Titel: Ueber Preiszuerkennung (Prämiirung) bei Ausstellungen; von Professor Dr. W. F. Gintl in Prag.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1874, Band 214 (S. 174–175)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj214/ar214mi02_07

Ueber Preiszuerkennung (Prämiirung) bei Ausstellungen; von Professor Dr. W. F. Gintl in Prag.

In dem officiellen Bericht über Appreturmittel und Harzproducte von Professor Dr. W. F. Gintl macht der Verf. bezüglich Preiszuerkennung (Prämiirung) bei Ausstellungen nachfolgenden, sehr beachtenswerthen Vorschlag.

„Es scheint uns hier der Ort, einen Gedanken auszusprechen, der vielleicht Anlaß zu Erwägungen geben könnte, die wir für zeitgemäß halten. Ohne Zweifel ist sich Jeder darüber klar, daß das moderne Prämiirungswesen der Ausstellungen ein völlig unhaltbares, um nicht zu sagen, geradezu demoralisirendes ist, und keineswegs dem |175| Zwecke entspricht, dem es dienen soll. Soll die Arbeit einer Jury und die Vertheilung von Preisen an Aussteller nicht eine reine Komödie sein, bei welcher der Juror trotz aller Mühe den meist nur schlecht entlohnten Acteur spielt, dann wird es unausweichlich sein, an eine zeitgemäße Reformation des Jury- und Prämiirungswesens zu denken. Wer da weiß, wie unverläßlich meist die auf Ausstellungen eingeholten Informationen über diese oder jene Firma eines fremden Landes sind, wer all die Winkelzüge und die oft bis hart an die Grenze des Erlaubten gehenden Kniffe preisdurstiger Aussteller kennt und Gelegenheit gehabt hat, zu erfahren, wie selbst das Institut der Fragebogen völlig werthlos ist, so lange man nicht die Bestätigung ihres leider nur zu oft ein Gewebe von Lügen der frechsten Art darstellenden Inhaltes durch die hierzu competenten Ortsbehörden, Gremien u. dgl. fordert, der wird zugestehen müssen, daß der Werth einer nach dem üblichen Prämiirungsmodus erworbenen Auszeichnung ein höchst zweifelhafter ist. Solchen Uebelständen gegenüber scheint es nur einen Weg zu geben, der ohne kostspieligen Apparat gestatten würde, das Ausstellungswesen dem Zwecke, dem es dienen soll, entsprechender zu gestalten. Es wäre dies die Einführung der Verkaufsverpflichtung in dem Sinne, daß Jeder, der als Aussteller auftritt, auch die Verpflichtung übernehme, nach dem Muster seiner Ausstellungsobjecte, deren Verkaufspreise Jedermann ersichtlich sein müßten, in geschäftsmäßiger Weise in Verkäufe einzugehen, bezieh. Aufträge zu übernehmen, für welche in Bezug auf Qualität und Preis das Ausstellungsobject die Bedeutung eines Musters hätte. Es brauchte für die Durchführung einer solchen Maßregel nur eine passende Form gefunden zu werden, um mit einem Schlage all den Unzukömmlichkeiten, wie sie sich vornehmlich hinsichtlich der eigentlichen Industrie-Erzeugnisse vielfach eingeschlichen haben, ein Ziel zu setzen. Mindestens würde die ganz gewöhnliche Praxis der Notirung übermäßig billiger Preise, der Herstellung von Scheinobjecten, welche eben nur für die Ausstellung gefertigt sind, u.a.m. wesentlich erschwert werden, und wenn man die bindend abgeschlossenen Verkäufe in verläßlicher Weise zur Evidenz bringen lassen würde, ließe sich ein wesentlich richtigeres Urtheil über die Leistungsfähigkeit der einzelnen Aussteller gewinnen, als dies der Fall sein kann, wenn man sich lediglich auf das Hörensagen stützt. Der reelle Aussteller vermöchte hierbei nur zu gewinnen, und es würde so Manchem die Lust dazu benommen werden, die Ausstellung zu einem Felde des Humbugs und der unredlichen Concurrenz zu machen.

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