Titel: Little's automatischer Telegraph.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1874, Band 214, Nr. CXVI. (S. 446–450)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj214/ar214116

CXVI. Little's automatischer Telegraph.

Mit Abbildungen auf Tab. VII.

Ueber den zur Zeit in Nordamerika von der „Automatic Telegraph Company“ benützten automatischen Telegraph von George Little in Passaic City, New-Jersey, entnehmen wir dem „Telegrapher“ (October 1874, S. 259) und dem „Telegraphic Journal“ (Februar 1874, S. 84) folgende Mittheilungen.

Charles Wheatstone hat mit Rücksicht darauf, daß die mittels eines automatischen Telegraphen erreichbare Geschwindigkeit der Beförderung davon abhängt, in wie rascher Folge die elektrischen Ströme der Linie zugeführt werden können, ohne in einander zu verschwimmen, die Grenze dieser Geschwindigkeit für eine 50 engl. Meilen lange Linie auf 1200 Buchstaben (nicht Wörter) festgesetzt. Culley, der Oberingenieur der englischen Staatstelegraphen, gibt dagegen an, daß zwischen London und den großen Provincialstädten die automatischen Telegraphen gegenwärtig mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 120 Wörtern in der Minute arbeiten; wenn aber die Länge der Landlinie auf 300 Meilen wüchse und 60 Meilen Kabel enthielte, sinke die Geschwindigkeit des Telegraphirens auf 40 bis 80 Wörter in der Minute herab. Seit 1869 bemühte |447| sich Little die von Wheatstone angegebene Grenze zu überschreiten, und bei seinen Versuchen gelang es ihm, die Geschwindigkeit von 40 bis 60 Wörtern und auf Linien von 250 Meilen Länge bei hellem Wetter bis zu 500 und mehr Wörtern in der Minute bei sehr stürmischen: Wetter und auf Linien von über 1000 Meilen Länge zu steigern. Dies erlangte er dadurch, daß er nicht (wie Bain u.a.) den Linienstrom in seiner ganzen Stärke auf das chemische Papier des Empfangsapparates wirken ließ, wobei eben die elektrischen Wellen in einander verschwommen und anstatt Punkte und Striche einen zusammenhängenden Strich auf dem Papierstreifen niederschrieben, sobald man auf einer sehr kurzen Linie eine größere Geschwindigkeit als 40 bis 60 Wörter in der Minute zu erreichen versuchte. Vielmehr fügte Little – in ähnlicher Weise wie ein Mühlgraben mit einem Wehr versehen wird – einen magnetischen Ueberfall in Form eines Rheostaten und Condensators hinzu, welche es ermöglichten, daß mehr oder weniger von jeder elektrischen Welle umgewandelt oder zur Erde abgeleitet werden konnte und gerade nur soviel von jeder Welle durch das chemische Papier, behufs der Schrifterzeugung, geführt wurde, als bei jeder Geschwindigkeit zulässig war, wenn die einzelnen Wellen nicht in einander verschwimmen sollten. Andererseits ist zu erwähnen, daß man wegen des Verschwimmens der elektrischen Ströme schließlich die Bain'schen chemischen Telegraphen mit Localströmen arbeiten ließ, wobei die Geschwindigkeit auf das Mittel beim Morse (17 Wörter in der Minute) zurückging.

Als Empfangsapparat benützt Little in der Empfangsstation entweder den in Fig. 17 der zugehörigen Abbildungen skizzirten chemischen Schreibapparat oder den in Fig. 18 abgebildeten polarisirten Farbschreiber. Die Absendung der Ströme auf der telegraphirenden Station erfolgt in beiden Fällen unter Vermittelung eines durchlochten Papierstreifens.

Bei Benützung des chemischen Schreibapparates (Fig. 17) läuft der gelochte Streifen P₁ über eine mit vorstehendem Rande versehene Scheibe D₁, der chemisch präparirte P über eine gleiche Scheibe D. Beide Scheiben werden auf beliebige Weise, am besten aber durch einen Riemen und eine Kurbel mit der Hand in Umdrehung versetzt. Die Enden Z und Z₁ der beiden Streifen werden durch die Walzen N und N₁ und die Bürsten oder Halter B und B₁ gegen die Scheiben D und D₁ angedrückt; Bürsten und Walzen sitzen auf den um die Achsen F und F₁ drehbaren Hebeln A und A₁, welche von Federn niedergehalten werden. Aus welchem Metall der Schreibstift S des Empfangsapparates hergestellt wird, hängt von der Salzlösung ab, mit welcher der Streifen |448| PZ getränkt wurde. S₁ ist der Stift, welcher den Strom der Batterie d der Telegraphenlinie zuführt, sobald er durch ein Loch im Streifen PZ₁ hindurch die metallene Scheibe D₁ berührt. L und L₁ sind Abführklingen, welche ein Umlegen oder Knicken der Streifen verhüten sollen; dieselben stecken in Nuthen, welche in jede der beiden Scheiben D und D₁ eingearbeitet sind. Der eine Pol der Batterie b ist zur Erde E₁ abgeleitet; die Achse von D₁ steht mit der Linie, die Achse von D mit der Erde E in Verbindung, so daß die Linienströme über F und S durch den Streifen nach D und E gelangen können. Der Ueberschuß des Stromes soll seinen Weg durch den regulirbaren Widerstand oder Rheostat R zur Erde E₂ nehmen. Der zweckmäßig gewählte Condensator C wird entweder bei F mit der Linie und bei E₃ mit der Erde verbunden oder in eine Zweigleitung eingeschaltet. Um hierbei nach der Empfangsstation auch hörbare Zeichen telegraphiren zu können, stellt man auf derselben noch einen Klopfer mit oder ohne Relais, ein polarisirtes Relais und dergl. auf.

Der Farbschreiber (Fig. 18) wird mit zwei Batterien b₁ und b₂ betrieben, von denen b₁ mit dem negativen, b₂ mit dem positiven Pole zur Erde E₁ abgeleitet ist, während die beiden anderen Pole derselben an zwei hinter einander liegende Contactschrauben X (in Fig. 18 ist blos eine sichtbar) geführt sind. Vor diesen Schrauben X liegen die verticalen Arme V zweier um horizontale Achsen F₁ drehbaren metallenen Winkelhebel, an deren kürzeren horizontalen Armen kleine Röllchen sitzen und sich auf den über die Scheibe D₁ laufenden gelochten Streifen auflegen; mittels der keilförmigen Vorsprünge K der Arme V können beide Winkelhebel zugleich nebst ihren Röllchen durch unter K liegende Stifte an dem um F₂ drehbaren Hebel A₁ bei Seite gerückt und außer Thätigkeit gesetzt werden. In ihrer gewöhnlichen Lage dagegen können die Röllchen in die Löcher des Streifens P₁ einfallen und legen dabei die Hebel V an ihre Contactschrauben X, um den Strom der Batterie b₁ oder der Batterie b₂ abwechselnd über F₁ in die Linie zu entsenden. Die so entsendeten Wechselströme von gleicher Stärke und gleich kurzer Dauer versetzen auf der Empfangsstation den polarisirten Anker NS des Elektromagnetes im Farbschreiber in Schwingungen um seine Drehachse O. Die Pole N und S des Ankers liegen zwischen vier Polen M des liegenden Elektromagnetes, durch welchen die Linienströme ihren Weg zur Erde E nehmen. Wenn die positiven Ströme den Anker mit der an seinem linken Ende befindlichen Schreibfeder auf den Papierstreifen PZ auflegen, so entfernen die negativen Ströme die Schreibfeder wieder vom Streifen, und es wird daher ein Punkt oder ein Strich auf den |449| Streifen geschrieben werden, je nachdem der negative Strom rasch oder erst nach einiger Zeit auf den positiven folgt. Der Rheostat R führt wieder jeden Ueberschuß von Elektricität zur Erde E₂ ab. Wird der Farbschreiber so eingerichtet, daß er durch Ströme von einerlei Richtung unter Mitbenützung einer Abreißfeder die Schrift erzeugt, so kann auf jeder Seite des Elektromagnetes ein Condensator hinzugefügt oder in eine Zweigleitung zur Erde eingeschaltet werden. Der hohle Anker NS ist mit einer billigen, gut fließenden und die Schnäbel der Schreibfeder nicht angreifenden Tinte angefüllt, welche mittels einer biegsamen Kautschukröhre durch den Trichter U eingefüllt wird.

Der in Fig. 19 abgebildete Lochapparat enthält zwei Elektromagnete; der eine derselben, welcher hinter M liegt und deshalb in der Zeichnung nicht zu sehen ist, dient dazu, die verlangte Anzahl von Stempeln, mittels deren die zu einem Buchstaben nöthigen Löcher in den Streifen gestanzt werden sollen, auszuwählen und vorwärts zu bewegen; der zweite Elektromagnet M dagegen hat die Aufgabe, die Stempel schnell aus dem Papier herauszuziehen und in ihre Ruhelage zurückzuführen; dieser Elektromagnet besorgt dies viel besser als eine ihn ersetzende Feder. Eine der Anzahl der zu lochenden Zeichen entsprechende Zahl von Tasten, von denen in der Abbildung drei (A₁, A₂ und A₃) angedeutet sind, liegen neben einander und sind an einer horizontalen Leiste drehbar angehängt; an ihrer Unterseite sind bei a Hebel C mittels Zapfen befestigt. Unter den Tasten liegen die erforderliche Anzahl von Schiebern Q, und an diesen sind die Stempel H angebracht, welche in den Ständern F und F₁ liegen; an F₁ aber sitzt die Scheibe, zwischen welcher und F₁ der gelochte Streifen hindurchgeht oder durch die niedergedrückte Taste hindurchgezogen wird, indem die Taste auf Stifte an einer Welle wirken, von welcher die Bewegung auf eine Trommel übertragen wird, so daß über diese das Papier um das erforderliche Stück fortbewegt wird, nachdem der Stromkreis einer Batterie oder anderen Elektricitätsquelle geschlossen wurde, um die Stempel vorwärts zu bewegen. Beim Loslassen der Taste wird dann der elektrische Strom durch den Elektromagnet M geschlossen, so daß dieser seinen Anker S anzieht, dabei den Daumen T an die Vorsprünge n der Schieber Q bewegt und dadurch einen oder mehrere Stempel schnell von dem Papier P₁ zurückzieht.

In Fig. 19 sind in dem Streifen P₁ die für die Buchstaben ll und S erforderlichen Löchergruppen angedeutet. Ist das ganze Telegramm in solchen Löchergruppen in den dazu bestimmten Streifen eingestanzt, so wird das Ende des Streifens über die Scheibe D₁ des Stromsenders (Fig. 18) gelegt und diese Scheibe mittels der Kurbel |450| mit der gewünschten Geschwindigkeit in Umdrehung versetzt. Den Löchern entsprechend gehen dann die positiven und negativen Ströme in die Linie und durch den Empfänger, und dieser schreibt das Telegramm in Morse-Schrift auf den Streifen P, welcher gleichzeitig über die Scheibe D fortbewegt wird. Aehnlich ist der Vorgang bei Anwendung des chemischen Schreibapparates (Fig. 17). Schließlich wird das Telegramm vor seiner Aushändigung an den Adressaten noch in gewöhnliche Schrift übertragen.

E–e.

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