Titel: Neue Constructionsdaten für die Schiffsdampfkessel der österreichischen Kriegsmarine; von Ingenieur J. Fassel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 217 (S. 249–251)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj217/ar217mi03_05
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Neue Constructionsdaten für die Schiffsdampfkessel der österreichischen Kriegsmarine; von Ingenieur J. Fassel.

In entsprechender Würdigung der in den letzten zwei Decennien über die Dauer der Schiffsdampfkessel gemachten Erfahrungen, welche sich an die seither mit den besten Erfolgen eingeführten höheren Dampfspannungen, sowie an die Verwendung der überhitzten und gemischten Dämpfe und der Oberflächen Condensation knüpften, haben gelegentlich der Einsetzung des metrischen Maßes in die Bauspecificationen der für S. M. Kriegsmarine zu erzeugenden Schiffsdampfkessel auch Erhöhungen der bisher allgemein üblichen Kesselwanddicken und Verstärkungen der Kesselverankerungen für alle in Bau zu gebenden Kessel stattgefunden. Hand in Hand gehend mit diesen neuen Normen für die in S. M. Kriegsmarine derzeit gebräuchliche Kesseldampfspannung (2at Ueberdruck) wurden auch für die Festigkeit des zum Keselbaue zu verwendenden Materiales bestimmte Grenzen aufgestellt, und seien im Nachfolgenden die ein allgemeines Interesse verdienenden, nunmehr giltigen diesbezüglichen Vorschriften auszugsweise angeführt.

Verankerungen. Principiell dürfen nur runde Verankerungen ausgeführt werden, und blos in dem Falle, wenn wegen gebotener Raumersparniß die Anwendung runder verticaler Verankerungen zwischen den Siederöhren nicht zulässig erscheinen sollte, können dieselben, soweit sie innerhalb der Siederöhrenreihen liegen, flach hergestellt werden; ihre Minimaldicke ist aber im letzteren Falle auf 16mm festgesetzt. Im neuen Zustande und bei normalem Dampfdruck dürfen die runden Verankerungen mit nicht mehr als 4k pro 1qmm, die flachen mit 3k pro 1qmm beansprucht werden.

Die Vertheilung der Verankerungen hat mit Rücksicht auf die möglichst leichte Durchführung der Reinigung des Kesselinneren und selbstverständlich mit Inbetrachtziehung der anzubringenden Kesselarmatur zu geschehen.

Diesem nach ergeben sich folgende Ankerstärken.

Für runde Anker Für flache Anker
unter Annahme von 16mm Dicke)
bei 40cm Abstand 32mm Durchmesser 66mm Breite
„ 45 „ 36 85
„ 50 „ 40 104
„ 55 „ 44 126
„ 60 „ 48 150

Da gutes Schmiedeisen eine absolute Bruchfestigkeit von 40k pro 1qmm besitzt und die Elasticitätsgrenze desselben bei 15k pro 1qmm Inanspruchnahme liegt, so repräsentirt die nach dem Vorgesagten für runde Anker gewählte Inanspruchnahme (bei neuen Ankern und beim normalen Druck) eine zehnfache Sicherheit gegen Bruch und eine 3,75fache Sicherheit gegen die Ausdehnung bis zur Elasticitätsgrenze, und kann weiters jenes Stadium der Ankerabnützung noch als unterste betriebszulässige Grenze für den normalen Kesseldruck bezeichnet werden, in welchem die Abnützung der Anker eine derartige wurde, daß die verbliebene Stärke nur mehr eine doppelte Sicherheit gegen die Ausdehnung bis zur Elasticitätsgrenze bietet, was stets einer noch 5,33fachen Sicherheit gegen Bruch (Abreißen) gleichkommt.

Unter letzterer Annahme wären also noch folgende Minimaldicken der runden Anker zulässig, bevor selbe als „für den Betrieb nicht mehr mit genügender Sicherheit geeignet“ bezeichnet werden müssen, und zwar:

bei 40cm Abstand 23mm Durchmesser,
45 36
50 29
55 31
60 34

Bei geringeren Ankerstärken als diese könnten die betreffenden Kessel (und zwar ganz abgesehen vom Zustande der Bleche, Winkel etc.) nicht mehr die gesetzliche Wasserdruckprobe (doppelten Druck) aushalten, ohne daß der Eintritt von verbleibenden Dehnungen der Verankerungen zu befürchten wäre, und müßten demnach in solchem Falle die abgenützten Anker durch stärkere ersetzt oder aber die Betriebsdampfspannung für die weitere Ausnützung der Kessel entsprechend vermindert werden.

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Die flachen Verankerungen werden, nachdem sie nach Obigem ohnehin schon im neuen Zustande mit Rücksicht auf ihre für die Abnützung ungünstigere Form reichlicher bedacht und geringer als die runden beansprucht sind, ebenso wie die Bleche, ziemlich gleichzeitig mit den runden Ankern ausgenützt erscheinen.

Für Stehbolzen wäre analog die Inanspruchnahme im neuen Zustande mit 4k pro 1qmm (jedoch nach Abschlagung der Gewindetiefen) anzunehmen.

Qualität des Materiales. Für die Feuerungen dürfen nur vorzügliche, weiche inländische Bleche in Anwendung kommen; für die übrigen Kesseltheile ist die Verwendung härterer Bleche in- oder ausländischer Provenienz gestattet; doch müssen dieselben von bester Qualität und fehlerfrei sein. Dasselbe gilt auch für das zu den Verankerungen verwendete Eisen, für die Winkel- und T-Eisen.

Dem einen Kesselbau überwachenden technischen Organe S. M. Kriegsmarine ist es zur besonderen Pflicht gemacht, sich die vollste Ueberzeugung von der entsprechenden Qualität des zur Verwendung kommenden Materiales zu verschaffen und hat dies überhaupt zu geschehen: Durch eine eingehende Besichtigung sämmtlicher zum Kesselbaue nothwendigen Materialsorten; ferner durch eine genaue fortgesetzte Ueberwachung des eigentlichen Baues, bei welcher am besten die Qualität des Materiales während der Verarbeitung desselben constatirt werden kann, endlich durch Vornahme von Proben, welche der Verwendung der einzelnen Materialsorten entsprechen, wo dies thunlich ist.

Die mit den Blechen vorzunehmenden Proben müssen eine absolute Festigkeit von 33k pro 1qmm längs der Faser und von 28k,3 pro 1qmm zur Faser nachweisen.

Im warmen Zustande müssen sich alle Bleche längs der Faser auf 125°, quer zur Faser auf 100° abbiegen lassen, ohne Risse zu bekommen. Im kalten Zustande müssen sich die 13mm Bleche 35° längs und 15° quer zur Faser, die 11mm Bleche 50° längs und 20° quer zur Faser anstandslos abbiegen lassen. (Im Auszug aus den Mittheilungen aus dem Gebiete des Seewesens, Pola 1875, S. 18.)

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