Titel: Zur Statistik der städtischen Wasserversorgung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 215 (S. 379–381)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj215/ar215mi04_07

Zur Statistik der städtischen Wasserversorgung.

Im Auftrage des Vorstandes des Vereines von Gas- und Wasserfachmännern Deutschlands gibt E. Grahn (Beilasse zum 15. Heft des Journales für Gasbeleuchtung, Jahrg. 1874) bemerkenswerthe Angaben aus 159 Ortschaften von Großbritannien und Irland mit über 6 Millionen Einwohnern. Das Material zu dieser Arbeit ist Erhebungen entnommen, die von Baldwin Latham in Croydon im J. 1871 auf Grund von Fragebögen gesammelt sind. Orte mit weniger als 3000 Einwohnern sind ausgeschlossen; London* als solches ist ebenfalls nicht aufgenommen, sondern von |380| dieser Stadt nur zwei Wasserversorgungsgesellschaften, jede als einzelner Ort betrachtet, aufgeführt.

63 Orte erhalten das Wasser durch Pumpenbetrieb, 78 durch natürliches Gefälle und 18 Orte theils durch Pumpenbetrieb, theils durch Gefälle (gemischtes System). Aus den mitgetheilten Tabellen ergibt sich nun folgendes.

128 Orte mit 5.846.700 Einwohnern haben pro 24 Stunden 996.100 Kubikm. Wasser disponibel, also pro Tag und Kopf der Bevölkerung 172 Liter, in einer Stadt sogar 908 Liter. Diese Zahl stimmt mit jener der 63 Orte mit natürlichem Gefälle überein, während die 58 Orte mit Pumpenbetrieb pro Kopf über 185 Liter, also über 10 Proc. mehr verfügen. Die 17 Orte mit gemischtem System bringen es allerdings nur auf 130 Liter pro Kopf. Bei den Orten mit Pumpenbetrieb bleibt das Wasserquantum pro Kopf trotz der verschiedenen Größe der Städte ziemlich gleich. Bei denen mit natürlichem Gefälle nimmt es mit der Größe der Städte von 194 Liter bis auf 106 Liter ab, und bei denen mit gemischtem System folgt es der umgekehrten Reihe, d.h. es ist am kleinsten bei den großen Orten und nimmt zu mit der Abnahme der Größe derselben.

Die Anlagekosten betragen im Ganzen bei 128 Orten mit 5.672.700 Einwohnern fast 270 Millionen Mark, also durchschnittlich pro Kopf der Bevölkerung 47 Mark. Merkwürdiger Weise stellen sich die Anlagekosten pro Kopf bei 50 Orten mit 2.571.000 Einwohnern und Pumpenbetrieb und 64 Orten mit 2.077.000 Einwohnern und natürlichem Gefälle völlig gleich, nämlich auf 46 Mark. Bei den übrigen 14 Orten mit 1.024.700 Einwohnern und gemischtem System stellen sich diese Kosten auf 52 Mark. Für die beiden ersten Systeme, Pumpenbetrieb und natürliches Gefälle, scheinen die Anlagekosten pro Kopf mit der Größe der Orte zu steigen, während das gemischte System auch hier das umgekehrte Verhältniß zeigt. Im ganzen Durchschnitt ergeben sich die Anlagekosten bei 11 Orten mit über 100.000 Einwohnern zu 53 Mark pro Kopf und bei 25 Orten mit 6000 bis 3000 Einwohnern zu 32 Mark.

Ein anderes Verhältniß stellt sich bei Vertheilung der Anlagekosten auf das disponible Wasserquantum heraus. Hier betragen die Anlagekosten pro Kubikm., und 24 Stunden für Wasser, welches durch Pumpen gefördert wird, 234 Mark, während sie für das Wasser, welches durch natürliches Gefälle zugeführt wird, 267 Mark, für die Städte mit gemischtem System sogar 422 Mark, im Durchschnitt für 117 Städte mit fast 1 Million Kubikm. Wasser 271 Mark betragen.

In 113 Orten mit 4.836.000 Einwohnern befinden sich 415.910 Closets, im Durchschnitt also auf je 12 Einwohner, in einzelnen Orten sogar auf je 3 und 4 Personen ein Closet. In 98 Orten mit 3.768.000 Einwohnern sind 27.390 Badeeinrichtungen vorhanden, demnach auf je 137, in einer Stadt sogar auf je 15 Einwohner eine Badeeinrichtung.

In 141 Städten mit 5.706.000 Einwohner kommen täglich 993. 300 Kubikm. Wasser zur Vertheilung, und von diesem Wasser sind: 45 Proc. Flußwasser, 15 Proc. Wasser aus gewöhnlichen Brunnen und Schächten, 5 Proc. Wasser aus artesischen Brunnen und 35 Proc. Wasser aus Quellen und durch Drainage gewonnen.

Es haben 39 Orte mit 42 Proc. der gesammten Einwohner Flußwasser und 61 Orte mit 33 Proc. der gesammten Einwohner Quellwasser. 19 Proc. der Einwohner haben Wasser aus gewöhnlichen Brunnen, 6 Proc. aus artesischen Brunnen.

Von 494.500 Kubikm. gepumpten Wassers sind 77 Proc. Flußwasser, 9 Proc. Wasser aus artesischen Brunnen. 8 Proc. Wasser aus gewöhnlichen Brunnen und 6 Proc. Wasser aus Quellen. Von 352.800 Kubikm. durch natürliches Gefälle zugeführten Wassers sind 81 Proc. Quellwasser, 17 Proc. Flußwasser und 1 Proc. Brunnenwasser. Von 146.000 Kubikm. nach gemischtem System zugeführten Wassers sind 73 Proc. gewöhnliches Brunnenwasser, 20 Proc. Quellwasser, 5 Proc. Fluhwasser und 2 Proc. Wasser aus artesischen Brunnen. Aus diesen Zahlen ergibt sich, daß das durch Pumpenbetrieb zugeführte Wasser zum größten Theil Flußwasser, das mit |381| natürlichem Gefälle zufließende zum größten Theil Quell- und Drainagewasser und das nach dem gemischten Systeme zum größten Theile Brunnenwasser ist. – Die mittlere Härte beträgt 5,9 Grad.

Von 156 Orten erhalten 65 Proc. das Wasser in konstantem, 35 Proc. in zeitweisem Zufluß, oder von 6.019.000 Einwohnern derselben 46 Proc. das Wasser in constantem und 54 Proc. in zeitweisem Zufluß, so daß trotzdem mehr Orte constanten Zufluß haben, demnach weniger Personen dieses Vortheiles genießen. Von den Personen, welche auf die Zuführung durch Pumpenbetrieb angewiesen sind, erhalten 39 Proc. das Wasser constant, 61 Proc. intermittirend; von denen mit natürlichem Gefälle 86 Proc. constant und 14 Proc. intermittirend und von denen nach dem gemischten System 17 Proc. constant und 83 Proc. intermittirend.

Der mittlere Druck in den Stadtleitungen ist 48,5 Meter; derselbe schwankt zwischen 0 und 100 Meter.

Die Abgabe des Wassers auf Discretion geschieht meist nach Procenten des Mitwerthes. Von 4.823.000 Einwohnern zahlen 20 Procent 2 bis 3 – 27 Procent 3 bis 4 – und 42 Proc. 4 bis 5 Procent vom Miethwerthe und die übrigen mehr. Die Orte, denen das Wasser mit Pumpenbetrieb zugeführt wird, zahlen im Mittel 3,9 Proc., denen es durch natürliches Gefälle zufließt, 4,2 Proc., endlich diejenigen, die nach gemischtem System versorgt werden, 3,3 Proc. vom Miethwerthe. Es wird also das durch Pumpen geförderte Wasser um circa 9 Proc. billiger auf Discretion abgegeben als das durch natürliches Gefälle zugeführte.

Der Preis für das gemessen abgegebene Wasser beträgt im Mittel 14 1/4 Pfennig pro Kubikm., und zwar kosten, nach dem gesammten disponiblen Wasserquantum berechnet, 21 Proc. desselben 9 bis 12 Pf., 33 Proc. desselben 12 bis 15 Pf., 13 Proc. desselben 15 bis 18 resp. über 30 Pf. Der mittlere Preis des durch Pumpenbetrieb zugeführten Wassers beträgt 14 Pf., des durch natürliches Gefälle zugeführten 13,5 Pf. und des nach gemischtem System zugeführten 16,5 Pf.

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London wird mit Wasser versorgt durch 1) die Chelsea-Wasserwerksgesellschaft, 2) die östlichen Londoner Wasserwerke, 3) Grand-Junction-Wasserwerksgesellschaft, 4) die Kent-, 5) Lambeth-, 6) New-River-, 7) Southwark- und Vauxhall- und 8) die West-Middlesex-Wassergesellschaft. Das Gesammtcapital dieser Gesellschaften beträgt 12.670.717 Pfd. Sterl. (zu 20 Mark), wovon etwa 10,5 Millionen in Form von Actien, Anlehen und Schuldscheinen zur Emission gelangt sind. Der tägliche Wasserverbrauch im J. 1873 betrug etwa 113 Millionen Gallonen (513 Millionen Liter) für 504.000 Häuser gegen 98 Millionen Gallonen und 441.000 Häuser im J. 1867. Die jährliche Bruttoeinnahme der Gesellschaften beträgt etwa 1.120.000, die Nettoeinnahme 620.000 Pfd. Sterl., entsprechend |380| einer Verzinsung des Gesammtcapitals mit 6 Procent. Alle Gesellschaften werden in Folge des fortdauernd sich steigernden Wasserbedarfes ihr Capital durch neue Emissionen vergrößern müssen. – Die Gesamtlänge der Wasserleitungsröhren Londons beträgt 650 Meilen.

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