Titel: Das Neueste über Eier-Brüt-Apparate.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1874, Band 211/Miszelle 18 (S. 78–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj211/mi211mi01_18

Das Neueste über Eier-Brüt-Apparate.

Bekanntlich haben es schon vor mehreren Tausend Jahren die Aegypter verstanden, Geflügel Eier, insbesondere die der Hühner, durch geeignete Anwendung künstlicher Wärme, ohne irgend welche Mitwirkung der die Eier legenden Thiere, auszubrüten.15) Zuverlässigen Nachrichten zufolge scheint es auch, als habe sich dieses künstliche Ausbrüten von Eiern bis auf die neueste Zeit, in seiner primitivsten Form, in den Fellah-Dörfern Aegyptens erhalten.16)

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In gleicher Weise sollen auch die Chinesen die Kunst des künstlichen Ausbrütens seit den ältesten Zeiten geübt und wohl verstanden haben.17)

In Europa scheint man das künstliche Eierbrüten erst spät mit einigem Erfolg versucht zu haben, indem u.a. von dem bekannten Reaumur (am Ende des vorigen Jahrhunderts) berichtet wird, daß ihm das künstliche Brüten gelungen sey und er der Pariser Akademie der Wissenschaften bewiesen habe, man könne (recht angefangen) ebenso gut wie in Aegypten, auch in Frankreich Eier künstlich ausbrüten.18)

Später hat man diese Kunst auch in England19) und wahrscheinlich zuletzt in Deutschland ausgeübt. In der Provinz Hannover dürfte das Verdienst, mit Erfolg eine Eier-Brüt-Anstalt errichtet zu haben, Hrn. Kaufmann Dyes in Hannover (Papenstieg 4) gebühren, indem dieser Herr bereits 1850 unweit des „Neuen Hauses“ (Seelhorststraße 6) mittelst eines sehr zweckmäßigen Apparates durchschnittlich per Tag 1 Schock (60 Stück) Eier, und zwar von Hühnern, Tauben, Fasanen etc., kurz von allerlei Geflügel, ausbrütete. Behauptet wurde damals, daß Hr. Dyes mittelst seines Apparates 50 Procent mehr Hühnchen auszubrüten vermöchte, als die alten Hühner, weil sich die kleine Brut bei letzteren zu oft erkältete, so wie auch, daß die jungen Thierchen verhältnißmäßig größer und kräftiger würden, als beim natürlichen Ausbrüten.

Hrn. Dyes' Apparat war eben so einfach wie zweckmäßig. Zwischen zwei großen Tischen, wovon man die Platte eines jeden in vier horizontale, rectanguläre Fächer getheilt (je vier Brutkästen gebildet) hatte, befand sich ein kleiner Wasserkessel, der auf gewöhnliche Weise geheizt wurde. Das Wasser dieses Kessels war durch Röhren mit reinem Wasser der Brutkästen in Communication gesetzt, so daß eine vollständige Circulation des Wassers eintreten konnte. Die auszubrütenden Eier wurden in den 8 Kästen beider Tische in Reihen horizontal neben einander gelegt und als Unterlage für dieselben durchsichtige Gaze, Pferdehaare, überhaupt Material benutzt, das der atmosphärischen Luft den Durchgang gestattete.

Jeder dieser Brutkästen wurde durch eine durchsichtige, gehörig dicht eingekittete Glastafel gedeckt und über letztere das durchschnittlich bis 34 Grad R. erwärmte Wasser geführt, so daß ein Blick von oben (bei ganz reinem Wasser) zu dem falschen Schlusse führen konnte, die sämmtlichen Eier, theilweise oder ganz ausgekrochene Brut, wären unter Wasser gesetzt und letztere dem Ertrinken preisgegeben.

Unter dem Boden der Eiertische hatte die atmosphärische Luft völlig freien Zutritt, ein Umstand, den Hr. Dyes als eine nicht unwichtige Sache bezeichnete.

Trotz alledem war Hr. Dyes nicht im Stande, aus dem gelungenen Brutprocesse ein angenehmes, rentables Geschäft zu machen, woran zwei Dinge wesentlich Schuld hatten. Erstens wollte das Publicum die ausgekrochenen Hühnchen zu Spottpreisen kaufen, weil die große Menge der gewonnenen Thierchen hierzu eine Berechtigung zu bieten schien. Zweitens aber, und dieß war der Hauptgrund, weil es nicht durchgeführt werden konnte, zu jeder Tageszeit und ohne irgend welche Unterbrechung, eine völlig constante Temperatur des Wassers zu erhalten, welches von oben aus den Eiern die erforderliche Wärme zuführen mußte.

Hr. Dyes gab seine Anstalt auf und seit dieser Zeit scheint in der Provinz Hannover das künstliche Eierbrüten Niemand wieder versucht zu haben.

Nichtsdestoweniger ist die Sache von nicht geringer Wichtigkeit, gibt Stoff zu einem gewerblichen und, recht angefangen, zu einem rentablen Unternehmen, da das künstliche Ausbrüten der Eier des Federviehes, besonders aber der Hühner, immerhin auch in volkswirthschaftlicher Beziehung insofern von Wichtigkeit ist, als man dadurch die Production sowohl der Eier als des Federviehes beträchtlich vergrößert20) und wohlfeiler macht; diese Producte aber nicht bloß ein vortreffliches Nahrungsmittel |80| für den Menschen bilden, sondern auch die Eier zu vielen Fabricationszwecken dringend gebraucht werden.

Recht erfreulich und beachtenswerth sind daher die Mittheilungen der „Industrieblätter“ und hieraus der „Annalen der Landwirthschaft in den preußischen Staaten“ (vom 17. Decbr. 1873, S. 839) unter der Ueberschrift: „Eine selbstthätige Brütmaschine“ (?) von Dr. Hermann und Dr. Leonard Landois, Professoren in Münster und Greifswald. Bei diesem Apparate geschieht die Erwärmung des das Eiergefäß umspielenden Brutwassers durch Leuchtgasflammen und die Regulirung der letzteren durch eine elektromagnetische Construction die man allerdings auch mit dem Namen „Maschine“ bezeichnen kann.

Die erste wichtige Sache dieses Apparates bildet ein aräometerartig geformtes birnenförmiges Gefäß (oder eine Flasche mit langem Halse), welche, senkrecht in das Brütwasser gehangen, etwa bis zur Hälfte des Halses mit Quecksilber gefüllt ist. Bis unmittelbar dicht zum normalen Quecksilberspiegel reicht von oben durch die Flaschenmündung ein dünner Platindraht nieder, ohne das Quecksilber zu berühren, so lange die Brütwassertemperatur die erforderliche constante Größe behält. Es ist nun einleuchtend, daß wenn die Temperatur zu hoch wird, also das Quecksilber steigt, eine Metallleitung zwischen Quecksilber und Platin hergestellt seyn wird.

Eine derartige Berührung benutzt man nun, um eine elektrische Kette zu schließen. Beim Schlusse der Kette wird dann stets von den Enden eines Elektromagneten ein Anker niedergezogen und unter Einschaltung eines geeigneten Hebels schließlich auf den Hahn in der Röhre der Gasleitung gewirkt, bis die Flamme klein genug geworden ist, um die Temperatur des Brütwassers wieder fallen zu machen und auf den Normalstand (von einigen dreißig Grad R.) zurückzuführen, welcher Hauptbedingung eines erfolgreichen Processes ist.

Indem wir hinsichtlich des elektromagnetischen Apparates (und Zubehör) auf unsere Quellen verweisen, entnehmen wir letzteren noch den Kostenanschlag dieser sogenannten Eierbrütmaschine, jedoch bedauernd, daß dabei nicht gesagt wird, für welches Quantum Eier der Apparat berechnet ist.

Es beträgt der Preis

1) eines Brutkastens (von Kranz in Berlin) 20 Thlr.
2) Hebel- und Gasleitungsvorrichtung (welche
Frauenstein in Greifswald anfertigt)
15
3) vier Meidinger'sche Elemente 10
––––––
Summe 45

(Hannoversches Wochenblatt für Handel und Gewerbe, 1873, Nr. 52.)

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Wilkinson's Manners and Fashions of the Ancient Egyptians, Vol. I. S. 134.

A. de Frariére „Ueber künstliches Ausbrüten der Eier“; polytechn. Journal, 1855, Bd. CXXXV S. 222.

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Eyth, „Hühnerbrütanstalten in Aegypten“; polytechn. Journal, 1865, Bd. CLXXVIII S. 462. – Eyth (ein deutscher Ingenieur) berichtet, daß man von 6000 Eiern im günstigsten Falle etwa 4000 ausbrütet.

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H. Stephens The Book of the Farm,“ Vol. I. §. 2950. London 1855.

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Frarière a. a. O., S. 223, und Stephens a. a. O., §. 2944.

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Stephens a. a. O. §. 2947. Hier werden in England auf den Kopf jährlich 46 1/2 Hühner gerechnet und die erforderliche Gesammtzahl über 1000 Millionen angenommen.

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Es wird behauptet, daß jedes Huhn etwa fünfmal soviel Eier pro Jahr legt, als dasselbe auszubrüten im Stande ist.

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