 10 bis 20 Proc. derselben dem Acker zuführen.

Demnach ist die Fortschaffung der fäulnißfähigen städtischen Abfallstoffe, mit Einschluß sämmtlicher menschlicher Excremente und der Industrieabwässer, durch die öffentlichen Canäle und Reinigung dieses Canalwassers durch die Berieselung, für die städtische Bevölkerung – bei gehöriger Rücksicht auf die Forderungen der öffentlichen Gesundheitspflege – das billigste, bequemste und zugleich für die landwirthschaftliche Ausnutzung entschieden das beste Verfahren.

Es wird so viel über die Erschöpfung der Felder, über die Verschwendung der Millionen von Kilogrammen Düngstoffe durch die Canalisation der Städte geredet. Wäre es nicht eher gerechtfertigt über den Zustand der Landwirthschaft Betrachtungen anzustellen, daß sie es noch immer nicht versteht diese werthvollen Stoffe auszunutzen, obgleich die Versuche in England, Berlin und Danzig hinreichend gezeigt haben, daß selbst die sterilsten Sandflächen durch Canalwässer in kurzer Zeit in fruchtbares Gartenland verwandelt werden können.

Wie schon hervorgehoben, ist auch der Untergrund Hannovers stark inficirt, die Abtrittsgruben befinden sich durchweg in einem schauderhaften Zustande,111) Straßengossen, Canäle und Schwindgruben überliefern dem Boden jährlich mehr als 50 Millionen Kilogramm in Zersetzung begriffener menschlicher und thierischer Abfälle, vergiften Brunnen112) und Luft und geben den geeigneten Boden für Schwindsucht, für Typhus und andere zymotische Krankheiten. Gar mancher würde sich schaudernd |223| abwenden, wenn er bedächte, daß sein tägliches Trinkwasser selbst 10 Proc. mehr oder weniger zersetzten Harn aufgenommen hat, ja daß es vielleicht nichts weiter ist, als filtrirtes Canalwasser, daß die Luft in seiner Wohnung mit Fäulnißproducten der bedenklichsten Art geschwängert ist.

Die Anlage einer Wasserleitung ist für Hannover, wie es jetzt wohl allgemein anerkannt wird, ein dringendes Bedürfniß; ebenso nothwendig ist aber auch, daß der Boden – wie es in Danzig und Frankfurt mit so überraschendem Erfolge ausgeführt ist – gleichzeitig durch tiefliegende Canäle entwässert und vor weiterer Verunreinigung geschützt wird. Selbstverständlich sind die Schwind- und Abtrittsgruben zu verbieten, den Einwohnern ist nur die Wahl zwischen Kübel und Watercloset zu lassen; die Entscheidung wird dann nicht schwer fallen. – Die Meckeln-Haide würde ohne Frage ein vorzügliches Berieselungsfeld geben.

Es wird gewiß entgegnet, daß die Kosten für eine derartige gleichzeitige Anlage unerschwinglich seyen. Dem ist nicht so.

In Cardiff ist durch Einführung der Wasserversorgung und Canalisation die Sterblichkeit von 33,2 auf 22,6, in Newport von 31,8 auf 21,6 pro mille heruntergegangen. – Pettenkofer berechnet, daß, wenn für München durch Canalisation und Wasserversorgung auch nur eine Verminderung der Sterblichkeit von 3 pro mille erreicht würde, in dieser Stadt jährlich 510 Menschen weniger sterben. Nach langjährigen Erfahrungen in den Krankenhäusern muß man auf jeden Todesfall wenigstens 34 Krankheitsfälle von je 20tägiger Dauer rechnen. Es darf angenommen werden, daß sich mit den Todesfällen auch in gleichem Maaße die Krankheitsfälle verringern, daß also dem Minus von 510 Todesfällen im Jahre ein Minus von 17340 Krankheitsfällen oder 346800 Verpflegungstagen entspricht. Wird ein Verpflegungstag mit allen seinen Verlusten im Durchschnitt nur zu einem Gulden gerechnet, so würde die Stadt jährlich 346,800 Gulden, oder mit 5 Proc. capitalisirt, 6,936,000 Gulden ersparen. Also etwa 13 Millionen Mark dürfte die Canalisirung und Wasserversorgung von München mit 170000 Einwohnern kosten und das darauf verwendete Capital würde sich noch immer gut verzinsen.113)

Bei dieser Berechnung sind noch nicht berücksichtigt die Beerdigungskosten, die Wittwen- und Waisenversorgung, der Verlust an Arbeitskraft, das namenlose Elend, welches so mancher Familie erspart werden könnte!

|224| |225|

Analysen.

In 1 Liter sind enthalten Milligramme:

Textabbildung Bd. 211, S. 224–225
|226| |227|

Analysen.

In 1 Liter sind enthalten Milligramme:

Textabbildung Bd. 211, S. 226–227

Vergl. Mittheilungen des Gewerbevereins für Hannover, 1873 S. 257.

|200|

Vergl. Frankland, polytechn. Journal Bd. CLXXXVII S. 225.

|200|

Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheit 3. 278 und 4. 409.

First report of the Comissioners appointed in 1868 to inquire into the best means of preventing the pollution of rivers Vol. I. Report and plans London 1870. – Vol. II. Evidence. – Second report. The ABC process of treating Sewage. London 1870.

Reinigung und Entwässerung Berlins. Anhang I. und II. (Berlin, Hirschwald) 5,7 Mk.

|202|

Polytechn. Journal Bd. CLXXV S. 404.

|202|

Polytechn. Journal Bd. CLXXXVIII S. 192, Bd. CCVIII S. 57 und 77, Bd. CCX S. 270.

|202|

Polytechn. Journal Bd. CLXXXVI S. 333; Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 5. 651.

|202|

Polytechn. Journal Bd. CCIII S. 74; Bd. CCV S. 440; Bd. CCVI S. 198 und 462; Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 4 891; 5. 593; 6. 1138, 1323 und 1475.

|202|

Vergl. polytechn. Journal Bd. CCI S. 415; Bd. CCVII S. 141.

|203|

Polytechn. Journal Bd. CXCIX S. 292.

|203|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 4. 856; polytechn. Journal Bd. CCIII S. 77.

|203|

Polyt. Centralblatt 1871. 50, 576 u. 965; polytechn. Journal Bd. CXXXIX S. 238; Bd. CXL. S. 104; Bd. CXCIX S. 272 und Bd. CC S. 407; deutsche Industriezeitung 1871. 388; 1872. 426; Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 3. 40, 5. 228 und 589.

|203|

Polytechn. Journal Bd. CLXXXIV S. 457; Bd. CLXXXV S. 382; Bd. CXCI S. 373: Bd. CCIII S. 473.

|203|

Polytechn. Journal Bd. CXCI S. 304 und 464.

|203|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 5. 340; polytechn. Journal Bd. CCV S. 74.

|203|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 5. 397.

|203|

Vergl. ferner polytechn. Journal Bd. CLXXX S. 48; Bd. CXCII S. 60, 133, 234 und 308; Bd. CXCIII S. 42; Bd. CCV S. 229.

|203|

Polytechn. Journal Bd. CCII S. 75.

|204|

Chemisches Centralblatt für 1871. 182; polytechn. Journal Bd. CXCIX S. 243.

|204|

Vergl. polytechn. Journal Bd. CLXXXVIII S. 341; Bd. CLVII S. 158; Bd. CC S. 315.

|204|

Polytechn. Journal Bd. CXCVI S. 172; Bd. CCX S. 191.

|204|

Polytechn. Journal Bd. CCX S. 133.

|204|

Polytechn. Journal Bd. CXXXV S. 393.

|204|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 5. 488.

|204|

Polytechn. Journal Bd. CLVIII S. 160; Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 5. 542 und 742.

|205|

Hannoversches Wochenblatt für Handel und Gewerbe, 1873 S. 145, 155 und 173; vergleiche auch polytechn. Journal Bd. CLIII S. 215; Bd. CCVI S. 333; Bd. CCVIII S. 465.

|206|

Polytechn. Journal Bd. LXV S. 146.

|206|

Polytechn. Journal Bd. CIII. S. 62; Bd. CVI S. 159.

|206|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 4. 622.

|206|

Polytechn. Journal Bd. CXIX S. 390; Bd. CCX S. 79.

|206|

Polytechn. Journal Bd. CCIX. 282.

|206|

Polytechn. Journal Bd. CLXXXIV S. 503; Bd. CCVI S. 469; Bd. CCVIII 350 und 386; Bd. CCIX S. 156.

|207|

Vierteljahresschrift für öffentliche Gesundheit Bd. 2. 1.

|207|

Polytechn. Notizblatt 22. 175.

|207|

Polytechn. Journal. Bd. LXVIII S. 406; Bd. CLXXXII S. 325.

|210|

Pettenkofer, das Canal- oder Sielsystem in München (München 1869.)

|210|

Lehfeld, der gegenwärtige Stand der Abfuhr- und Canalisationsfrage, S. 57.

|212|

Polytechn. Centralblatt 1870 S. 224.

|212|

Polytechn. Journal Bd. CXCVII S. 83; Bd. CLXXXVII S. 438.

|213|

Reinigung und Entwässerung Berlins. Heft III und IV. (Berlin, Hirschwald.)

|213|

Hamm, Agronomische Ztg. 23. Nr. 34.

|213|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 4. 811; 5. 1065.

|213|

Vergl. die Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 4 813; 5. 485.

|214|

Hamm, Agronomische Ztg. 23, Nr. 34.

|214|

Deutsche Industriezeitung 1869, 486.

|214|

Reinigung und Entwässerung Berlins, Heft III, IV und VI; polytechn. Centralblatt 1869. 416.

|214|

Polytechn. Journal Bd. CXCI S. 87.

|214|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 4. 839; Civilingen. 1872, 314; Deutsche Industriezeitung 1870, 462.

|214|

Deutsche Industriezeitung 1870. 225; Monit. scientif. 1870. 491.

|215|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft 4. 133 und 856.

|216|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 5. 339.

|216|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 6. 1426.

|217|

Vergl. Fegebeutel, Canalbewässerung (Danzig, Kafemann.) 3 Mark.

|220|

Reinigung und Entwässerung Berlins, Heft IV, VII, VIII, IX, und X. (Berlin, Hirschwald).

|220|

Polytechn. Journal Bd. CCIX S. 156.

|221|

Deutsche Bauzeitung. 4. 281.

|222|

Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure. 16. 789; Mittheilungen des Gewerbevereines für Hannover, 1873, 231.

|222|

Das Trinkwasser, seine Beschaffenheit, Untersuchung und Reinigung, unter Berücksichtigung der Brunnenwässer Hannovers; von Ferd. Fischer (Hannover, Hahn). 1873.

|223|

Pettenkofer, Werth der Gesundheit für eine Stadt (Braunschweig, Vieweg). 1,2 Mark.

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