Titel: Ueber Hartglas; nach Prof. Dr. Alex. Bauer.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 215 (S. 381–382)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj215/ar215mi04_09

Ueber Hartglas; nach Prof. Dr. Alex. Bauer.

Die Idee, Hartglas herzustellen, ist zwar nicht neu, allein es scheint in der That, daß die älteren Versuche in dieser Beziehung bei weitem nicht so vollkommen sind als die jetzigen, über welche kürzlich (in diesem Journalband S. 186) referirt wurde. Prof. Dr. Alex. Bauer hat sich mit der Herstellung von Hartglas näher beschäftigt, indem er einen der französischen Methode analogen Weg einschlug, und über die Resultate seiner Beobachtungen unter Vorzeigung von gelungenen Proben im niederösterreichischen Gewerbevereine (vergl. dessen Wochenschrift, 1875 S. 81.) Bericht erstattet.

Dem äußeren Ansehen nach sind die Hartglasplatten nicht wesentlich verschieden vom gewöhnlichen Glas. Beim Aufwerfen haben sie einen eigenthümlichen Klang, und man kann sie oft zur Erde werfen, ohne daß sie zerbrechen; wenn sie aber zerbrechen, so zerfallen sie in eine Menge kleiner, sehr scharfkantiger Fragmente – ein großer Uebelstand des Hartglases.

Die vorgezeigten Hartglasplatten wurden in der Weise bereitet, daß man eine gewöhnliche Glasplatte so stark erhitzte, bis sie anfing sich zu biegen, und dann in heißes geschmolzenes Paraffin von 280° eintauchte. Es handelt sich eben hauptsächlich darum, die weichgewordene heiße Glasplatte abzukühlen und zwar nicht stetig und langsam, wie dies gewöhnlich geschieht, sondern bis zu einem gewissen Grade rasch |382| und dann die Abkühlung langsam fortzusetzen. Wenn die Abkühlung in dieser Weise vor sich gegangen, dann ist man nicht mehr im Stande, die Glasplatte mit dem Diamant zu zerschneiden, und auch nach der gewöhnlichen Härtescala kann man leicht nachweisen, daß ihre Härte bedeutend größer geworden ist. Mit der Härte hat auch die Dichte des Glases zugenommen, und stieg dieselbe bei ausgeführten Untersuchungen von 2,429 bis 2,438 des gewöhnlichen Glases auf 2,400 bis 2,468 des daraus bereiteten Hartglases.

Es läßt sich nicht läugnen, daß das Hartglas für viele Objecte zweckmäßig sein wird, zu vielen anderen Objecten wird es jedoch nicht verwendet werden können, was namentlich durch den schon oben bemerkten Uebelstand beim Zerbrechen dieses Glases bedingt wird. Ueberdies dürfte die Methode der Darstellung von Hartglas bei der Ausführung im Großen auf namhafte Schwierigkeiten stoßen, insbesondere bei der Anwendung auf Hohlgläser und große Platten, bei welchen das gleichförmige und rasche Eintauchen in eine heiße Flüssigkeit nur schwer ausführbar ist.

Eine Erklärung für die Ursache des Härtens des Glases bei der erwähnten Art der Abkühlung zu geben, ist man wohl bisher nicht im Stande. Die Erscheinung erinnert unwillkürlich an die bekannten Bologneser Fläschchen und Glasthränen; aber auch das Zerfallen dieser beim Abbrechen der Spitze kann nicht genügend erklärt werden, zumal man nun weiß, daß diese Erscheinung nicht eintritt, wenn die Spitze abgeätzt, aber nicht abgekneipt wird. Die vorliegende Erscheinung des Härtens erinnert jedoch auch daran, daß beim langsamen Abkühlen des Glases eine bis zu einem gewissen Grade gehende Entmischung eintritt, welche offenbar durch ein rasches Abkühlen gehindert wird. Man hat in früherer Zeit geglaubt, das Glas sei eine vollständig gleichmäßige und amorphe Substanz. Aber schon im J. 1852 hat Prof. Leydolt (durch Aetzen mit Fluorwasserstoffsäure) nachgewiesen, daß alle unsere Gläser, die scheinbar keine Spur von Krystallisation zeigen, aus einem Gemische bestehen, welches zum Theile krystallisirt ist (vergl. 1852 125 76). Wenn man das Glas bis zum Schmelzen oder auch nur zum Weichwerden erhitzt und dann sehr langsam abkühlt, so geschieht es sehr leicht, daß das Glas sich entmischt und krystallinische Gruppen ausscheidet. Diesen Versuch hat ja schon im vorigen Jahrhundert Reaumur ausgeführt in der Hoffnung, aus Glas Porzellan zu machen; man nannte das hieraus entstandene Product auch das Reaumur'sche Porzellan, und vor wenigen Jahren wurden von Siegwart u.a. (allerdings von anderen Gesichtspunkten geleitet) neuerdings Versuche gemacht, welche diese Veränderung zum Gegenstande hatten. (Vergl. die Abhandlung in diesem Journal, 1874 213 329.) Diese Versuche lehrten, daß die Entmischung sehr leicht eintritt, wenn das Glas langsam abkühlt, und daß die krystallinischen Theile hierbei zuweilen sichtbar werden, und wenn dies geschieht, dann nennt man das Glas entglast.“

Aus den neueren Versuchen kann man schließen, daß das Glas im geschmolzenen Zustande wohl eine ziemlich homogene Masse ist, welche eben erst beim Abkühlen mehr oder weniger entmischt wird. Wenn die Abkühlung bis zu einem gewissen Grade rasch erfolgt, so wird die Entmischung nicht so weit gehen und das Glas mehr homogen bleiben, und das mag der Grund sein einerseits für die Härte des Hartglases und andererseits für seine eigenthümliche Zerbrechbarkeit.

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