Titel: Seekrankheit.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 215 (S. 287–288)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj215/ar215mi03_20
|288|

Seekrankheit.

Ueber die Ursache dieses in vieler Beziehung räthselhaften Leidens hat Prof. Nagel im „Wiener ärztlichen Vereine“ auf Grund eigener Beobachtungen folgende Erklärung gegeben. Es ist so ziemlich allgemein bekannt, daß beiderseits am Halse ein wichtiger Nerv herabgeht, welcher sich in dem Kehlkopfe und den Lungen verzweigt, sodann aber zum Magen hinabsteigt und auf demselben sich in ein Geflecht auflöst. Die Aufgabe dieses mit dem Namen nervus vagus belegten Nerven ist eine dreifache. Einmal die Gefühlszustände des Athmungsbedürfnisses, des Herzens u.s.w. dem Gehirne zuzuleiten; zweitens den Rhythmus der Athmungsbewegungen zu reguliren; drittens die Richtung der Schling- und Magenbewegungen von oben nach abwärts, die sogenannte peristaltische Bewegung zu vermitteln, um die Umkehrung dieser wurmförmig fortschreitenden Bewegung zu hindern. Wird nun durch specifisch schwächend auf denselben wirkende Potenzen, z.B. Ekelgefühle, betäubende Gifte, Brechmittel, die Thätigkeit dieses Nerven beeinträchtigt, so treten stoßweise abgehackte, convulsivische Bewegungen des Zwerchfelles und der Bauchmuskeln ein, welche schließlich mit Erbrechen, nämlich der Umkehrung der Magenbewegung enden.

Ganz dieselben stoßweise abgehackten Bewegungen werden aber, und zwar willkürlich ausgeführt von demjenigen, welcher den Boden unter sich weichen fühlt, und in Gefahr geräth, das Gleichgewicht zu verlieren. Da nämlich der Schwerpunkt des Körpers bei den meisten Menschen in der Magengegend liegt, und sich beim Athmen nach auf- und abwärts verrückt, so ist bei der Unsicherheit der Situation auf einer schwankenden Ebene die höchstmögliche Anstrengung der genannten Bauchmuskeln nothwendig, um für die Erhaltung des Schwerpunktes in normaler Höhe vom Boden eingestellt zu werden. Da nun die Ohnmacht, die passiven Bewegungen genügend zu compensiren und denselben im Geiste zu folgen, außerdem ein tiefes Unbehagen erzeugt, so sind hiermit die Bedingungen zu einer tumultuarischen Zusammenziehung des Magens und der Bauchmuskeln sattsam gegeben, wozu dann als Hilfsursachen mancherlei Umstände, die kranke Umgebung, üble Gerüche u.s.w. hinzutreten. Personen mit lebhafter Einbildungskraft bedürfen dieser thatsächlichen Bedingungen gar nicht, um seekrank zu werden. Es genügt hierzu, daß sie vom Ufer oder von einer Brücke die Wellen betrachten, oder das Schwanken eines Bootes beobachten, oder von einer bedeutenden Höhe hinabblicken, und sich der Täuschung des Umfallens für Augenblicke hingeben.

Da die obengenannten constitutionellen Bedingungen bezüglich der Lage des Schwerpunktes und der Beweglichkeit desselben sich künstlich nicht ändern lassen, so ist auf rationelle Weise gegen die Seekrankheit Vorkehrung zu treffen nur in sofern möglich, als erstens durch von Jugend auf angewöhnte Turnübungen auf dem Schaukelbrete, dem Caroussel, auf der Eisfläche eine Leichtigkeit in der Compensation passiver Bewegungen erworben werden kann, zweitens durch den Aufenthalt in der Nähe des Mastbaumes die Bewegung des Schiffes weniger fühlbar gemacht wird, drittens das Athmen bei gestützten Armen, regelmäßig fortgesetzt und der Blick in die Ferne gerichtet wird; denn die sich in verschiedener Richtung kreuzenden Bewegungen der Gegenstände auf dem Schiffe, der Wellen und des eigenen Körpers stören das Coordinationsvermögen der Muskeln am tiefsten, und soll der Blick an solchen nie verweilen. Der Aufenthalt auf dem Verdecke in freier Luft ist jenem im unteren Schiffsraume, wo üble Gerüche, dumpfe Luft und die kranken Reisegefährten eine Art von moralischem Contagium erzeugen, vorzuziehen; der mäßige Genuß von Sodawasser, Champagner, Rum und von pikanten Speisen wird in den meisten Fällen zuträglich sein; auch ist zu empfehlen, vor Antritt der Reise reichliche Mahlzeiten zu sich zu nehmen, ohne gerade zu excediren und Speisen zu genießen, welche erfahrungsgemäß zur Verstopfung disponiren; in letzterer Beziehung ist die Colombowurzel eine gegen die Seekrankheit im hohen Rufe stehende adstringirende Arznei. Als äußerstes und letztes Mittel bleibt nur noch die wagrechte Lage und absolute Ruhe zu erwähnen. (Ausland, 1874 S. 719.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: