Titel: Bessemer-Schiff.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 217 (S. 153)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj217/ar217mi02_01

Bessemer-Schiff.

Das Bessemer-Schiff, dessen Bau seit ungefähr zwei Jahren im Werke war, und dessen Probefahrt mit so großem Interesse erwartet wurde, hat unlängst den regelmäßigen Dienst zwischen Dover und Calais aufgenommen, ohne aber den gehegten Erwartungen zu entsprechen.

Bekanntlich suchte der Erfinder, der durch seinen Stahlerzeugungsproceß in aller Welt berühmte Henry Bessemer, die Schwankungen des den Meereswogen ausgesetzten Schiffes dadurch zu paralysiren, daß er in der Mitte desselben einen Salon aufhing, welcher durch hydraulische Druckcylinder stets in horizontaler Lage erhalten wurde. Um dabei vollständige Stabilität zu erzielen, hätte daher eine Compaßaufhängung dieses Schiffes im Schiffe durchgeführt werden müssen; vorläufig jedoch begnügte man sich damit, den „Bessemer-Salon“ nur um eine in der Längsrichtung des Schiffes gelegte Achse drehbar zu machen, auf welcher der Salon in drei Zapfen aufruhte, und durch seitlich angebrachte mächtige hydraulische Vorrichtungen derart verdreht werden konnte, daß es dem Maschinisten, welcher den Wasserzufluß zu den Cylindern regulirte, möglich ward, die mit dem Salon verbundene Libelle immer aufs Einspielen zu bringen.

Bei einem ziemlich großen Modelle eines nach diesem Principe construirten Schiffes, dessen schwingender Salon 10 bis 12 Menschen faßte, ward dieses Ziel vollständig erreicht; denn während die Hülle des Schiffes, in dem der Salon aufgehängt war, den heftigsten Schwankungen ausgesetzt wurde, gelang es dennoch, den Salon stets im Gleichgewicht zu halten. Referent hatte selbst Gelegenheit, November 1872 dieses interessante Modell in der Villa Bessemer's auf Denmark Hill bei London zu besichtigen, erlaubte sich aber schon damals mit so vielen Anderen den Zweifel zu theilen, ob beim unregelmäßigen Wellenschlag des Meeres eine derartige Vorrichtung mit ihren kolossalen Dimensionen in gleicher Weise regulirbar sein könnte.

Inzwischen wurde mit allem Aufwand von Geschicklichkeit und Genie durch die eigens dazu gegründete Bessemer Steam Ship Company ein Riesendampfer mit vier Schaufelrädern nach Angabe des berühmten Schiffconstructeurs E. J. Reed gebaut und in diesem ein schwingender Salon von 22m Länge, 10m Breite, 6m Höhe eingesetzt und mit größtem Luxus ausgestattet.

Anfangs Mai dieses Jahres endlich fand, nachdem mancherlei Hindernisse dazwischen getreten waren, die erste Fahrt des neuen Schiffes von Dover nach Calais statt. Und hier zeigte sich zunächst, daß das Schiff um 500mm größeren Tiefgang hatte, als die 3m,300, welche es nach der Berechnung haben sollte; in Folge dessen konnte zunächst die angestrebte Schnelligkeit, welche die anderer Canaldampfer bedeutend übertreffen sollte, nicht erreicht werden, und schließlich versagte das Hauptstück des ganzen Mechanismus, der schwingende Salon, um dessen willen das riesige Schiff gebaut worden war, vollkommen den Dienst, indem die Regulirung bei den kurzen unregelmäßigen Wellen des Canals immer zu spät kam, so daß bald die Regulirung ganz eingestellt und der schwingende Salon fest mit dem Schiffe verbunden werden mußte.

Seit dieser Zeit haben wir nichts weiteres über den Bessemer-Salon erfahren, und es ist anzunehmen, daß das Project des schwingenden Salons definitiv aufgegeben worden ist; wir ersparen uns daher auch in eine nähere Beschreibung des ganzen schwerfälligen Mechanismus einzugehen und verweisen auf die englischen Fachblätter, welche seit vorigem Jahre zahlreiche illustrirte Beschreibungen aller Mechanismen des Bessemer-Schiffes gebracht haben. (Vergl. speciell Engineer, Mai 1875 S. 324 ff., Engineer, October 1874 S. 267, December 1874 S. 476, März 1875 S. 227 ff.; eine deutsche Bearbeitung findet sich im Praktischen Maschinen-Constructeur, 1875 S. 196 ff.)

M.-M.

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