Titel: Ueber das Vanillin der Nadelholzwälder; von Dr. Th. Hartig.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 215 (S. 187–188)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj215/ar215mi02_12

Ueber das Vanillin der Nadelholzwälder; von Dr. Th. Hartig.

Bereits vor mehr als zehn Jahren fand ich in den Cambialsäften der Nadelhölzer, außer dem sphenoedrischen Cambialzucker und der phosphorsauren Magnesia, einen krystallinisch darstellbaren, dem Salicin ähnlichen Körper, den ich zuerst Laricin, später Coniferin nannte.

Die Darstellung desselben geschieht in folgender Weise: Fichten, Tannen, Lärchen, Kiefern, Weymouths-Kiefern, von Mitte Mai bis Mitte Juli gefällt, werden nach und |188| nach ihrer Rinde und der Bastschichten entkleidet, die jungen, von Säften strotzenden Holzfasern mit Glasscherben von den schon fest gewordenen Holzlagen abgeschabt und in untergestellten Gefäßen gesammelt. Das Abgeschabte wird darauf durch feine Preßtücher vom Saftgehalte getrennt und letzterer sofort aufgekocht. Das dadurch gerinnende Eiweiß mit den von ihm eingehüllten, festen Körpern des Preßsaftes (Zellkerne, Stärkemehl) bleiben auf einem Filter von Fließpapier zurück, während man ein klares Filtrat erhält, welches, auf ungefähr 1/5 des ursprünglichen Volumens vorsichtig abgedampft, den Cambialzucker sowohl wie das Coniferin in kystallinischer Form ausscheidet. Durch Behandlung mit kaltem Wasser läßt sich das darin schwer lösliche Coniferin vom Zucker scheiden, krystallisirt dann in weißen, nadelförmigen, meist drusig gruppirten Krystallen, die auf concentrirte Schwefelsäure mit dunkel violetter Farbe reagiren, deren Zusammensetzung von Dr. Kubel, damals Assistent am hiesigen Polytechnicum, durch C₂₄H₃₂O₁₂ + 3aq, später durch Ferd. Tiemann und W. Haarmann (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 1874 S. 608) mit C₁₆H₂₂O₈ + 2aq bezeichnet wurde. Es ergab sich, daß das den Glycosiden zugehörende Coniferin durch Behandlung mit Emulsin in Fruchtzucker und einen zweiten Körper spaltbar ist, dessen krystallinische Form, dessen Farbe, Geruch und Geschmack gleich sind denen des Körpers, welcher die Vanilleschalen des tropischen Amerika durchtränkt und auf der Außenfläche dieser Früchte eine weiße kristallinische Efflorescenz bildet.

Durch Behandlung wässeriger Coniferin-Lösung in einem erwärmten Oxydationsgemisch aus Kaliumbichromat und Schwefelsäure wird eine Flüssigkeit erhalten, aus der Aether ein gelbes Oel aufnimmt, welches nach Verdunsten des Aethers zu nadelförmigen. nach Vanille riechenden und schmeckenden, in Aether und Alkohol leicht löslichen Vanillinkrystallen C₈H₈O₃ erstarrt.

Bereits hat die patentirte Gewinnung des Vanillins im Großen in Thüringens Fichtenwäldern begonnen und verspricht gewinnreich zu werden, in Folge des hohen Preises der bekannten Vanilleschooten und des Umstandes, daß die Leistungsfähigkeit des Vanillins die der theuren Vanillefrüchte muthmaßlich um mehr als das Zehnfache übersteigen dürfte.

Die durch blaue Färbung scharf hervortretende Reaction der Schwefelsäure auf Coniferin zeigt einen reichen Gehalt auch der Bastschichten an diesem Stoffe. Obgleich mir eine Abscheidung desselben aus den Bastschichten bisher nicht geglückt ist, zweifle ich doch nicht an der Ausführbarkeit derselben in irgend einer Weise. Es wäre dies ein Fortschritt von großer Wichtigkeit, da durch die Entrindung stehender Stämme (Abwelken) die sowohl Dauer, als Brennkraft schädigende Fällung der Bäume in der Saftzeit vermieden werden könnte. (Nach dem Handelsblatt für Walderzeugnisse, 1875 Nr. 1.)

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