Titel: Exner, über ein System der vergleichenden mechanischen Technologie.
Autor: Exner, W. F.
Fundstelle: 1874, Band 214, Nr. CIV. (S. 410–418)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj214/ar214104

CIV. Ein System der vergleichenden mechanischen Technologie; von Professor W. F. Exner in Wien.

Vorbemerkung. Karmarsch sagt in seiner „Geschichte der Technologie“ über das von ihm im J. 1837 herausgegebene zweibändige „Handbuch der mechanischen Technologie“: Hierin wurde der Gedanke zur Ausführung gebracht, wenige große Abschnitte nach dem Principe der speciellen Technologie zu bilden, die Einzelbehandlung aber nach der Methode der allgemeinen Technologie zu organisiren, dabei den Details große Berücksichtigung zu schenken.“ Das „Handbuch“ ist in seinen vier Auflagen – soeben ist von der fünften durch Hartig bearbeiteten Ausgabe der 1. Band erschienen – nicht nur das Lehrbuch für alle im zweiten Drittel unseres Jahrhunderts in Deutschland erzogenen Techniker gewesen, sondern es ist das bis heute unübertroffen gebliebene Fundamentalwerk der mechanischen Technologie.

Die charakteristischen Merkmale der Karmarsch'schen Schule sind: völlige Beherrschung der technischen Wissenschaften, welche den industriellen Aufschwung begründeten, gewissenhafte Sichtung des literarischen Materiales, erschöpfende Beachtung der industriellen Praxis und treue, prägnante Darstellung bis in die Details.

Trotz dieser Attribute der Wissenschaftlichkeit hat die „allgemeine mechanische Technologie“ in ihrer Stellung unter den Disciplinen der technischen Hochschulen unzweifelhaft an Bedeutung eingebüßt, – und es ist nur zu wahrscheinlich, daß, ohne eine entschiedene Aenderung in der Methode der Behandlung der mechanischen Technologie, die Lehrkanzeln für dieses Fach in demselben Maße in den Hintergrund treten werden, als sich durch die Entwicklung der Industrie die Schwierigkeit steigert, dieselbe erschöpfend zu schildern.

Ein Fortschritt in den oben bezeichneten Eigenschaften der Karmarsch'schen Schule ist nicht erreichbar; man kann im besten Falle ebenso gewissenhaft, klar und erschöpfend beschreiben, besser wird man es nicht machen können.

Die Arbeiten, welche von Karmarsch, seinen Mitarbeitern und Schülern durchgeführt worden sind, haben einen bleibenden Werth für alle Zeiten; sie sind von wissenschaftlichem Ernste durchdrungen, viele von ihnen sind geradezu classisch zu nennen. Sie können für alle Zukunft |411| als Muster für „Monogrophien“ gelten, welche an und für sich oder auch als Beitrag zu einem neuconstruirten wissenschaftlichen Systeme Geltung haben. Dieses neuconstruirte wissenschaftliche System wird aber stets dringender, soll nicht die mechanische Technologie durch die Maschinenbauwissenschaft immer mehr in den Schatten gestellt werden oder vielleicht gar aus dem Lehrbegriffe technischer Hochschulen verschwinden.

In keiner Wissenschaft ist ein Stillstand denkbar, der nicht gleichbedeutend mit Rückschritt wäre. Nun ist allerdings seit dem Erscheinen des „Handbuches“ im J. 1837 eine Entwickelung der mechanischen Technologie in räumlicher Beziehung durch die Anhänger der Karmarsch'schen Schule und durch den Meister selbst zu constatiren. Durch Hartig's werthvolle Forschungen über den Kraftbedarf und die Arbeitsleistung der Maschinen für Streichgarnspinnerei und Tuchfabrikation, für Flachs- und Wergspinnerei, für Metall- und Holzbearbeitung (1863, 1869 und 1874) ist auch ein Weg zur Vertiefung des technologischen Wissens betreten worden, der mit Recht das größte Aufsehen erregte und zur Nachfolge seitens der Fachgenossen einlud. Die Thätigkeit Hartig's bezeichnet den Uebergang von der äußerlichen Beobachtung zu der in das Wesen gewisser Arbeitsprocesse eindringenden Forschung. Unendlich viel bleibt in dieser Richtung noch zu thun übrig. Die bisher übliche, von Karmarsch geschaffene Anordnung des Stoffes ist gewiß Arbeiten wie jenen Hartig's nicht hinderlich, und die wichtigen Resultate dieser Arbeiten können innerhalb des gegebenen Rahmens des Faches ihren Platz finden. Dies beweist am besten das Vorwort und manches Kapitel der Hartig'schen Bearbeitung des Karmarsch'schen Handbuches. Doch gerade dieses Vorwort zur 5. Auflage berechtigt zur Annahme, daß Hartig auch eine anders „Anordnung“ des Stoffes für möglich hält.* Er führt die Anordnung des Stoffes – die Methode des Vortrages – sagen wir kurz „das System“ unter den „Vorzügen“, welche den dauernden Werth des Werkes begründen, nicht an.

Jede Wissenschaft hat aber in ihrer Entwickelung nebst der Vermehrung ihres Inhaltes, nebst der Auffindung neuer Wahrheiten und Gesetze auch Wandlungen in ihrem Systeme aufzuweisen. Manche Wissenschaften haben aus einer nach einem neuen Gesichtspunkte getroffenen |412| Anordnung des Stoffes erheblichen Nutzen gezogen – selbst in jenen Fällen, wo man diesen Gesichtspunkt bald nachher wieder aufgab.

Diese Erwägungen haben mich verleitet, den Versuch zu machen, auch das Material der mechanischen Technologie von einem anderen als dem bisher allgemein angenommenen Standpunkte aus aufzufassen, zu begrenzen und anzuordnen. Das System der mechanischen Technologie, welches in den nachfolgenden Blättern erklärt wird, ist in der Literatur vielfach angedeutet, aber meines Wissens nirgends zum völligen Ausdruck gebracht. Für die Mehrzahl meiner Collegen wird daher die dem System zu Grunde liegende Idee nicht neu sein.

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Unter Rohstoff ist jene Substanz zu verstehen, welche vermöge einer gewissen Eigenschaft oder vermöge einer gewissen Gruppe von Eigenschaften geeignet ist, einer bestimmten mechanischen Umbildung (Verarbeitung) unterzogen zu werden.

Diese Definition des Begriffes „Rohstoff“ gilt nur für die mechanische Technologie. (Beispiele: Bleierz ist ein Rohstoff des Hüttenwesens; das Blei aber in dem Momente, wo es dem Umstaltungsverfahren einer mechanische Industrie überantwortet wird, ist Rohstoff der mechanischen Technologie. Das Product eines hüttenmännischen Processes, Roheisen, Zinn, Zink etc. ist Rohstoff für die mechanische Technologie. Die landwirthschaftlichen Erzeugnisse, die Gramineen, sind Rohstoffe für die Arbeit der Mühle, das Leder für die Schuhfabrikation. Ein Fabrikat der mechanischen Industrie selbst, z.B. Blech, wird in dem Momente wieder zum „Rohstoffe“, wenn es einer weiteren Umstaltung unterzogen wird.)

Die mechanische Umbildung kann einen zweifachen Zweck haben: 1) Veränderung der physikalischen Eigenschaften der Substanz; 2) Veränderung der Gestalt des Rohstoffes. (Umformung.)

Die mechanische Umbildung muß stets und kann nur die Folge einer „Arbeit“ sein.

Die Art des Vorgehens bei der „Arbeit“ heißt Verfahren oder Verfahrungsweise.“

Die gewerbliche Thätigkeit besteht in einer Reihe von Verfahrungsweisen, welche in ihrer gegebenen Reihenfolge zu beschreiben, die Aufgabe der speciellen Technologie ausmacht. Mehrere – verwandte Materialien verarbeitende – Gewerbe zusammenzulegen und also größere nach dem Materiale gebildete Gewerbsgruppen zu bilden, |413| ist durch Karmarsch zuerst durchgeführt, von Beckmann nur versucht worden.

Jedes Verfahren bedarf gewisser für dieses, sowie für die Eigenschaften des Rohstoffes, auf denen es basirt, charakteristischer Hilfsmittel. Die Hilfsmittel sind entweder passive oder active.

Die passiven Hilfsmittel sind solche Vorrichtungen (Apparate), welche den Rohstoff oder den in der Umgestaltung begriffenen Gegenstand unterstützen, tragen oder festhalten u. dgl. m., und damit die Umbildung erleichtern, fördern, vorbereiten, ermöglichen, ohne diese selbst zu bewirken. Die passiven Hilfsmittel befinden sich gegenüber dem Rohstoffe in der Regel im Zustande der Ruhe.

Die activen Hilfsmittel (Werkzeuge) sind jene Vorrichtungen, welche durch eine hierzu geeignete Form und materielle Beschaffenheit eine Kraft in einer solchen Weise auf das Arbeitsobject übertragen, daß die Umbildung dadurch herbeigeführt wird. Dabei kann eine Abtrennung von Substanz (Abfall) stattfinden oder nicht. (Beispiele. Passive Hilfsmittel: Zirkel, Hobelbank etc. Active Hilfsmittel: Meißel, Hammer. Derselbe Gegenstand kann bei einer gewissen Arbeit als actives, bei einer anderen als Passives Hilfsmittel fungiren.)

Sowohl die passiven als die activen Hilfsmittel können durch maschinelle Einrichtungen wesentlich an Vollkommenheit und Wirksamkeit gewinnen. Man kann die bei der Arbeit verwendeten Maschinen demnach in passive und active maschinelle Hilfsmittel, oder in Hilfsmaschinen einerseits, Werkzeugs- oder Arbeits-Maschinen andererseits scheiden. (Beispiele: Schraubstock; – Sägemaschine, Webstuhl.)

Da es eine gewisse Eigenschaft oder eine Gruppe von Eigenschaften ist, welche einen Rohstoff oder eine Reihe von Rohstoffen zu einer bestimmten Bearbeitung (mechanischen Umbildung) befähigt, da eine jede Bearbeitungsmethode (Verfahren) bestimmte passive und active Hilfsmittel voraussetzt, so bilden jene gewissen Eigenschaften, welche die Rohstoffreihe charakterisiren, das Verfahren und die demselben tributären Hilfsmittel einen zusammenhängenden Complex von Vorstellungen, welchen ich einen Arbeitsbegriff nenne. Die für den Arbeitsbegriff in Frage kommenden Eigenschaften könnte man mit dem Ausdruck Bearbeitungs-Eigenschaften oder kürzer aber auch weniger präcis mit Arbeits-Eigenschaften bezeichnen. Jede Arbeits-Eigenschaft tritt in verschiedenen Abstufungen oder Graden auf, so daß sich aus jenen Rohstoffen, die zu einem Arbeitsbegriff gehören, eine Reihe construiren läßt, welche mit dem durch das Maximum des Eigenschaftsgrades gekennzeichneten Rohstoffe beginnt und mit dem Minimum aufhört oder |414| umgekehrt, und welche durch die Aufeinanderfolge der Glieder der Reihe eine stetige Abnahme oder Zunahme des Eigenschaftsgrades darstellt. Das Verfahren ist für alle Glieder einer Rohstoffreihe das gleiche; dagegen ändern sich die Hilfsmittel in Beziehung auf Größe, Bauart und Wirksamkeit. Diese Modification der Hilfsmittel steht zu den sie hervorrufenden Eigenschaftsabstufungen in dem Verhältnisse wie Wirkung und Ursache zu einander.

Der Ausdruck dieses Verhältnisses ist ein Gesetz. Die Auffindung und Feststellung dieses Gesetzes für jeden Arbeitsbegriff ist die Aufgabe der mechanischen Technologie.

Die Arbeitsbegriffe sind nicht scharf abgegrenzt, es läßt sich vielmehr ein Uebergang von jedem Arbeitsbegriff zu einem anderen finden (z.B. beim Gießen, Pressen, Prägen, Punzen, Stanzen etc.). Dieser Umstand darf nicht überraschen, da ja auch die Eigenschaftsreihen in andere übergehen (Elasticität, Sprödigkeit; – Dehnbarkeit, Biegsamkeit; – Flüssigkeit, Weichheit, Festigkeit) und da das Wesen der Arbeit bei allen Arbeitsformen bekanntlich dasselbe ist. Die Arbeitsbegriffe können also nach dem Principe der Aehnlichkeit an einander gereiht werden, und ihre unabänderliche Folge bildet ein System, das mit jenem der Naturwissenschaften große Uebereinstimmung zeigt.

Nach dem Vorangehenden würde die mechanische Technologie als jene Wissenschaft zu bezeichnen sein, welche im Wege der Vergleichung die Gesetze der mechanischen Umbildung der Rohstoffe in systematischer Aufeinanderfolge ermittelt und darstellt. So aufgefaßt, ist die mechanische Technologie unzweifelhaft eine Wissenschaft im strengsten Sinne des Wortes.

Nebst den Arbeits-Eigenschaften besitzt der Rohstoff stets noch eine Summe von Eigenschaften, welche ohne die betreffende mechanische Umbildung zu begründen oder mit der Bearbeitung in irgend einem Zusammenhang zu stehen, in das Product übergehen und den Verbrauchswerth desselben beeinflussen oder gar bedingen. (Farbe und Glanz der Bronze, sowie die Eigenthümlichkeit sich an der Atmosphäre mit einem schönen grünen Ueberzug zu erhalten. Diese Eigenschaften machen, daß man die Bronze als Material für Statuen wählt und ihr vor dem überdies zu weichen Blei den Vorzug gibt. Diese Eigenschaften haben auf den Arbeitsbegriff „Gießen“ keinen Einfluß; – sie finden aber bei dem Gewerbe die höchste Beachtung. Der Preis der Rohstoffe ist ein Bestimmungsgrund für die Wahl derselben beim Gewerbsbetriebe, obwohl dieser aus dem Verhältniß von Angebot und Nachfrage resultirende Umstand nichts weniger als eine „Eigenschaft“ ist.)

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Will man die mechanische Technologie nach ihrer hier präcisirten Aufgabe in Zusammenhang bringen mit ihrer bisherigen Mission: wissenschaftliche Darstellung der mechanischen Gewerbe und Industrien, so dürfte man nur noch nebst den Arbeits-Eigenschaften die Gewerbs-Eigenschaften ins Auge fassen, und in einem Anhange zur Behandlung eines jeden Arbeitsbegriffes auseinandersetzen, in welchen Gewerben und Industrien der Arbeitsbegriff auftritt, und welche Rolle dabei die Gewerbs-Eigenschaften des Rohstoffes in Beziehung zu den an das Fabrikat gestellten Forderungen spielen. (Nach Abhandlung der Gießerei bespricht man dann das Gießen der Metalle, ihre Verwendung, den Kunstguß, die Kanonengießerei, die Schriftgießerei, den Glas- und Spiegelguß, die Kerzengießerei, das Gießen des Zuckers, Gypses, Cementes, Asphaltes etc.)

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Es sei nun gestattet, noch die Vorzüge zu entwickeln, welche man dieser Systemisirung der mechanischen Technologie zuschreiben darf. Die Vortheile, welche die vergleichende mechanische Technologie bietet, sind zweierlei Art – solche für das Fach und solche für die Schule.

Sollen die Gesetze, welche die Beziehung zwischen Arbeits-Eigenschaften und Hilfsmittel ausdrücken, gefunden werden, so ist nicht nur eine Zusammenstellung und Prüfung der über die physikalischen Eigenschaften (Arbeits-Eigenschaften) bereits bekannten Daten unerläßlich, sondern es müssen auch noch eine Reihe von Untersuchungen und Forschungen angestellt werden, für welche die Anregung bisher fehlte. (Beispiel: Um die Schmelzbarkeit zu beurtheilen, und die Rohstoffe für die Gießerei nach dieser Eigenschaft in eine Reihe zu bringen, ist nicht nur die Kenntniß der specifischen Wärme der Körper, der Aenderungen derselben mit der Temperatur – des Schmelzpunktes –, sondern auch der Schmelzungs- (oder Werk-) Wärme nothwendig; denn nur die Gesammtsumme der für eine Gewichtseinheit Rohstoff erforderlichen Wärmeeinheiten gibt einen richtigen Maßstab der Schmelzbarkeit – und nicht der Schmelzpunkt. Ueber die specifische Wärme und den Schmelzpunkt gibt es nun allerdings eine ziemlich große Anzahl verläßlicher Daten, aber die Schmelzungswärme ist von Person nur für sechs Gießrohstoffe untersucht. Das graue Roheisen, dieser wichtige Stoff, fehlt. Die von Person aufgestellte Formel für die Schmelzwärme, als richtig angenommen, kann uns doch nichts nützen, weil in derselben die specifische Wärme der geschmolzenen Masse erscheint, welche wieder für die Mehrzahl der Metalle nicht eruirt ist.

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Ebenso sind Adhäsionsverhältnisse von geschmolzenen Massen zu festen nicht bekannt, und auch diese bieten ein Interesse. Nicht einmal die specifischen Gewichte und deren Aenderung im Momente des Flüssigwerdens sind durchgehends bekannt.

Die Aneinanderreihung der demselben Zwecke dienenden activen und passiven Hilfsmittel und die Vergleichung in Bezug auf ihre Wirksamkeit eröffnet die Aussicht auf die Erkennung von Wahrheiten, welche für den Gewerbsbetrieb von unberechenbarer Tragweite wären. In den verschiedenen Gewerben haben sich die Hilfsmittel durch die Praxis selbstständig und eigenartig entwickelt. Der nach Gewerben gesonderten Behandlung entgeht aber der Vortheil, Verbesserungen an gewissen Hilfsmitteln, welche in einem bestimmten Industriezweige erzielt wurden, für einen anderen rasch nutzbar zu machen. Ja die genaue Untersuchung der Wirksamkeit jedes Hilfsmittels an sich, welche dem Vergleiche vorangehen muß, hat schon eine Fülle von Consequenzen, die überaus wichtig sind. (Wenn man beispielsweise die Untersuchungen Hartig's fortsetzen wird, so gelangt man zur Kenntniß der absolut besten Constructionen und der relativen Vorzüge der einzelnen Bauweisen der Maschinen.)

Wird die Ueberzeugung von der Nützlichkeit des Vergleiches der Hilfsmittel eine allgemein verbreitete, so werden die technischen Publicationen, Mittheilungen über Apparate, Werkzeuge und Maschinen, weit seltener jene Oberflächlichkeit zeigen, welche sie bis heute oft kennzeichnet. (Beispiel: Zum Behufe der Auffindung eines wahrscheinlich bestehenden Zusammenhanges der Abmessungen und sonstigen Einrichtungen eines Cupolofens mit dessen Leistungsfähigkeit, – es sollte dabei der von Redtenbacher für die Theorie der Wasserräder eingeschlagene Weg befolgt werden – habe ich aus den in der Bibliothek der technischen Hochschule in Wien vorhandenen Werken 46 Cupolöfen ausgezogen. Bei diesen 46 Beschreibungen waren nur 16 mit verläßlicher Dimensionirung ausgestattet – freilich in den verschiedensten europäischen Maßen; bei nur 4 Oefen war das Verhältniß der Brennstoffmenge (Coaks, Holzkohle) zur Menge des gewonnenen Roheisens angegeben; Zahl und Anordnung der Formöffnungen, Spannung, Temperatur und Einströmungsgeschwindigkeit der Gebläseluft nur bei dem einen oder anderen aufzufinden. Die ganze Arbeit blieb unausführbar und hatte nur das Resultat, die Durchschnittsangaben von Wiebe, Karsten, Kerl, Schinz und Dürre zu bestätigen oder zu modificiren, und förderte die einzige Angabe zu Tage, daß bis 4 Meter Schachthöhe 160 Millim. Dicke des feuerfesten Mauerwerkes (also eine |417| Ziegelbreite) zumeist genügt, während über 4 Meter Schachthöhe zwei Ziegelbreiten feuerfestes Mauerwerk erheischen u.a.m.)

Durch die Vertiefung der technologischen Literatur und durch das Bekanntwerden der durch sie gereiften Früchte wird auch eine Verallgemeinerung derselben herbeigeführt werden können. Durch die Betonung des Wesentlichen der Arbeitsprocesse, welche auf diese Art gefördert würden, müßte andererseits der Werth empyrischer Recepte, unmotivirter Vorschläge von Constructionen und dergl. in den Augen des großen technischen Publicums noch mehr sinken, als es schon gegenwärtig der Fall ist.

Die Erfolge der vorgeschlagenen Methode würden sich vielleicht auch beim Unterrichte in der mechanischen Technologie herausstellen. Durch die Aufstellung der Arbeitsbegriffe wird der Umfang des Lehrgebäudes der mechanischen Technologie viel schärfer und richtiger begrenzt, indem alle mechanischen Arbeiten aus der chemischen Technologie in die mechanische Technologie herübergezogen und jener alle chemischen Processe überlassen werden. (Beispiele: Beim Arbeitsbegriff Mahlen würde die Tretmühle oder Mühle mit zwei aufeinander senkrecht stehenden Mühlsteinachsen, welche in der Oel-, Chocolade-, Porzellan-, Glasfabrikation u.s.w. vorkommt, in die mechanische Technologie einbezogen. Das Gießen der Stearin-, Paraffin-, Wallrathkerzen, des Zuckers, Gypses, Cementes, Asphaltes, Glases etc. würde im Arbeitsbegriff „Gießerei“ mit erscheinen. Das Bleichen der Papiermasse, die Gewinnung der Metalle aus den Erzen, und hundert andere chemische Processe, welche jetzt in der mechanischen Technologie besprochen werden, weil sie die Papierfabrikation, die Metallindustrie als solche behandelt, würden aus derselben ausgeschieden.)

Alle unwesentlichen Details könnten dann beim Vortrage der mechanischen Technologie unberücksichtigt, und dafür in engerem Rahmen auf die Klarstellung der wichtigen Arbeitsbegriffe hingewirkt werden. Aller unnöthige und störende Ballast für das Gedächtniß wäre damit abgeworfen und der ganze Lehrstoff anregender und fesselnder.

In dem Momente, wo man aufhört, die mechanische Technologie nach Industriegruppen zu lehren, fällt auch die Vorstellung, man wolle den Hörer für die Ausübung dieser verschiedenen Industrien vollkommen qualificiren. Diese Vorstellung hat aber dem Ansehen der Disciplin sehr geschadet, weil sie mit dem Erfolge des Unterrichtes im Widerspruch stehen muß. Es ist unmöglich, daß ein einzelner Professor, wie es zum Beispiel an allen österreichischen technischen Hochschulen der Fall ist, in einem Jahrescurse noch obendrein, den Studenten zum Fabrikanten in allen Spinnerei- und Webereibranchen, in den vielen Zweigen der Metall- |418| und Holzindustrien, zum Papierfabrikanten etc. erziehe. Und wie viele große Industrien werden da nur mit einigen Worten abgethan. (Tapeten-Industrie, Buchdruckerei u.a.) Vollständige Erschöpfung des Begriffes der verschiedenen Arbeitsprocesse ist dagegen möglich und bildet ein für alle Zweige des technischen Berufes unschätzbare Grundwissenschaft.

Die Anlage der Lehrmittelsammlungen, der Museen könnte durch die Adoptirung des Systemes der vergleichenden Methode nur gewinnen. Die Adoption dieser Behandlungsmethode der mechanischen Technologie würde es selbstverständlich nicht ausschließen, daß neben dem Hauptlehrer dieses Faches an einer technischen Hochschule Vorträge von Specialisten über einzelne Zweige nach der Methode der speciellen Technologie gehalten würden. Die Lehrer der vergleichenden mechanischen Technologie brauchten dann den Vergleich der Vorträge des Specialisten über Papierfabrikation, Brunnenbau, Eisengießerei, Kattundruckerei etc. mit seinen eigenen nicht mehr zu scheuen.

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Die hier angedeutete Reform ist in zufriedenstellender und wirksamer Weise in solange nur ein frommer Wunsch, als die Ueberzeugung von der Nützlichkeit derselben blos in den Köpfen einzelner Fachmänner besteht. Nur das Zusammenwirken Vieler und die ernste Arbeit einer Reihe von Fachmännern können ein solches Werk zu Stande bringen. Gelehrte, namentlich Physiker und Mechaniker, welche in ihren Laboratorien die an sie gestellten Fragen über die Natur der Rohstoffe beantworten, und das Heer intelligenter und nicht engherziger Praktiker, welche ihre Erfahrungen in conciser und Vertrauen einflößender Weise darstellen, endlich eine Zahl von Fachleuten, welche die Verbindung zwischen Theorie und Praxis herstellen, zu lesen verstehen, was heute noch in spärlichen unleserlichen Zügen ausgedrückt, – alle diese Factoren müssen zusammenwirken, um das Ziel zu erringen, das mir vorschwebte, als ich den Muth faßte, das hier Ausgesprochene der öffentlichen Discussion zu unterbreiten.

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In dem Vorworte heißt es: „In der Anordnung des Stoffes hat der Unterzeichnete (Hartig) nur so viel geändert, als ihm in Rücksicht auf die gegenseitige Verwandtschaft der Werkzeuge und Maschinen unbedingt erforderlich schien.“ Dann weiter: „Es ist vor Allem angestrebt worden, diejenigen Vorzüge, welche am meisten den dauernden Werth des Buches begründen (zutreffende und genaue Darstellung der technologischen Processe, Zuverlässigkeit und Vollständigkeit der mitgetheilten Abmessungen, Gewichts- und Arbeitswerthe) zu wahren und wo irgend möglich zu steigern.“

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