Titel: Dragendorff, Nachweisung fremder Bitterstoffe im Biere.
Autor: Dragendorff,
Fundstelle: 1874, Band 214, Nr. LVIII. (S. 233–234)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj214/ar214058

LVIII. Nachweisung fremder Bitterstoffe im Biere; von Prof. Dragendorff.

Mit einer tabellarischen Uebersicht.

Der Verfasser theilt im Archiv der Pharmacie, 1874 Bd. CCIV S. 293 und 389 die in Gemeinschaft mit Kubicki und Jundsill ausgeführten Untersuchungen mit über die Aufsuchung gewisser Bitterstoffe, welche hie und da in betrügerischer Absicht dem Biere beigemengt werden sollen.*

Die Bitterstoffe wurden isolirt durch Eindampfen von 600 bis 1000 Kub. Centim. Bier, Ausziehen mit Alkohol u.s.w., wie bereits (in diesem Journal, 1874 Bd. CCXI S. 60) angegeben ist. Nach einer zweiten Methode wird etwa 1 Liter Bier erhitzt, um die größere Menge gelöster Kohlensäure fortzuschaffen, dann wieder abgekühlt und solange mit basischem Bleiacetat versetzt, als noch durch dasselbe ein Niederschlag |234| hervorgerufen wird, welchen letzteren man nach einigem Stehen abfiltrirt. Die durchgegangene Flüssigkeit wird vom überschüssig zugesetzten Blei durch die nöthige Menge von verdünnter Schwefelsäure befreit und wieder filtrirt. Bei beiden Filtrationen unterlasse man ein längeres Auswaschen mit destillirtem Wasser, weil durch dieses einzelne gefällte Stoffe in Lösung gebracht oder die Flüssigkeiten zu stark verdünnt werden. Ist die vom Bleisulfat abfiltrirte Flüssigkeit, ohne concentrirt zu sein, bitter oder scharf schmeckend, so ist das Bier verdächtig. Man dampft nun im Wasserbade, nachdem man durch Ammoniak den größten Theil der freien Säure neutralisirt hat, möglichst schnell bis auf etwa 180 bis 200 K. C. (nicht zur Trockne) ein und führt die Ausschüttelungen der erkaltenden Flüssigkeit mit Petroleumäther, Benzin und Chloroform wie bei der ersten Methode aus.

Die Eigenschaften der Bitterstoffe wurden theilweise schon früher (Bd. CCXI Seite 64 u. sf.) besprochen. Beigegebene Tabelle gibt eine Uebersicht der Reactionen von den nach beiden Methoden isolirten Bitterstoffen.

Bei Verarbeitung von 600 K. C. Bier können so noch nachgewiesen werden etwa 1 Grm. Quassia, Ledum palustre, Wermuth, Bitterklee (Menyanthes trifoliata), Herbstzeitlosensamen, 0,5 Grm. Coloquinten oder Kokkelskörner (Cocculi indici), 0,1 Grm. spanischer Pfeffer (Capsicum annuum), 0,05 Grm. Aloe, 0,0005 Grm. Atropin (oder 0,06 Grm. Belladonnablätter), ebensoviel Hyoscyamin (oder 0,25 Grm. Bilsenkraut), 0,0003 Grm. Strychnin und 0,0005 Grm. Brucin (etwa 0,03 Grm. Brechnüsse), aber erst 2 Grm. Tausendgüldenkraut (Erythraea), 3 Grm. Cardobenedictenkraut (Cnicus benedictus), Weidenrinde (oder 0,05 Grm. Salicin) und Daphne mezereum; dagegen konnten selbst 6 Grm. Gentiana nicht mehr deutlich nachgewiesen werden.*

|Zu Seite 233|

Tabelle zur Nachweisung fremder Bitterstoffe im Biere;
von Dragendorff, Professor in Dorpat.

Zu Dingler's polytechn. Journal. Erstes Novemberheft 1874, S. 233 u. sf.

Textabbildung Bd. 214, S. 233
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Im Frankfurter Journal macht Ferd. Diefenbach aus Darmstadt auf die allgemein verbreitete Verfälschung und Vergiftung des Bieres durch den Samen der Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) aufmerksam. Namentlich im Odenwalde soll aus dem Sammeln dieses Giftes ein förmliches Gewerbe gemacht werden; auf der Eisenbahnstation Dieburg allein sind 10,000 Kilogrm. dieses Samens aufgegeben. – Nach einer Angabe der „Tribüne“ sind in letzter Zeit auf dem Anhalter Bahnhofe in Berlin davon 4000 Kilogrm. angekommen. – Nach einer anderen Mittheilung (Industrieblätter, 1872 S. 341) wird in Norddeutschland namentlich Mutterkorn zur Bierfälschung angewendet. – Selbst in einer Fachzeitschrift (Der Bierbrauer, 1874 Nr. 4) wurde behauptet, daß derartige giftige Ersatzmittel des Hopfens angewendet würden; doch mußte diese Angabe sehr bald zurückgenommen werden.

Da 2 Hektoliter Bier nur etwa 1 Kilogrm. Hopfen, dagegen etwa 50 Kilogrm. Malz erfordern, so ist die Anwendung solcher Bitterstoffe, welche oft theurer sind als Hopfen, ohne dessen conservirende Eigenschaften zu besitzen, schon an sich sehr unwahrscheinlich. Fast unmöglich wird aber ein derartiger Betrug für größere Brauereien, da das zahlreiche Personal dieses Geheimniß doch zu leicht verrathen und die Brauerei dadurch geradezu ruiniren könnte.

F.

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Ueber die angebliche Schädlichkeit des Wasserzusatzes zum Biere berichtet das Journal officiel français, daß das Wasser auf das Narkoticum, welches im Malzzucker vorhanden sei, einwirke; die gute Qualität eines Bieres werde durch das Wasser in eine schläfrig machende, bittere und der Gesundheit schädliche Flüssigkeit verwandelt. Es setze den giftigen Stoff, welcher in dem Hopfen enthalten und der, mit dem Malzzucker vermischt, vollständig unschädlich sei, in Freiheit. Auf diese Weise werde durch die Gewinnsucht ein angenehmes und gesundes Getränk in eine der Gesundheit schädliche Flüssigkeit verwandelt! – Derartige Angaben entziehen sich eben jeder ernsten Kritik. F.

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