Titel: Ueber Stahlbronze.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 217 (S. 122–133)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj217/ar217043

Ueber Stahlbronze.

Mit Abbildungen auf Taf. II [c/1].

Die Frage der sogen. Stahlbronze als Ersatz des Gußstahles bei der Neubewaffnung der österreichischen Artillerie ist, nachdem sie lange ein Gegenstand heftigen Streites in militärischen und publicistischen Kreisen gewesen, nunmehr einer vorläufigen Entscheidung zugeführt worden. Das zur Erprobung des neuen, von Generalmajor Ritter von Uchatius vorgeschlagenen Materiales ernannte Comité hat sich nach ausführlichen Versuchen mit 27 von 28 Stimmen für Annahme der Stahlbronze ausgesprochen, und wenn hiernach auch die definitive und allgemeine Einführung derselben in der österreichische Artillerie noch nicht entschieden ist, so steht doch fest, daß in kurzem mit der Erzeugung dieser Geschütze in größerem Maßstabe begonnen werden soll derart, daß heute schon bedeutende Bestellungen der dafür erforderlichen Werkzeugmaschinen effectuirt sind.

Es wird somit auch die Leser dieses Journals interessiren, einiges Nähere über dieses neue Material, sowie den unstreitig äußerst gelungenen Fabrikationsproceß desselben zu erfahren, und wir benützen zu unserer Darstellung einen Vortrag, welchen Generalmajor R. v. Uchatius schon |123| im J. 1874 im Artillerie-Arsenale gehalten hat und seitdem noch durch einige Mittheilungen in Stummer's Ingenieur ergänzte. Zum Schluß möge auf Grund der hier gemachten Bemerkungen und mit Bezug auf neuerdings bekannt gewordene Versuchsresultate eine kurze Kritik über den Werth und die Originalität dieser Erfindung, sowie die daran zu knüpfenden Erwartungen folgen.

Der Grundgedanke, auf welchem die Erzeugung der Stahlbronze beruht, ist die Thatsache, daß die Metalle durch Beanspruchung über ihre Elasticitätsgrenze, somit bei bleibender Formveränderung eine Erhöhung ihrer Härte und Festigkeit erfahren.1)

Dieselbe ist je nach der Natur des Materiales mehr oder weniger beträchtlich und hängt bei Legirungen wesentlich von der Zusammensetzung derselben ab.

Hier handelte es sich nun darum, auf diesen Erfahrungen weiterbauend, eine praktische Anwendung derselben für die Geschütze zu finden, und es ist Uchatius' unleugbares Verdienst, diesen Schritt mit aller Umsicht und Sorgfalt versucht und, wie der Erfolg lehrt, auch glücklich durchgeführt zu haben. Gewöhnliche Kanonenbronze, deren Festigkeit vor der Behandlung nach Uchatius' Methode 22,6 betrug, leistete nach derselben einer Spannung von 48k pro 1qmm Widerstand, ehe sie riß; gleichzeitig aber behielt, neben dieser außerordentlichen Erhöhung der Festigkeit und Härte des Kernes, der äußere Theil des Rohres bei geringerer Festigkeit seine volle Weichheit und Zähigkeit und gewährte so alle die Vortheile, wie sie sonst nur beringten Geschützen zukommen. Und hierin liegt eben die große Vollkommenheit und Sicherheit der nach dieser Methode erzeugten Geschütze – Umstände, welche, wenn es möglich ist, die Legirung stets vollkommen homogen zu erhalten und die Bildung von Zinnflecken zu vermeiden, sie entschieden über die unberingten Stahlgeschütze stellen.

Folgendes ist nun der Gang des von Uchatius eingeschlagenen Verfahrens, soweit dasselbe aus den Eingangs erwähnten Publicationen hervorgeht.

Zunächst ward constatirt, daß durch den Coquillenguß, in Folge der raschen Erstarrung der Legirung, eine Homogenität der Bronze erzielbar war, die sonst nur durch Compression des flüssigen Materiales, hier aber bei weitem schwieriger, hervorgebracht werden konnte. Als erste Bedingung mußte somit eine dem Coquillenguß ähnliche Herstellung der |124| inneren Höhlung des zu gießenden Geschützrohres möglich gemacht werden. Ferner aber zeigte diese in Coquillen gegossene Bronze im höchsten Grade die Fähigkeit, durch den Proceß des Walzens im kalten Zustande an Härte und Festigkeit zuzunehmen. Schon beim Kaltwalzen bis zu einer ganz geringen Längenstreckung erreichte die Bronze die Festigkeit, Elasticität und Härte des Geschützstahles, wie aus der am Schlusse beigefügten vergleichenden Tabelle in der Colonne „Coquillenbronze gewalzt“ ersichtlich ist. Ungewalzt erreicht dieselbe ihre Elasticitätsgrenze schon bei 4k pro 1qmm und läßt nur eine elastische Ausdehnung von 0,4 pro Mille zu, während, wenn sie eine bleibende Streckung von 0,004 ihrer Länge erfahren hat, die Elasticitätsgrenze auf 17k und die elastische Streckung auf nahezu 2 pro Mille steigt.

Hieraus folgt, daß wenn man die Bohrung der neuen Feldgeschütze, welche 87mm beträgt, nur um 0,004 × 87 = 0mm,348 im kalten Zustande auftreibt, der elastische Widerstand schon auf das Vierfache erhöht wird.

Nachdem dergestalt die zu erfüllenden Bedingungen aufgestellt und die zu erwartenden Resultate bestimmt waren, ward nun mit den nöthigen Vorversuchen betreffs der für den Coquillenguß passendsten Legirung begonnen. Bei denselben zeigte sich, daß die 12 proc. Bronze (nach der dem Kupfer beigefügten Zinnmenge classificirt) das Kaltwalzen nicht aushielt, während die 10-, 8- und 6 proc. Bronze sich im allgemeinen für die neue Methode als brauchbar erwiesen. Von denselben ward nach Angabe des Erfinders bei weiteren Versuchen die 8 proc. Bronze als für den Coquillenguß am passendsten erkannt und soll nunmehr ausschließlich angewendet werden.

Die bis jetzt angestellten Versuche hatten stets nur mit dem der Coquille angrenzenden Theile des Materiales stattgefunden; derselbe zeigte beim Gießen von vollen Cylindern schöne goldfarbige Krystalle, welche sich ca. 40mm gegen innen zu erstreckten und dann allmälig in eine graue feinkörnige Masse übergingen, welche den Kern des Cylinders bildete. Die innere Masse ist nun zum Kaltwalzen durchaus nicht geeignet; es ist somit klar, daß durch Ausbohren und Auftreiben derartig gegossener Cylinder keine entsprechende Innenfläche des Geschützrohres zu erhalten wäre. Daher muß selbstverständlich der Guß mit Innenkühlung stattfinden, und boten sich dazu zunächst die verschiedenen zuerst bei Herstellung gußeiserner Rohre angewendeten älteren Methoden dar.

Es ward versucht, die gewöhnliche Innenkühlung mittels eines mit Lehm umhüllten Eisenrohres anzuwenden, durch welches während des Gusses Luft oder Wasser getrieben wurde, ohne daß die entsprechende |125| Qualität der Bronze erzielt werden konnte, da die Kühlung zu gering war. Umgekehrt ward bei Anwendung eines ohne jede Umhüllung eingesetzten Bronzerohres, durch welches Wasser circulirte, die Qualität des Materiales zwar vortrefflich, aber in Folge zu starker Kühlung des inneren Theiles erhielt derselbe bei der nur langsam nachfolgenden Contraction der äußeren Masse radiale Längenrisse, wie dies in Fig. 43 dargestellt ist.

Weitere Versuche mit verschiedenen Kernröhren aus Bronze mißlangen gleichfalls, und es blieb nur mehr eine Methode der Innenkühlung, welche in der Augsburger Geschützgießerei theilweise in Anwendung steht, zu versuchen, nämlich das Einsetzen eines massiven Bronzecylinders, der nach dem Gusse wieder ausgebohrt wird.

Dort wird nur ein kurzes, durch den Laderaum reichendes Stück eines Bronzekernes eingesetzt, um an dieser Stelle der Bohrung die Zinnflecken und folglich das Ausbrennen zu vermeiden; hier aber mußte ein durch die ganze Länge der Form reichender Cylinder eingesetzt werden, um an der ganzen Bohrungsoberfläche veredelte Bronze zu erzeugen.

Dieser Bronzecylinder hatte 66mm Durchmesser und gab den gewünschten Erfolg in der vollkommen entsprechenden Qualität des inneren Rohres; dagegen machten die stellenweise auftretenden Blasenlöcher, durch die vom Kerne austretende Luft entstanden, das Gußstück zum Geschützrohre unbrauchbar. Weitere Versuche mit Bronzekernen schwächerer Dimensionen ergaben ähnliche Resultate; bei 50mm Durchmesser schmolz der Bronzekern und gab so die Minimalgrenze an.

Nachdem aber, um die an dem Kerne auftretenden Blasen durch Ausbohren entfernen zu können, möglichst geringe Dimensionen des Kernes nothwendig erschienen, so griff man endlich statt Bronze zu gegossenem Kupfer, welches einen höheren Schmelzpunkt besitzt.

Die Kerne waren 50mm stark und ergaben sehr günstige Resultate, „aber erst als zur Innenkühlung Cylinder aus geschmiedetem Kupfer zu Gebote standen, trat jener Grad von Sicherheit des Gelingens ein, der zu einem Antrage auf Ausdehnung der Versuche im Großen berechtigte.“ 2)

Generalmajor R. v. Uchatius schlug damals die in Fig. 44 dargestellte Form zum Guß der Geschützrohre vor, und dieselbe dürfte wohl inzwischen ziemlich unverändert beibehalten worden sein. In derselben

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Typen der Geschützmetalle.

Textabbildung Bd. 217, S. 126–127
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ist A die äußere, zweitheilige Coquille aus Gußeisen, B der eingesetzte Kern aus geschmiedetem Kupfer, C endlich ein mit Formsand ausgekleideter Aufsatz zur Herstellung des entsprechenden Angusses.

Die auf diese Weise erzeugten Rohre3) werden nun in entsprechender Weise außen abgedreht und innen ausgebohrt, jedoch nicht auf die volle Bohrung von 87mm, sondern nur auf 80mm und hierauf durch Stahlkolben, welche vorne etwas conisch zugedreht sind, auf den erforderlichen Durchmesser ausgetrieben.

Zum Durchpressen werden starke hydraulische Pressen verwendet; die Stahlkolben sind von sechs verschiedenen Größen, von denen der erste und zweite sich um 2mm unterscheiden, die beiden letzten jedoch, in Folge des fortwährend wachsenden Widerstandes, nur mehr um 1/2mm differiren dürfen. Während sich hierbei der innere Durchmesser um 7mm entspr. 8,75 Proc. erweitert, erfährt der äußere Durchmesser an der Mündung nur eine Ausdehnung von 2 Proc., und der äußere Theil behält somit bei geringerer Härte und Festigkeit die in so hohem Grade erwünschte normale Zähigkeit der natürlichen Bronze.

Auf diese Weise erhält das ganze Rohr – genau entsprechend dem Verhalten der beringten Stahlgeschütze – eine nach außen successiv abnehmende elastische Spannung um den inneren Kern, die sich auch sofort nach dem Durchpressen des letzten Preßkolbens dadurch geltend macht, daß die Bohrung sich wieder um 4 pro Mille verkleinert. Dasselbe Phänomen zeigt sich, wenn von dem äußeren Rande eines gepreßten Cylinders ein schwacher Ring abgestochen wird. Noch ehe das Messer den letzten dünnen Span weggenommen hat, springt der Ring von selbst herab und zeigt einen kleineren Durchmesser als der Cylinder, von welchem er abgestochen ist.

Die innere Bohrung des Rohres ist vollkommen glatt, hat die Härte des Geschützstahles und bedarf nur mehr des Einschneidens der Züge.

Dieses ist in kurzer Schilderung – und soweit es bekannt gemacht wurde – das Verfahren, nach welchem Uchatius das Material der neuen österreichischen Geschütze herstellen will; die Resultate bezüglich Härte, Elasticität und Festigkeit, welche die Stahlbronze im Vergleiche mit anderen Materialien ergibt, hat der Erfinder nach seinen eigenen, gewiß mit der grüßten Sorgfalt angestellten Versuchen in der vorstehenden Tabelle (S. 126 u. 127) angegeben.

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Diese Tabelle ist so klar zusammengestellt, daß wenige Worte zu ihrer Erläuterung genügen.

Zunächst werden die Längendehnungen getrennt in bleibende und elastische bei verschiedenen Belastungen von 1 bis 24k pro 1qmm; dabei ist die größte elastische Dehnung, welche der Erreichung der Elasticitätsgrenze entspricht, durch fette Ziffern hervorgehoben. Hier ist vor allem die außerordentliche Verschiedenheit der Stahlbronze im Inneren und an der Außenwand (die beiden letzten Colonnen) auffallend, ferner im Vergleiche mit Geschützstahl die große elastische Streckung der ersteren (0,11 gegen 0,034 Proc.) sowie die geringe bleibende Deformation bis zum Bruche (2,5 gegen 21,4 Proc.).

Die Außenwand entwickelt dagegen bei geringerer Bruchfestigkeit eine kolossale Zähigkeit, indem sie sich bis zum Bruche um 40 Proc. bleibend streckt.

Die Elasticitätsgrenze der inneren Stahlbronze ist dem obigen entsprechend selbstverständlich viel höher als beim Gußstahl, die Bruchfestigkeit – 48 und 48 3/4 – bei beiden ziemlich gleich; ebenso die Härte, welche durch die Kerbenlänge eines rund abgeschliffenen Meisels gemessen wird, der mit constanter Federkraft wider das zu prüfende Material anschlägt.

Endlich ist noch die in der untersten Zeile dargestellte Festigkeit gegen Stöße zu bemerken (gemessen durch die Anzahl der bis zum Bruche ausgehaltenen Stoßwirkungen eines fallenden Gewichtes von der Intensität 1mk,2), welche gleichfalls mit 255 gegen 209 zu Gunsten der Stahlbronze ausfällt.

Hiernach kommt Uchatius zu folgenden Schlußfolgerungen in der Vergleichung zwischen Stahl und Bronze.

"1. Die auf diese Art erzeugten Bronzerohre sind bezüglich der Haltbarkeit nur mit den beringten Stahlrohren zu vergleichen, da sie im Inneren dieselbe Festigkeit, Homogenität und Härte besitzen, und in denselben ein der Sprengwirkung des Pulvers mit Uebermaß entgegenwirkender, elastischer Druck von Außen nach Innen im Vorhinein hergestellt ist.

2. Ist die Qualität des Metalles im Stahlbronzerohre in jeder Schichte von der Bohrung gegen die Außenfläche zu eine andere, u. z. gerade so, wie es der Zweck erfordert, nächst der Bohrung am meisten fest, hart und elastisch; dann nehmen diese Eigenschaften ab und wächst die Zähigkeit. Die Elasticität im Inneren und die Zähigkeit außen sind größer als beim Stahl.

3. Die elastische, der Sprengwirkung im Vorhinein entgegenwirkende Spannung von Außen gegen Innen zu ist in Stahlbronzerohren continuirlich durch alle Schichten hergestellt.

Die neutrale Schichte, wo sich der Druck von Innen nach Außen und von Außen nach Innen das Gleichgewicht hält, liegt ganz nahe der Bohrung.

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Soll ein Rohr aus Stahlbronze zerspringen, so müßte die Elasticität der ganzen Wandstärke zugleich und endlich die ungeheure Zähigkeit der äußeren Schichten, welche 40 Proc. Streckung ohne Riß ertragen, überwunden werden.

Beim beringten Stahlgeschütze, wo die neutrale Schichte an der Berührungsstelle des Kernes und der Ringe liegt, muß der Stoß der Sprengwirkung beinahe ganz von den Ringen aufgefangen werden. Wird ihre Elasticitätsgrenze hierbei nicht überschritten, so hält das Rohr aus; springt aber durch ein Uebermaß des Pulverstoßes ein Ring ab, so werden die übrigen Theile wahrscheinlich nachfolgen.

4. Was das Ausbrennen der Geschützrohre betrifft, so habe ich mir, seitdem ich das (Tilghman'sche) Sandgebläse auf der Wiener Weltausstellung gesehen habe, folgende Ansicht hierüber gebildet. Das Ausbrennen der Rohre ist eine rein mechanische Arbeit, der Chemismus spielt dabei gar keine Rolle. Die Erfahrung lehrt, daß spröde Metalle oder harte Stellen in Bronzerohren sich am leichtesten ausbrennen; die Zündlochstollen müssen daher aus dem weichsten Kupfer erzeugt werden. So wie das Sandgebläse die weichen Stoffe verschont und die harten angreift, so frißt auch das hochgespannte, mit unverbrannten Pulverresten gemischte Pulvergas, welches durch eine enge Oeffnung ausbläst, die härtesten Stellen, welche es trifft, zuerst aus, und deshalb sind die alten Bronzerohre dem Ausbrennen so stark unterworfen.

Die neuen Bronzerohre werden keine Zinnflecken haben; ihr Metall ist auch nicht spröde, sie werden sich daher auch nicht mehr ausbrennen als die Stahlrohre.

5. Ist die Bronze der Zerstörung durch atmosphärische Einflüsse weniger unterworfen als der Stahl.

6. Die Kosten stellen sich nach Abrechnung des bleibenden Metallwerthes folgendermaßen heraus.

Ein Stahlrohr nicht beringt, aus inländischem Stahl (8cm,7) und zwar

Martinstahl 990 fl. ö. W.
Tiegelstahl 1145 fl. ö. W.
und ein Rohr aus Stahlbronze 350 fl. ö. W.

Die Arsenalwerkstätten könnten bei täglich 14 Stunden Arbeitszeit jährlich ausfertigen:

Stahlrohre nicht beringt, wozu die geschmiedeten
Blöcke geliefert werden

150 Stücke
Stahlbronzerohre 1200 „

Ich weiß, daß man bei neuen Sachen, ungeachtet der größten Vorsicht, stets auf Täuschungen gefaßt sein muß, und bin daher weit davon entfernt, zu behaupten, die neuen Bronzerohre müssen reussiren, obwohl man im Vorhinein keinen Grund angeben kann, warum sie es nicht sollten.

Das Schießen allein kann entscheiden."

Inzwischen haben, wie bekannt, ausgedehnte Schießversuche und Vergleiche zwischen Uchatius-Kanonen und einer Krupp'schen Halbbatterie neuester Construction stattgefunden, über welche die widersprechendsten Gerüchte in die Oeffentlichkeit gelangt sind; – nachdem es aber Thatsache ist, daß die aus den berufensten Persönlichkeiten zusammengesetzte Commission das von Uchatius vorgeschlagene Geschütz vorgezogen hat, so dürfte das Probeschießen doch wohl nicht so sehr zu |131| Ungunsten der Uchatius-Kanone ausgefallen sein, als man von mancher Seite aus glauben machen wollte.

Aber allerdings scheint es schwer glaublich, daß eine Legirung, und das bleibt auch noch die Stahlbronze immer, die constante und verläßliche Homogenität aufweisen sollte, welche dem wohlverarbeiteten und geschmiedeten Gußstahle eigen ist, und hierin liegt entschieden der schwache Punkt des neuen Systems. Denn wenn es nicht gelingen sollte, die durch Zinnflecken entstehenden Ausbrennungen, und diese haben zugestandenermaßen auch bei einigen der Stahlbronzegeschütze stattgefunden, absolut zu vermeiden, so dürften alle anderen mit Recht gerühmten Vorzüge derselben leicht zu nichte werden.

Was die Frage der billigen Herstellung betrifft, so kann dieselbe nur dann zu Gunsten der Stahlbronze ausfallen, wenn der übrigbleibende Materialwerth des Geschützes selbst von den Herstellungskosten abgezogen wird, denn sonst dürfte wohl, bei gleichem Gewichte, ein beringtes Stahlgeschütz, dessen Rohmaterial mit 20 fl. auf dem Markte ist, trotz aller Bearbeitungskosten noch immer billiger zu stehen kommen als ein Stahlbronzerohr, dessen Material schon von vornherein den dreifachen Betrag pro Centner kostet.

Für die österreichische Regierung, deren Artilleriepark aus Bronzekanonen besteht, tritt diese Frage selbstverständlich in den Hintergrund, und es mag daher gerne nach den oben aufgeführten Sätzen von Uchatius angenommen werden, daß die Stahlbronzegeschütze für Oesterreich den Krupp'schen Kanonen in ihrer jetzigen Gestalt vorzuziehen sind; aber man sollte nicht vergessen, daß mit der Stahlbronze augenscheinlich die höchste Vollendung des Bronzegusses erreicht ist, während der Geschützstahl entschieden noch nicht an dieser Grenze angelangt ist. Denn wenn auch der weiche Stahl, den wir jetzt noch zu unseren Geschützen anwenden müssen, mit seiner Festigkeit von 48 bis 50k pro 1qmm kaum die aufs äußerste gehärtete Bronze überragt, so ist doch sehr wohl bekannt, daß die feinsten und besten Stahlmarken für Feilen, Sägeblätter, Federn u.a. eine Festigkeit bis 100k pro 1qmm erreichen, und bester Werkzeugstahl Spannungen bis zu 110k aushält.

Ja die äußerst verdienstlichen Untersuchungen des Generalmajors Uchatius selbst weisen darauf hin, daß man mit Anwendung seines Verfahrens auf weiche Stahlcylinder innen erhöhte Härte und Festigkeit bei größerer Zähigkeit der äußeren Schichten auch bei Stahl erzielen kann, wie aus der auf S. 132 wiedergegebenen Tabelle ersichtlich ist.

|132|
Textabbildung Bd. 217, S. 132
|133|

Danach erscheint es unzweifelhaft, daß, während die Stahlbronze bereits an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt ist, dem Stahl noch ein weites Feld der Vervollkommnung offen steht, so daß die Bronze in Folge dessen früher oder später dennoch dem Stahl wird weichen müssen.

Darum kann dennoch in der Zwischenzeit die Umgestaltung der österreichischen Artillerie, die so dringend erforderlich ist, daß keine weitere Verzögerung gerechtfertigt wäre, nach dem System Uchatius als das rationellste erscheinen, und wird auch gewiß unter der energischen und genialen Leitung des Erfinders zu einem gedeihlichen Ende gelangen. Dabei ist der große Vortheil nicht zu unterschätzen, welcher in der raschen und billigen Herstellung im eigenen Lande begründet ist.

Was nun schließlich die neuerdings so brennend aufgetretene Frage nach der Originalität der Uchatius-Kanone betrifft, so ist zwischen dem Verschlußsystem und dem Geschützmateriale wohl zu unterscheiden. Ersteren Punkt möchten wir hier, als ausschließlich das artilleristische Gebiet berührend, kaum zu entscheiden wagen und dies um so weniger, als wir ja gerade jetzt in der englischen Publicistik den Gußstahlkönig Krupp selbst auf die heftigste und nicht ganz unbegründete Weise ob der Originalität seiner Patente angegriffen sehen.

Das Material jedoch, die „Stahlbronze“, wird wohl stets mit dem Namen Uchatius verknüpft bleiben und, wie wir glauben, mit vollem Rechte. Denn wie bereitwillig auch der Erfinder selbst anerkennt, welche Anregungen er zu seiner eigenthümlichen Anwendung des Coquillengusses empfangen hat, und wie bekannt ferner jedem Techniker sein mag, daß schon Jahre lang kaltgewalzte Transmissionswellen und Kolbenstangen in Amerika im ständigen Gebrauche sind, so bleibt dennoch die richtige Vereinigung aller dieser Factoren zur Herstellung von Geschützen sein unbestreitbares Verdienst.

Und wenn selbst der gleichzeitig mit den ersten Publicationen von Uchatius veröffentlichte Vorschlag des Italieners Rosset 4) den Versuchen des ersteren vorausgegangen wäre (was jedoch nicht der Fall ist), so könnte dies dennoch die Verdienste, welche sich Uchatius um die praktische und erschöpfende Untersuchung dieses Gebietes erworben hat, nicht schmälern.

M.–M.

|123|

Man vergleiche hierüber die interessanten Beobachtungen von Prof. Thurston, welche im Schluß seiner Abhandlung (Untersuchungen über Festigkeit und Elasticität der Constructionsmaterialien – 1875 216 465 ff.) zusammengefaßt sind.

D. Ref.

|125|

In der neuesten Zeit wendet die Augsburger Geschützgießerei, nachdem kupferne Kerne ohne Erfolg versucht worden waren, Kernstangen aus Schmiedeisen an und hat mit denselben äußerst günstige Resultate erzielt. Die Eisenstange, welche bis durch den Anguß hindurchgeht, wird vor dem Gusse mit Graphit oder Petroleum bestrichen und nach dem Erkalten ausgebohrt.

D. Ref.

|128|

Bei der Abhaltung seines Vortrages standen dem Erfinder nur kürzere Probecylinder zu Gebote, welche auf die nachfolgend beschriebene Weise behandelt wurden und die in der Tabelle (S. 126 u. 127) angegebenen Werthe ergaben. Inzwischen ist aber bei den zahlreichen ausgeführten Probegeschützen dasselbe Verfahren im Großen und mit vollkommenem Erfolge ausgeführt worden.

D. Ref.

|133|

Esperienze mechaniche sulla resistenza dei principali metalli da boche da fuoco di G. Rosset, colonello d'artigleria, direttore della fonderia di Torino. 1874.

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