Titel: Gintl, über Appreturmittel und Harzproducte etc.
Autor: Gintl, Wilhelm F.
Fundstelle: 1874, Band 214, Nr. LVII. (S. 221–233)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj214/ar214057

LVII. Appreturmittel und Harzproducte auf der Wiener Weltausstellung 1873; von Prof. Dr. W. F. Gintl in Prag.1)

A. Stärkefabrikation und Verwerthung der Nebenproducte derselben.

Als in dem Organismus der Pflanze fertig gebildetes Product des Vegetationsprocesses kann die Stärke nur insoferne als ein Product der chemischen Industrie angesehen werden, als ihre Abscheidung und Gewinnung aus Pflanzentheilen unter Umständen auf die Mitwirkung chemischer Proceduren basirt ist, und man sich doch bei der Herstellung |222| derselben in handelsgerechter Form des Chemismus nicht ganz entschlagen kann. Für die fabriksmäßige Gewinnung der Stärke, deren Vorkommen im Pflanzenreiche ein sehr allgemeines ist, kommen, wiewohl viele namentlich tropische Pflanzen einen sehr erheblichen Stärkemehl-Reichthum aufzuweisen haben, gegenwärtig nur wenige in Betracht. Vornehmlich sind es die Knollen der Kartoffel, dann die Weizen-, Reis- und Maisfrucht, weiters aber auch die Wurzel von Maranta arundinacea (Pfeilwurz), dann die Knollen der Batate, von Jatropha Manihot, sowie von Helianthus tuberosus, das Mark der verschiedenen Sagusarten, endlich die Früchte der Eiche und der Roßkastanie, welche in größeren Massen zur Stärkegewinnung herangezogen werden. Für technische Zwecke haben indeß blos die Stärkemehle aus Kartoffeln, dann aus Weizen, Mais und Reis, sowie die Bataten und Maniocstärke, denen sich etwa noch die aus Eicheln und Castanien gewonnene Stärke anreiht, Bedeutung, während alle anderen Stärkemehl-Sorten fast ausschließlich als Nahrungsmittel Verwendung finden, oder doch nur ausnahmsweise technischen Zwecken dienen.

In den Gewinnungsmethoden der technisch wichtigen Stärkesorten hat sich seit der Pariser Ausstellung 1867 nur wenig geändert. Zumal ist die Methode der Kartoffelstärke-Gewinnung, die auch heute noch vornehmlich in Deutschland und Oesterreich geübt wird, die alte geblieben, und nur sehr langsam finden die Fortschritte, welche die jüngsten Jahre auf dem Gebiete der Maschinentechnik gesehen haben, in diesem Zweige der landwirthschaftlichen Industrie allgemeinen Eingang. So finden wir noch manche Kartoffelstärke-Fabriken, zumal Oesterreichs, in welchen die alte, nach dem Thierry'schen Principe construirte Reibe neben Rüttelsieben oder wohl gar Handsieben in Verwendung steht, und nur einzelne Fabrikanten haben den alten Schlendrian verlassen und durch Einführung rationeller Vorrichtungen gewiß nur sich selbst den besten Dienst geleistet.

Bei den entschiedenen Vorzügen, welche die neueren besonders durch Fesca 2) eingeführten Maschinen für Stärkefabrikation bieten, ist die verhältnißmäßig geringe Verbreitung derselben schwer begreiflich, und wohl nur theilweise durch den Umstand erklärlich, daß für die so glimpflich besteuerte Stärkeindustrie der Sporn fehlt, welcher zur Erhöhung des Ertrages durch Vervollkommnung des Betriebes aufmuntern würde, und daß insbesondere durch die verhältnißmäßig so schwere Belastung der Branntweinindustrie eine solche Fülle von Rohmaterial der Stärkefabrikation zur Verfügung bleibt, daß der weniger streng calculirende Fabrikant |223| keinen directen Anlaß findet, an eine vollkommenere Ausbeutung seines Rohmateriales zu denken. Indeß sollte das Auskommen des Fabrikanten hier nicht allein maßgebend sein, und es möchte namentlich nicht vergessen werden, daß gewisse Fortschritte im Betriebe nicht nur die Ausbeute erhöhen helfen, sondern, wie das namentlich von der Benützung guter Extractionsmaschinen und etwa der Anwendung von Centrifugen – unter ihnen besonders der Fesca'schen Raffinirungscentrifuge – gilt, neben der gewiß nicht nebensächlichen Ersparniß an Zeit und Arbeitskraft, sowie endlich an Räumlichkeiten auch eine nicht zu läugnende Verbesserung des Productes in seiner Qualität erreichen lassen, die schon in Hinsicht auf die Erhöhung der Concurrenzfähigkeit des Erzeugnisses nicht unterschätzt werden sollte. In rationell eingerichteten Kartoffelstärke-Fabriken ist gegenwärtig fast allgemein das mechanische Verfahren, unter Anwendung von Waschmaschinen, Reiben und Bürstmaschinen (meist Fesca'scher Construction)3) in Uebung und hie und da, zumal in größeren Betriebsstätten, haben mit gutem Erfolge auch die Centrifugen Eingang gefunden. Die von der Pariser Ausstellung her bekannte Kartoffelreibe von Champonnois scheint trotz der Vortheile, die sie wenigstens der Thierry'schen Reibe gegenüber bietet, sich wenigstens in Deutschland und Oesterreich nicht eingebürgert zu haben. Das Völkner'sche Verrottungsverfahren ist nur vereinzelt in Anwendung und wird mit Vortheil wohl nur für die Ausbeutung des Stärkerückhaltes der Pulpa dort verwendet, wo man für diese als Futtermittel keine genügende Verwendung hat.

Auf dem Gebiete der Fabrikation von Weizenstärke, welche neben der Kartoffelstärke in Deutschland, Oesterreich und Frankreich eine hervorragende Rolle spielt4), hat in den letzten Jahren das ältere Säuerungsverfahren ziemlich allgemein dem rationelleren Martin'schen Verfahren5) Platz gemacht, und nur sehr vereinzelt, fast nur in kleineren Betriebsstätten, trifft man die auch in sanitärer Hinsicht nicht ganz vorwurfsfreie Gährungsmethode noch an. In der Praxis des Martin'schen Verfahrens selbst hat sich nichts Nennenswerthes geändert, und ließe sich in Bezug auf die in Anwendung stehenden mechanischen Vorrichtungen kaum ein nennenswerther Fortschritt bezeichnen, ausgenommen etwa die auch hie und da mit Vortheil eingeführte Centrifugirung des zu raffinirenden |224| und endlich zur Trocknung vorzubereitenden Productes. Hand in Hand mit der Verallgemeinerung des Martin'schen Verfahrens geht die rationelle Verwerthung des als Nebenproduct fallenden Klebers, und fast alle größeren Weizenstärke-Fabriken haben es vorgezogen, diesen früher wenig geschätzten Abfall der Weizenstärke-Fabrikation in eine Form zu bringen, in welcher er nicht nur für den allgemeinen Handelsverkehr geeignet, sondern auch besser verwerthbar ist, als dies vordem der Fall war.

Neben der Weizenstärke haben in der jüngsten Zeit auch die Reis- und ferner die Maisstärke eine besondere Bedeutung erlangt. Erstere, schon zur Zeit der Pariser Ausstellung namentlich in England in bedeutender Ausdehnung erzeugt, hat sich seither auch auf dem Continente eingebürgert und wird namentlich in Belgien, dann aber auch in Deutschland, Frankreich und Oesterreich, sowie in Italien in größerem Maßstabe erzeugt. Für die Gewinnung derselben bildet der Bruchreis ein vortrefflich geeignetes Rohmaterial, und die Schwierigkeiten, welche der fabrikmäßigen Erzeugung derselben anfänglich im Wege standen, scheinen durch die ziemlich allgemein gewordene Anwendung des Macerationsverfahrens mit Alkalien ziemlich beseitigt. Namentlich für die Zwecke der Appretur ist Reisstärke vortrefflich geeignet und ist in dieser Hinsicht, wie schon Fesca nachgewiesen hat6), trotz des höheren Preises7) der Weizenstärke entschieden vorzuziehen. Besonders für die Appretur feinerer Waaren hat sie vor der Weizenstärke den Vorzug geringerer Klebrigkeit und überdies insbesondere das voraus, daß sie, weil fast ausschließlich mittels eines Schlemmprocesses gewonnen, frei von Sand und anderen Verunreinigungen ist, die selbst in hochfeinen Weizenstärke-Sorten nicht immer fehlen.

In gleichem Maße wie die Reisstärke beginnt auch die Maisstärke unseren heimischen Stärkesorten immer mehr Concurrenz zu machen, und ist die Maisstärke-Fabrikation, die vor wenig Jahren fast nur in Nordamerika und Brasilien, wo sie sich vor etwa 30 Jahren eingebürgert und dort seither die Fabrikation von anderen Stärkesorten völlig verdrängt hat, dann aber auch in Australien heimisch war, neuestens auch am Continente in Aufnahme gekommen, obwohl sie da noch lange nicht jene Bedeutung gewonnen hat, welche sie für gewisse maisbauende Länder, namentlich für Ungarn, haben könnte.

|225|

Bei dem Umstande, daß, wie J. Wiesner 8) durch seine bemerkenswerten Untersuchungen nachgewiesen hat, der Maisstärke ein größeres Steifungsvermögen zukommt als der Weizenstärke, ist sie für Appreturzwecke besonders schätzenswerth, und wäre es gewiß der Erwägung werth, ob unsere maisproducirenden Länder ihr Bodenerträgniß durch die Verwerthung der Maisfrucht für Stärkefabrikation nicht wesentlich zu erhöhen vermöchten. –

An die Besprechung der Stärke schließt sich naturgemäß jene der Verwerthung der Nebenproducte der Stärkefabrikation an. Es ist eigentlich blos der bei der Darstellung der Stärke aus Körnerfrüchten abfallende Kleber, welcher uns unter diesen interessirt, da die Schlamm- und Schabestärke für die Herstellung geringerer Qualitäten von Leiogomme sehr gut verwendbar ist, und also als Nebenproduct eigentlich nicht mehr in Frage kommt.9) Wie bereits oben erwähnt, wird es mit der Einführung des Martin'schen Verfahrens für die Production der Getreidenamentlich der Weizenstärke möglich, den Kleber in einer weit brauchbareren Form zu gewinnen, als das bei irgend einem Gährungsverfahren thunlich ist. So hat man sich denn auch ziemlich allgemein gewöhnt, den Kleber in Blättern oder Scheiben getrocknet in einer des allgemeinen Verkehres fähigen Form in den Handel zu bringen, und beschränkt sich nicht mehr auf den nur localen Absatz desselben als Klebemittel für Lederarbeiter, welches neben der Verfütterung oder gar der Anwendung zu Dungzwecken früher die fast allein übliche Verwendung dieses Nebenproductes der Stärke-Industrie war. In solcher Gestalt, in welcher er nicht mehr das eckelhafte, vor jedem Versuche einer anderen Verwendung abschreckende Wesen der Schusterpappe hat, findet er auch mehr und mehr in anderen Industriezweigen Anwendung. So ist namentlich für die Zeugdruckerei der Kleber unter dem Namen Lucin schon längst als in manchen Fällen anwendbares Surrogat für Albumin empfohlen worden und hat erst in jüngerer Zeit in Thom und Rosenstiel, sowie in G. Schäffer warme Fürsprecher gefunden. Wenigstens für geringere Waaren wird sich hier für ihn gewiß Verwendung finden lassen. Als Nahrungsmittel für Menschen, als welches ihn Lichtenstein, dann die |226| Gebrüder Veron und endlich Grünsberg in Gestalt von mit Mehlzusatz hergestelltem Klebergries, Klebergraupen und Klebermehl einzuführen sich Mühe gaben, hat er noch nicht viel Anklang gefunden, wiewohl er seines relativ hohen Stickstoffgehaltes wegen entschieden einen bedeutenden Nährwerth repräsentirt.

Das Publicum hat sich eben noch nicht gewöhnt, dem theoretischen Werthe seiner Nahrungsmittel eine besondere Beachtung zu schenken und findet in der ungewohnten Form oder der Fremdartigkeit der Eigenschaften nur allzu leicht Anstoß, sich an ein Nahrungsmittel zu gewöhnen, selbst wenn der Nahrungseffect desselben noch so sehr zu dessen Gunsten spricht. So wird sich denn wohl die Verwendung des Klebers als Nahrungsmittel auch noch ferner auf die Mitbenützung desselben für die Fabrikation von Macaroni und Suppenspeisen beschränken, in welcher er bekanntlich seit Langem ein ganz brauchbares Surrogat für die kostspielige Eisubstanz abgibt und sich in dieser Verkleidung selbst in die Küchen unserer Gourmands eingeschlichen hat. Wenn sich also für die Verallgemeinerung des Klebers als Nahrungsmittel schwer Propaganda machen läßt, so könnte dieser dem Leim theilweise verwandte Körper wenigstens in der Industrie immerhin noch manche Verwendung finden, und wäre namentlich die Frage seiner Verwendbarkeit für die Zwecke der Papierindustrie (Animalisiren) immerhin einer Erwägung werth.

B. Albuminfabrikation und Verwerthung der Nebenproducte derselben.

Die umfassenden Fortschritte und Neuerungen, welche sich auf dem Gebiete der Zeugdruckerei in den letzten zwanzig Jahren ergeben haben, gaben den Impuls zur Entwickelung jener Industrie, welche sich die Aufgabe setzt, den für die Zwecke der bestimmten Gewerbe erforderlichen Bedarf an Eiweißstoffen in einer Form darzustellen, welche die Einführung und den Versandt dieser so wichtig gewordenen Hilfsstoffe als eigentlichen Handelsartikel möglich macht, und so nicht nur die Unabhängigkeit des Consumenten von dem Maße der Ergiebigkeit localer Quellen für die Deckung des jeweiligen Bedarfes herbeigeführt, sondern auch all die Unannehmlichkeiten beseitigt hat, denen der Consument größerer Massen von solchen thierischen Eiweißkörpern, bei der leichten Zersetzbarkeit derselben im frischen Zustande, stets ausgesetzt war. Die Albuminfabrikation ist demnach ein verhältnißmäßig sehr junger Industriezweig, der, wenn wir nicht irren, ursprünglich in Frankreich aufgenommen, alsbald weitere Verbreitung gefunden hat und heute in fast allen civilisirten Ländern in ziemlichem Umfange betrieben wird.

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Das Rohmaterial für die Albuminfabrikation bilden einerseits Eier (vornehmlich Hühnereier), andererseits der frische Blutabfall der Schlächtereien, und zwar wird diesfalls das Hauptcontingent von dem Rinderblute gebildet, während Schweineblut, Hammel- und Lammblut in wie begreiflich geringerem Maße zur Verwendung kommen.

In Bezug auf die Heranziehung des Blutabfalles der Schlächtereien zur Albuminfabrikation bedeutet dieser Industriezweig in einem gewissen Sinne auch eine Abfallverwertung, deren Werth nicht unterschätzt werden möchte, wenn man bedenkt, welche Massen von Thierblut, die andernfalls unbenützt verloren gegeben würden, auf diesem Wege einer rationellen Verwendung zugeführt werden – abgesehen davon, daß durch die Einführung einer sorgfältigen Aufsammlung des Blutes ein sanitärer Vortheil erreicht wird, der darin begründet ist, daß durch die Sammlung und Verarbeitung des Blutes auf Albumin die sanitären Uebelstände, welche der Betrieb größerer Schlachthäuser unläugbar im Gefolge hat, entschieden verringert erscheinen. Die Fabrikationsmethode, welche ja bekanntlich nur darauf ausgeht, das von dem Eigelb sorgsam gesonderte Weiß der Eier nach erfolgter Klärung zur Trocknung zu bringen, oder, wo es die Erzeugung von Blutalbumin gilt, die Gewinnung eines möglichst klaren und schwach gefärbten Serums bezweckt, das im Weiteren gleich dem Eieralbumin zur Trockenheit gebracht wird, ist heute allenthalben noch dieselbe, wie sie bereits im Jahre 1865 von Hirzel beschrieben wurde, und hat die von Kuhnheim in Anregung gebrachte Methode der Serumgewinnung durch Schlagen des Blutes und Centrifugiren der coagulirten Massen unseres Wissens nirgends Eingang gefunden, ebensowenig wie sein Vorschlag, die Trocknung durch Verdampfen im Vacuum zu beschleunigen, sich in der Praxis eingebürgert hat.

Ueberall gewinnt man ein für bessere Sorten Blutalbumin brauchbares Serum durch freiwilliges Abträufelnlassen des durch ungestörte Coagulation des Blutes erhaltenen Blutkuchens, der behufs möglichster Ausbeutung meist geschnitten wird. Es hat die Erfahrung gelehrt, daß alle Mittel, welche bisher angewendet wurden, die Serumsausbeuten durch Kunstgriffe, wie Pressen, Abnutschen oder gar Centrifugiren des Blutkuchens, zu erhöhen, ein für Prima- oder selbst Secunda-Albumin völlig unbrauchbares Serum liefern, da die Menge des sich dem Serum beimengenden Blutfarbstoffes auf solchem Wege wesentlich gesteigert wird. Das Trocknen des Eiweißes oder des Serums geschieht, wie dies wohl ursprünglich der Fall war, auch heute noch auf Tellern, Tassen u. dergl., welche in Trockenräumen, deren Temperatur gut regulirt werden kann und die selbstverständlich gut ventilirbar sind, aufgestellt werden, und es |228| bestehen wohl nur in Hinsicht auf das Material dieser Tassen, deren Herstellung aus Porzellan (obwohl dies das beste Material wäre) selbstverständlich für den Großbetrieb viel zu kostspielig wäre, gewisse Verschiedenheiten, die nicht selten auch in der Qualität des erzielten Albumins zum Ausdrucke kommen.

Es fehlt auch heute noch an jedweder brauchbaren Methode, um aus einem stärker gefärbten Serum ein blasses Albumin zu gewinnen, ebenso wie bisher ein dem Eieralbumin im Ansehen völlig gleichkommendes Blutalbumin in größerem Maßstabe noch nicht dargestellt zu werden vermochte.

Auch die von Köchlin bereits vor Jahren besprochene Methode des Bleichens von Albumin durch Peitschen mit Terpentinöl (etwa 1/4 Procent), obwohl diese für schwach gefärbte Serumsorten immerhin mit gutem Resultate verwendet werden kann, ist bei stärker farbigem Rohmateriale ziemlich erfolglos – abgesehen davon, daß sie nicht ohne Nachtheil für die Qualität des erzeugten Productes ist. Daß dieser Vorwurf selbstverständlich in noch höherem Maße von der Anwendung von Säuren (Schwefel-Essigsäure) und anderen zum Zwecke des Bleichens (Herstellung von Patentalbumin) vorgeschlagenen und nicht selten auch verwendeten Mitteln gilt, ist klar; denn es wird trotz der Neutralisation mit Ammon, die natürlich bei Verwendung von Säuren nicht unterlassen werden darf, die Gegenwart eines fremdartigen Salzes im Albumin nicht für alle Fälle der Verwendung desselben gleichgiltig sein.

Die Praxis hat sich daher der Verwendung von reinem Eieralbumin, namentlich für die Zwecke des Kattundruckes, sowie auch für die Herstellung photographischer Papiere und Platten, nicht entschlagen können, und wird dieser Artikel in immer noch ganz kolossalen Massen fabricirt, wiewohl sein Preis selbstverständlich ein nicht nur bedeutend höherer als jener des Blutalbumins ist, sondern auch einem stetigen, nicht selten bedeutenden Schwanken unterworfen ist. So kostete der Centner Eieralbumin im J. 1860 und 1861 500 fl. ö. W., der Centner Blutalbumin im selben Jahre 250 fl.; kurz nach Beginn des amerikanischen Krieges fielen in Folge der für die Kattunindustrie hereingebrochenen Krise die Preise auf 200 fl. für Eieralbumin und circa 90 fl. für Blutalbumin, um im J. 1868 und 1869 wieder die enorme Höhe von 900 fl. für Eieralbumin und 450 fl. für Blutalbumin zu erreichen. Als Mittelpreise lassen sich für Eieralbumin 400 fl. und für Prima-Blutalbumin 200 fl. ö. W. per Centner ansetzen.

Der Verbrauch an Blutalbumin, das bei gleicher Tauglichkeit zum Zwecke der Farbenfixirung nur in Hinsicht auf seine Färbung mit zarteren |229| Farben unverträglich ist, erweist sich geringer als jener des Eieralbumins, und namentlich wird für dunkle Nüancen Blutalbumin selbst in Secunda-Qualität noch mit ganz vorzüglichem Erfolge verwendet. Die Verwendung der Tertia-Qualität des Blutalbumins beschränkt sich im Allgemeinen auf jene für Zwecke der Zuckerraffinerie, und nur vereinzelt pflegt eine bessere Tertiawaare noch für den Druck von Schwarzfarben verwendet zu werden.

Daß sich bei dem hohen Mittelpreise des Albumins, der selbst das Blutalbumin immerhin noch als ein ziemlich kostspieliges Material erscheinen läßt, allenthalben Bemühungen geltend machten, das Albumin wenigstens in der Kattundruckerei durch andere billigere Mittel von gleicher Wirkungsweise zu ersetzen, ist leicht einzusehen; doch hat trotz des hohen Preises, den die Société industrielle zu Mülhausen auf die Beischaffung eines solchen Ersatzes ausgesetzt hat, sich bisher kein wirkliches Substitut des Albumins gefunden, und alle diesfalls vorgeschlagenen Mittel haben sich nur mehr oder weniger einseitig bewährt. Am meisten hatte dem Albumin noch das bereits im J. 1854 von Grüne empfohlene Caseïn, wenigstens für den Ultramarindruck, Concurrenz gemacht, wiewohl es jenem gegenüber den entschiedenen Nachtheil hat, trübe Farben zu geben.

Man hat dasselbe bekanntlich in alkalischen Lösungen angewendet und der Trübung der damit fixirten Farben durch Zusatz von Oel abzuhelfen gesucht. Das für solche Zwecke in den Handel gebrachte trockene Caseïn (Lactarin oder Lactrin) einfach durch Trocknen von gut ausgewaschenem Topfen (Quark) gewonnen, sowie ein mit einem Alkalizusatz bereitetes Lactarinextract hat lange Jahre hindurch einen bedeutenden Handelsartikel gebildet, der indeß gegenwärtig nur sehr wenig gesucht ist. Es scheint, daß auch das schon 1850 von Wagner empfohlene Magnesiumcaseïnat, selbst in der durch Schlumberger 1871 verbesserten Form der Anwendung mit Baritwasser10), sich nicht allgemein eingebürgert hat, wiewohl dieses letztere Verfahren unstreitig ein sehr rationelles genannt werden darf. Vornehmlich dürfte die nur bedingt mögliche Verwendung der Caseïnfixage für Anilinfarben die Schuld daran tragen, daß bei dem gegenwärtigen Herrschen der Anilincouleurs dieses Fixirungsmittel nur beschränkte Anwendung findet.

Noch weit weniger Verwendung haben die diversen Albuminsurrogate aus Kleber gefunden, und wenn es sich auch nicht läugnen läßt, daß dem bereits 1855 von Martin für den Kattundruck empfohlenen |230| Kleber ein gewisses Fixirungsvermögen zukommt, so ist doch die bindende Kraft dieses Körpers dem Albumin gegenüber eine relativ nur geringe, und dürfte derselbe wenigstens für feinere Waaren wohl nie besonders in Betracht kommen. Ebenso sind auch die durch verschiedene Proceduren aus dem Kleber gewonnenen Albuminsurrogate, wie der von Messager und Perdrix im J. 1860 empfohlene Kleberleim, dann der im selben Jahre von Hanon in Vorschlag gebrachte Eiweißleim (gefaulter Kleber), sowie das schon früher von Scheurer-Rott anempfohlene Albuminsurrogat (Kleber, durch Einwirkung schwacher Säuren verändert), nur ephemere Erscheinungen geblieben, von denen sich keine recht Bahn gebrochen hat, oder doch wie das beispielsweise von dem bereits früher erwähnten Lucin gesagt werden kann, nur für die Fabrikation geringerer Waaren Anwendung gefunden haben.

Die seinerzeit von der Société industrielle in etwas vorschneller Weise belohnte, mit großen Erwartungen begrüßte Idee, welche G. Leuchs 11) bezüglich der Verwendbarkeit des an den nordischen Fischschlächtereien so massenhaft resultirenden Fischrogens für die Gewinnung eines dem Albumin völlig gleichkommenden Proteïnates faßte, ist bisher Idee geblieben12), und scheint Dollfus Recht gehabt zu haben, wenn er derselben eine besondere Bedeutung absprach. Tatsächlich hat das Fischalbumin, das wiederholt versuchsweise zu Markte gebracht wurde, bisher dem Eier- oder Blutalbumin gar keine Concurrenz gemacht. Es schließt dies indeß die Möglichkeit keineswegs aus, daß durch ein geeigneteres Verfahren sich die Mängel des bisher aus Fischrogen erzielten Productes beseitigen lassen und dieses Material denn doch zu Ehren gebracht werden könnte. Wenigstens dürften heute noch nicht alle Hoffnungen in dieser Hinsicht aufzugeben sein.

Eine besonders wichtige Frage bildet für den Albuminfabrikanten die Verwerthung der Nebenproducte seiner Industrie. Es sind dies bei der Fabrikation des Eieralbumins die Eidotter, bei jener des Blutalbumins die vom Serum befreiten Blutkuchen. Wie groß die Wichtigkeit der Lösung dieser Frage ist, erhellt, wenn man erwägt, daß für die Erzeugung von 1 Pfund Eieralbumin durchschnittlich 180 bis 200 Stück Eier verwendet werden müssen, daß somit eine gleich große Anzahl von Eidottern resultiren, die bei irgend größerem Fabriksbetriebe nicht leicht preiswürdig an Mann gebracht werden könnten, wenn, wie |231| es bei der leichten Zersetzbarkeit der Substanz des Eigelbs Erforderniß ist, der Vertrieb dieses Nebenproductes rasch von Statten gehen muß.

Die erste Verwendung, welche das bei der Albuminfabrikation abfallende Eigelb gefunden hat, war jene, welche Sacc in Wesserling (Elsaß) (der, wenn ich nicht irre, überhaupt der Erste war, welcher mit der Fabrikation von trockenem Albumin sich befaßte) einführte, indem er dasselbe auf eine ziemlich weiche Seife, Eierseife, verarbeiten ließ. Eine derartige Verwerthung konnte aber offenbar auf die Dauer nicht rentiren, und so versuchte man zunächst das Eigelb durch passende Zusätze auf längere Zeit zu conserviren. Solcher Conservirungsmethoden sind ziemlich viele, mit mehr oder weniger Erfolg, in Anwendung gekommen. Von den bekannten Mitteln, welche diesfalls angewendet werden, sind die ältesten das 1856 von Mosselmann vorgeschlagene Versetzen mit neutralem Natriumsulfit (etwa 5 Procent) oder ein Zusatz von Chlornatrium (bis 12 Procent), während das neuestens von Jakobsen zu gleichem Zwecke für Albumin empfohlene Chloralhydrat sich ebenfalls für Eigelb verwenden läßt. Weniger empfehlenswerth dürften die in erster Linie für die Conservirung des Albumins vorgeschlagenen, aber selbstverständlich in gleichem Sinne auch für Eigelb brauchbaren Zusätze von chlorsaurem Ammoniak (G. Schäffer) oder arsensaurem Natron (C. Köchlin) sein.

Solchergestalt in flüssiger Form conservirtes Eigelb ist indeß in der Regel doch nur für die Zwecke der Handschuhledergerberei brauchbar, denn wiewohl namentlich das gesalzene Eigelb sich recht gut conservirt und auch der höhere Kochsalzgehalt kein Hinderniß einer Verwendung desselben als Nahrungsmittel bilden würde, so hat das große Publicum doch eine gewisse Scheu vor der Verwendung eines derartigen Präparates und kauft dasselbe nicht gern, so lange der Bezug von frischen Eiern noch möglich ist. Daß mit anderen Mitteln conservirtes Eigelb als Nahrungsmittel überhaupt gar nicht verwendbar ist, ist klar, und so kommt es, daß die Verwerthung dieses einen erheblichen Werth repräsentirenden Nebenproductes der Albuminfabrikation auf solchem Wege keineswegs eine völlig entsprechende ist. Neuestens ist in Bezug auf die Lösung dieser Frage ein erheblicher Fortschritt gethan worden.

Jul. Hofmeier (bekanntlich der eigentliche Begründer der Albuminindustrie) hat, nachdem er zunächst mit gutem Erfolge den Eierausschlag auf allen größeren Marktplätzen eingeführt und also die Eierhändler veranlaßt hat, frische Eidotter allein abzugeben, während er das Eiweiß von denselben abnimmt, eine bisher geheim gehaltene Methode ermittelt, das Eigelb in Form eines lockeren, leicht und vollkommen löslichen Pulvers darzustellen, welches dem Geruche und Geschmacke nach einem |232| frischen Eigelb völlig gleichkommt. Da dieses trockene Eigelb ohne Zusatz irgend eines fremdartigen Körpers hergestellt ist, und auch im Verhalten kaum eine Verschiedenheit von frischem Eigelb zeigt, vor dem es jedoch den großen Vortheil der vollkommensten Haltbarkeit voraus hat, so obwaltet kein Anstand, dieses Präparat als Nahrungsmittel zu verwenden. In der That findet dieses Erzeugniß allenthalben einen nicht geringen Anklang und wird namentlich von deutschen und englischen Cakesbäckereien in bedeutenden Massen consumirt. In dieser Form kann Eigelb mit Vortheil als Nahrungsmittel verwendet und also in einer seinem Werthe entsprechenderen Weise an Mann gebracht werden. Ueberdies hat Hofmeier auch eine besondere, von den bisher bekannten Methoden angeblich verschiedene Art der Conservirung des Eigelbs in Anwendung gebracht, die sich insbesondere durch die Ausgiebigkeit und Nachhaltigkeit des angewendeten Conservirungsmittels auszeichnet und ein weithin versendbares, für die Zwecke der Handschuhgerberei gut verwendbares Product liefert.

In Betreff der Verwerthung der bei der Fabrikation von Blutalbumin abfallenden Blutkuchen, die früher nach einer keineswegs völlig rationellen Gepflogenheit einfach auf Composthaufen verführt, und da einer die Gegend weit und breit verpestenden, allmäligen Zersetzung anheimfallen gelassen wurden, hat sich jetzt fast durchwegs die jedenfalls rationellere Praxis eingebürgert, welche die vom Serum befreiten Blutkuchen möglichst rasch trocknet und so ein haltbares Product liefert, das unter dem Namen „getrockneter Blutkuchen“ theils für Dungzwecke, theils für die Zwecke der Blutlaugensalz-Fabrikation in den Handel gebracht wird. Bei dem relativ ziemlich hohen Stickstoffgehalte dieses Materiales (derselbe beträgt 12 bis 14 Procent) hat dasselbe für beide Verwendungsweisen einen nicht unerheblichen Werth und wird ohne Schwierigkeit um den die Trocknungskosten sattsam deckenden Preis von 5 bis 8 fl. pro Centner abgesetzt. Eine besondere Verwendungsweise dieses Nebenproductes hat Campe in Brünn in Anwendung gebracht, und besteht dieselbe darin, daß er die trockenen Blutkuchen vermahlen mit festen menschlichen Excrementen und Knoppernmehl vermengt auf ein „Blutpoudrette“ genanntes Düngermaterial verarbeitet. Ein ähnliches Verfahren scheint auch von der „Oesterreichischen Actiengesellschaft zur Erzeugung künstlichen Phosphatdüngers“ für die Herstellung ihres Blutdüngers in Anwendung gebracht zu werden.

Die Vertretung, welche die Albuminindustrie auf der Ausstellung aufzuweisen hatte, war eine durchaus befriedigende. In erster Linie stand unstreitig die Firma Jul. Hofmeier in Prag, deren Erzeugnisse |233| als die weitaus besten bezeichnet werden dürfen. Hofmeier kann mit Recht als der Begründer der Albuminindustrie angesehen werden, denn seiner Intelligenz und seinem regen Bemühen ist es zu danken, daß die ursprünglich auf französischem Boden in Ausführung gebrachte Idee, Albumin in trockener Form in den Handel zu bringen, zur Grundlage einer eigenen, in ihrer Art großartigen Industrie wurde, deren Entwickelung für die Kattundruckerei von größtem Vortheile war.

(Schluß folgt.)

Mit besonderer Genehmigung des Hrn. Verfassers auszugsweise entnommen aus dem officiellen Ausstellungsbericht über „Appreturmittel und Harzproducte“ (Stärke- und Stärkeproducte, Albumin, Caseïn, Leim, Hausenblase, dann Lacke, Firnisse, Siegellacke etc.) von Dr. Wilh. Friedr. Gintl, Professor am deutschen polytechn. Institute in Prag; Druck und Verlag der k. k. Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1874. (79. Heft. 59 S. in 8. Preis 60 Neukreuzer.)

Die Red.

|222|

Auch Völkner und in neuerer Zeit Director Markel haben recht brauchbare Extractionsmaschinen construirt.

|223|

Die Völkner'schen Extractionsmaschinen erfreuen sich insbesondere in Oesterreich einer gleichfalls ziemlich allgemeinen Anwendung.

|223|

Obwohl sie neuestens durch die sich billiger stellende Reis- und Maisstärke gewaltige Concurrenz bekommen hat.

|223|

Beschrieben in diesem Journal, 1861 Bd. CLXII S. 439.

|224|

Vergl. dies Journal, 1871 Bd. CXCIX S. 245.

|224|

Der Preis der Reisstärke, der vor wenig Jahren noch 25 fl. und darüber betrug, stellt sich heute im Durchschnitte kaum höher als 18 fl. österr. Währung pro Centner, so daß sie gegenwärtig auch in Hinsicht auf den Kostenpunkt der Weizenstärke vorzuziehen ist.

|225|

Vergl. Wiesner: die Rohstoffe des Pflanzenreiches. (Verlag von Wilhelm Engelmann. Leipzig 1873.)

D. Red.

|225|

Die Verwerthung der bei der Stärkefabrikation resultirenden Wässer, die bekanntlich wegen der Leichtigkeit, mit welcher sie der Fäulniß anheimfallen, nicht selten wesentliche Uebelstände für die Nachbarschaft solcher Fabriken im Gefolge haben, ist neuerlich durch Markl in der Weise versucht worden, daß er dieselben in Sammelbassins mit Kalkmilch fällt, wobei ein Niederschlag resultirt, der für Dungzwecke ganz geeignet ist, während das überstehende Wasser als weniger schädlich abgelassen werden kann.

|229|

Vergl. dies Journal, 1871 Bd. CCII S. 94.

D. Red.

|230|

Vergl. dies Journal, 1862 Bd. CLXV S. 317.

D. R.

|230|

Die durch längere Zeit im Betriebe gestandene Fabrik von Sahlström in Jönköping, welche die Albuminfabrikation aus Fischrogen betrieb, scheint neuestens aufgelassen worden zu sein.

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