Titel: Hartglas.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 215 (S. 186–187)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj215/ar215mi02_10

Hartglas.

Mit diesem neuen sogen. „elastischen Glas“ von de la Bastie in Richmond (Departement Ain) sind auf Veranlassung der Eisenbahnverwaltung im Bahnhof von Pont d'Ain folgende Versuche angestellt worden. Man legte zuerst eine 6 Millim. dicke Scheibe von gewöhnlichem Tafelglas in einem Holzrahmen auf den Boden und ließ darauf ein Gewicht von 100 Grm. aus geringer Höhe fallen. Bei einem Fall aus 0,8 Meter Höhe wurde die Scheibe zertrümmert. Alsdann ersetzte man dieselbe durch eine von |187| diesem neuen Glas, die jedoch nur 3 Millim. dick war. Diese hielt den Fall desselben Gewichtes noch bei 5,5 M. Fallhöhe aus und zerbrach erst bei 5,75 M. Fallhöhe. Es ergab sich, daß die Glasscheibe nicht wie die vorige in größere oder kleinere Stücke zerbrach, sondern in ganz kleine Krystalle sich zertheilte, was von einer eigenthümlichen Veränderung der molecularen Zusammensetzung zeugt. Auf den Boden geworfen, sprang eine Scheibe wieder zurück und gab einen metallähnlichen Klang von sich. Die Probe auf die Widerstandsfähigkeit des gehärteten Glases gegen den Einfluß der Hitze veranlaßte eine weitere Reihe von Versuchen. Ein gewöhnlicher Glasstreifen wurde der Flamme einer Lampe ausgesetzt; nach 24 Secunden zersprang derselbe, während ein ähnlicher Streifen des gehärteten Glases auch nach langer Zeit und fast bis zur Rothglut der Flamme Widerstand leistete; auch als man den so erhitzten Streifen in kaltes Wasser tauchte und denselben naß wieder auf die Flamme brachte, blieb er unversehrt.

Aus beiden Versuchen ist ersichtlich, daß das gehärtete Glas (verre trempé) äußeren Einwirkungen gut widersteht und daß die Hitze keinen zerstörenden Einfluß auf dasselbe ausübt. Lampencylinder würden z.B. jede Probe bestehen, und auch für Küchen- und Haushaltungsgeschirre würde dasselbe vortheilhafte Anwendung finden können.

Die deutsche Industriezeitung gibt einen Auszug aus dem Patent, welches de la Bastie am 12. August 1874 (Nr. 2783) auf das Tempern – vielleicht richtiger mit „Anlassen“ als mit „Härten“ zu übersetzen – von Glas in England erhielt. Danach besteht die Erfindung darin, daß das Glas, während es etwa bis zum Erweichen erwärmt ist, in ein flüssiges Bad von geringerer Temperatur eingetaucht wird, und zwar in hermetisch eingeschlossene Bäder von Oel, Fett, Wachs, harzigen oder bituminösen Stoffen, die bei einer bedeutend unter der Siedehitze des Wassers liegenden Temperatur schmelzen. Der Ofen zum Erhitzen des Glases und das Temperbad stehen mit einander in Verbindung, so daß das Eintauchen mit möglichst wenig Arbeit erfolgen kann. Zu diesem Zwecke hat Bastie besondere Einrichtungen der Oefen und Muffeln etc. construirt.

Pilati (Glashütte, 1875 S. 10) hat gehärtetes blaues Glas untersucht. Das spec. Gew. ist 2,522, die Härte 5, also etwas geringer als bei gewöhnlichem Glas.

Dasselbe enthielt:

68 Kieselsäure

10 Kalk

2 Thonerde r.

17 Alkalien

3 Verlust nebst Spuren von Magnesium-, Eisen-, Chlor- und Kobalt-Verbindungen.

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