Titel: Ueber den Verkehrsdienst auf amerikanischen Straßenbahnen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 215 (S. 280–281)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj215/ar215mi03_02

Ueber den Verkehrsdienst auf amerikanischen Straßenbahnen.

Ingenieur E. Pontzen theilte in dem oben citirten Vortrag über den Verkehrsdienst auf amerikanischen Straßenbahnen folgendes mit.

Auf den amerikanischen Tramway-Linien sind nicht, wie z.B. in Wien, zahlreiche obligate Haltestellen. Der Waggon hält nur so oft, als eine Dame ein- oder aussteigen will; die Herren springen meist während der Fahrt auf und ab. Das Gebot, für die Damen zu halten, hat zu gewissen Tagesstunden häufige Aufenthalte zur Folge und ließ die Nothwendigkeit kräftiger und rasch wirkender Bremsen empfinden. Der Vortragende weiß nicht, ob die dortigen Bremsen besser sind als unsere, aber das ist gewiß, daß sie in ausgiebigerer Weise gebraucht werden. Die Tramway-Wagen haben nämlich keine Stangen, und werden die Pferde nicht mitbenützt, um den Wagen zum Stehen zu bringen. Der Kutscher muß dies blos durch die Bremse bewerkstelligen. Das hat den Vortheil der besseren Erhaltung der Pferde, deren Vorderfüße nicht so rasch zu Grunde gerichtet werden. Bei dem Umstande, daß die Tramway-Linien in den geraden Straßen der amerikanischen Städte nur selten in Krümmungen laufen, mag diese Weglassung der Wagenstange doppelt gerechtfertigt sein.

|281|

Zur Ausübung der Controle sind verschiedene Systeme angewendet. Es sei nur jenes erwähnt, das besonders auffiel. In Buffalo bedient man sich zum Markiren der Fahrkarten solcher Zangen, welche nicht nur die ausgestanzten Scheibchen, statt sie zu Boden fallen zu lassen, in ein Reservoir aufnehmen, sondern auch bei jedesmaligem Stanzen einen Glockenschlag ertönen lassen. Die Fahrkarten von verschiedenen Preisen haben verschiedene Farben, und ist durch die Zahl der ausgestanzten verschiedenfarbigen Stücke die Controle ermöglicht. Mitfahrende Aufsichtsorgane beobachten unbemerkt, ob jeder Passagier eine Karte erhält, indem bei Ausfolgung und gleichzeitiger Durchstanzung derselben ein Glockenschlag ertönen muß. Bei jenen Waggons, welche von nur einem Pferde gezogen werden, schien es nicht entsprechend, zwei Personen – nämlich Kutscher und Conducteur – zu beschäftigen. Es genügt da der Kutscher allein, wenn hinter ihm an der Stirnseite des Wagens ein Sammelkasten für das Geld angebracht ist, welcher vorn und rückwärts mit Glas verschlossen ist. Der Kutscher bemerkt an den Wagenfedern das Einsteigen eines Reisenden. Er klingelt nun so lange, bis er auf der Drosselklappe, welche den Sammelkasten in zwei Theile theilt und welche von ihm umgedreht werden kann, das Geld des Passagiers sieht. Die Mitreisenden werden bei einem Passagier, der nicht sofort zahlen will, bald des lästigen Geklingels müde und sind gewiß diejenigen, welche zuerst den säumigen Zahler auffordern, seiner Pflicht nachzukommen. Wenn auch hie und da ein Mitreisender die Gesellschaft verkürzt, so fährt dieselbe doch noch immer besser, als wenn sie einen Conducteur anstellen müßte.

J.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: