Titel: Eine neue Berglocomotive.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1874, Band 214 (S. 419–420)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj214/ar214mi05_02

Eine neue Berglocomotive.

Diese Erfindung des Ingenieurs H. Handyside in Neu-Seeland verwirklicht einen Gedanken, welcher wohl jedem mit der Construction von Fuhrwerken irgend welcher Art beschäftigten Ingenieur schon aufgestoßen sein mag, ohne daß er unseres Wissens bis jetzt jemals eine greifbare Gestalt angenommen hätte. Es handelt sich nämlich darum, das zum Ziehen schwerer Lasten benützte Fahrzeug – zunächst sind hier Locomotiven ins Auge gefaßt – zur Ueberschreitung starker Steigungen als locomobile Winde anzuwenden. Zu diesem Zwecke hat bei der von Handyside construirten Locomotive nichts weiteres zu geschehen, als die Maschine von ihrem Train loszukuppeln, die Steigung allein befahren zu lassen und dann mit einer Kette von einer durch Rädervorgelege angetriebenen Windetrommel den Train langsam der Maschine nachzuziehen. Es liegen dem Referenten Zeichnungen einer nach diesem Systeme Projectirten Locomotive vor, welche thatsächlich in ganz gelungener Weise durchgeführt ist, und Handyside's Erfindung für Bahnen mit einer oder mehreren außergewöhnlich starken Steigungen wohl anwendbar erscheinen lassen. Die Windetrommel liegt hier hinter der Box zwischen den Frames gelagert, und die Kette, welche an ihrem einen Ende an der Trommel befestigt, am anderen Ende an dem Train angehängt ist, dient im aufgewickelten Zustande zugleich als Kuppelung, welche für ebene Strecken die Locomotive mit ihrem Zuge in gewöhnlicher Weise verbindet. Sobald jedoch eine außergewöhnliche Steigung vorkommt, wird die Windetrommel, welche bis jetzt durch eine Klaue festgehalten war, ausgelöst, und die Maschine fährt allein die Steigung hinauf, bis die ganze Länge der Kette abgewickelt ist. Hierauf wird durch einen Klemmschuh, der sich wider den Schienenkopf zwängt, die Maschine am Zurückrollen verhindert und mittels zweier kleiner Dampfcylinder, die zwischen den beiden Treibachsen angebracht sind, die Vorgelegwelle der Windetrommel angetrieben. Sobald auf diese Weise der Zug bis zur Maschine nachgezogen ist, wird durch einen selbstthätigen Buffermechanismus die Windemaschine abgestellt, gleichzeitig wird am hintersten Wagen des Trains eine ähnliche Klemmvorrichtung wie bei der Locomotive eingelöst, um den Zug am Zurückrollen zu verhindern, und die Maschine kann aufs neue allein dem Train vorausfahren und dieselbe Arbeit des Hinauswindens wiederholen.

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Nachdem eine Locomotive sich selbst auf Steigungen bis zu 1/7 sicher fortbewegen kann, andererseits aber die Kraft der Windemaschine durch entsprechende Uebersetzung beliebig gesteigert werden kann, so ist klar, daß mit Anwendung dieses Systemes die Grenze der jetzt für Locomotivbahnen erreichbaren Steigungen – allerdings auf Kosten der Geschwindigkeit – wesentlich erweitert werden kann; dabei ist der Mechanismus so einfach und ohne Störungen in Verbindung mit jeder bestehenden Locomotivbahn durch entsprechende Adoptirung einiger Lastzugsmaschinen durchzuführen, daß wir der Ausbreitung dieses Systemes speciell bei Vicinalbahnen wohl entgegensehen dürfen.

Fr.

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