Titel: Ueber die Aufzucht der japanesischen Seidenraupen; von Pfarrer Richter in Lonthal.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 215 (S. 472–474)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj215/ar215mi05_09
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Ueber die Aufzucht der japanesischen Seidenraupen; von Pfarrer Richter in Lonthal.

Wie bekannt, schlüpfen die Räupchen der Yamamaya-Seidenraupe selbst dann, wenn die Eier in kühleren, gegen Norden gelegenen Gemächern aufbewahrt werden, im Frühjahr oft so bald aus, daß der Züchter wegen des Futters in große Noth kommt. Während im J. 1873 die Räupchen Mitte Mai ausschlüpften, kamen sie im vergangenen Jahre in Folge der anhaltenden Frühjahrswärme wider alle Erwartung schon im April zum Vorschein. In Folge starken Frostes waren aber um diese Zeit die zarten Blätter der Eichen und Buchen vollständig verbrüht, daher nirgends Futter für die Räupchen aufgetrieben werden konnte, welche nach etwa 14 Tagen ganz aufgegeben wurden. Wenige Tage später fand Verf. einen dichten Bestand Buchenlaub, welcher vom Frost verschont geblieben war. Einige noch vorhandene Räupchen lebten, als sie ins warme Zimmer gebracht wurden, nicht nur wieder auf, sondern sie fingen auch sogleich an, von dem vorgesetzten Laub zu fressen. Letzterer Punkt macht dem Züchter viel zu schaffen, indem die Räupchen von der Yamamaya-Raupe (bei der Pernyi-Raupe ist dies nicht der Fall) mehrere Tage lang immer auf den Zweigen umherlaufen, ohne zu fressen, weshalb sie gar oft aus Mattigkeit von den Zweigen fallen und mittels Papierdüten wieder auf dieselben gebracht werden müssen; man darf wohl sagen, daß ein Viertheil bis ein Dritttheil der Räupchen eher stirbt, als daß sie Eichen- oder Buchenlaub fressen. Dieses war hier nun nicht der Fall, sondern alle fingen sogleich an, das Buchenlaub sich schmecken zu lassen, und bald zeigte sich bei ihnen ein schönes Wachsthum. Obwohl nach Verlauf von einigen Wochen auch Eichenlaub zu finden war, so verblieb Verf. doch bei der Fütterung mit Buchenlaub, weil sich die Räupchen dabei anscheinend wohl befanden; allein nach der vierten Häutung zeigten sich bei mehreren derselben Symptome von Krankheit, indem der mittlere Leibring mehr und mehr schwarz wurde, ja bei einigen Raupen breitete sich die schwarze Farbe über den ganzen Körper aus. In diesem Zustand fraßen sie wohl noch einige Zeit, nahmen aber alsdann allmälig ab und starben. Andere, an denen äußerlich kein Zeichen von Krankheit zu erkennen war, spannen, als ihre Zeit zur Verpuppung kam, sich wohl ein, aber nur in sogen. Floretseide, und ihre Leiber verwandelten sich nicht, sondern trockneten langsam ein. Die Cocons waren überhaupt nicht so schön und fest, als die des Jahres zuvor gewonnenen, wo die Raupen mit Eichenlaub gefüttert worden waren. Als endlich die Zeit herbeikam, wo die Schmetterlinge ausschlüpften, zeigte sich unter 100 derselben mehr wie die Hälfte als Krüppel, während Verf. im J. 1873 unter mehr als 300 Schmetterlingen nicht einen einzigen Krüppel hatte. Bei allen bemerkte man eine große Schwäche, welche bei einigen so groß war, daß sie ohne Hilfe gar nicht aus den Cocons gekommen wären. Während die Schmetterlinge im J. 1873 einen schönen kräftigen Flug zeigten, viele Eier legten und ziemlich lang am Leben verblieben, war bei den Schmetterlingen des vergangenen Jahres das Gegentheil der Fall. Nur einige waren so kräftig, daß sie stiegen konnten; sie legten nur wenig Eier, und ihr Leben war von sehr kurzer Dauer.

Diese Erfahrungen lehren nun, daß das Buchenlaub (welches seiner Zeit von C. H. Ulrichs in Stuttgart – 1872 205 280 – neben dem Eichenlaub zur Fütterung empfohlen worden ist) zur Aufzucht dieser Raupen nicht taugt, sondern daß bei uns das Eichenlaub die einzig richtige Nahrung für dieselben ist. Dabei aber noch eine zweite Aufzucht von der Yamamaya anzurathen und zu empfehlen verurtheilt, der Verf. ganz entschieden; denn wenn schon bei der ersten Aufzucht wenig oder nichts herauskommt, so man Mühe und Zeit nur einigermaßen in Berechnung nimmt, so ist bei einer zweiten Aufzucht gar alle Mühe und Zeit umsonst verschwendet, indem es nur selten gelingt, diese auch nur einigermaßen befriedigend zu Ende zu führen. Anders verhält sich die Sache, wenn man von der Seidengewinnung absieht und sich einzig auf Handel mit Eiern und Schmetterlingen verlegt. In diesem Falle wird Zeit und Mühe hinlänglich belohnt, wenn der Verkäufer für 100 Eier auch nur 12 kr. (17 Pfennig) und für einen Schmetterling 9 kr. (13 Pf.) erhält. Daß eine zweite Aufzucht nicht lohnend ist, davon hat sich Verf. schon im J. 1873 hinlänglich überzeugt.

Von 96 (erst zwei oder drei Tage zuvor aus den Eiern geschlüpften) Räupchen der zweiten Aufzucht, welche dem Verf. von Hrn. Ulrichs erst Anfangs October 1873 |474| (statt schon im August oder September) zugesendet wurden, starben auf der Reise 45. Bis zum 14. December wurden dieselben so sorgfältig als nur möglich gefüttert, mußten aber dann, da keine Nahrung mehr aufzutreiben war, getödtet werden.

Will man schöne und große Cocons erzielen, so muß die Aufzucht rasch vor sich gehen, was aber nur bei angemessener Temperatur und reichlichem saftigem Futter möglich ist.

Vor dem Ankauf von Räupchen warnt der Verf., weil auch auf einer ganz kurzen Reise sehr viele zu Grunde gehen; insbesondere ist es nicht räthlich, wie Hr. Ulrichs empfiehlt, die Raupen im Zustand des Schlafes, d.h. in der Periode der Häutung zu versenden, weil sie sich während dieser Zeit in einem kränklichen Zustand befinden und gegen jede Erschütterung sehr empfindlich sind. Die Aufzucht in Kästen, in deren Seiten Luftlöcher angebracht sind, wie sie gleichfalls empfohlen wurde, ist nicht rathsam, weil dadurch den Raupen nicht genügend frische Luft zugeführt werden kann. Am einfachsten legt man die Raupen in Säcke aus grober Gaze, 1 Meter hoch und 1,5 M. in der Rundung, an denen oben wie unten ein Saum zum Zuziehen angebracht wird. Man schneidet sich einen großen Büschel Eichenzweige, bindet sie fest zusammen, und bringt sie von oben nach unten langsam in den Sack, indem man den Saum oben wie unten zusammenzieht; unten steht derjenige Theil der Zweige, welcher in das Wasser zu stehen kommt, frei hervor. Durch diese Vorrichtung erhalten die Raupen nicht nur genügend Luft und Licht, sondern sie sind auch vor dem Ertrinken geschützt, am Durchgehen gehindert, und die Sache selbst läßt sich an jedem beliebigen Fenster anbringen. (Nach dem Gewerbeblatt aus Württemberg, 1875 S. 35.)

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