Titel: Schott, über chemische Vorgänge beim Schmelzen des Glassatzes.
Autor: Schott, Otto
Fundstelle: 1875, Band 215 (S. 529–538)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj215/ar215141

Chemische Vorgänge beim Schmelzen des Glassatzes; von Dr. Otto Schott.

Mit einer Abbildung.

Je nachdem man das Alkali in Form von kohlensaurem oder schwefelsaurem Salz in den Glassatz einführt, ist der chemische Proceß beim schmelzen verschieden. Wendet man einen Glassatz aus Soda, kohlensaurem |530| Kalk und Kieselsäure an, so spricht sich die chemische Reaction beim Schmelzen in folgender Gleichung aus:

Na₂CO₃ + CaCO₃ + 2SiO₂ = Na₂Ca(SiO₃)₂ + 2CO₂

NaO,CO+ CaO,CO+ 2SiO= (NaO,SiO+ CaO,SiO₂) + 2CO

Nach den Untersuchungen von Knapp findet bei steigender Wärme zuerst das Verschmelzen der beiden kohlensauren Salze und später erst die Einwirkung der Kieselsäure statt, deren Einfluß sich in einer heftigen Gasentwickelung zu erkennen gibt. Bevor ich jedoch näher auf den chemischen Proceß beim Schmelzen eines Sulfat-Glassatzes, d.h. eines solchen eingehe, in welchem das Natrium in Form von schwefelsaurem Natrium eingeführt wird, will ich die äußeren Umstände und Erscheinungen dieses Vorganges in der Praxis, soweit dieselben auf den chemischen Proceß Bezug haben, beschreiben.

Die Behandlung des Glassatzes im Ofen bis zur eigentlichen Verarbeitung zerfällt in zwei Perioden, in die wirkliche Schmelzung, d.h. den Uebergang aus dem festen in den flüssigen Zustand (das Gemengschmelzen), und in die Läuterung (das Lauterschmelzen). Die chemische Zersetzung und Einwirkung der Gemengtheile auf einander findet bereits in der ersten Periode statt, während sich in der zweiten, bedingt durch physikalische Vorgänge, die geschmolzene Masse nur noch läutert, indem durch Anwendung der höchstmöglichen Hitzegrade die Schmelze in einen dünnflüssigen Zustand versetzt und das Aufsteigen von Gasblasen und der Glasgalle ermöglicht wird.

Textabbildung Bd. 215, S. 530

Um mich nun von dem Zustande zu überzeugen, in welchem sich die Materialien nach dieser Zeit befanden, ließ ich mittels eines großen eisernen Löffels Proben herausschöpfen. Das aus dem Inneren Genommene war kaum glühend, noch trocken und sandartig, wie vor dem Einlegen in den Hafen. Es erhellt hieraus, ein wie schlechter Wärmeleiter der Glassatz sein muß, da selbst bei voller Weißglut und einer |531| Schmelzdauer von mehreren Stunden der innere Theil des Satzes nicht zum Glühen gebracht worden war. Der mittlere Theil, welcher den Uebergang zum flüssigen äußeren Theil bildete, war der interessanteste; es ließ sich hier die Zersetzung und Glasbildung deutlich in ihrem Vorschreiten beobachten. Bei der herausgenommenen Probe war diese Schicht 1 bis 2 Cm. dick und erkaltet, der beigemengten Kohle wegen, von grauer Farbe. Die Masse war blasig zusammengesintert, ein Zeichen der angehenden Schmelzung; neben Sand, Sulfat und Kohle ließen sich noch angeschmolzene Kalkspathpartikelchen erkennen, welche mit Säuren aufbrausten.

Behandelte man einen Theil der Masse mit Säuren, so entwickelte sich neben Kohlensäure auch Schwefelwasserstoff, welcher sich ohne Zweifel durch Zersetzung von Schwefelnatrium bildete. Auch zeigten sich an verschiedenen Stellen des Productes braune Flecken, welche in der Mitte Kohle-(Coaks-)Stückchen enthielten; doch war diese Färbung nicht, wie man vielleicht vermuthen könnte, von einem Bitumengehalt der Kohle bedingt, sondern rührte von Schwefelnatrium her, welches bekanntlich das Glas braun färbt und sich an dieser Stelle durch einen kleinen Kohlenüberschuß gebildet hatte.

Der äußere flüssige Theil, welcher schon glasig zu nennen war, hatte in Folge unverschmolzener Sandpartikelchen ein weißes Ansehen und enthielt noch viele Gasblasen. Bei weiterer Einwirkung von Wärme schreitet nun die Zersetzung und Schmelzung nach Innen unter Gasentwickelung und stetiger Abnahme des Volumens allmälig fort, bis nach einer Dauer von 5 bis 7 Stunden – einer Zeit, welche sich nach der Größe des Hafens richtet – Alles flüssig ist und die geschmolzene Masse 3/4 des ursprünglichen Volumens einnimmt. Das vollständige Verschmelzen des bis zuletzt kugelig bleibenden inneren Theiles muß abgewartet werden, ehe man dazu schreiten kann, zur weiteren Füllung des Hafens eine zweite Portion des Satzes einzufüllen. Gebrauchte man diese Vorsicht nicht, so würde sich ein Fehler, das sogen. „Steinigwerden“ des Glases einstellen, welches darin seinen Grund hat, daß ein unzersetzbares, zusammengesintertes Gemenge von Glaubersalz und Sand in kleinen Stückchen im Glase suspendirt bleibt.

Nach dem Verschmelzen der zweiten Portion fügt man eine dritte und, wenn es nothwendig sein sollte, zur vollständigen Füllung des Hafens mit geschmolzenem Glase, eine vierte Charge unter Beobachtung des oben Gesagten hinzu. Die Dauer für das Flüssigwerden dieser zwei resp. drei letzten Zusätze beträgt gewöhnlich 4 Stunden, wonach also das |532| ganze Gemengschmelzen eine Zeit von 9 bis 11 Stunden beansprucht. Nimmt man alsdann eine Probe des Glases heraus, so bemerkt man noch unverschmolzene Sandpartikelchen neben Gasblasen in der Schmelze.

In der zweiten Periode, jener des Lauterschmelzens, muß zunächst der Ofen auf die höchstmögliche Temperatur gebracht werden. Die Gasentwickelung steigert sich hierbei sehr bedeutend und bringt ein eigenthümliches Geräusch hervor, das schon in einiger Entfernung vom Ofen vernommen wird; es gleicht dem, welches man bei einer stürmisch verlaufenden Entbindung von Gas in einer Flüssigkeit zu hören gewohnt ist. In der That ist auch um diese Zeit das Glas in einem schaumigblasigen Zustande, wovon man sich durch eine weitere Probe leicht überzeugen kann.

Nachdem so alles Rohmaterial bis auf einen gewissen, in der ganzen Masse vertheilten Rest von Kieselsäure zu einem klaren Glase verschmolzen war, erfolgte die oben genannte Gasentwickelung – ein Umstand, welcher unzweifelhaft darauf hindeutet, daß der kohlensaure Kalk als solcher wenigstens zum Theil ins Glas tritt und erst durch eine sehr hohe Temperatur unter dem Einfluß der noch vorhandenen überschüssigen Kieselsäure seine Kohlensäure vollständig verliert. Trotzdem nun alle Kieselsäurereste verschmolzen sind und die Läuterung bereits einige Stunden gedauert hat, darf man doch den Proceß noch nicht unterbrechen; es muß das Aufsteigen der Gasblasen und der Glasgalle – Vorgänge, welche in der zähflüssigen Masse immer längere Zeit in Anspruch nehmen, erst vollkommen beendigt sein.

Die Glasgalle schwimmt zum Schluß auf dem flüssigen Product und wird, wenn sie nicht in zu großer Menge vorhanden ist, durch Aufwerfen von Kohle entfernt, wodurch eine weitere Zersetzung und Verschmelzung des in ihr enthaltenen Glaubersalzes stattfindet; anderenfalls schöpft man dieselbe mit einem eisernen Löffel ab. Sie besteht zum größten Theil aus schwefelsaurem Natrium, welches aus Mangel an Kohle beim Schmelzen unzersetzt blieb. Sind in den Materialien auch solche Substanzen vorhanden, beispielsweise Kochsalz, welche nicht zu Glas verschmelzen können, so gehen diese ebenfalls in die Galle.

Die den Glassatz zusammensetzenden Substanzen, von welchen der Schmelzproceß abhängt, sind: Kieselsäure, schwefelsaures Natrium, Kohle und kohlensaures Calcium.

Von den bei hoher Temperatur möglichen Wechselwirkungen dieser Substanzen sind, mit Weglassung des kohlensauren Kalkes, drei hier in Betracht zu ziehen. Läßt man einmal 2 Atome Kohlenstoff auf 1 Molecül |533| Na₂SO₄ und SiO₂ einwirken, so würde der Proceß nach folgender Gleichung verlaufen:

(1) Na₂SO₄ + 2C + SiO₂ = Na₂S + 2CO₂ + SiO₂
NaO,SO+ 2C + SiO= NaS + 2CO+ SiO₂ (vergl. 1874 212 153).

Eine derartige Einwirkung der Materialien auf einander findet nach den gegenwärtigen Ansichten* als einleitende Phase bei dem Leblanc'schen Sodaschmelzproceß statt, soll aber hier nicht vor sich gehen, weil ja der Schwefel in gasförmiger Verbindung austreten muß. Ich werde aber doch Gelegenheit haben, auf diese Umsetzungsgleichung zurückzukommen, da unter Umständen die Schmelzreaction allerdings theilweise nach derselben erfolgen kann. Läßt man indessen 1 At. Kohle auf 1 Mol. der anderen Substanzen wirken, so kann sich der Vorgang folgendermaßen gestalten:

(2) Na₂SO₄ + C + SiO₂ = Na₂SiO₃ + CO + SO₂
NaO,SO+ C + SiO= NaO,SiO+ CO + SO

Betheiligen sich dagegen an dem Processe 2 Mol. Na₂SO₄ und 2SiO₂ auf 1 At. Kohlenstoff, so erhalten wir die Gleichung:

(3) 2Na₂SO₄ + C + 2SiO₂ = 2Na₂SiO₃ + CO₂ + 2SO₂
2NaO,SO+ C + 2SiO= 2NaO,SiO+ CO+ 2SO

Welcher von diesen beiden letzten Vorgängen der Wirklichkeit am meisten entspricht, soll im folgenden erörtert werden.

Rechnet man das Molecularverhältniß der zum Glassatz gewöhnlich zugesetzten Kohle in Bezug auf das schwefelsaure Natrium aus, so beträgt dasselbe in Glassätzen, nach denen schon Jahrzehnte geschmolzen wird, ungefähr 0,6. Es wäre jedoch nach diesem Verhältnis der Zusatz an Kohle unzureichend, wenn der chemische Proceß nach der Gleichung (1) erfolgte und nicht etwa durch irgend welche Umstände im Verlauf der Schmelzung die fehlenden 0,4 Atome Kohlenstoff durch neu hinzutretende Reductionsmittel ersetzt würden. Desungeachtet lassen sich wirklich Thatsachen finden, welche für den chemischen Vorgang nach der Formel (1) sprechen und den scheinbar umgenügenden Zusatz an Kohle rechtfertigen. Einmal fliegen aus dem Feuerungsraum Kohlenpartikelchen in nicht unbeträchtlicher Menge in die Glasmasse und betheiligen sich dort an der Zersetzung, wie daraus hervorgeht, daß Oefen mit Gasheizung, bei welchen also Kohle von der Feuerung in die Glasmasse gelangen kann, zur vollständigen Zersetzung 10 bis 20 Proc. Kohlezusatz mehr erhalten müssen; sodann verflüchtigen sich während des Schmelzens 10 bis 15 Proc. Alkali, welche noch nicht ins Glas übergegangen waren und zur Zersetzung also noch keine Kohle nöthig hatten.

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Ob außerdem die bei der hohen Temperatur des Glasofens wohl nicht ausbleibende, directe Austreibung von Schwefelsäure durch Kieselsäure aus dem Glaubersalz eine merkliche ist und den Minderverbrauch an Kohle auch theilweise erklären würde, mag dahin gestellt sein.

Verliefe der Schmelzproceß nach der Gleichung (3), so würde der Glassatz 0,1 Atom Kohlenstoff zu viel enthalten. Bedenken gegen die Wahrscheinlichkeit dieser Formel sind leicht beseitigt, wenn man in Betracht zieht, daß einerseits die Kohle, welche gewöhnlich in Form von Coaks angewendet wird, zumeist an 10 Proc. Asche enthält, und andererseits auch die in Folge der pulverförmigen Beschaffenheit des Materiales in den Hafen eingeschlossene Luft oxydirend auf einen Theil der Kohle wirkt.

Wie aus dem bisher Gesagten hervorgeht, läßt sich aus der Quantität der dem Glassatz zugesetzten Kohle kein definitiver Schluß auf die Einwirkung der Rohmaterialien auf einander ziehen. Ich habe indessen auch das übrige Verhalten des Glassatzes bei seiner Verschmelzung zu Glas erwogen und hierbei ein weiteres, für die Aufstellung einer Zersetzungsgleichung wichtiges Moment gefunden. Ginge nämlich der chemische Proceß nach der Gleichung (2) vor sich, so müßte das sich hierbei entwickelnde Kohlenoxyd, an die Oberfläche des Glases tretend, mit blauer Flamme verbrennen – eine Beobachtung, welche ich trotz vielfacher Bemühungen nie habe machen können. Aus diesem Grunde neige ich mich der Ansicht zu, welche in der Gleichung (3) ihren Ausdruck findet.

Um weitere Gründe für die oben aufgestellten Gleichungen beizubringen, habe ich außerdem einige Versuche im Laboratorium angestellt. Es stand mir zu diesem Zwecke ein mit einer sehr gut ziehenden Esse in Verbindung stehender eiserner, sogenannter Kanonenofen zur Verfügung. Ich füllte einen Porzellankolben von 8 Cm. Durchmesser und 25 Cm. Höhe mit einem Glassatz von

Sulfat 70,4 Grm.
Kohle 3,4 „
Calciumcarbonat 57,2 „
Sand 120,0 „

Anmerkung: Um den Satz nicht zu schwer schmelzbar zu machen, ist der Zusatz an Sand ein geringerer als in der Praxis.

In dem Hals des Kolbens war mittels eines Kittes aus Wasserglas und Kreide ein Glasrohr von 1,5 Cm. Durchmesser, 60 Cm. Länge befestigt. Das obere, rechtwinkelig gebogene und ausgezogene Ende des Rohres stand durch einen Gummischlauch mit 3 Woulf'schen Flaschen in Verbindung, von denen die erste eine Lösung von Kupferchlorür in |535| Salzsäure, die zweite eine Lösung von übermangansaurem Kali, die dritte eine ammoniakalische Chlorbariumlösung enthielt. In der ersten Flasche sollte das eventuell sich bildende Kohlenoxydgas, in der zweiten die schweflige Säure und in der dritten die Kohlensäure absorbirt werden. So vorbereitet, setzte ich den Kolben dem Feuer aus.

Die Zersetzung der Materialien begann schon bei verhältnißmäßig niedriger Temperatur (mittlere Rothglut) und äußerte sich in einer ziemlich heftigen Gasentwickelung. Unterbrach ich die Verbindung des Kolbens mit der Flasche und ließ die Zersetzungsgase in die Atmosphäre treten, so entstand ein intensiver Geruch nach schwefliger Säure. – Der Kolben blieb 2 1/2 Stunden dem Feuer ausgesetzt, während welcher Zeit mehr oder minder Weißglut herrschte. Gegen Schluß destillirte eine geringe Menge elementaren Schwefels aus dem Kolben über, dessen Entstehen ich mir so erkläre, daß etwas gebildetes Kohlenoxyd mit schwefliger Säure sich umgesetzt hatte (2CO + SO₂ = 2CO₂ + S). Nach dem Erkalten wurde der Porzellankolben zerschlagen. Ich fand fast die ganze Masse zu einem klaren Glase verschmolzen. Der obere Theil hatte wegen der nach oben stattfindenden Wärmestrahlung nicht die nöthige hohe Temperatur erhalten und war deshalb nur zusammengesintert.

Bei Untersuchung der Absorptionsflüssigkeiten zeigte sich in der letzten Flasche eine bedeutende Menge kohlensaurer Barit. Die Lösung von übermangansaurem Kali ergab bei der Prüfung auf Schwefelsäure einen sehr starken Niederschlag von schwefelsaurem Barit. In der ersten Flasche war kein Kohlenoxyd oder höchstens eine sehr geringe Spur gelöst.

Hiernach sind also die gasförmigen Zersetzungsproducte eines Sulfatglassatzes: Kohlensäure und schwefelige Säure.

Zur Beibringung weiterer Beweise für die Entstehung von Kohlensäure als Zersetzungsproduct, habe ich nach einander noch folgende Versuche angestellt.

Um mich zu überzeugen, ob schon bei der Temperatur des Verbrennungsofens das Kohlenoxydgas, ohne in statu nascendi zu sein eine Reduction des schwefelsauren Natriums herbeizuführen vermöge, brachte ich in einer Verbrennungsröhre Glaubersalz zum Glühen und leitete Kohlenoxydgas über dasselbe. Es bestätigte sich meine Vermuthung vollkommen, indem Schwefelnatrium in bedeutender Menge entstand. Da dieser Fall dem der Praxis nicht ganz entspricht, so wiederholte ich denselben Versuch und setzte dem Glaubersalz fein vertheilte, auf flüssigem Wege dargestellte Kieselsäure zu. Es entwickelte sich dann neben überschüssigem Kohlenoxyd, schweflige Säure und Kohlensäure. Das Gemenge im Rohr bestand aus kieselsaurem Natrium, schwefelsaurem |536| Natrium und Schwefelnatrium. Mäßigte ich den Zutritt von Kohlenoxyd, so verließ nur sehr wenig von diesem Gas die Röhre; die bei weitem größte Menge wurde zur Reduction verwendet.

Aus den beiden letzten Versuchen folgt, daß Kohlenoxyd, selbst wenn es nicht in statu nascendi ist, auch bei einer im Vergleich zu der des Glasofens niedrigen Temperatur mit schwefelsaurem Natrium und einem Gemenge desselben mit Kieselsäure sich umsetzt (a) zu Schwefelnatrium und Kohlensäure, resp. (b) kieselsaurem Natrium, schwefliger Säure und Kohlensäure:

(a) 4CO + Na₂SO₄ = Na₂S + 4CO₂
4CO + NaO,SO= NaS + 4CO
(b) CO + Na₂SO₄ + SiO₂ = Na₂SiO₃ + SO₂ + CO₂
CO + NaO,SO+ SiO= NaO,SiO+ SO+ CO₂.

Findet nun schon in solchen ungünstigen Fällen diese Zersetzung statt, um wie viel mehr wird die Reaction bei der hohen Temperatur des Glasofens erfolgen, da bei ihr neben Kohlenoxyd kein schwefelsaures Natrium bestehen kann.

Die Zersetzung verläuft jedoch nicht so glatt, wie es die Formel angibt. Das Auftreten von Schwefelsäure z.B., welche bei der sehr hohen Temperatur von der Kieselsäure aus dem Sulfat in geringem Maße direct ausgetrieben wird, zeigt schon eine Ausnahme von der aufgestellten Gleichung (3) an. Auch geht eine theilweise Zersetzung nach Gleichung (1) vor sich unter Bildung von Schwefelnatrium, wie dies bereits bei den Schmelzerscheinungen beschrieben wurde. Die dort genannten rothbraunen Partien treten nur während einer gewissen Zeit des Schmelzens auf; später verschwinden dieselben wieder in Folge einer Zersetzung des Schwefelnatriums, des schwefelsauren Natriums und der Kieselsäure, wie sie folgende Gleichung ausdrückt:

(4) Na₂S + 3Na₂SO₄ + 4SiO₂ = 4Na₂SiO₃ + 4SO₂
NaS + 3NaO,SO+ 4SiO= 4NaO,SiO+ 4SO

Der Nachweis dieser Art der Zersetzung läßt sich durch einen Versuch im Kleinen leicht führen. Ich schmolz in einem hessischen Tiegel 1 Mol. Na₂S, 3 Mol. Na₂SO₄ und 4 Mol. SiO₂; dieselben ergaben ein vollständig klares Wasserglas.

Dem Schmelzproceß kann man auch obige Gleichung vollständig zu Grunde legen und dann die Umsetzung zwischen Glaubersalz, Kohle und Kieselsäure so erklären, daß zuerst eine Bildung von Schwefelnatrium nach Gleichung (1) vor sich geht, welches sich in statu nascendi mit dem Glaubersalz nach obigem Vorgange umsetzt. Vielleicht hat diese Auffassung des Schmelzvorganges manches für sich. Da wahrscheinlich auch |537| andere Schwefelmetalle in demselben Sinne reducirend auf das Glaubersalz wirken, so wäre daran zu denken, Schwefelcalcium anstatt der Kohle und zugleich als Kalk einführende Substanz zu verwenden und so wenigstens theilweise die Sodafabrikanten von den lästigen Aeschern zu befreien; außerdem aber würde die Kohle erspart. Es wäre interessant hierüber Versuche anzustellen.

Enthält der Glassatz einen Ueberschuß von Kohle, so ruft dieselbe eine so heftige Gasentwickelung hervor, daß sich das Glas manchmal über die Hafenrandungen in den Ofen ergießt. Es wird dabei nach dem Vorgange der Gleichung (1) Schwefelnatrium gebildet. Die an die Oberfläche tretenden Blasen entzünden sich, sind also Kohlenoxydgas, dessen Entstehen aber nicht auf die Gleichung (2) zurückzuführen ist, sondern denselben Grund hat wie beim Sodaschmelzproceß; es wird nämlich die aus dem Calciumcarbonat frei werdende Kohlensäure von der überschüssigen glühenden Kohle zu Kohlenoxyd reducirt: C + CO₂ = 2CO. Ein unter solchen Umständen entstehendes Glas ist immer durch Schwefelnatrium stark braun gefärbt.

Bei den bisherigen Betrachtungen hatten wir den kohlensauren Kalk unberücksichtigt gelassen. Es setzt sich derselbe im Verlauf des Schmelzens mit dem vorhandenen kieselsauren Natrium und der Kieselsäure nach folgender Gleichung um:

Na₂SiO₃ + CaCO₃ + SiO₂ = Na₂Ca(SiO₃)₂ + CO₂

NaO,SiO+ CaO,CO+ SiO= (NaO,SiO+ CaO,SiO₂) + CO

ein Vorgang, welcher sich durch vermehrte Kohlensäure-Entwickelung äußert. Die Richtigkeit dieser Auffassung wird einleuchten, wenn man sich die Schmelzerscheinungen nochmals vergegenwärtigt und bedenkt, daß in dem Uebergangs- und Schmelzstadium der Kalkspath seine Kohlensäure nur zum Theil verliert, der Rest aber ohne weiteres in Lösung geht. Auch hat schon Bischof nachgewiesen, daß kohlensaurer Kalk von geschmolzenem sowohl, als von in Lösung befindlichem kieselsaurem Natrium ohne Gasentwickelung gelöst wird. Hiernach wäre der ganze Schmelz- und Zersetzungsproceß durch folgende zwei Phasen ausgedrückt:

(α) 2Na₂,SO₄ + C + 2SiO₂ = 2Na₂SiO₃ + 2SO₂ + CO₂
2NaO,SO+ C + 2SiO= 2NaO,SiO+2SO+ CO₂.
(β) Na₂SiO₃ + CaCO₃ + SiO₂ = Na₂Ca(SiO₃)₂ + CO₂
NaO,SiO₂ + CaO,CO₂ + SiO₂ = (NaO,SiO₂ + CaO,SiO₂) + CO₂.

Fassen wir alles bisher Gesagte kurz zusammen, so ergibt sich, daß bei der Schmelzung eines Glassatzes von Kieselsäure, Glaubersalz, Kohle und kohlensaurem Calcium zuerst eine Umsetzung des Glaubersalzes mit Kohle und Kieselsäure zu kieselsaurem Natrium, Kohlensäure und schwefliger |538| Säure mit einer theilweisen Zersetzung und Auflösung des kohlensauren Calciums stattfindet. Das hierbei entstehende Product hat zwar bereits einen glasartigen Charakter, jedoch geht die vollständige Zersetzung des aufgelösten Calciumcarbonates erst bei erhöhter Temperatur durch die in der Schmelze noch suspendirten Kieselsäurepartikelchen vor sich. Der Schluß der Zersetzung äußert sich zugleich in einer bedeutenden Gasentwickelung.

Es dürfte nach diesen Versuchen und Auseinandersetzungen wohl keinem Zweifel mehr unterliegen, daß nicht Kohlenoxyd, wohl aber Kohlensäure beim Schmelzproceß entsteht und die Zersetzung der Materialien im Glashafen nach Gleichung (α) und (β) erfolgt.

Leipzig, den 21. Februar 1875.

|533|

Für gewöhnlich: Na₂SO₄ + 4C = Na₂S + 4CO (NaO,SO + 4C = NaS + 4CO).

D. Red.

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