Titel: Die Zerstörung der Codices und Palimpseste durch die modernen Gelehrten; von Hotz-Osterwald.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 215 (S. 478–479)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj215/ar215mi05_21

Die Zerstörung der Codices und Palimpseste durch die modernen Gelehrten; von Hotz-Osterwald.

Seit Sir Humphrey Davy's analytischen Untersuchungen vernachlässigt die Chemie paläographische Studien. Doch thut Abhilfe Noth, da die gelehrten Philologen etc. durch zweckwidrige Reagentien und deren verkehrte Anwendung die alten Handschriften zu schädigen, ja zu ruiniren Pflegen. Abgesehen von der auf Papyrus |479| verwendeten antiken Kohlen- oder Tuschtinte sind freilich die im Alterthum und Mittelalter gebrauchten Schreibpigmente bisher unerforscht. Namentlich ist der dunkel- bis hellbraune, ausnahmslos auf Pergament gebrauchte Farbstoff bis jetzt völlig räthselhaft. Gestützt auf sorgfältige Untersuchungen wies der Verf. durch eine Reihe historischer, chemischer, mikroskopischer etc. Momente die Identität desselben mit dem Oenocyanin bez. Rosit und Purpurit nach. Dieser Farbstoff wurde mittels Coction meist aus Hefe dargestellt. Er war dem Alterthum schon lange vor seiner Verwendung zur Schrift zunächst als Malerfarbe bekannt. Während die herrschende Meinung den Stoff a priori als eisenhaltig betrachtet und danach behandelt, ist er an sich eisenfrei. Thatsächlich kommt allerdings vielfach ein Eisengehalt vor; aber er ist der Existenz und dem Quantum nach durchaus zufällig, übrigens leicht erklärlich, und fehlt häufig genug ganz. Dieses „Rebenbraun“ tritt seit dem III. Jahrhundert nach Chr. zunächst in Griechenland als ἒγχαυστον: das „Eingebrannte“ „Gekochte“ auf (woher incaustuni, inchrostro, encre und ink), herrscht, nahezu alle erhaltenen Handschriften antiker Werke umfassend, bis zu seiner Ablösung durch das moderne Gallat (Gallustinte) im XIV. Jahrhundert, welch letzteres ohne Zweifel eine arabische Erfindung ist.

Die gebräuchlichen Reagentien sind sämmtlich theils absolut, theils relativ tadelhaft; voraus die bis vor kurzem höchst angesehene, jetzt noch vielfach beliebte „Gioberti-Tinctur“ (d.h. Blutlaugensalz mit Salzsäure), welche in Bälde Schrift und Pergament in blauen Staub verwandelt; nicht minder aber auch die gerühmten, angeblich ganz unschädlichen Schwefelmetalle, durch welche die Schrift verwaschen und häufig nach einiger Zeit ganz unerkennbar wird. Empfohlen wurde dagegen gelbes sowie rothes Blutlaugensalz mit Essigsäure, deren Product sich sammt dem Pergament bestens erhält. Successive Auftragung dieser Lösung kann z.B. selbst bei sonst verzweifelten Palimpsestfällen von Nutzen sein. Dagegen wirkt Rhodankalium, theoretisch anscheinend das beste Mittel, mit Essigsäure merkwürdiger Weise vehement contrahirend auf die Membran und ist aus diesem Grunde wenigstens in genannter Mischung unzulässig. (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 1874 S. 1743.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: